Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 9 Min.

Die Macht der Heiler


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 34/2018 vom 17.08.2018

Gesundheit Das Geschäft mit esoterischen Therapien wie der Homöopathie boomt. Gutgläubige Patienten werden dabei mit falschen Hoffnungen geködert, nachweislich wirksame Behandlungen bleiben ungenutzt. Krankenkassen übernehmen für manchen Hokuspokus sogar die Kosten.


Artikelbild für den Artikel "Die Macht der Heiler" aus der Ausgabe 34/2018 von Der Spiegel. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 34/2018

Vor acht Jahren schlich sich der Schmerz in Susanne Austs Leben. Erst taten ihr die Finger weh, dann die Knie, schließlich der Kiefer und die Füße. Die Schmerzen waren plötzlich da, verschwanden – und tauchten an anderer Stelle wieder auf. Aust fühlte sich erschöpft, ihre Augen brannten, manchmal brach sie in Tränen aus, einfach so. ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Der Spiegel. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 34/2018 von Hausmitteilung. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Hausmitteilung
Titelbild der Ausgabe 34/2018 von Smart mit Phone. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Smart mit Phone
Titelbild der Ausgabe 34/2018 von Meinung. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Meinung
Titelbild der Ausgabe 34/2018 von Deutschland. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Deutschland
Titelbild der Ausgabe 34/2018 von Schwarz-rote Socken. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Schwarz-rote Socken
Titelbild der Ausgabe 34/2018 von »Verrat am Volk«. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
»Verrat am Volk«
Vorheriger Artikel
Wissenschaft+Technik
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Wohin das Qi fließt
aus dieser Ausgabe

...

In ihrer Verzweiflung befolgte sie den Rat von Freunden, eine Heilpraktikerin aufzusuchen. »Der Arzt gibt dir doch nur Chemie«, bekam sie zu hören. »Ich war ja so gutgläubig«, sagt Aust heute.

Was die 61-Jährige damals noch nicht wusste: Sie leidet an rheumatoider Arthritis, einer schweren Autoimmunerkrankung. Die Heilpraktikerin aber, zu der Aust ging, diagnostizierte: Wechseljahrsbeschwerden. Nach der »Blutkristallanalyse « verordnete sie eine Therapie, die von der Nonne Hildegard von Bingen aus dem Mittelalter stammt. Mehrmals am Tag musste Aust einen mit Kräutern versetzten Rotwein trinken. Preis für drei Fläschchen: 80 Euro.

An manchen Tagen ließen ihre Schmerzen tatsächlich etwas nach – völlig normal bei rheumatoider Arthritis, denn die Krankheit verläuft in Schüben. Doch die Heilpraktikerin hielt jede noch so kleine Verbesserung für einen Behandlungserfolg.

Nur leider kehrten die Schmerzen immer wieder zurück.

Aust musste deshalb zum Aderlass antreten, sie machte Heubäder und Augenwickel, ließ sich vom Zahnarzt das Amalgam entfernen und bekam für die Nacht eine esoterische Zahnspange angepasst.

Der Hokuspokus half nicht. Die Schmerzen wurden sogar schlimmer. Oft fühlte sie sich so zerschlagen »wie ein Frosch, der nach dem Sprung auf Beton gelandet ist«. Erst als ihre Heilpraktikerin sie »baunscheidtieren « wollte – dabei wird der Patient mit einer mit Nadeln besetzten Walze traktiert –, ergriff Aust die Flucht. Und landete bei einem Homöopathen.

Der Mann war bekannt in der 8000-Einwohner-Stadt, auch weil er regelmäßig Vorträge an der örtlichen Volkshochschule hielt. Was Aust nicht ahnte: Die von dem deutschen Arzt Samuel Hahnemann (1755 bis 1843) erdachte Kügelchentherapie gehört zu den absurdesten aller Heilmethoden. Bei der Homöopathie entfalten die Substanzen ihre Wirkung angeblich erst dann am besten, wenn sie so stark verdünnt werden, dass sie statistisch kein Wirkstoffmole kül mehr enthalten. Verwendet werden so unappetitliche Ausgangsprodukte wie Kakerlaken, Kellerasseln, Kondomgummi, Pottwal-Exkremente, Krötengift, Quecksilber oder Pferdehaar.

Wissenschaftliche Studien sind immer wieder zu einem eindeutigen Ergebnis gekommen: Globuli helfen keinen Deut besser als bloße Zuckerkügelchen. Wenn überhaupt, haben die homöopathischen Zauberkügelchen einen Placeboeffekt. Abgesehen davon aber sind sie vollkommen unwirksam – alles ein großer Bluff. Wenn sich Patienten im Laufe einer homöopathischen Behandlung besser fühlen, liegt das sehr oft einfach daran, dass sie von selbst wieder gesund geworden sind.

SCHÜSSLER-SALZE


Wirksamkeit: keine aussagekräftigen Studien vorhanden
Sicherheit: keine direkten Nebenwirkungen, aber erhebliche Gefahr, falls als Alternative zu effektiven Therapien eingesetzt*

SCHRÖPFEN


Bei einer chronischen Krankheit wie rheumatoider Arthritis jedoch funktioniert eine solche Selbstheilung nicht. Austs Schmerzen blieben – auch nach der Einnahme der mit heiligem Ernst verabreichten Kügelchen mit immer höherer Verdünnung. Schließlich beschäftigte sich ihr Ehemann, ein Ingenieur, mit der Herstellung der Globuli. »Das ist ja ein Witz«, rechnete er ihr schließlich vor. »In deinen homöopathischen Mitteln ist ja gar nichts drin!«

Wie im Märchen vom Kaiser mit den neuen Kleidern öffnete dieser Satz ihr die Augen. Nach über einjähriger Pfuscherei durch alternative Heiler suchte Aust einen Rheumatologen auf, der endlich die richtige Diagnose stellte. Die Frau bekam zunächst Medikamente, die ihr bald Erleichterung brachten. Dann lernte sie Bewegungsübungen, um das Leiden in den Griff zu bekommen. Seit drei Jahren lebt sie nahezu schmerzfrei und ohne Medikamente.

Ihre Leidensgeschichte klingt so gar nicht nach den Wunderheilungsgeschichten, die sonst gern über Homöopathie und andere Alternativmedizin erzählt werden – auch mit Unterstützung groß angelegter Imagekampagnen, etwa des größten deutschen Globuli-Herstellers Deutsche Homöopathie-Union, der im Frühjahr eine Social-Media-Offensive startete, gesponserte Beiträge auf »Focus Online« platzierte und eine Anzeige zu einer homöopathiefreundlichen Verlagssonderveröffentlichung im »Stern« schaltete.

Aber Austs Geschichte ist sehr typisch. Millionen gutgläubige Kranke suchen Hilfe bei alternativen Heilern, was häufig nur dazu führt, dass sie ihr Leiden unnötig verlängern – und zugleich eine florierende Esoterikindustrie reich machen.

Susanne Aust erzählt ihre Geschichte im SPIEGEL, weil sie dazu beitragen will, dass weniger Kranke Opfer von wirkungsloser Alternativmedizin werden. Sie gehört zu einer wachsenden Gruppe von Patienten, Ärzten und Wissenschaftlern, die nicht länger hinnehmen wollen, dass mittelalterlich anmutende Therapien zum normalen Bestandteil der Gesundheitsversorgung werden. In den vergangenen Jahrzehnten ist eine Art paralleles Gesundheitssystem entstanden – ein Milliardenmarkt für alternativmedizinische Behandlungsformen, bei denen Wirksamkeitsnachweise so gut wie keine Rolle spielen.

Rund 47 000 Heilpraktiker sind mittlerweile in Deutschland tätig, jedes Jahr machen sie circa eine Milliarde Euro Umsatz; etwa die Hälfte davon bezahlen die Patienten aus eigener Tasche. Zwischen 1998 und 2008 hat sich die Zahl der Heilpraktiker in Deutschland mehr als verdoppelt. Jeden Tag begeben sich über 128 000 Patienten bei ihnen in Behandlung.

Patientin Aust
»Wie ein Frosch auf Beton«


* Die Bewertungen zu den Heilmethoden wurden von Edzard Ernst zusammengestellt, emeritierter Professor für Komplementärmedizin an der Universität Exeter.

Dazu kommen 6900 Ärzte, die über eine von den Ärztekammern anerkannte Zusatzweiterbildung in Homöopathie verfügen, rund 14 400 bieten Akupunktur an und mehr als 16 000 Naturheilverfahren. Und auch die Apotheken verdienen kräftig mit an dem großen Schwindel. Hunderte Millionen Euro Umsatz machen sie allein mit dem Verkauf von Homöopathika.

Das riesige Angebot verführt die ahnungslosen Patienten, wie eine Umfrage des Onlineportals Statista zeigt: Mehr als 40 Prozent von ihnen haben sich demnach bereits einmal homöopathisch behandeln lassen, knapp 30 Prozent ließen sich schon Akupunkturnadeln stechen. Dass das nicht ohne Risiko ist, zeigt eine US-amerikanische Studie: Krebspatienten, die zusätzlich Alternativmedizin anwandten, hatten im Studienzeitraum von zehn Jahren ein rund doppelt so hohes Risiko zu sterben – weil sie manchmal auf Operationen oder wichtige Medikamente verzichteten.

Längst hat die Alternativmedizin sogar Einzug in die Universitäten gefunden. Es gibt Ringvorlesungen und studentische Arbeitskreise zur Homöopathie, die teilweise von der einflussreichen Carstens-Stiftung gefördert werden. An vielen Hochschulen werden Medizinstudenten Homöopathie oder Naturheilkunde als Wahlpflichtfach angeboten.

Und auch die Volkshochschulen, die sich eigentlich der Tradition der Aufklärung verpflichtet fühlen und zu rund 60 Prozent aus öffentlichen Mitteln finanziert werden, bieten äußerst fragwürdige Kurse zu alternativmedizinischen Verfahren an. Eine Datenanalyse des SPIEGEL hat ergeben: Fast jeder vierte VHS-Kurs zum Thema Gesundheit beinhaltet unwissenschaftliche Esoterik (siehe Seite 98).

»Das Volk wird systematisch verdummt und probiert dann zweifelhafte Behandlungen aus«, sagt Edzard Ernst, emeritierter Professor für Komplementärmedizin der Universität Exeter. »Wenn weite Teile der Bevölkerung glauben, es gebe tatsächlich so etwas wie die Lebensenergie Qi oder Meridiane und Chakren, wenn also jeder Unsinn propagiert und geglaubt wird, dann gibt es keine Maßstäbe mehr«, befürchtet Ernst. »Dann werden die Grenzen zwischen Wahrheit und Unwahrheit unscharf. Dann kann jeder Scharlatan seine Meinung auftischen, und sie wird genauso ernst genommen wie die eines Experten.«

Lässt sich dieser Verrat an den Prinzipien der Aufklärung noch stoppen? »Alternativmedizin kann man nicht verbieten «, sagt Jürgen Windeler, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, das den Nutzen medizinischer Therapien wissenschaftlich bewertet. »Aber es wäre möglich, sie wenigstens einzudämmen.«

Wie das geht, zeigen andere Länder. In Großbritannien will der National Health Service die Kosten für homöopathische Behandlungen künftig nicht mehr übernehmen – obwohl Mitglieder der Königsfamilie auf die Kügelchen schwören.

In Russland hat die Akademie der Wissenschaften die Homöopathie offiziell als »Pseudowissenschaft« eingestuft. Und das australische National Health and Medical Research Council warnt sogar: »Menschen, die sich für die Homöopathie entscheiden, könnten ihre Gesundheit gefährden, wenn sie wirksame Behandlungen ablehnen.«

Auch in Deutschland formiert sich Widerstand: Gruppen wie der aus Ärzten und Naturwissenschaftlern bestehende Münsteraner Kreis oder das Informationsnetzwerk Homöopathie wollen die Patienten aufklären.

In diesem Frühjahr forderte der Münsteraner Kreis die Delegierten des 121. Deutschen Ärztetages auf, die Zusatzbezeichnung Homöopathie für Ärzte abzuschaffen. Begründung: »Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus wäre es ebenso gerechtfertigt, eine Zusatzbezeichnung ›Gesundbeten‹ zu vergeben, wenn Ärztinnen und Ärzte Fortbildungen nachweisen können, welche Gebete zu welchen Heiligen bei welchen Krankheiten zur Anwendung kommen sollen.« Das Anliegen verhallte. Bundesärztekammerpräsident Frank Ulrich Montgomery setzte sich dafür ein, die Zusatzbezeichnung beizubehalten.

Ärgerlich für die Anhänger der Zauberkügelchen ist, dass es eine Überläuferin gibt. Die Ärztin Natalie Grams praktizierte früher selbst Homöopathie – heute gehört sie zu den engagiertesten Kämpferinnen gegen den esoterischen Spuk.

Die erfolgreiche Buchautorin weiß aus eigener Erfahrung, warum es auch für Schulmediziner attraktiv ist, Homöopathie und andere Formen der Alternativmedizin anzubieten. »Es geht um dieses Omnipotenzgefühl «, sagt sie. »Um das Gefühl, der Heiler zu sein, etwas Magisches und Mystisches anbieten zu können und immer eine einfache Antwort auf alles zu haben. Als ich mit der Homöopathie aufgehört habe, war das das Schwerste: dieses Gefühl von Allmacht aufzugeben.«

Die Anhänger der Homöopathie verhielten sich wie »Anhänger einer Sekte«. Werde die Heilslehre angegriffen, so Grams, gehe es nie um die Sache, sondern nur darum, »sich gemeinsam gegen die Kritik zu immunisieren«. Und wie ein ehemaliges Sektenmitglied werde sie jetzt von Homöopathen behandelt: »Wer austritt aus der Gemeinschaft, der wird geächtet.«

Zu Vorträgen geht sie nicht mehr allein, seitdem sie bedroht wurde: »Es ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Glaubenskrieg.«

Weil auch viele Politiker den Zorn der Kügelchenfreunde fürchten, wagt kaum jemand, den Sonderstatus infrage zu stellen, den alternative Arzneimittel per Gesetz genießen. Der Sündenfall, der maßgeblich zum Aufstieg der Alternativmedizin in Deutschland beitrug, geht auf die Lobbyarbeit von Veronica Carstens zurück, homöopathische Ärztin und Ehefrau des ehemaligen Bundespräsidenten Karl Carstens, die sich in den Siebzigerjahren dafür einsetzte, dass homöopathische, anthroposophische und pflanzliche Mittel vor strenger wissenschaftlicher Überprüfung bewahrt bleiben. Seither können sie leicht in Verkehr gebracht werden. Auch bei der Frage der Erstattung durch die Kassen genießen diese Substanzen gesetzlich einen besonderen Status.

Kritiker fordern, diesen Sonderstatus der alternativen Mittel zu streichen. Homöopathika müssten dieselben strengen Tests bestehen wie Schmerzmittel oder blutdrucksenkende Medikamente – eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

Doch selbst ein unerschrockener Politiker wie der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach fürchtet die Macht der Heiler. »Ich bin kampferprobt im Umgang mit Lobbygruppen«, sagt Lauterbach, der für die Abschaffung der privaten Krankenversicherung eintritt. »Aber den größten Shitstorm meiner Karriere habe ich erlebt, als ich im SPIEGEL forderte, die Bezahlung homöopathischer Behandlungen durch die Krankenkassen abzuschaffen.« Wer den Sonderstatus der alternativmedizinischen Arzneimittel beseitigen wolle, so der SPD-Abgeordnete, müsse eine »halbreligiöse Grundsatzdiskussion mit ungewissem Ausgang « in Kauf nehmen.

Fatal ist, dass viele Krankenkassen gezielt damit werben, alternative Heilmethoden zu bezahlen. Ihr Kalkül: Das helfe, junge und gesunde Mitglieder anzulocken, die weniger Kosten verursachen. Das könnte sich als Trugschluss erweisen. Eine 2015 im Fachblatt »Plos One« veröffentlichte Studie, für die Daten von 44 500 Versicherten der Techniker Krankenkasse ausgewertet wurden, kam zu dem Ergebnis: Wer zusätzlich Kügelchen schluckt, verursacht im Schnitt sogar höhere Kosten – unter anderem durch mehr Krankschreibungen.

AKUPUNKTUR


Wirksamkeit: nur für wenige Indikationen belegt
Sicherheit: ernste Komplikationen kommen vor

BACH-BLÜTEN


Wirksamkeit: Studienlage in der Gesamtschau negativ
Sicherheit: keine direkten Nebenwirkungen, aber erhebliche Gefahr, falls als Alternative zu effektiven Therapien eingesetzt

Die Geschichte von Bettina Frank könnte erklären, warum. Die heute 58-Jährige leidet seit ihrer Jugend an schwerer Migräne. Zeitweise hatte sie an mehr als 20 Tagen im Monat schlimmste Kopfschmerzen, oft von Übelkeit und Erbrechen begleitet. Die Ärzte, zu denen sie ging, nahmen sie nicht ernst – in ihrer Not suchte sie deshalb Hilfe bei einem Homöopathen. Und der versprach ihr, sie vollständig von Migräne zu heilen – wie ihm das schon bei vielen anderen Patientinnen gelungen sei.

Von nun an musste sie ganz auf Schmerzmedikamente verzichten. Die würden die Wirkung der Globuli stören, ermahnte sie der Homöopath. Das hatte zur Folge, dass die Attacken kaum noch auszuhalten waren. Frank: »Ich habe es durchgestanden, fast ohne jede Linderung, einen Anfall nach dem anderen, oft mit tagelangem Erbrechen.« Nur ganz selten nahm sie mit schlechtem Gewissen doch ein Schmerzmedikament.

Drei Jahre lang hielt sie die homöopathische Tortur durch. Zugleich musste sie sich noch um ihre zwei kleinen Kinder kümmern. »Die erste schlimme Phase war in den Augen des Homöopathen die sogenannte Erstverschlimmerung, die es in der Homöopathie angeblich immer gibt«, sagt Frank. »Und als es nicht besser wurde, hat er mir gesagt, je länger die Krankheit schon bestehe, desto länger halte auch die Erstverschlimmerung an.«

Als die Kopfschmerzen nach wie vor nicht weggehen wollten, gab der Arzt ihr die Schuld für das Scheitern. Bei allen anderen habe es geklappt, nur bei ihr nicht. »Ich habe wirklich Schuldgefühle entwickelt und gedacht, es muss etwas mit mir zu tun haben«, so Frank. Also riss sie sich zusammen und machte weiter. Ihre Kopfschmerzen wurden schlimmer und schlimmer, bis sie gar nicht mehr aufhörten.

Nach all der Quälerei fand sie am Ende doch noch den Weg in eine professionelle Schmerzklinik, nach Kiel, wo man auf Fälle wie den ihren spezialisiert ist. Erst dort endete ihre Qual. »Ich bekam ein Medikament zur Prophylaxe, eins für den Notfall und sehr viele praktische Tipps, wie sich Migräneattacken verhindern lassen«, sagt Frank. Nach all den Jahren spürte sie zum ersten Mal wieder, wie es sich anfühlt, ohne Kopfschmerzen zu leben.

Heute hat sie immer noch an wenigen Tagen im Monat Kopfschmerzen. Aber sie hat gelernt, gut mit der Migräne umzugehen. Kürzlich bekam sie für ihre internationale Selbsthilfearbeit sogar das Bundesverdienstkreuz verliehen.

In ihrer Selbsthilfegruppe »Headbook« zeigt sie anderen Betroffenen, wie sie besser mit ihren Kopfschmerzen zurechtkommen. Immer wieder trifft sie dabei auf Patienten, die obskuren Heilern vertrauen, jahrelang, ohne jegliche Besserung. »Sie sind in einer Falle gefangen«, sagt Frank, »und finden keinen Weg heraus.«

Ex-Homöopathin Grams
»Es geht um die Allmacht«


DIRK FELLENBERG / DER SPIEGEL

FOTOS: DIRK FELLENBERG / DER SPIEGEL

WILMA LESKOWITSCH / DER SPIEGEL

FOTOS: DIRK FELLENBERG / DER SPIEGEL

WILMA LESKOWITSCH / DER SPIEGEL