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Die letzten Geheimnisse von Schloss NEUSCHWANSTEIN


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Gong - epaper ⋅ Ausgabe 44/2021 vom 29.10.2021

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Bildquelle: Gong, Ausgabe 44/2021

Weißes Wunder Schloss Neuschwanstein thront in der winterlichen Landschaft der Ammergauer Alpen

Stolz posiert er vor dem Thron. In einem blauem Gewand, mit Schwert und Schmuck – wie ein absolutistischer Herrscher des Barock. Allzu gern hätte Ludwig II. seinem Vorbild nachgeeifert: Frankreichs schillerndem Sonnenkönig Ludwig XIV. Doch die Realität sah anders aus.

Als er mit gerade einmal 18 Jahren den bayerischen Königsthron besteigt, fehlt Ludwig jegliche politische Erfahrung. Da seine Machtbefugnisse aufgrund der preußischen Vorherrschaft eingeschränkt sind, f lüchtet sich der junge Herrscher in eine royale Traumwelt. Da darf eine imposante Ritterburg nicht fehlen, in die sich der menschenscheue Monarch zurückziehen kann. „Ein ewiges Räthsel will ich bleiben mir und anderen“, schreibt Ludwig II. 1876 in einem Brief. Sein Herzensprojekt Schloss Neuschwanstein befindet sich zu diesem Zeitpunkt bereits in Bau.

Mehr Schein als Sein

Als glühender Verehrer deutscher Heldensagen erträumt sich Ludwig ...

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... ein Domizil, das von Verweisen auf Richard Wagners Opern „Lohengrin“ und „Tannhäuser“ nur so strotzt. Selbst während der laufenden Konstruktion lässt der König immer wieder Pläne ändern. Dass er dabei oft mit der architektonischen Machbarkeit kollidiert, kümmert ihn nicht. Es geht ihm allein um die Wirkung des Gebäudes. Die Fertigstellung nach 23 Jahren Bauzeit und einer Vervielfachung der veranschlagten Kosten erlebt Ludwig II. jedoch nicht mehr. Wegen Verschuldung und fortgeschrittenen Realitätsverlusts wird er 1886 seines Amtes enthoben und ertrinkt kurze Zeit später unter mysteriösen Umständen im Starnberger See. Sein Vermächtnis bleibt: Neuschwanstein wird zu einem weltberühmten Bauwerk und unverkennbaren Symbol für Deutschland.

Royale Innenansichten

Von der Bedienstetenkammer bis zum Thronsaal: Mehr als 200 Zimmer verteilen sich auf einer Gesamtgrundfläche von 6000 Quadratmetern. Wände und Decken der Räume schmückte der Historienmaler Wilhelm Hauschild mit Motiven aus deutschen Heldensagen und fernen Ländern

Auf den Spuren des Königs

Bereits sechs Wochen nach Ludwigs Tod wird das Schloss für Besucher geöffnet. Diese dürsten danach, sich selbst ein Bild vom verschwenderischen Leben des ehemaligen Königs zu machen, den sein Volk schlicht „Kini“ nennt. Und tatsächlich befindet sich das Gebäude damals auf dem allerneuesten Stand der Technik: Elektrisches Licht, Warmwasserleitungen, Speiseaufzug, Telefon, ja sogar eine automatische WC-Spülung gehören zur Ausstattung. Die Prunkräume geben einen Einblick in den Alltag von Ludwig II., der hier vereinsamt und ohne klaren Verstand den Wunschtraum eines allmächtigen Regenten lebte. Der Mythos vom Märchenkönig und seinem rätselhaften Wahn hält sich bis heute. Bis zu 4000 Besucher pro Tag lassen sich vor Corona durch die reich verzierten Räume führen, in denen der Monarch sich ankleidete, speiste oder den Blick über Pöllatschlucht und Alpsee schweifen ließ.

Jäger der verlorenen Schätze

Auch auf Forscher und Restauratoren übt das Schloss einen unheimlichen Reiz aus, denn immer wieder fördert es Puzzlestücke aus der Vergangenheit zutage. So wurde ein Kachelofen, den Ludwig II. seinerzeit für unansehnlich befand, nach über hundertjährigem Dornröschenschlaf auf dem Dachboden wiederentdeckt. Offenbar zogen sich damals schon Risse durch seine bunten Kacheln, was sich auf einen überhasteten Brennvorgang bei der Fertigung zurückführen lässt. Erst im Herbst 2019 lüfteten Wissenschaftler der Universität Bamberg aber das vielleicht größte Geheimnis: Genau 150 Jahre nach Beginn der Bauarbeiten gelang es, den Grundstein im Mauerwerk zu verorten. Der feierlich gesetzte erste Stein befindet sich 30 Zentimeter tief in einer Wand des nie ganz fertiggestellten Ritterbads, eines mittelalterlichen Taufraums im Westteil des Hauptgebäudes. Ein Ort, über den Historiker anhand alter Dokumente bis dahin nur spekulieren konnten. Der Weg zum Sensationsfund dauerte nicht nur zwei Jahre, sondern erinnert in seiner Ausführung auch an einen echten Krimi: Weil die Denkmalwissenschaftler bei der Suche mit ihren herkömmlichen Methoden nicht weiterkamen, setzten sie auf eher ungewöhnliche Unterstützung.

Vorlage

Mit Entwürfen wie diesem prägte der Theatermaler Christian Jank (o.) den Bau Neuschwansteins maßgeblich. Sie dienten Architekt Eduard Riedel als Vorlage

Durchblick dank Spezialgerät

Eine Sondereinheit des Landeskriminalamts, die normalerweise Sprengstoff entschärft, tastete mit Georadar, Minensuchgerät und Metalldetektoren die Wände ab. Ein Team seilte sich sogar vom Dach an der Außenmauer des Schlosses ab, um eine Metallplatte anzubringen, die Röntgenstrahlen aufnimmt. Beim Durchleuchten entdeckten Experten schließlich die Metallkapsel, die bei bedeutenden Bauten traditionell in den Grundstein gesetzt wird.

Das Schloss in Zahlen

23 Jahre Bauzeit (1869 – 1892). Über 6 Millionen Mark Baukosten. 465 Tonnen Marmor, 1550 Tonnen Sandstein und 400.000 Ziegelsteine sind im Schloss verbaut. 228 Zimmer auf 6000 Quadratmetern Grundfläche. Nur 172 Tage wohnte Ludwig II. im Schloss. Etwa 1,5 Millionen Besucher besuchen es nun pro Jahr

Blick ins Gemäuer

Eines der letzten Geheimnisse wurde 2019 gelüftet: Forschern gelang es, den Grundstein zu lokalisieren. Hinter einem Schmuckziegel im Ritterbad (Foto) soll er liegen

Laut einer aus dem Jahr 1869 datierenden Urkunde enthält sie neben dem Bauplan und Münzen auch ein Porträt von König Ludwig II. Vielleicht aber auch noch viel mehr. „Wir hoffen darauf, dass die transportablen Durchleuchtungssysteme weiterentwickelt werden und es mit verbesserter Ausrüstung irgendwann möglich sein wird, auch dieses Geheimnis zu lüften“, sagt Projektleiter Prof. Rainer Drewello von der Uni Bamberg. Sicher ist: Freilegen wird man den Grundstein mitsamt Kapsel voraussichtlich nie, da Neuschwanstein unter Denkmalschutz steht. Den „Kini“ würde es freuen. Schließlich bleibt er so bis in alle Ewigkeit mit seinem Märchenschloss verbunden.

HENDRIK THIES

Preis der Schönheit

Sechs Jahre (bis 2023) dauert die 20 Millionen Euro teure Restaurierung des Märchenschlosses. Zum allerersten Mal werden die Innenräume generalüberholt. Führungen finden trotzdem statt, doch es kann zu Einschränkungen kommen

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GEHEIMNISVOLLE ORTE DOKU Mit ungewohnten Einblicken in den Bau von Schloss Neuschwanstein