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Die Liebe kennt nur eine Wahrheit


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Das goldene Blatt - epaper ⋅ Ausgabe 1/2023 vom 30.12.2022

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Blicklos starrte Johanna Freiin von Waldersee aus dem Fenster der geräumigen Bibliothek in den Park des Familienstammsitzes Schloss Gildenhorst hinaus. Auf ihrem Schoß lag ein aufgeschlagenes Buch, doch sie hatte noch keine Zeile gelesen. Es regnete schon seit Tagen, was ganz und gar ihrer Laune entsprach. Die war genauso grau verhangen.

Sie stieß einen abgrundtiefen Seufzer aus, als in ihrem Rücken eine Tür klappte. „Au weia, Schwesterherz“, erklang es spöttisch. „Was ist denn mit dir los? Du scheinst ja die Last der ganzen Welt auf deinen schmalen Schultern zu tragen. Bist du etwa an der Uni durch eine Klausur gerauscht?“

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Wenn es nur so einfach wäre, dachte Johanna, die von der Familie und von Freunden nur Nana genannt wurde. Sie drehte sich zu ihrem kleinen Bruder um.

Theodor oder kurz Theo, war knapp drei Jahre jünger als sie. Im Gegensatz zu ihr, die ...

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... alles eher schwer und ernst nahm, war er ein unbeschwerter Mensch, der auf Konventionen pfiff und entschlossen das Prinzip verfolgte, sein eigenes Leben zu leben. Und das spielte sich fernab von gesellschaftlichen Verpflichtungen oder „sonstigem Mist“ ab, wie er alles nannte, was ihm nicht unmittelbar in den Kram passte: Dazu zählten etwa die Bemühungen der Familie, um jeden Preis den Familiensitz Schloss Gildenhorst zu erhalten.

„Soll der alte Kasten doch in ein Wellness-Hotel umgewandelt werden“, hatte er eines Abends kämpferisch beim Abendessen verkündet. „Mir ist das piepegal. Der Schuppen ist doch nichts weiter als ein Klotz am Bein.“ Dann hatte er Johanna angestrahlt. „Tja, Schwesterherz, es ist wirklich ein Segen, dass du als die Ältere von uns beiden irgendwann mal allein für den ganzen Kram verantwortlich sein wirst. Dank der Emanzipation von euch Frauen, die ich sehr unterstütze, gibt es ja die ausschließlich männliche Erbfolge auch in Adelskreisen nicht mehr. So bin ich aus der ganzen Chose raus.“

Damals hatte die ganze Familie gelacht, und Johanna hatte ihm eine nicht eben zarte Kopfnuss versetzt. Jetzt war es anders. Alles war anders. „Hallo, Theo“, begrüßte Johanna ihren Bruder matt.

Er stutzte kurz, ehe er zögernd näher trat und sich neben sie kniete, um sie prüfend zu mustern. „Was ist denn mit dir los, Nana?“, fragte er dann mit ernster Stimme. „Sag es Bruder Theo. Vielleicht kann ich dir helfen.“

Johanna schüttelte den Kopf. „Nein. Nein, ich glaube nicht.“

Ihr Problem musste sie allein lösen. Da war sie sich sicher. Und ihr kleiner Bruder wäre wirklich der Letzte, der ihr in dieser Hinsicht einen Rat geben könnte. Dafür war er einfach zu jung, ganz zu schweigen davon, dass er ihre schwierige Situation wahrscheinlich gar nicht verstehen würde.

Theo legte zart eine Hand auf ihr Knie. „Geht es um die Uni? Hast du vielleicht das falsche Studienfach gewählt? Ich kenne da eine Menge Leute, denen das passiert ist. Bei dem Angebot an Fächern heute ist das ganz normal.“

Als Johanna schwieg, fuhr er nachdenklich fort: „Aber du hast doch eigentlich immer für Kunstgeschichte gebrannt. Schon als Teenager, hast du Mama, Papa und mich beim Mittagessen endlos mit all diesen Picassos, Rembrandts und Monets gelangweilt. Ganz zu schweigen von all den ollen Gemäuern, Kirchen und Kathedralen, die du so super fandest.“

Jetzt nickte Johanna. „Das ist heute immer noch so. Ach bitte, Theo, lass mich allein, ja?“

„Nee“, sagte Theo entschieden. „Ich sehe doch, dass es dir beschissen geht, um es mal ganz deutlich zu sagen. Und dass da nicht nur eine Eintagsfliege brummt, sehe ich auch. Denn du mickerst schon so vor dich hin, seit du hier bist.“

Theo hob die Fäuste und tänzelte wie ein Boxer im Ring

„Merkst man das denn so deutlich?“, fragte Johanna leise.

„Ich merke es“, meinte Theo schlicht. „Also, was ist los? Hast du dich etwa verliebt, und der Knabe will nichts von dir wissen? Das kommt in den besten Familien vor. Da kommst du drüber weg.“

Über Johannas angespannte Züge huschte bei seinen locker dahingeworfenen Worten ein kaum wahrnehmbares Lächeln, aber Theo sprang nach einem Blick in ihre Augen mit einem Satz auf.

„Das ist es also!“ Er hob die Fäuste vor sein Gesicht und fing an, vor ihr auf der Stelle zu tänzeln wie ein Boxer im Ring. „Man bringe mir den Schuft, und ich zeige ihm, was ein von Waldersee ist“, rief er dazu so laut, dass Johanna nicht anders konnte, als in ein befreiendes Lachen auszubrechen.

„Theo, du Clown“, prustete sie schließlich ganz außer Atem.

„Na also, du lachst“, sagte er mit einem zufriedenen Seufzer. „Das wäre doch schon mal geschafft. Wie heißt er also, der Elende?“

„Gero“, sagte Johanna und während sie seinen Namen aussprach, schimmerte in ihren Augen die Sehnsucht. Sie merkte es selbst.

„Ups“, murmelte Theo, „dich hat’s aber voll erwischt, was?“

„Ja“, gab Johanna zu. „So kann man das wohl nennen.“

Umständlich zog Theo einen der Ledersessel heran, stellte ihn ihrem gegenüber, setzte sich und beugte sich vor, sodass die Gesichter der Geschwister ganz nah beieinander waren. „Also nun mal von Anfang an, Nana. Wie hast du diesen Wunderknaben kennengelernt?“

„Er ist kein Wunderknabe“, widersprach sie. „Gero Berger ist der neue Dozent am kunsthistorischen Seminar. Wir sind uns am Anfang des Semesters auf dem Institutsflur begegnet, und da hat es … also da hat es …“ Sie stockte. Theo half ihr nicht, sondern wartete geduldig, bis sie leise fortfuhr: „Also, ich weiß auch nicht so recht, was es gemacht hat. Er schaute mich an, ich schaute ihn an, und es war, als ob ein Wirbelsturm durch mein Innerstes fuhr und meine Knie in Wackelpudding verwandelte.“ Johanna zuckte hilflos mit den Schultern. „Tut mir leid, anders kann ich es nicht beschreiben.“

„Du liebe Güte“, kommentierte Theo trocken. „Eine ernstzunehmende Dichterin wird aus dir bestimmt nicht. Aber ich weiß in etwa, was du meinst: Er hat dich schlicht und ergreifend umgehauen. Wie im Film, richtig?“

„Richtig“, stimmte Johanna zu und lächelte ihn liebevoll an. „Auch wenn ich immer geglaubt habe, dass so etwas eben nur im Film passieren kann. Deshalb war ich auf meine Reaktion nicht im Mindesten vorbereitet.“

„Klar“. Theo nickte verständnisvoll. „Aber was ist es genau, was du so umwerfend an ihm findest? Lass uns das doch mal gemeinsam herauszukriegen versuchen. Vielleicht kommen wir so weiter, und ich kann ihn dir noch ausreden.“

„Das bringt nichts“, sagte Johanna ohne allzu große Hoffnung, ihn von seinem Vorhaben abbringen zu können. Theodor war in der Familie bekannt für seine Eigensinnigkeit. Die hatte er bereits als kleiner Junge unter Beweis gestellt. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, ließ er nicht locker.

„Also, fangen wir an“, begann er auch schon energisch. „Wenn ich den Mann zum Duell fordere und ihn per Pistole oder Degen ins Jenseits schicke, wie es sich für einen echten Adelsmann gehört, bringt das auch nichts, fürchte ich. Dann trauerst du nur das ganze Leben lang um ihn. Außerdem hasse ich Gewalt, wie du weißt.“

„Gero hat mich einfach nur angesehen“, murmelte Johanna widerstrebend. „Und weil wir etwas Dienstliches zu besprechen hatten, sind wir einen Kaffee trinken gegangen. Und haben geredet.“

„Aha“, sagte Theo grimmig. „Er hat dich also eingeseift. Na ja, als Dozent kann der sicherlich quatschen, dass dir die Ohren glühen.“

Johanna schüttelte heftig den Kopf. „So einer ist Gero nicht. Er hat mir aufmerksam zugehört und war sehr interessiert an meiner Meinung und … meinem Leben.“

Johannas Gefühle schienen mehr als Schwärmerei zu sein

Auf Theos Stirn erschien eine senkrechte Falte. „Klar, so macht man das, wenn man eine Dame becircen will. Man tut überzeugend so, als sei sie die Einzige auf der Welt. Und auf so einen Schmus fällst du rein, Schwesterherz?“

„Sprichst du aus eigener Erfahrung, Theo?“, fragte Johanna ohne eine Miene zu verziehen.

„Öh … also ich …“, druckste Theo plötzlich herum. „Ach komm, lenk nicht ab. Es geht hier um dein Liebesleben, nicht um meines. Wie entwickelte es sich also weiter zwischen dir und dem Wunderkna… ich meine, diesem Gero?“

„Wir haben uns nur über unser Fach unterhalten“, sagte Johanna gedankenverloren. „Er liebt die frühe Klassik genauso wie ich.“

„Na, wenn das nicht ungemein verbindet“, bemerkte Theo mit triefender Ironie, was ihm einen wütenden Blick seiner Schwester einbrachte. „Entschuldigung. War nicht so gemeint“, schob er hastig nach. „Dieser Mann hat dir also mit einem einzigen Gespräch den Kopf verdreht und …“

„Nein“, widersprach Johanna heftig. „Er hat mich für den folgenden Abend zum Essen eingeladen. Wir waren bei einem einfachen Italiener, nicht in so einem Schickimicki-Laden.“ Ihre Gesichtszüge wurden weich. „Und es war ein wunderbarer Abend, Theo. Wir haben so viel gelacht, dabei über Gott und die Welt geredet, und ich habe mich einfach total aufgehoben gefühlt. Keinem Menschen außerhalb der Familie bin ich jemals so nah gewesen. Das ist mir so wirklich noch nie passiert. Es war völlig anders als sonst.“

„Na Mahlzeit“, stieß Theo hervor, weil ihm langsam aufging, dass es sich bei den Gefühlen seiner Schwester tatsächlich nicht um eine kurzfristige Schwärmerei handelte. „Das wird ja immer schlimmer. Ich sehe schon, es wird nicht leicht, ihn dir auszureden.“ „Nein“, stimmte Johanna zu. „Und wann hat dir dieser Supermann nun gesteckt, dass er verhei-

ratet ist, drei Kinder hat, seine kranke Frau nicht verlassen kann und dich deshalb nur so als süße Geliebte nebenbei laufen lassen will?“, fragte Theo unvermittelt.

Johanna bedachte ihn mit einem flüchtigen Lächeln. „Nichts dergleichen. Gero sagt, er liebt mich. Und ich liebe ihn – ehrlich.“

Eine Weile war es still in der Bibliothek, und die Geschwister schauten einträchtig den Regentropfen zu, die an den bodentiefen Fenstern herunterliefen. Dann ging plötzlich ein Ruck durch Theo und er fing an, breit zu grinsen. Er formte seine Hände zu einer Röhre, hielt sie vor den Mund und begann, schrecklich schief die ersten Töne des Hochzeitsmarschs zu blasen.

„Hör auf!“, rief Johanna augenblicklich. „Bitte, lass das.“

Theo ließ die Hände sinken. „Aber dann ist doch alles paletti zwischen euch“, sagte er verdutzt. „Er ist nicht gebunden. Er liebt dich. Du liebst ihn. Was soll denn da noch schiefgehen?“

Johanna schwieg, doch ihre tiefe Verzweiflung war mit Händen zu greifen. Theo pfiff leise durch die Zähne. „Mama und Papa werden dir keine Steine in den Weg legen, falls du davor Angst hast, Nana. Sie haben nichts gegen einen Bürgerlichen in unserer hochherrschaftlichen Familie, das weißt du doch!“

Mit Tränen in den Augen blickte Johanna ihren Bruder an. „Ja, das weiß ich. Das ist es nicht.“

Jetzt breitete Theo in einer hilflosen Geste die Arme aus. „Was ist es dann? Verrate es mir, Nana. Was ist es, was zwischen euch steht?“

„Also gut.“ Sie schluckte schwer. „Du weißt doch, dass ich in der Uni Johanna Waldersee bin und keine Freiin mit einem Schloss und einer adeligen Familie im Hintergrund. Weil ich keine Sonderrolle oder Extrawurst haben wollte.“

„Ja, das finde ich auch ganz vernünftig“, sagte Theo. „Manche Leute tun ja tatsächlich noch so, als ob Adelige ein anderer Menschenschlag wären. Dabei kochen wir auch nur mit Wasser, zumal es offiziell keine Privilegien gibt.“

„Gero ist froh, dass der Adel abgeschafft ist“, sagte Johanna

Draußen im Park bellte Foster. Der alte Dackel hörte schwer und sah nicht mehr gut, aber die Familie liebte das Tier. Jeden Nachmittag ging einer von ihnen bei Wind und Wetter mit ihm spazieren. Heute war ihre Mutter dran. Sie winkte ihren Kindern zu, als sie die beiden in der Bibliothek entdeckte. Die Geschwister winkten zurück.

Johanna seufzte. „Gero hat also keine blasse Ahnung, wer ich bin. Aber das Thema Adelsstand und Abstammung beschäftigt ihn sehr.“

„Und?“, fragte Theo verwundert.

„Na ja, er hält den Adel für einen total veralteten, komplett überholten Zopf. Für ihn sind wir eine verschworene Gemeinschaft, die einfach nicht einsehen will, dass sich die Zeiten geändert haben. Das hat er mehr als einmal gesagt, als ich vorsichtig das Gespräch darauf gebracht habe. Er ist froh, dass der Adel in Deutschland nach dem ersten Weltkrieg offiziell abgeschafft wurde. Ich … ich habe einfach Angst, ihm zu sagen, dass ich auch dazugehöre. Verstehst du?“

„Nein“, sagte Theo ohne zu zögern. „Das verstehe ich nicht. Denn wenn er dich wirklich liebt, spielt es doch keine Rolle, ob du nun eine Freiin oder nur eine bürgerliche Waldersee bist.“ Er holte tief Luft und verkündete mit dem heiligen Ernst seiner jungen Jahre: „Weil es nämlich auf den Menschen ankommt. Und auf sonst nichts.“

Aber so einfach ist es eben nicht, dachte Johanna. Theo fehlte einfach die Lebenserfahrung, die sie mittlerweile bereits besaß. Und daher wusste sie ganz genau, dass es Konflikte und gegensätzliche Überzeugungen im Leben gab, die eine Liebe erheblich erschwerten – oder gar unmöglich machten.

Mit Schaudern dachte sie da an ihren Kommilitonen Christian, dem sie ganz am Anfang des Studiums in einer gemeinsamen Nacht gebeichtet hatte, wie es tatsächlich um ihre Herkunft stand. Das hatte schlagartig alles verändert.

Christian fing an, sein zukünftiges Leben an ihrer Seite als Freiherr zu planen, fabulierte von Fuchsjagden auf edlen Pferden, prunkvollen Bällen und gut gefüllten Bankkonten, die es ihm ermöglichen würden, ein Leben in Saus und Braus zu führen. Johanna hatte niemandem gegenüber ein Wort darüber verloren und die Beziehung schnellstens beendet.

Gero war natürlich nicht so, überlegte sie, als sie vier Tage später auf dem Weg zur Vorlesung den Flur des kunstgeschichtlichen Seminars entlangschritt. Er würde sich eher zurückziehen oder gar den Kontakt komplett abbrechen, wenn sie ihm die Wahrheit gestand. Und das wiederum würde ihr das Herz brechen, das spürte sie!

Instinktiv suchte sich Johanna einen Platz in der hinteren Reihe des nicht sehr großen Vorlesungssaals. Sie war erst vorgestern zum Semesterbeginn von Schloss Gildenhorst zurückgekehrt. Drei Wochen hatten Gero und sie sich nicht gesehen und auf ihren ausdrücklichen Wunsch hin auch nicht miteinander telefoniert, aber als sie ihn nun den Raum betreten sah, hämmerte ihr Herz. Der breite Rücken, die schmalen Hüften und die langen Beine – sie hätte diesen Mann überall auf der Welt erkannt.

Jetzt deponierte Gero sorgfältig seine Notizen auf dem Pult und drehte sich langsam und ein wenig steif zu seinem Publikum um. Sein Blick irrte durch die Reihen, und als seine Augen Johanna erspähten, verfinsterte sich seine Miene kurz. Niemand anderer hätte es bemerkt, doch sie kannte ihn mittlerweile so gut, dass es ihr nicht entging. Ihr Herz fing an zu stolpern.

Routiniert begann Gero seine Vorlesung über den Kölner Dom, aber Johanna hörte nur mit halbem Ohr zu. Und auch Gero schien nicht bei der Sache zu sein. In der Regel waren seine Vorlesungen schwungvoll, mit etlichen Anspielungen und viel Witz gespickt. Der heutige Vortrag war dagegen schlichtweg fad – man konnte es nicht anders nennen, fad.

Endlich hatte er das Ende erreicht. Mit einem beklommenen Gefühl im Magen packte Johanna ihre Sachen zusammen und wartete im Gang auf ihn. „Gero!“, rief sie unwillkürlich sehnsüchtig, als er langsam auf sie zukam. Sie musste sich mit aller Macht zurückhalten, um sich nicht vorbehaltlos in seine Arme zu werfen.

Was bedeutete Geros Zurückhaltung? Johanna war ratlos

„Johanna.“ Seine Stimme klang reserviert und so kühl, dass ihr ganz schwindlig wurde. „Wie war der Urlaub zu Hause? Hast du dich gut erholt und …“, er zögerte eine Sekunde, „… gut amüsiert?“

„Ja, äh, danke“, erwiderte Johanna verwirrt von dieser Floskel.

„Das freut mich für dich“, bemerkte er höflich kühl, was so gar nicht seiner Art entsprach.

„Gero, was ist denn los?“, fragte sie nun alarmiert, während sich die Studierenden mit neugierigen Blicken an ihnen vorbeidrängten.

„Oh, was soll sein? Nichts ist los.“ Er klang so gleichgültig, dass ihr das Herz schwer wurde.

„Da ist doch was“, beharrte sie. „Willst du es mir nicht sagen?“

Er schüttelte den Kopf. Müde sah er aus, regelrecht erschöpft, fand Johanna, ganz so, als habe er einen schweren inneren Kampf mit sich ausgefochten. „Nicht hier. Komm bitte mit in mein Büro.“

Sie folgte ihm wie betäubt. Ob er in der Zwischenzeit eine andere Frau kennengelernt hatte? Nein, das konnte nicht sein! Ihre Liebe und ihre Gefühle füreinander waren doch so groß und einmalig!

Der Gedanke tat unendlich weh, und für den Bruchteil einer Sekunde wurde ihr schwarz vor Augen, sodass sie sich Halt suchend an der Wand abstützen musste.

Gero, der vor ihr herging, bemerkte es nicht. „Möchtest du einen Kaffee?“, erkundigte er sich mit weiterhin dieser so schrecklich neutraler Stimme, als sie schließlich zögernd in der Tür stehen blieb. „Und setz dich doch bitte.“

„Danke“, sagte sie dumpf und nahm vor seinem Schreibtisch Platz wie eine x-beliebige Studentin, die mit ihrem Dozenten ein Referat zu besprechen hat.

„Hier, mit Milch, richtig?“ Er stellte die Tasse vor sie hin, ging um den Tisch herum und setzte sich. Die Distanz zwischen ihnen hätte nicht größer sein können. Und das lag nicht an der mit Büchern bepackten Arbeitsfläche, die sich zwischen ihnen befand.

„Gero“, begann Johanna vorsichtig, ohne ihre Tasse anzurüh-

ren. „Was ist los? Sag es mir doch bitte. Ich habe dich so vermisst.“

Erschrocken registrierte sie, dass sich sein Mund bei ihren Worten zu einem schmalen Lächeln verzog, das jedoch seine Augen nicht erreichte. „Ach ja?“, sagte er da auch schon gedehnt. „Davon habe ich nichts bemerkt. Du warst drei Wochen aus der Welt. Das heißt natürlich, nur aus meiner Welt. Keine Nachricht, in welcher Form auch immer. Nichts. Und da soll ich dir glauben, dass du auch nur einmal an mich gedacht hast?“ Er fuhr sich in einer nervösen Geste mit der Hand durch das volle Haar.

Ungläubig starrte Johanna ihn an. „Gero! Das meinst du doch nicht ernst“, sagte sie leise.

Er nickte heftig. „Doch! Ich meine das todernst.“ Er langte nach dem Kaffeebecher und umklammerte ihn so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. „Du hattest mich um diese drei Wochen Pause gebeten, und ich habe dem zugestimmt. Aber mir ist das verdammt schwergefallen, das kann ich dir sagen. Und ich habe jeden Tag auf eine Nachricht von dir gewartet, weil ich nicht verstand, weshalb du diese Auszeit überhaupt brauchst.“

Er schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn. „Ich Kamel. Es hat wirklich gedauert, bis ich wieder klar sehen konnte. Da ist zu Hause jemand anderes, stimmt’s? Gib es doch zu. Du hast …“

„Nein, Gero!“, rief Johanna entsetzt. „Du irrst. Das ist nicht wahr.“

„Nein?“ Er beugte sich vor. Sein Blick war hart. „Weißt du, ich habe in diesen drei Wochen viel über uns nachgedacht. Und da ist mir aufgefallen, dass du verdammt wenig über deine Familie oder dein Zuhause erzählt hast. Du hast einen jüngeren Bruder, der Theo heißt. Und du hast Eltern. Alles andere blieb vage. Und wenn ich nachgefragt habe, bist du ausgewichen. Da steckt doch was dahinter.“ „Gero, bitte …“, flehte Johanna.

Geros Verdacht war ebenso unbegründet wie ungeheuerlich

„Du bestreitest es also nicht länger.“ Er lehnte sich zurück und nickte bekräftigend. „Und dieser andere hat dir jetzt ein Ultimatum gestellt, nicht wahr? Er oder ich. Und da du dich nicht einmal gemeldet hast in der ganzen Zeit, kann ich mir denken, wie deine Entscheidung ausgefallen ist.“

„Oh, Gero, nein“, gelang es Johanna nur zu flüstern. Sie war leichenblass geworden. „Du verstehst das alles völlig falsch.“

„Ach ja? Und wie ist es dann? Du kannst es mir ruhig erzählen. Schlimmer dürfte es kaum noch werden.“ Er beugte sich wieder vor und fixierte sie mit seinen grüngrauen Augen, die ihr einmal so vertraut gewesen waren, die jetzt aber fast schon bedrohlich und kalt wirkten. „Wir haben uns vertraut und geliebt, und ich habe fest daran geglaubt, dass unsere Liebe etwas Besonderes ist. Aber durch dein Verhalten hast du alles kaputt gemacht.“ Er stand mit einem Ruck auf und sah auf sie herab. „Ich möchte dich nicht mehr sehen, Johanna. Bitte geh zu dem anderen und lass mich in Ruhe. Geh …“

Wie eine Schlafwandlerin war sie aus seinem Büro gewankt und hatte sich tagelang verkrochen. Es tat so unendlich weh! Am liebsten hätte sie ihm die Wahrheit ins Gesicht geschleudert, doch dass er ihr eine solche Verlogenheit unterstellte, schlug dem Fass den Boden aus.

Er musste doch so viel Vertrauen in sie haben, um nicht gleich zu glauben, dass sie ihn betrog! Aber genau das tat er. Und deshalb war eben dieses gegenseitige Vertrauen, das schließlich die Grundlage jeder Liebe bildete, eindeutig nicht mehr vorhanden! Und deshalb sollte es nicht sein mit ihnen! Nein, es sollte nicht sein, das Schicksal hatte sich gegen sie entschieden.

Tief in ihrem Inneren war etwas zerbrochen, das spürte Johanna genau. Sie aß nicht mehr, sie schlief nicht mehr richtig und sie öffnete die Tür nicht, wenn Freunde nach ihr schauen wollten. Allein der Gedanke, Gero zu sehen, verursachte ihr Herzrasen, Schweißausbrüche und bohrende Kopfschmerzen.

Nach einer Woche in diesem trostlosen Zustand beschloss sie mit letzter Kraft, nach Hause zu fahren und das Semester sausen zu lassen. Vielleicht ging es ihr ja auf Gildenhorst und in der Geborgenheit der Familie etwas besser.

„Heiliger Bimbam“, entfuhr es Theo bei ihrem Anblick erschrocken, als er sie vom Bahnhof abholte. „Was ist denn mit dir passiert? Hat er eine andere? Oder ist er auf Nimmerwiedersehen nach Feuerland ausgewandert?“

Johanna sah Theo erst nur stumm an. Dann brachen alle Dämme, und sie klammerte sich weinend an ihren kleinen Bruder.

„Er will mich nicht mehr sehen, nichts mehr mit mir zu tun haben. Er glaubt, ich hätte einen anderen“, schluchzte sie so heftig, dass es ihren ganzen Körper schüttelte.

„Was für ein Idiot“, verkündete Theo kopfschüttelnd, während er den Wagen startete und losfuhr.

„Er kann nichts dafür“, verteidigte Johanna Gero automatisch. „Er weiß doch nicht, was los ist.“

Theo schnaubte verächtlich durch die Nase und verdrehte die Augen. „Hast du ihm denn immer noch nichts gesagt? Du machst wirklich alles verdammt kompliziert, mein Schwesterherz.“

„Nein, ich kam gar nicht dazu … er redet ja nicht mehr mit mir.“

Theo bremste den Wagen scharf ab, rauschte auf den Seitenstreifen und fixierte seine Schwester kriegerisch. „Wie alt seid ihr beide denn eigentlich? Er könnte dich fragen, was wirklich Fakt ist, statt seltsame Vermutungen anzustellen. Und du, Johanna Freiin von Waldersee, deren Vorfahren – nun gut, die männlichen – mit Schwert und Schild für ihre Sache in den Kampf zogen, könntest Mut beweisen und dem Mann endlich alles erzählen.“

„Aber …“, schniefte Johanna.

„Nix aber“, knurrte Theo. „Das ist doch wohl mehr als lächerlich! Es geht hier nicht etwa um eine kriminelle Verwandtschaft. Wir sind nicht die Mafia. Und du selbst hast keine Schandtat auf dem Gewissen. Du hast nur eine adelige Familie. Mehr nicht.“

Johanna atmete tief ein und aus. „Du verstehst das nicht, Theo. Es ist alles so furchtbar verfahren. Du hättest seinen Blick sehen sollen, als er mit mir Schluss gemacht hat. Als ob ich eine Fremde wäre.“

Johanna wünschte sich etwas von Theos Unbekümmertheit

„Na und? Der Mann war sauer. Und er hatte drei Wochen Zeit, sich in seine Säuernis hineinzusteigern. Da guckt man nicht gerade freundlich aus der Wäsche.“ Theo versetzte dem Lenkrad einen heftigen Schlag. „Was meinst du, soll ich vielleicht mal mit ihm reden?“

„Du meinst, so von Mann zu Mann?“, fragte Johanna, um drohend hinzuzusetzen: „Untersteh dich, höst du? Das ist einzig und allein meine Angelegenheit.“

Allerdings zögerte sie eine Entscheidung hinaus. Erst einmal musste sie wieder etwas zu sich kommen. Und dann würde sie … ja, was sollte sie tun? Ihm einen Brief schreiben? Nein, das war zu altmodisch. Ihm eine E-Mail schicken? Nein, das war zu locker. Ihn anrufen und um einen Gesprächstermin bitten? Das würde er ablehnen, so wie sie ihn kannte.

Ach verdammt! Nicht zum ersten Mal wünschte sie sich etwas mehr von der Unbekümmertheit und Tatkraft ihres kleinen Bruders.

Theo ließ sie nach diesem Gespräch zu ihrer Überraschung in Ruhe. Und offenbar hatte er auch ihren Eltern gesteckt, dass sie ihre Tochter zurzeit besser nicht ansprechen sollten. Denn sie bemerkte zwar die besorgten Mienen von Mama und Papa, doch sie fragten nicht nach, wofür Johanna ihnen wirklich dankbar war.

Es geschah an einem der Nachmittage, an dem sie für Fosters Spaziergang zuständig war. Na ja, eigentlich hätte Theo gehen sollen, aber ihr kleiner Bruder hatte darauf bestanden, dass sie heute dran sei, weil er noch etwas Unaufschiebbares zu erledigen habe.

Johanna tat ihm gern den Gefallen. Und nun schnüffelte der kleine Dackel zufrieden herum, hob hier sein Bein, steckte dort die Schnauze in ein Mauseloch, während sie ihren Gedanken nachhing.

Und plötzlich sah sie ihn! Gero! Johanna blieb abrupt stehen und blinzelte erschrocken. Das konnte doch nicht sein! Litt sie etwa schon unter Halluzinationen? Was machte er hier im Schlosspark? Er wusste doch gar nicht, wo sie wohnte.

Ihre Gedanken überchluge sich, während Foster sich laut bellend auf den Eindringling stürzte. Knur-

rend, aber mit dem Schwanz wedelnd, umrundete er Geros Beine.

„Hallo kleiner Hund“, hörte sie die geliebte Stimme sagen. „Ich bin Gero. Und wer bist du?“

„Wuff-wuff“, machte Foster begeistert. Er liebte fast alle Menschen und knurrte nur, weil es eben sein Job war aufzupassen.

„Gero?“, rief Johanna atemlos. Ihr Herz vollführte unkontrollierte Sätze. „Was machst du denn hier?“

„Ich wollte … nein, ich musste dich sehen“, entgegnete er rau.

Sie errötete tief, bevor sie hervorstieß: „Wirklich? Und wie bist du hergekommen? Ich meine, woher hast du die Adresse? Und wieso weißt du überhaupt, dass ich …“

„ … dass du eine derer von Waldersee bist?“, ergänzte er grimmig ihr Gestammel. Das kann ich dir sagen.“ Bei diesen Worten fing er an, in seiner rechten Jackentasche zu kramen. Dann zog er einen Zettel heraus und reichte ihn ihr. Johannas Augen wurden groß und rund, während sie den Text las.

„Theodor Freiherr von Waldersee gibt sich die Ehre“, stand da in Theos krakeliger Schrift, „Sie, Gero Berger, zu einem Was-auchimmer nach Schloss Gildenhorst einzuladen – also entweder zu einem Rendezvous mit meiner Schwester Johanna (was ich Ihnen raten würde) oder zu einem Boxkampf mit mir (was ich Ihnen nicht raten würde, denn ich trainiere täglich). Aber auf jeden Fall seien Sie pünktlich: Dienstag, um 15 Uhr am Wäldchen im Schlosspark.“

Johanna stieß einen unterdrückten Seufzer aus. „Ach Theo“, sagte sie dann nur, und es lag alle Liebe, die sie für ihren Bruder hegte, in diesen zwei Worten. „Und ich hatte ihm doch deutlich gesagt, er soll sich nicht einmischen.“

Gero trat langsam auf sie zu. Dicht vor ihr blieb er stehen und sah ihr zärtlich in die Augen. „Ich glaube, dein kleiner Bruder ist viel schlauer als wir beide zusammen.“ Er machte mit dem Arm eine Geste, die das ganze Anwesen umfasste. „Das hier war es also, was du vor mir geheim halten wolltest. Da ist gar kein anderer Mann. Oh, Johanna, und ich habe seinetwegen so gelitten. Dabei existierte der Kerl nur in meiner Einbildung!“

Vom Wäldchen tönte die Melodie des Hochzeitsmarsches

„Ja, es hat ihn nie gegeben. Aber du warst so gegen alles Adelige eingestellt. Und da dachte ich …“ Sie breitete hilflos die Arme aus.

Er kam noch einen Schritt näher. „Und ich Idiot habe gedacht …“, flüsterte er und legte ihr sanft die Hände auf die Schultern.

„Wir haben beide zu viel gedacht und es dadurch alles furchtbar kompliziert gemacht“, murmelte Johanna. „Und dabei ist es doch ganz einfach, wie Theo meint: Man liebt sich oder man liebt sich nicht. Alles andere findet sich.“

Gero lachte unterdrückt. „Ich muss deinen Bruder unbedingt kennenlernen. Der scheint ja ein richtiger Weiser zu sein.“

Johanna begann bei dieser Vorstellung zu kichern. „Das hat noch nie jemand von Theodor Freiherr von Waldersee behauptet.“

Gero lachte, ehe er sie wortlos an sich zog und sich ihr Körper ohne weiteres an seinen schmiegte. Eine ganze Weile standen sie einfach so da und genossen diese Nähe. „Aber es stimmt. Theo ist ein echter Weiser“, meinte Gero, während Foster plötzlich laut bellend auf das kleine Wäldchen zulief, das an den Park grenzte.

„Foster?“, rief Johanna besorgt. „Lauf nicht zu weit weg! Er ist nämlich nicht mehr der Jüngste und hört …“ Sie brach ab, denn Gero blickte ihr tief in die Augen.

„Darf ich dich küssen, verehrtes Freifräulein?“, raunte er. „Wenn Foster, der alte Herr, anderweitig beschäftigt ist, wäre das doch eine wunderbare Gelegenheit.“

„So viel und so oft wie du magst“, gab sie zärtlich zurück.

Und als sich ihre Lippen trafen, erklang vom Wäldchen her plötzlich schauerlich und furchtbar schief die Melodie des Hochzeitsmarsches, den irgendjemand voller Inbrunst zum Besten gab.

ENDE

Nächste Woche lesen Sie den großen abgeschlossenen

LIEBES-ROMAN