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Die letzten Geheimnisse des KAPITOLS


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HÖRZU Wissen - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 17.03.2022

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Bildquelle: HÖRZU Wissen, Ausgabe 2/2022

Die Rotunde mit dem Fresko ?Die Apotheose Washingtons?

Die Abgeordneten des US-Parlaments haben einen beneidenswert prachtvollen Arbeitsplatz. Ein klassizistischer Bau mit imposanter Kuppel, gelegen auf einem Hügel mitten in der Hauptstadt Washington: das Kapitol, mit drei bis fünf Millionen Besuchern jährlich ein Touristenmagnet. In jüngster Vergangenheit spielten sich aber auch verstörende Szenen vor und in dem Gebäude ab. Am 6. Januar 2021 stürmten enthemmte Anhänger des frisch abgewählten Präsidenten Donald Trump das Kapitol, darunter Anhänger des bizarren QAnon-Kults und der rechtsextremen Proud Boys. Sie wollten die Bestätigung des Wahlsiegs seines Nachfolgers Joe Biden mit allen Mitteln verhindern. Es gab Tote und Verletzte. Ein Tiefpunkt in der wechselhaften Historie des bedeutenden Bauwerks.

Dessen offizielle Geschichte begann 1793, als George Washington, der erste Präsident der USA, den Grundstein legte. Drei Jahre zuvor war beschlossen ...

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... worden, dass Washington, D. C. ab 1800 neue Hauptstadt werden sollte. Bis zu diesem Zeitpunkt war das Areal am Potomac River eine unwirtliche Gegend voller mückenverseuchter Süm pfe. Um Streitigkeiten über den Regierungssitz zwischen den Staaten des neu gegründeten Landes zu vermeiden, entschied man sich dennoch für diesen unattraktiven Standort. Es wurde beschlossen, dass die Hauptstadt zu keinem Bundesstaat gehören, sondern direkt dem Kongress unterstellt sein sollte. Das Gebiet, auf dem Washington, D. C. (District of Columbia) am Reißbrett entstand, wurde deshalb von den Staaten Maryland und Virginia abgetrennt. In diesem gemeinsamen Zentrum sollten zukünftig alle wichtigen Institutionen der USA ihren Platz haben. Auch der Kongress, also das US-Parlament, das aus dem Senat und dem Repräsentantenhaus besteht. Um dessen herausgehobene Stellung zu verdeutlichen, wählte man für seinen Stammsitz, das Kapitol, einen weithin sichtbaren Platz auf einem Hügel aus. Das Weiße Haus, Amtssitz des Präsidenten, liegt deutlich tiefer. Ein klarer Hinweis darauf, welche politische Bedeutung die Planer dem Kapitol gaben.

„Bei der Ausgestaltung der amerikanischen Demokratie orientierten sich die Gründerväter am antiken Rom“, sagt Volker Depkat, Historiker und Professor für Amerikanistik an der Universität Regensburg. „Das schlug sich auch in der Architektur der neuen Hauptstadt nieder. Der Stil des Kapitols korrespondiert mit dem Vorhaben, republikanische Kultur und imperiale Expansion in dem neuen Staat miteinander zu verbinden.“

FATA LER BRAND

Der Entwurf für das erste Kapitol stammte von dem schottischen Arzt William Thornton, dessen Vorschlag 1793 in einer Ausschreibung ausgewählt wurde. 1800 zogen Kongress und Oberster Gerichtshof in den Nordf lügel ein. Überall wurde noch gebaut, erst 1807 wurde der Südf lügel fertig. Verbunden waren die Trakte durch einen Holzverschlag, über dem ein Kuppelbau geplant war.

„Die Abgeordneten waren zunächst nicht sehr erpicht darauf, in Washington zu leben und zu arbeiten“, sagt Depkat. „Es dauerte lange, bis dort annähernd so etwas wie Urbanität entstand. Wegen der erheblichen Entfernungen in dem Land waren die Delegierten allerdings ohnehin meist nur zu den Sitzungsperioden in Washington.“ Ein langes Leben war dem ersten Regierungssitz nicht beschert: Im Jahr 1814 wurde er während des Britisch-Amerikanischen Krieges – so wie andere öffentliche Gebäude in Washington auch – von britischen Soldaten in Brand gesteckt.

„Das Kapitol wird als eine Art nationaler Schrein wahrgenommen.“

Volker Depkat _ Historiker

Der anschließende Neubau war erst 1826 vollendet. Diesmal wurde eine kleine Kuppel aus Holz und Kupfer auf den Mittelteil gesetzt. Da Amerika in den folgenden Jahren immer größer wurde, mehr Bundesstaaten umfasste und deshalb mehr Abgeordnete in den Kongress ein zogen, wurde das Kapitol ab 1851 nach Plänen des Architekten Thomas Ustick Walter erweitert. Das 1866 fertiggestellte Bauwerk entsprach weitestgehend dem heutigen Erscheinungsbild – inklusive der beeindruckenden neuen Kuppel mit einer Höhe von 88 Metern.

WICHTIGE RÄUME IM KAPITOL

SÜDFLÜGEL REPRÄSENTANTENHAUS

1. Plenarsaal

2. Büro des Sprechers

3. National Statuary Hall

4. Sitzungssaal Minderheit

5. Sitzungssaal Mehrheit

6. Gebetsraum

7. Rotunde

NORDFLÜGEL SENAT

8. Alter Plenarsaal

9. Büro des Minderheitsführers

10. Büro des Mehrheitsführers

11. Plenarsaal

12. Büro des US-Präsidenten

13. Empfangsraum

14. Büro des US-Vizepräsidenten

15. Brumidi-Korridore

Diese zieht schon aus der Ferne alle Blicke auf sich, aber nicht nur von außen beeindruckt der Bau. In den 850 Gängen und 540 Räumen gibt es Kunstwerke von großer symbolischer Bedeutung zu entdecken. „Im Innern ist das Kapitol überwältigend prachtvoll dekoriert“, sagt Volker Depkat. „Aber diese Pracht dient nicht der Verherrlichung eines Einzelnen. Stattdessen wird das Staatsbürgertum, die amerikanische Gesellschaftsordnung gefeiert.“ Es sei von Beginn an darum gegangen, in den Räumen die Leistung einer freiheitlichen Nation zu visualisieren, so der Historiker. „Das ist etwas völlig anderes, als wir es etwa vom europäischen Absolutismus kennen, bei dem jegliche Symbolik der Huldigung der Herrscher diente.“

Einige der bedeutendsten Werke befinden sich in der sogenannten Rotunde, dem knapp 55 Meter hohen zentralen Gebäudeteil unterhalb der Kuppel. So hängen in dem Saal in acht Nischen eingerahmte Gemälde, auf denen besondere Ereignisse der amerikanischen Geschichte dargestellt werden.

GROSSE SYMBOLIK

Wer dort nach oben blickt, kann einiges entdecken. In einem Streifen direkt unterhalb der 36 Fenster der Kuppel verläuft der „Fries der amerikanischen Geschichte“ mit Szenen wie „Die Unabhängigkeitserklärung“ und „Goldfund in Kalifornien“. Noch etwas höher, direkt an der Decke der Rotunde, ist das Freskengemälde „Die Apotheose von Washington“ zu sehen. Das aus heutiger Sicht etwas bizarr anmutende Werk zeigt auf 433 Quadratmetern George Washington als gottgleiche Figur neben diversen Figuren der griechischen und römischen Mythologie. Damit soll nicht unbedingt Washington selbst gehuldigt werden, sondern den Werten, die er vertrat. In weiteren Szenen werden idealisierte Grundpfeiler der amerikanischen Gesellschaft allegorisch präsentiert.

Etwa eine Frau, die gegen Tyrannei und Monarchie kämpft und sich dabei mit einem Schild in den Farben Amerikas schützt. Erstellt wurde das Deckenfresko 1865 in elfmonatiger Arbeit von Constantino Brumidi. Der Maler prägte das Kapitol wie kein anderer Künstler. 25 Jahre Brumidi-Korridore, für 15. Brumididie er sich von Raffaels Loggien im Vatikan inspirieren ließ.

Bei aller Wertschätzung für die Kapitolkunst entwickelte sich in den vergangenen 40 Jahren auch fundamentale Kritik an deren inhaltlicher Ausrichtung. „Die gängigen Geschichtsnarrative der USA, die sich auch in Gemälden und Fresken im Kapitol wiederfinden, legten den Fokus auf weiße, angelsächsische, protestantische Männer“, sagt Depkat. „Die Cowboys, die Pioniere. Wenig betrachtet wurden die Vernichtung der Indianer, die Sklaverei, die Rolle der Frau und alles Nicht-Europäische.“ Seit den 1980er-Jahren werde dieses Geschichtsbild auch am Beispiel der Gebäude in Washington kritisch hinterfragt. „Der zentrale Ort dieser Debatte im Regierungsbezirk aber ist die Mall. Dort ist eine Geschichts-und Erinnerungslandschaft entstanden, die auf eine Vervielfältigung der Perspektiven auf die amerikanische Geschichte setzt, etwa durch Museen zur Geschichte der Afroamerikaner und der Indianer.“

VERGESSENE SKLAVEN

Lange Zeit wurde nicht darüber gesprochen, dass Sklaven maßgeblich am Bau des Kapitols und weiterer Gebäude in Amerikas Hauptstadt beteiligt waren. Öffentliche Debatten haben bei vielen Menschen zu einer Sensibilisierung geführt und ein Umdenken eingeleitet. 2007 entschied sich der Kongress dafür, dem zentralen Saal des Besucherzentrums den Namen „Emancipation Hall“ („Halle der Emanzipation“) zu geben. Mit dem Namen und einem Gedenkstein wird an die Sklaven erinnert, die einst auf den Baustellen des Kapitols schufteten.

Auf dem Kapitol lasten also viel Symbolik und Geschichte. Seine Bedeutung für das politische Leben der USA wird hierzulande jedoch oft unterschätzt. „In Deutschland wird es häufig vor allem als imposante Kulisse für die Amtseinführung des Präsidenten oder für Staatsbegräbnisse wahrgenommen“, sagt Volker Depkat. „Dabei ist das eine Nebensache. Das Kapitol ist vor allem ein Machtzentrum der amerikanischen Demokratie. Der Kongress verabschiedet die Gesetze, die für die USA bindend sind. Selbst der Präsident ist machtlos, wenn er dort keine Mehrheiten für seine Vorhaben findet.“

„Die Pracht des Kapitols dient nicht der Verherrlichung eines Einzelnen.“

Volker Depkat _ Historiker

Und noch etwas sei wichtig: „Das Kapitol steht allen Bürgern offen, und viele Amerikaner nehmen dieses Angebot wahr. Wer nach Washington kommt und Zeit hat, besucht das Parlament. Das Kapitol wird von vielen Amerikanern als eine Art nationaler Schrein wahrgenommen, an dem sie sich ihrer demokratischen Identität versichern.“

EXKLUSIVE TUNNEL

Eine faszinierende Parallelwelt, die den Besuchern meist verschlossen bleibt, befindet sich einige Meter unterhalb des Kapitols. Im Laufe von mehr als 100 Jahren ist dort nämlich ein weit verzweigtes Tunnelsystem entstanden. Es verbindet den Senat und das Repräsentantenhaus mit deren Bürogebäuden und mit der Kongressbibliothek, der größten Bibliothek der Welt, auf dem Capitol Hill.

Genutzt wird es vor allem von den 535 Abgeordneten und knapp 15.000 Mitarbeitern des Parlaments. Der erste Tunnel entstand aus ganz praktischen Gründen, als die allzu umfangreich gewordene Kongressbibliothek 1898 aus dem Kapitolgebäude ausgelagert wurde und mit dem Thomas Jefferson Building ein neues Domizil bekam. Damit lag sie etwa 400 Meter vom Kapitol entfernt. Fast zwangsläufig kam die Frage auf, wie ein Abgeordneter denn während einer wichtigen Sitzung schnell etwas in einem Buch nachschlagen könne, wenn das gewünschte Werk so weit entfernt in einem Regal stehe. Die Lösung des Problems war ein schmaler Tunnel mitsamt einem Beförderungsband für Bücher.

Als 1908 und 1909 zwei neue Bürogebäude für Parlamentarier und deren Mitarbeiter fertiggestellt wurden, besaßen diese auch gleich eine Tunnelverbindung zum Kapitol. Als wichtiges Argument dafür wurde angeführt, dass die Politiker und Berater auch bei Regen trockenen Fußes zu ihren Arbeitsplätzen kommen müssten. Neue Gebäude und weitere Tunnel kamen im Laufe der Jahrzehnte hinzu. Kurios: Bereits 1909 fuhr die erste U-Bahn zwischen dem Bürogebäude des Senats und dem Kapitol. Heute gibt es sogar drei Linien, die das Kapitol mit verschiedenen Gebäuden verbinden. Wie in einem normalen Schienennetz auch befinden sich an den Haltestellen Imbisse und kleine Shops. Früher konnten Besucher problemlos mit der Kapitol-Bahn fahren. Doch seit den verschärften Sicherheitsvorkehrungen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ist das nur noch bedingt möglich. Während der Sitzungsperioden ist die Nutzung den Parlamentariern und ihren Mitarbeitern vorbehalten. Bei Ereignissen wie dem Sturm auf das Kapitol im Januar 2021 dienen die Tunnel heute auch als sichere Orte, an denen sich die Belegschaft und die Parlamentarier notfalls verschanzen können. Außerdem können auf diesem Weg beispielsweise Soldaten der Nationalgarde in Krisensituationen möglichst unauffällig ins Haus gebracht werden.

GEHEIME REFUGIEN

Zur besonderen Ausstattung des Kapitols gehören rund 100 geheime Räume. Diese „Hideaways“ (dt. „Zuf luchtsorte“) dürfen vor allem von Senatsmitgliedern, aber auch von einigen Abgeordneten des Repräsentantenhauses genutzt werden. Sie sind eine Ergänzung zu ihren regulären Büros. Ihre Lage ist auf keinem öffentlichen Plan zu finden, und an ihren Türen stehen keine Personennamen, sondern nur Nummern. Die Politiker nutzen diese Refugien, um sich ungestört auf Debatten vorzubereiten, vertrauliche Treffen abzuhalten oder mit politischen Widersachern in langen Nächten Kompromisse auszuhandeln.

Für Notfälle sind sie ähnlich wie die Tunnel als sicheres Versteck eingeplant, manchmal werden sich aber auch einfach nur für ein erholsames Mittagsschläfchen aufgesucht. Hin und wieder erlauben Abgeordnete der Öffentlichkeit Einblicke in ihre Räume. Manche Hide­ aways sind fensterlos, haben den Charme von Abstellräumen und liegen im Keller. Andere sind luxuriös ausgestattet, erinnern an noble Hotelsuiten, verfügen sogar über geräumige Badezimmer und bieten ihren Inhabern einen herrlichen Panoramablick über die Stadt.

Die Vergabe erfolgt nach der Länge der Zugehörigkeit zum Parlament. Die Grundregel: Je länger man dabei ist, desto schöner ist das Hideaway. Wobei die genauen Kriterien offenbar niemandem so richtig klar sind. „Es läuft alles etwas konspirativ ab“, erzählte der frühere Top-Berater der Demokraten, Jim Manley, der Zeitung „USA Today“. „Plötzlich wird gesagt: ,Sie haben jetzt einen Hideaway, und hier sind die Schlüssel.‘“

POPULÄRE LEGENDEN

Wie es sich für ein Bauwerk vom Rang des Kapitols gehört, sind zahlreiche Mythen, Anekdoten und Legenden mit seiner Historie verbunden. Die Bandbreite reicht von bedenklichen Verschwörungserzählungen bis zu harmlosen Gruselgeschichten. So dient bereits die Grundsteinlegung vom 18. September 1793 als Beleg für einen Verschwörungsglauben. George Washington trug an diesem Tag nämlich die typische Kleidung einer Freimaurerloge und vollzog das Ereignis nach einem freimaurerischen Ritus. Weil die durchaus fortschrittlichen und an den Idealen der Aufklärung orientierten Freimaurer sich von jeher nicht öffentlich treffen, wird George Washingtons Auftritt bei der Grundsteinlegung von Verschwörungsgläubigen bis heute als wichtiger Hinweis darauf gewertet, dass die USA von einem Geheimbund gegründet und im Sinne von dessen allmächtigen Mitgliedern regiert werden. Besonders stichhaltig sind solche „Theorien“ natürlich nicht, halten sich aber auch außerhalb der USA hartnäckig.

Eine weitere Legende steht in Zusammenhang mit dem Attentat auf Andrew Jackson, Amerikas siebten Präsidenten. Er war der erste Präsident, auf den ein Attentat verübt wurde. Am 30. Januar 1835 verließ er nach einer Trauerfeier gerade das Kapitol, als der 35-jährige arbeitslose Engländer Richard Lawrence auf ihn zustürmte und zwei Pistolen auf ihn richtete. Doch beide ließen sich nicht abfeuern, und angeblich verprügelte der 67-jährige Jackson den Angreifer mit seinem Spazierstock. Die Waffen wurden anschließend untersucht und funktionierten einwandfrei. Für Jacksons Anhänger war dies ein klares Zeichen dafür, dass er unter Gottes besonderem Schutz stand. 100 Jahre später wurden die Waffen erneut untersucht, wieder gab es keinerlei Probleme. Die Chance, dass beide Pistolen versagten, schätzten Experten damals mit 1:125.000 ein. Dass sie beim Attentat nicht funktionierten, könnte aber auch daran gelegen haben, dass das Schießpulver an dem nebligen Tag feucht geworden war.

Schaurig-schön sind die vielen Geschichten, die über Geister im Kapitol im Umlauf sind. Dazu zählt etwa die über John Quincy Adams, den sechsten Präsidenten des Landes. Nach dem Ende seiner Amtszeit blieb er als Mitglied des Repräsentantenhauses als Politiker aktiv. 1848 hat er bei einer Debatte eine Gesetzesvorlage mit einem lauten „No!“ abgelehnt und brach anschließend auf seinem Tisch zusammen. Er fiel in ein Koma und starb zwei Tage später. Heute spukt er angeblich durchs Kapitol. In manchen Nächten soll ein schauerliches „No!“zu hören sein.

SVEN SAKOWITZ