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„Die Liebe ist stärker als der Krieg “


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Berliner Morgenpost - epaper ⋅ Ausgabe 258/2022 vom 20.09.2022

Odessa. Die Spätsommersonne taucht die Oper von Odessa in ein warmes, weiches Licht, vom Meer weht eine sachte Brise herüber, der Himmel ist wolkenlos. Der Krieg hat die Hafenstadt im Süden der Ukraine schon seit einigen Wochen nicht mehr heimgesucht. Es fällt den Menschen in Odessa leicht zu verdrängen, dass nur zweieinhalb Stunden Autofahrt entfernt Raketen einschlagen. Vor dem Standesamt stehen die Verwandten von Natascha und Oleksandr, festlich gekleidet, Blumensträuße in den Händen. Die Stimmung ist gelöst und fröhlich, so wie sie in Kriegszeiten sein kann, ohne unanständig zu wirken. Das Leben geht weiter. Natascha und Oleksandr heiraten heute, und sie sind nicht das einzige Paar. „Die Liebe ist stärker als der Krieg“, sagt Nataschas Mutter und lächelt.

Odessa, diese Perle am Schwarzen Meer, ist eine Stadt, in der die Einheimischen fast immer als Erstes von ihrem Humor und ihrer Lebenslust ...

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Bildquelle: Berliner Morgenpost, Ausgabe 258/2022

Tarnfarben statt Brautkleid: Die ukrainischen Soldaten Anastasia und Vyacheslav feiern eine Hochzeitszeremonie im Krieg.
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... schwärmen. „Wir kommen nicht weinend, sondern lachend auf die Welt“, lautet ein geflügeltes Wort. Seit dem russischen Überfall ist viel von der Leichtigkeit gewichen, die Odessa im Frieden ausmachte; ganz verschwunden ist sie nicht.

Wir werden unsere Freunde zu einer Feier einladen, wenn Frieden ist, nach unserem Sieg.

Oleksandr, Geschäftsmann aus Odessa und frisch vermählt

An den Krieg erinnern Checkpoints und Sandsäcke vor den historischen Gebäuden in der malerischen Altstadt. Der Hafen mit der weltberühmten Freitreppe ist militärisches Sperrgebiet. Doch seit einigen Wochen detonieren keine Geschosse mehr, die früher von den russischen Schiffen vor der Küste oder von der seit 2014 besetzten Halbinsel Krim abgefeuert wurden. Warum die Russen nach den Angriffen der ukrainischen Armee auf militärische Ziele auf der Krim nicht zurückgeschlagen haben, ist für viele unerklärlich.

Das Standesamt von Odessa ist eines, das zur Stadt passt. Sein Herz ist ein opulenter Saal mit Marmorboden, Kronleuchtern, Blumen an den Wänden und einer großzügigen Treppe, deren Geländer golden schimmert. Nach ihrer Trauung kommen Natascha und Oleksandr diese Treppe hinunter, sie in einem weißen Kleid, beide strahlen. „Wir haben unsere Hochzeit schon lange geplant“, erzählt Natascha. „Der Krieg hat uns nicht aufgehalten.“ Eine Party wollen sie aber nicht feiern, das wäre unangemessen, sagen sie. Natascha kommt aus Mykolajiw – jener Stadt etwa 140 Kilometer weiter östlich, in der fast jede Nacht Raketen explodieren –, ihr Bräutigam ist ein Geschäftsmann aus Odessa. „Wir werden unsere Freunde zu einer Feier einladen, wenn Frieden ist, nach unserem Sieg“, sagt Oleksandr.

Vor ihrer Trauung haben sich Natascha und Oleksandr in einem kleinen, schmucklosen Büro registrieren lassen. Hier sitzt Maryna Savuk hinter ihrem Schreibtisch, sie ist die Leiterin des Standesamtes. „Hier können die Leute in einem schönen Rahmen heiraten“, sagt sie. Sie ist eine Romantikerin. „Das Wichtigste ist für mich, dass die Menschen glücklich aus meinem Amt herausgehen.“ Das ist nicht immer einfach, räumt sie ein.

Der Krieg überschattet viel zu oft auch den schönsten Tag im Leben der Paare, die sich hier das Ja-Wort geben. Jeder dritte Bräutigam ist beim Militär. Oft haben die Männer nur einige Tage frei und müssen nach ihrer Hochzeit direkt wieder an die Front. „Viele ahnen, dass es vielleicht der letzte Moment ist, in dem sie einander haben“, sagt Maryna Savuk. „Da fließen dann manchmal Tränen. Freudentränen sind es nicht.“ Andere Paare haben Verwandte in den von den russischen Streitkräften besetzten Gebieten. „Wenn die Eltern der Braut in Cherson sind, die Stadt nicht verlassen können und nur per Facetime dabei sind, dann ist das sehr traurig.“

Der Sommer ist in der Ukraine traditionell die Jahreszeit, in der die meisten Paare heiraten. Das ist auch in diesem Jahr nicht anders. In diesem Sommer haben in der Ukraine über 72.000 Paare den Bund fürs Leben geschlossen, teilt das Justizministerium des Landes mit. Savuk und ihre Mitarbeiter trauen derzeit etwa 15 Paare pro Tag. Deutlich weniger als im Friedenssommer des Vorjahres. Da waren es etwa dreimal mehr als derzeit.

„Viele Frauen haben ja das Land verlassen, als uns Putin überfallen hat. Manche Partnerschaften sind in die Brüche gegangen“, erzählt die Leiterin des Standesamtes. Andere Paare jedoch habe der Krieg noch enger zusammengeschmiedet. Und zurzeit trauten sie in ihrem Amt doppelt so viele Paare wie noch im Frühjahr. Möglicherweise, überlegt Savuk, hängt das auch mit den aktuellen militärischen Erfolgen der ukrainischen Streitkräfte zusammen. „Das ist inspirierend. Viele glauben, dass der Sieg bevorsteht, und wollen in einem wichtigen Moment der ukrainischen Geschichte heiraten.“ In diesem Moment ertönt ein schriller, durchgehender Ton auf den Mobiltelefonen. Es ist ein Notfalltest der Regierung.

Igor Oks hat erst am Wochenende eine Hochzeitsparty für ein Brautpaar ausgerichtet. Oks (42), den wir in einem italienischen Restaurant treffen, ist ein drahtiger Mann mit knallbunter Brille, dazu passenden Turnschuhen, er trägt ein T-Shirt mit ukrainischen Farben, auf dem ein Traktor zu sehen ist, der einen russischen Panzer abschleppt. Es ist ein beliebtes Motiv in diesen Tagen.

Oks hat in Friedenszeiten viele Hochzeitspartys veranstaltet und Spieleabende, er war Moderator im Fernsehen. Er zeigt auf seinem Handy die letzte Einladung zu der großen Quizshow, die er entwickelt hat und zu der über 200 Menschen kamen. Sie ist auf den 24. Februar datiert, den Tag, an dem der russische Überfall begann. „Als wir am Morgen aufgewacht sind, wusste ich, dass es für lange Zeit keine Spieleabende mehr geben wird.“

Die Hochzeitsparty, die er am vergangenen Wochenende veranstaltet hat, war vergleichsweise klein, nur 70 Gäste. „Das Paar war im Januar zu mir gekommen und wollte unbedingt heiraten.“ Er habe anfangs über den Krieg gesprochen, „aber ich habe auch gesagt, dass diese Hochzeit ein Beweis dafür ist, dass wir stark sind. Die Tatsache, dass Menschen heiraten, zeigt, dass sie uns nicht zerbrochen haben. Liebe ist die beste Waffe gegen den Krieg.“

Oks arbeitet inzwischen auch als sogenannter Fixer, führt ausländische Journalisten, die über den Krieg berichten, in seiner Heimatstadt und in der Umgebung herum. Die Begegnungen mit Menschen, die zu Opfern der russischen Invasion wurden, all die Geschichten über die Gräueltaten der Invasoren, hätten ihn ein wenig verhärtet. Er habe hassen gelernt, sagt er.

Bei der Hochzeit am Wochenende hat er aber das getan, was er am liebsten macht: „Die Menschen auf der Feier waren glücklich, und das hat mich glücklich gemacht.“ Freudestrahlend kommen Yulia und Andrej aus dem Standesamt in Odessa, ein anderes Paar, das sich an diesem sonnigen Tag getraut hat. Ihre Verwandten umarmen sie und als wir Andrej fragen, warum sie sich entschieden haben, im Krieg zu heiraten, da sagt er fröhlich: „Weil ihre Mutter“, er deutet auf seine Schwiegermutter, „mir sehr überzeugend gesagt hat, dass ich sie“, er küsst seine Frau, „endlich heiraten soll.“ Und dann lacht die kleine Hochzeitsgesellschaft.

Das Leben geht weiter – auch im Krieg. Seit dem Beginn der Invasion kamen in der Ukraine 116.000 Kinder zur Welt.