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Die Liebe und der erste Kuss, erzählt für Angsthasen


ich bin - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 25.06.2020

Die Liebe hat viele Seiten. Eine davon ist die Angst. Sie sitzt in den besonders sensiblen Winkeln und steht Pate bei wichtigen Ereignissen wie dem ersten Kuss. Wer glaubt, er könne auf sie verzichten, irrt sich gewaltig. Ohne die Angst wäre die Liebe nur halb so schön.


Artikelbild für den Artikel "Die Liebe und der erste Kuss, erzählt für Angsthasen" aus der Ausgabe 3/2020 von ich bin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: ich bin, Ausgabe 3/2020

Der erste Kuss – wann ich den bekommen habe, weiß ich nicht mehr ganz genau. Die Erinnerungen verschwimmen in einem dichten Nebel. Das könnte daran liegen, dass ich zum Zeitpunkt seines Eintretens so groß wie ein kleines Brot und in der geistigen Verfassung einer Seegurke war. Den Umständen meiner Geburt nach tippe ich auf Mama. Mama, ...

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... meine erste große, bedingungslose Liebe. Die Frau mit den zwei Silben. Das mit uns beiden hat sich damals schon lange angebahnt. Bis zum ersten Kuss haben wir uns Zeit gelassen – fast ein Jahr bei räumlicher Trennung und gleichzeitiger inniger Nähe.

Mit Küssen groß geworden

Unsere Beziehung war sehr divers aufgestellt: Ich durfte von vielen anderen geliebt und geküsst werden. Allen voran Papa natürlich. Da gab es zahllose feuchte Schmatzer. Für etliche Tantenknutscher schien der Ärmel an Kleidungsstücken erfunden worden zu sein. Ich wurde mit krachenden, spitzen, müden, feuchtfröhlichen Liebesbekundungen gestempelt. Lippenbekenntnisse, die mir versicherten, dass ich hier willkommen war, auch wenn ich in der Nase bohrte, zugeführte Nahrung dem durchdachten Konzept meines Verdauungssystems zum Trotz zu falschen Öffnungen hinaus sandte oder Marienkäfer zwischen den Fingern zerrieb. Die Literatur- und Filmlandschaft lebt vom Narrativ dieses einen, besonderen Kusses, des ersten Kusses. Ich habe und wurde geküsst, seit ich denken kann. Die Oma, das Meerschweinchen, die Nachbarskinder, die Schlumpfeneiskugel, die Babypuppe. Ich küsste im Kindergarten und in der Schule, obwohl ich einräumen muss, dass sich das Küssen in der Adoleszenz verkomplizierte. Es wurde irgendwie wissenschaftlicher. Erst einmal spalteten sich vom ganz allgemeinen Kuss verschiedene Gattungen ab. Freundschaftsküsse, Begrüßungsküsse, Verabschiedungsküsse und dann die Quantenphysik der körperlichen Kommunikation: die Liebesküsse. Mit Zunge.

Was vormals unantastbar Bäh und Wäh war, mauserte sich plötzlich zum begehrten Abzeichen. Die Frage „Hast du schon mit Zunge geküsst?“ wurde bereits in der Grundschule zur Springergabel beim Hinterhof-Intimschach. Hatte man nicht, war das uncool. Hatte man, war das eklig. Die Schilderungen der Eingeweihten und ihre Tipps aus knallbunten Zeitschriften hörten sich an wie groteske Kochrezepte für irgendwas mit Nacktschnecken. Zwischenzeitlich fragte ich mich, warum der liebe Gott die Zähne vor die Zunge gesteckt hat, wenn sie doch später beim allerwichtigsten zwischenmenschlichen Hobby ständig im Weg zu sein scheinen.

Dieser eine Kuss

Küsse der Liebe – ein Sumpf aus Fettnäpfchen im Tunnel der Angst. Irgendwas machte man immer falsch. Etliche Höhenflüge nach den ersten zarten Spitzmaulfrosch-Avancen mündeten in Getuschel und Gefeixe hinter vorgehaltener Hand. Das Gefühl auf der Zielgeraden zum sagenumwobenen „ersten Kuss“ war schlimmer als alle Sport-Leistungskontrollen zusammen. Eng verzahnt war die Kuss-Lotterie mit „etwas voneinander wollen“.

Ich hatte keine Ahnung, was es war, aber ständig wollte irgendwer was von irgendwem. Mit auffällig unauffälligen Nickbewegungen wurde dann klar gestellt, welche Personen in dieses Wollen verstrickt waren. Das Ganze ballte sich zu einer undurchsichtigen Atmosphäre des Zueinanderhingezogenseins, das zeitgleich sanktioniert wurde. Und torpediert von dem sich entwickelnden Körper, der nicht mal mit sehr viel Mühe in die gängigen Schablonen passen wollte. Eine in zahlreiche Richtungen schizophrene Situation.

Liegt es daran, dass alle, denen ich von dem Thema „Angst vor dem ersten Kuss“ berichtete, den Mund verzogen? Anstrengend, öde, pubertär wurde es eingeschätzt, – übrigens auch von mir – sich in die zittrigen Untiefen der ersten Liebeserkundungen zu begeben. Es ist scheinbar erleichternd, dass diese Zeiten lang zurück liegen. Mit einer unangemessenen Überheblichkeit schaue ich auf mein unsicheres Selbst zurück, als wäre ich heute vor der Angst in der Liebe gefeit.

Flatternder Puls, schwitzige Hände, trockener Mund, Schwindelgefühle, Konzentrations- und Schlafstörungen – die Liebe ist nichts für Angsthasen. Und wir sprechen hier nur von den körperlichen Symptomen. An Unsicherheit, Selbstzweifeln, Ungewissheit und Scham muss man mit klappernden Zähnen vorbei. Das Herz will es so. Es schickt uns in unsere tiefsten Abgründe, weil es immer ein Licht am Ende des Tunnels fühlt. So ist es wohl geschaffen. Entgegen aller Anatomie hat es mehr als zwei Kammern. Und viele mehr finden darin Platz im Laufe eines Lebens. Das Alleinstellungsmerkmal des Herzens ist, dass es seine Gefühle durch heftige Schläge bekunden darf. Angst und Liebe sind Schwestern. Was wäre die Liebe, was wäre ein Kuss ohne Adrenalin? Eine Achterbahnfahrt ohne Höhen und Loopings, ein Handschlag mit den Lippen.

Der Mut, zu seiner Liebe zu stehen

Liebe ist nicht immer leicht zu ertragen. Sie erfasst den Menschen in seiner Gänze. Kontrollverlust ist kein geringer Anlass zur Angst: Sie fordert uns zur Wachsamkeit auf und zeigt Veränderungen an. Der Mensch wächst mit seiner Fähigkeit zu lieben und mit ihr seine Ängste zu überflügeln.

Lange vor dem „ewigen ersten Kuss“, der möglichst perfekt gelingen soll, kommt etwas anderes. Die Erkenntnis des Liebenden, dass er liebt. Sein Eingeständnis. Die Bereitschaft zur Bekundung seiner Gefühle und der Mut Antworten auf Fragen zu akzeptieren. Liebe ist ein Geschenk, aber kein verpflichtendes. Der gefaltete Wahlzettel mit den klischeehaften Ankreuzkästchen Ja-Nein-Vielleicht ist eine sehr ehrliche, verlässliche Nachfrage nach Gegenseitigkeit. Sie gibt eine respektvolle Möglichkeit zur Entscheidung. Die romantischste Frage ist „Darf ich …?“

Wenn der erste Kuss beiderseitig ersehnt ist, ist er perfekt – ganz unabhängig von akrobatischen Zungenübungen. Dann steht er in Tagebüchern, in Gedichten, am Anfang von Geschichten. Dann wird er erinnert als „dieser Kuss.“

Liebe ist das Gegenteil von Besitz, Druck und Manipulation. Sie einzufordern und damit die Freiheit der geliebten Person zu begrenzen, ist Gewalt. Wer küsst, um abzuringen, ergreift Besitz und erreicht das Gegenteil vom Ersehnten. Die Liebe lehrt auch den Mut zum Loszulassen. Die Liebe verzeiht, wo der Verstand schon lange abgewunken hat. Die Liebe weiß dort Bescheid, wo der Verstand immer noch im Dunkeln tappt. Und nicht zuletzt geht sie unbekannte Pfade, „mutet“ uns zu, Risiken einzugehen. Das kann unheimlich sein. Unsere Angst zeigt uns an, dass wir wachsam sind und sich Situationen verändern. Es ist klug, alle Fenster weit zu öffnen, damit sie herein kann – und auch wieder hinaus.

Eine der eindringlichsten und schmerzhaften Erfahrungen in der romantischen Liebe ist, nicht zurückgeliebt zu werden – und die wichtigste Erkenntnis ist vermutlich, dass Liebe durch ihre ausbleibende Erwiderung nicht zu einem Makel wird, den es zu verstecken gilt. Wer liebt, braucht sich nicht schämen. Wer nicht zurückliebt, ist nicht schuld.

Liebe bleibt Liebe. Glänzend, weich und mächtig. Wer sie leugnet und aus Angst versucht, sie mit Gewalt aus dem Herzen zu reißen, vergeht sich an sich selbst. Die Liebe macht hilflos und stark zugleich – eine ebenfalls bekannt schizophrene Situation. Die Liebe ist wie weißes Licht: Erst die Gleichzeitigkeit ihrer unterschiedlichen Spektren macht sie zu dem, was sie ist. •

Die Autorin

Philine Schlick studierte Germanistik und Geschichte an der TU Dresden. Sie lebt und wirkt als freie Autorin in Dresden. Als Redakteurin schreibt sie regelmäßig für die Online-Stadtteilmagazine Neustadt-Geflüster, Pieschen Aktuell und ganz frisch für johannstadt.de.


Bilder: © Marina/stock.adobe.com, © anatartan/Fotolia.com

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