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Die LETZTEN ihrer Art


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Gong - epaper ⋅ Ausgabe 41/2022 vom 07.10.2022

NATUR

Artikelbild für den Artikel "Die LETZTEN ihrer Art" aus der Ausgabe 41/2022 von Gong. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Gong, Ausgabe 41/2022

FÜRSORGE Je nach Nahrungsangebot säugen Mütter ihre Jungen ein bis vier Jahre

Naturparadies

Rund 1000 Kilometer westlich von Ecuador liegen die etwa 130 Galapagosinseln, von denen nur fünf besiedelt sind. Wegen seiner einzigartigen Tier- und Pflanzenwelt gehört der

Galapagos-Seelöwen ungestört mitten im Pazifik. Doch ihre Bestandszahlen gehen dramatisch zurück

Wie Torpedos schießen die Galapagos-Seelöwen durchs Wasser. Die knapp ein Dutzend Tiere treiben einen Schwarm Makrelen gezielt vor sich her – weg aus dem offenen Wasser und hin zu einer kleinen, zu beiden Seiten von Felsen begrenzten Bucht. Als die Fische merken, dass alle Fluchtwege versperrt sind, springen sie in Panik an den Strand. Dort warten schon Pelikane, die die atemberaubende Hatz aus der Luft verfolgt haben. Die Makrelen zappeln hilflos im Sand, die Robben schlagen sich die Bäuche voll, bis sie sich kaum noch bewegen können, auch die Vögel bedienen sich.

Raubtiere mit Persönlichkeit

„Dieses Verhalten ist ...

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... eine absolute Ausnahme und wurde bisher nur vor der Galapagosinsel Santiago beobachtet. Normalerweise jagen Seelöwen allein“, sagt Prof. Fritz Trillmich. Der Biologe und Verhaltensforscher der Universität Bielefeld ver- öffentlichte vergangenes Jahr gemeinsam mit der Fotografin Tui de Roy, die das Phänomen als Erste dokumentierte, einen wissenschaftlichen Aufsatz über die ungewöhnliche Jagdstrategie. Als Gruppe gelingt es den Seelöwen, Fische zu erbeuten, die ein einzelnes Tier kaum fangen kann, weil sie zu schnell sind, zudem sparen sie bei der koordinierten Jagd Energie.

Auch in manch anderer Hinsicht sind die Galapagos-Seelöwen einzigartig. Fritz Trillmich beschäftigt sich bereits seit Mitte der 1970er-Jahre mit den Ohrenrobben, damals reiste er erstmals auf den zu Ecuador gehörenden Archipel im Pazifik, um dort zu forschen. Wegen ihrer isolierten Lage 1000 Kilometer vor der südamerikanischen Küste gelten die etwa 130 kleinen Inseln, von denen nur fünf bewohnt sind, als eine Art Versuchslabor der Evolution. 40 Prozent der dort vorkommenden Tierarten sind endemisch, das bedeutet, man findet sie nirgendwo sonst auf der Welt.

So auch die Galapagos-Seelöwen, die eine eigene Art bilden. Es seien einfach tolle Tiere, sagt Trillmich, der bis Mitte der 1990er-Jahre und von 2003 bis 2014 regelmäßig vor Ort war, um sie zu studieren. „Dass Raubtiere wie Seelöwen es zulassen, dass man sich zwischen ihnen bewegt und sie beobachtet, ist etwas ganz Besonderes. Und wenn man mehrere Monate in einer Kolonie lebt, merkt man, dass jeder von ihnen eine eigene Persönlichkeit besitzt.“

Vor ungefähr 2,3 Millionen Jahren trennten sich die Galapagos-Seelöwen von den Kalifornischen Seelöwen, die deutlich größer und schwerer sind. Auf Galapagos fanden sie recht günstige Lebensbedingungen vor, sagt Trillmich: „An Land brauchen Seelöwen eine feindfreie Umgebung, um ihre Jungen in Ruhe aufziehen zu können.“ Das Fehlen natürlicher Feinde macht die Seelöwen zum Entzücken vieler Touristen sehr zutraulich, immer wieder sieht man Bilder von Robben, die entspannt am Strand neben Menschen liegen. Muttertiere sollte man allerdings besser nicht stören. Abhängig von der Ernährungssituation werfen Weibchen alle ein bis drei Jahre ein einzelnes Junges, das sie etwa ein bis vier Jahre lang säugen.

Ein Naturparadies in Gefahr

Die Lage direkt am Äquator hat aber auch Nachteile, erklärt Trillmich: „Robben besitzen ein stark ausgebildetes Unterhautfettgewebe. Diese Fettpolsterung isoliert gut und hält sie im Wasser warm. An Land kann es aber wegen der dort intensiven Sonnenstrahlung sehr heiß werden, das macht den Tieren zu schaffen.“ Darum hal- ten sie sich meist in Ufernähe auf und gehen häufig ins Wasser, um sich abzukühlen.

Wegen des kalten Humboldtstroms, der vor Peru in Richtung Galapagos abbiegt, ist der Pazifik rund um die Inselgruppe für eine eigentlich tropische Region vergleichsweise kühl und ungewöhnlich reich an Fischen. Doch das natürliche Klimaphänomen El Niño, das im Durchschnitt alle vier Jahre auftritt, stoppt die nährstoffreiche Kaltströmung regelmäßig. Mit weitreichenden Folgen. Wenn im aufgewärmten Wasser das Plankton stirbt, brechen Nahrungsketten zusammen. Auch die Bestandszahlen der Seelöwen schwanken traditionell stark. Der Klimawandel verschärfe die Situation noch, sagt Prof. Trillmich: „Ozeanografen bestätigen, dass die El-Niño-Ereignisse stärker werden und länger andauern, möglicherweise kommen sie auch häufiger. Das führt dazu, dass die Seelöwen weniger Nahrung finden und Schwierigkeiten haben, ihre Jungtiere aufzuziehen.“ So können die Populationen schnell an den Rand der Ausrottung gelangen. Seit 2008 wird die Art von der Weltnaturschutzunion IUCN als „stark gefährdet“ geführt, Trillmich hält es für realistisch, dass es nur noch etwa 20.000 Tiere gibt.

Hinzu kommt der boomende Tourismus, der Probleme wie mehr Schiffsverkehr, Müll oder zunehmende Besiedlung mit sich bringt. „Vor der Coronapandemie kamen jährlich 250.000 bis 300.000 Besucher auf die Inseln, die nur gut 35.000 Bewohner haben. Das sind einfach zu viele“, sagt Trillmich, der dafür plädiert, den Tourismus stärker zu regulieren und an bestimmten Stellen zu konzentrieren.

Er selbst habe es stets als Geschenk empfunden, auf den Galapagosinseln arbeiten zu dürfen, sagt Prof. Trillmich. Für die jungen Forscher, die seine Studien fortsetzen, gibt es noch viel zu tun. Wie die Seelöwen etwa bei der eingangs beschriebenen Jagdszene kommunizieren und ihr Verhalten synchronisieren oder wie sie ihre individuelle Jagdstrategie erlernen, ist noch immer ein Rätsel.

SUSANNE KOHL