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Die Liebe kehrt zurück


Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 7/2018 vom 23.06.2018

Wie sich Zuneigung in einer Ehe neu entfachen lässt


Mein Ehepartner war nicht mehr der Mann, den ich einst geheiratet hatte. Er war mürrisch und reizbar geworden. Er arbeitete im Verlagswesen, einer Branche, die mit Problemen zu kämpfen hat. Als Mensch, der sich aus eigener Kraft hochgearbeitet hatte, fragte er sich häufig, ob wir es unseren Söhnen zu einfach gemacht haben. In unserer Ehe machten wir gerade auch eine schwierige Phase durch. All das belastete ihn sehr. Bis zu dem Tag, an dem er das Vogelhäuschen aufstellte. „Das macht so viel Schmutz“, entgegnete ich ablehnend. Im indischen Mumbai, wo wir ...

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... leben, sind die Woh-nungen winzig. Wir haben zwar eine kleine Veranda, aber keine Vögel. Mir leuchtete nicht ein, weshalb wir ein Vogelhaus aufstellen sollten, um nicht vorhandene Kreaturen zu füttern. Außerdem erschien es mir absurd, in einer Stadt Vögel füttern zu wollen, in der Hunger und Armut weit verbreitet waren. „Wir leben in Indien“, erinnerte ich ihn.

„Vögel gibt es auf der ganzen Welt“, erwiderte er – Ende der Diskussion. Mein Mann stellte ein neumodisches Teil auf, das er im Internet gekauft hatte: durchsichtig und zylindrisch. Dann füllte er es mit Körnern. Ich betrachtete es skeptisch, wie es einsam und trotzig auf unserer Veranda stand, in einem Garten, in dem ich noch nie Vögel zum Nisten gesehen hatte.

Wir führten ein geschäftiges Leben, arbeiteten hart, unterhielten uns wenig. Wir sahen zu viel fern und verbrachten viele Abende damit, E-Mails und Textnachrichten zu beantworten. Unsere Söhne waren erwachsen und führten ihr eigenes Leben. Wir hatten unseres. Eines Morgens bemerkte ich, wie mein Mann aufgeregt gestikulierte und auf die Veranda zeigte. Am Rand des Vogelhäuschens saß ein leuchtend grüner Papagei mit rotem Schnabel.

Der Vogel legte den Kopf zur Seite. Wir taten es ihm nach. Wir beobachteten ihn – er beobachtete uns. Dann fing er an zu fressen. Bald veränderte sich unsere morgendliche Routine. Voller Vorfreude warteten wir auf unsere gefiederten Freunde. Eines Morgens gesellte sich ein frecher Spatz zu uns. „Wusstest du, dass sie in dieser Stadt fast ausgestorben sind?“, flüsterte mein Mann. Gespannt warteten wir, wer sich als Nächstes zeigen würde.

„Da ist ein kleiner Nektarvogel!“, rief ich ungläubig aus. „In Mumbai!“ Das Gesicht meines bis dahin mürrischen Mannes strahlte plötzlich, seine Stressfalten verschwanden. Zeigte sich da eine neue Seite an ihm? Langsam veränderten sich die Vormittage. Unsere Vormittage. Trotz der geschäftigen Monotonie waren wir wieder zu Eltern geworden. Nur war mein Mann diesmal die Mutter. Auf die Stunden am Morgen freute ich mich am meisten. Es war, als würden wir mit dem Essen auf neue Freunde warten. Würden sie kommen? Würde es ihnen schmecken, und kämen sie wieder? An Sonntagen verbrachte mein Mann unzählige Stunden im Internet und recherchierte: Wann fraßen Vögel? Wie viel? Unsere Gespräche begannen nun häufig mit neuem Wissen wie: Ein Singvogel trällert 2000-mal am Tag.

An einem Sonntag, wir saßen auf unserer Veranda, wirkte er nachdenklich. „Gibt es Probleme bei der Arbeit?“, fragte ich besorgt. „Nein“, sagte er und schaute mich böse an, weil ich so hoffnungslos unsensibel war. „In den letzten 24 Stunden war kein einziger Vogel da.“

„Vielleicht brauchen sie ein Navi“, witzelte ich. Es waren doch nur Vögel. Immerhin warich seine Ehefrau. Am selben Abend stellte ich fest, dass das Vogelhaus an einer anderen Stelle stand.


„Wusstest du, dass Spatzen in dieser Stadt fast ausgestorben sind?“, flüstert mein Mann


Hier können sie es leichter finden“, erklärte mein Gatte. „Sie müssen sich wohlfühlen beim Fressen.“ Kann man auf Vögel eifersüchtig sein? Ja, denn sie erhielten mehr Aufmerksamkeit als ich.

Eines Morgens, mein Mann war unterwegs, saß ich allein in meiner Ecke und trank eine Tasse Kaffee. Mein Vater lag im Krankenhaus, und vor mir lag ein riesiger Stapel Arbeit. Ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit drohte mich zu überwältigen. Ärgerlich wischte ich mir die Tränen ab und sah zum Vogelhäuschen hinüber. Da lugte doch jemand hervor. Es war mein Freund, der Papagei. Genau genommen war es eher der Freund meines Mannes.

„Pech gehabt“, dachte ich. „Heute musst du dich mit mir begnügen.“ Er starrte mich an. Ich starrte zurück. Ich schob mich langsam an ihn heran. Als ich ganz nahe war, um ihn in seiner ganzen Pracht zu bestaunen, legte er seinen Kopf schräg und blickte mich ein wenig ungehalten an. Bleib auf Abstand, schien er mir sagen zu wollen.

Ausnahmsweise hörte ich auf ihn. Ich sah zu, wie der Vogel seinen Bauch füllte. Wenn er in der Lage gewesen wäre, sich auf den Rücken zu legen, um sich den Bauch kraulen zu lassen, hätte er es wohl getan. Unglaublich, welch ein Glück dieser Anblick in mir auslöste. Als neue Tränen in mir aufzusteigen drohten, lächelte ich einfach. An diesem Abend kuschelte ich mich eng an meinen ehemals mürrischen Mann und hielt seine Hand fest in meiner.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte er. „Ja“, flüsterte ich. „Ich habe heute mit deinem Freund gegessen.“ Inzwischen lächelt mein Mann häufiger und meckert weniger. Er schaut die Bäume in der Nachbarschaft an und erklärt, wie wichtig sie seien. „Für die Vögel, meinst du?“ „Für uns“, sagt er leise.

Vielleicht ist es das. Wir sind mittlerweile in einem Alter, in dem man das Bedürfnis spürt, etwas Neues auszuprobieren, etwas Gutes. Sich selbst zu finden. Die Liebe wiederzuentdecken. Manche spenden für wohltätige Zwecke oder unterrichten ehrenamtlich.

Wohlhabende reisen vielleicht an exotische Orte. Mein Mann hat nichts dergleichen getan. Trotzdem hat er sich gefunden und dabei auch uns. Alles, was er hierfür getan hat, war, im Internet ein hässliches, neumodisches Vogelhäuschen zu bestellen.

Die Gegenwart allein ist wahr und wirklich: Sie ist die real erfüllte Zeit, und ausschließlich in ihr liegt unser Dasein.
ARTHUR SCHOPENHAUER, dt. Philosoph (1788-1860)