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Die Macht der Sprache, die Kraft der Worte


Buddhismus aktuell - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 30.06.2020

Während dieser Artikel entstand, erschoss ein junger Mann aus rassistischen Gründen in Hanau neun ihm unbekannte Menschen und anschließend seine Mutter und sich selbst. Ein Aufschrei ging durch Deutschland, auf Trauerkundgebungen, in Medien und im Internet rangen Menschen um Worte der Trauer und Anteilnahme. Sprache kann Brücken der Liebe und des Mitgefühls zu anderen Menschen bauen – und sie kann Hass und Gewaltbereitschaft schüren. Anna Karolina Brychcy und Werner Heidenreich über die Frage, wie eine Transformation unserer Kommunikationskultur hin zu mehr Friedlichkeit und Dialog gelingen kann. ...

Artikelbild für den Artikel "Die Macht der Sprache, die Kraft der Worte" aus der Ausgabe 3/2020 von Buddhismus aktuell. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Buddhismus aktuell, Ausgabe 3/2020

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Attentäter begehen ihre grausamen Verbrechen nicht spontan, sondern sie radikalisieren sich meist allmählich. Sprache trägt viel dazu bei, denn Hass, Ausgrenzung und rassistische Ideologien werden mit ihrer Hilfe transportiert. Es beginnt oft mit vermeintlich harmlosen Worten, die isoliert betrachtet wenig Kritikwürdiges enthalten. Aber wenn solche Worte aus einer feindseligen Haltung heraus verwendet werden, um Menschen auszugrenzen, zu verleumden oder herabzuwürdigen, wird Sprache zu einem Transportmittel für Ausgrenzung und Hass – Worte hinterlassen in unserem Geist Spuren, sie infiltrieren und prägen ihn.


Kommunikationstechniken sind immer nur so gut wie die Haltung, von der sie getragen werden. Bin ich feindselig oder halte ich mein Gegenüber für dumm und minderwertig, wird diese Haltung durch die Kommunikation „durchscheinen“.


Die bedenkliche Entwicklung hin zu einer rücksichtslosen Sprache in vielen Medien und Internetforen zeigt, dass allgemeine Normen nicht ausreichen, um unsere Kommunikationskultur friedlich zu gestalten. Das Beharren auf Regeln der Kommunikation kann sogar zu einem gegenteiligen Effekt führen, der sich in Aussagen wie „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!” versteckt oder in unverhohlenen Beleidigungen und Bedrohungen im vermeintlich anonymen Internet entlädt. Wie also kann eine tiefgehende Transformation unserer Kommunikationskultur und der dahinter liegenden inneren Haltungen gelingen?

Zielführender, friedlicher, dialogorientierter

In der Kommunikationspsychologie finden sich verschiedene Erkenntnisse und Modelle, wie Kommunikation zielführender, friedlicher und dialogorientierter gestaltet werden kann. Ein „Du nervst mich” kommt bei der Empfängerin, dem Empfänger anders an als ein „Ich bin gerade genervt”, das einen offeneren Dialog ermöglicht.

Wichtig ist: Kommunikationstechniken sind immer nur so gut wie die Haltung, von der sie getragen werden. Bin ich feindselig oder halte ich mein Gegenüber für dumm und minderwertig, wird diese Haltung durch die Kommunikation „durchscheinen“. Jede Technik, die das verschleiern soll, wird zu einem Trick verkommen. Genau das ist auch der Grund dafür, dass der Buddhismus, wenn es um Kommunikation geht, den Schwerpunkt auf die Haltung unseres Geistes legt. Die Worte, die wir wählen, sind nicht nur ein Ausdruck inneren Erlebens – sie bilden auch Brücken zu anderen Menschen und beeinflussen unsere Wahrnehmung der Realität. Das ist der Grund, warum wir im Buddhismus einige sehr verbindliche Anweisungen für unser Sprechen und Hören finden. Sie alle zielen darauf ab, einen möglichst sanften, friedlichen und freundlich gestimmten Geist zu kreieren.

Umgekehrt prägt auch die Kommunikation unseren Geist, genau wie es Meditation und Achtsamkeit tun. Worte können Verbindungen schaffen und Herzen berühren, oder sie brechen Herzen und schüren Gier, Aggression oder Hass. Um destruktiven Effekten der Kommunikation vorzubeugen, finden sich in den buddhistischen Lehren zahlreiche Empfehlungen, wie beispielsweise in dem vierten Sila (der vierten Tugendregel), wonach wir uns bemühen sollen, nicht die Unwahrheit zu sprechen, oder dem dritten Aspekt des achtfachen Pfades, der „rechten Rede“. Dabei geht es um eine innere Haltung, aus der heraus es uns gelingt, wohlwollend, aufrichtig und wahrhaftig mit unserer Umwelt zu kommunizieren. Eine solche Kommunikation geht weit darüber hinaus, lediglich normative Regeln aufzustellen oder schematisch festzulegen, wie Menschen sich politisch korrekt zu äußern haben.

Offen aussprechen, wie es mir gerade geht

Bei einer tiefgehenden Transformation unserer Kommunikation geht es darum, durch fortwährendes Praktizieren unseren Geist zu formen und ihm positive Muster und Gewohnheiten beizubringen. Dies gelingt durch achtsames Ausrichten unserer Aufmerksamkeit und Denkgewohnheiten. Im Buddhismus unterscheiden wir zwischen heilsamen und unheilsamen Gedanken. Heilsam sind Gedanken, die für uns und andere förderlich und konstruktiv sind und die sich nicht in unnützen Spekulationen verlieren.

Entsprechend unseren Gedanken fällt auch unsere Sprache aus, spiegelt sie doch unsere Geistesverfassung. Schon zu Beginn einer Kommunikation kann ich darum darauf achten, aus welcher Haltung heraus ich dem anderen Menschen begegne. Bin ich mit Ärger, Wut oder Aggression aufgeladen, fühle ich mich gereizt oder gestresst, so sind das Warnsignale, mich erst einmal um mich zu kümmern und mir meine Gefühlslage tiefer anzuschauen, statt meinen Ärger einfach weiterzugeben. Dazu kann auch gehören, dass ich über meine Verfassung spreche und zum Ausdruck bringe, wie es mir gerade geht.

Gleichzeitig kann ich meine Sprache mit Hilfe von Achtsamkeit bewusst steuern. Ich habe die Wahl, ob ich in einer rauen und harschen, andere verletzenden Sprache spreche oder einfühlend und sanft. Es gibt in den buddhistischen Lehren auch konkrete Hinweise, welche Inhalte unserer Kommunikation förderlich sind und welche uns und anderen schaden könnten. Hüten sollten wir uns beispielsweise vor Tratsch, der nur Unruhe mit sich bringt. Wir sollten auch nicht intrigieren oder verletzende Worte sprechen und natürlich sollten wir uns beim Sprechen der Wahrheit verpflichtet fühlen. Damit ist auch gemeint, nur das weiterzugeben, von dem wir wirklich wissen, dass es wahr ist. Wer dieses Gebot ernst nimmt, wird schnell merken, dass sich die Kommunikation auf ein gesundes Maß reduziert; denn leider sprechen wir zu oft über Dinge, von denen wir nur vom Hörensagen Kenntnis haben und geben auf diese Weise ungeprüft die berühmten „Fake News“ weiter. „Überzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen”, erklärte der Philosoph Friedrich Nietzsche, und der Naturforscher Georg Christoph Lichtenberg sagte: „Die gefährlichsten Unwahrheiten sind Wahrheiten mäßig entstellt.“ Es sind solche Einsichten über sorgfältige und wahrhaftige Kommunikation, die auch für Buddhistinnen und Buddhisten von Bedeutung sind.

Verschlossene Herzen öffnen

Als lebendige und fühlende Wesen sind wir sowohl Erlebende als auch Schaffende unserer ständigen Geistesaktivitäten. Die Sprache ist nicht nur Ausdruck unseres „Herzensgeistes“, wie es im Buddhismus heißt – sie ist, neben Gedanken und Taten, eine wichtige Quelle und Verstärkung unserer Gewohnheiten. Wer häufig eine ausgrenzende oder verletzende Sprache spricht, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dies auch in Zukunft weiter zu tun. Wer sich an Gier- und Hassreden allmählich gewöhnt, wird sie zukünftig akzeptieren, am Ende sogar gutheißen und selbst anwenden. Darum ist es nicht zu weit hergeholt zu sagen: Aus einem ursprünglichen „Du nervst mich” kann im Laufe der Zeit tatsächlich eine Morddrohung werden.

Achtsamkeit macht uns wachsam gegenüber Infiltration und Hetze und schützt uns vor Irrglauben und Täuschung. Besonders in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen ist es wichtig, unsere Sprache und unsere Geistesverfassung achtsam zu beobachten, damit wichtige Prozesse wie etwa die schleichende Gewöhnung an Abneigung oder Ablehnung nicht unbewusst ablaufen.

Manchmal wünschen wir uns, wir könnten direkt in die Haltung unserer Mitmenschen eingreifen. Das ist nicht möglich, doch stattdessen können wir unsere eigene Haltung pflegen und durch die Art, wie wir selbst mit anderen kommunizieren, der Gier und dem Hass unsere Liebe und unser Mitgefühl entgegensetzen. Um unsere Geistesaktivitäten positiv zu beeinflussen und zu transformieren, empfiehlt die buddhistische Tradition besonders die Übung der „vier Brahmaviharas“: Wohlwollen, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut. Diese vier Haltungen sind auch als „die vier himmlischen Verweilzustände“ oder „die vier Unermesslichen“ bekannt. In einer einfacheren Sprache könnte man schlicht von „liebevollem Geist“ sprechen.


Die Sprache ist nicht nur Ausdruck unseres „Herzensgeistes“, wie es im Buddhismus heißt – sie ist, neben Gedanken und Taten, eine wichtige Quelle und Verstärkung unserer Gewohnheiten.


Ein guter Einstieg in die Praxis der vier Brahamaviharas kann die Mitfreude sein: Wie oft sage ich meinen Menschen, dass ich mich für sie freue? Wie oft drücke ich Wertschätzung und Dankbarkeit aus? Die Übung des Wohlwollens ist vielleicht schon etwas anspruchsvoller: Wenn ich mich in einem Austausch mit anderen befinde, kann ich entscheiden, ob ich mit den störenden, kritischen und belastenden Aspekten beginne, oder ob ich mir erst einmal bewusst mache , was es auch alles an erfreulichen und dankenswerten Momenten gibt. Ich entscheide, ob ich meinem Gegenüber harsch, kritisch und feindselig gegenübertrete oder eben wohlwollend und unterstützend. Vor allem, wenn wir uns im Recht fühlen, hilft der Blick nach innen: Von welchem Geist sind meine Botschaften getragen? Ist es Rechthaberei? Oder liegt mir daran, Hass und ausgrenzende Rede einzudämmen? Kann ich das anderen gegenüber auf eine Weise tun, die darauf verzichtet, dass ich in mir selbst eine Haltung von Abwehr und Ablehnung aufbaue?

Gleichmut heißt, sich den Worten oder Taten anderer zu stellen, ohne sich provozieren oder mitreißen zu lassen. Er bedeutet auch, alle Menschen, egal ob ich sie persönlich gern mag oder nicht, mit Respekt zu behandeln. Gleichmut wächst da, wo wir erkennen, dass wir alle einander in unseren Ängsten und Wünschen sehr ähnlich sind. Erkennen und akzeptieren wir diese Ähnlichkeit, wächst auch das oben schon erwähnte Wohlwollen, und zwar sowohl anderen gegenüber wie auch uns selbst. Und dieses drückt sich dann automatisch in unseren Worten aus. Dies bedeutet keinesfalls zu allem „ja und danke” zu sagen! Auch ein klares Nein kann von Mitgefühl und Wohlwollen getragen sein – wenn es das ist.

Die Praxis der vier Brahmaviharas zeigt uns also eine hoch effektive Möglichkeit auf, unseren „Kommunikationsgeist“ zu pflegen. Wohlwollen, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut kontinuierlich zu üben, kann uns helfen, unser Denken immer besser kennenzulernen und bewusst in gute Bahnen zu lenken. Wir lernen, das unnötige und belastende Kreisen unserer Gedanken zunächst zu bemerken und dann zu beenden. Wie können sogar lernen, so achtsam zu werden, dass wir sinnlos kreisende Gedanken erst gar nicht mehr aufsteigen lassen.

Menschen mit einem ruhigen und stabilen Geist fühlen sich in sich selbst gefestigt, doch nicht nur das: Sie strahlen ihre Ruhe auch auf ihre Mitmenschen aus. In unserer schnelllebigen Zeit, in der ein Hype den anderen jagt und viele Menschen sich permanent gestresst und aufgeregt fühlen, sind gefestigte und in sich stabile Menschen überaus wichtig geworden. Manchmal mag es uns wie ein Tropfen auf dem heißen Stein erscheinen, mit einer achtsamen, sensiblen Kommunikation hier und da verschlossene Herzen zu öffnen.

Doch: Was wäre der Ozean ohne seine Tropfen?