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Die MAGIE der heiligen Orte


HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 35/2021 vom 27.08.2021

Madonna della Corona

Monte Baldo, Italien

■ So imposant wie am Monte Baldo ist der Zugang zu einem Gotteshaus sonst wohl kaum irgendwo. In schwindelerregender Höhe befindet sich die Kirche Madonna della Corona direkt an einer mehrere Hundert Meter steil abfallenden Felswand. lm 12. Jahrhundert war es eine Einsiedelei, in der Mönche als Eremiten lebten. Der spitze Turm und die Fassade wurden 1899 errichtet. Auf Knien näherten sich einst Gläubige über die Felsstufen diesem Heiligtum, um das Wandgemälde der Mutter Gottes zu sehen.

Artikelbild für den Artikel "Die MAGIE der heiligen Orte" aus der Ausgabe 35/2021 von HÖRZU. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: HÖRZU, Ausgabe 35/2021

ANMUTIG Bronzestatuen am Pfad erinnern an die Geschichte des Kreuzwegs

Der Weg ist steinig. Er führt durch einen Wald Stufe für Stufe hinauf. Eine plötzliche Verzauberung stellt sich ein, sobald die Bäume den Blick freigeben: Madonna della Corona. Wie ein Schwalbennest klebt die Kirche am Felsen des Monte Baldo unweit des Gardasees. Auf dem Vorplatz schwebt man zwischen Himmel und Erde: auf einer Seite die steile Felswand, auf der anderen der ...

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... tiefe Abgrund. Die Kirchentür steht offen. Was draußen beginnt, setzt sich drinnen fort: das Innehalten, das Staunen, das intensive Gefühl, wirklich angekommen zu sein.

Manchen Zauber kann man nicht erklären. „Heilige Orte sind Orte mit einer Aura, die sich schlecht greifen lässt“, sagt Pastor Dr. Johann Hinrich Claussen, der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). „Dahinter steckt oft eine uralte Geschichte. Aber es sind auch eigene Erfahrungen der Heilung, des Trostes, des Kraftgewinns, die sich an diesen Orten festmachen.“ Schon ihre Lage sorgt meist für heilsamen Abstand von der Hektik, dem Lärm und den Sorgen des Alltags.

Wo überall das Göttliche wohnt

Alle Religionen kennen heilige Orte. Als Wohnsitz von Gottheiten, als Schauplatz mythischer Geschehnisse. Das können Berge wie der Sinai oder der Tempelberg in Jerusalem sein, Flüsse wie der indische Ganges, Moscheen wie die al-Haram-Moschee in Mekka. Oder Plätze alter Heiligtümer wie Bäume, Quellen, Kraftpunkte, wo später Klöster, Kapellen, Heiligengräber, Reliquienschreine entstanden. Wenn man an heilige Orte in Europa denkt, fällt vielen die Gnadenkapelle von Altötting ein, das bekannteste Marienheiligtum Deutschlands. Oder der Marien-Wallfahrtsort Lourdes in den französischen Pyrenäen. Oder das spanische Santiago de Compostela am Ende des Jakobswegs. Doch auch an zahllosen anderen, weniger bekannten Plätzen spürt man diese einzigartige Atmosphäre – wie unsere kleine Auswahl auf diesen Seiten zeigt.

Dass es „Orte gibt, an denen sich Himmel und Erde berühren“, davon ist auch Prof. Klaus Herbers überzeugt. Der Historiker und Verfasser des Buches „Die Straß zu Sankt Jakob“ (Josef Fink Verlag, 128 S., 16,80 €) ist Präsident der Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft, die sich unter anderem um Pilgerfahrten nach Santiago de Compostela und die Erforschung der Pilgerspuren kümmert. „An heiligen Orten glaubt man, hinter den Vorhang zu schauen, der vieles verbirgt, was man sonst nicht wahrnimmt. Insofern ist die Magie der Orte das Entdecken einer neuen Dimension.“

Gerade in unsicheren Zeiten ist die Sehnsucht groß: nach neuen Erkenntnissen, Sinn und Antworten auf Lebensfragen. „Die Zahl der Pilger ist bis 2019 permanent in die Höhe gegangen“, weiß Herbers. „Zwar gab es coronabedingt einen starken Rückgang 2020, doch seit Ende Juni steigen die Zahlen wieder.“ Die Menschen kommen aus aller Welt. Die Konfession spielt eine untergeordnete Rolle. „Die Attraktion des Pilgerns besteht heute vielfach darin, dass man individuell bestimmen kann, ob man nun viel oder wenig läuft, häufig oder selten betet, Einsamkeit oder die Gemeinschaft sucht. Und diese Individualität religiöser Zugänge hat in Zeiten, wo Kritik an Kirchen gleichzeitig an der Tagesordnung ist, eine immer stärkere Anziehungskraft.“

Eine Mischung aus Furcht und Staunen

Was berichten Menschen, die einen heiligen Ort besucht haben? „Sie spüren so etwas wie Ehrfurcht. Dazu gehören das Staunen, aber auch so eine Furcht vor etwas Unheimlichem“, sagt Claussen. „Und dann hat es eben auch etwas Lockendes. Da ist ein Geheimnis, das man näher kennenlernen möchte.“ Allerdings sei dies im normalen touristischen Tempo nicht möglich. Man sollte sich Zeit nehmen, sich darauf einzulassen. Claussen rät, an den dort gefeierten Riten teilzunehmen. „Es gibt zum Beispiel in Japan einen wunderbaren Tempelgarten mit 100 verschiedenen Moosarten. Eintreten darf nur, wer zuvor eine halbe Stunde auf den Knien sitzt und japanische Schriftzeichen nachzeichnet.“

An vielen Stätten erlebt man, dass die Besucher Rituale vollziehen. Sie sprechen Gebete, singen Lieder, fassen heilige Gegenstände an oder küssen ein Grab. Denn, so Claussen: „Religion hat auch etwas mit gemeinsamem Tun zu tun.“

Geschichten schenken Hoffnung und Trost

Heilige Orte erzählen Geschichten. „In Santiago de Compostela etwa redet man davon, wie die Reste des heiligen Jakobus in einem Boot von Jerusalem nach Galicien kamen und bestattet wurden“, sagt Herbers. „Das Grab des Apostels gilt als wichtigstes Kleinod des Ortes.“ In der Überlieferung der Wallfahrt zu Kevelaer (Foto l.) wird zum Beispiel von einigen Wunderheilungen berichtet. „Solche Geschichten sind alt, werden weitererzählt und dabei verändert. Neue kommen hinzu“, sagt Claussen. „Das ist natürlich manipulierbar. Um sich nicht von Scheinheilungen verführen oder finanziell ausnutzen zu lassen, hilft es, kritisch zu sein.“ Zugleich, räumt er ein, seien es aber oft schöne Geschichten, die einem Hoffnung geben und Trost schenken.

„Viele Menschen kommen mit einem persönlichen Anliegen, einer Not, einer Angst, einer Krankheit und hinterlassen Zettel und Briefe“, so Claussen. Ein Kollege, der in Lourdes gearbeitet hat, habe ihm von erstaunlichen Eindrücken berichtet. „Auch wenn eine Heilung nicht erfolgte und die Person etwa weiterhin an den Rollstuhl gefesselt war, so hat sie doch den Ort mit einem anderen Blick, mit einer neuen Kraft wieder verlassen.“ Ähnliches berichtet auch Herbers von Pilgern, „die gar nicht gläubig auf brechen, aber gläubig oder verändert zurückkommen“.

Der Weg ist das Ziel. Claussen hält es für eine wichtige Erfahrung, dass man die heiligen Orte erwandert und auch eine gewisse Anstrengung unternimmt, um sie zu erreichen. „Man muss eine Schwelle überschreiten, erst dann erfährt man etwas“, sagt er. „Wer dort, vom Auto ausgespuckt, einfach nur hineinschlendert, wird einen heiligen Ort als gar nicht so besonders wahrnehmen.“

ANJA MATTHIES

Kathedrale Saint-Gatien

Tours, Frankreich

■ Rund 300 Jahre brauchte es ab 1220/1230, bis dieses Meisterwerk der gotischen Baukunst fertiggestellt war. Die Kathedrale mit ihren fast 70 Meter hohen Türmen verfügt über einzigartige Buntglasfenster aus dem 13. Jahrhundert, die Heiligenlegenden erzählen. Pilger kommen auch, um die 36 Skulpturen in der Chorkapelle zu bewundern.

Gnadenkapelle

Kevelaer, Nordrhein-Westfalen

■ Die Frau im Portalfenster stellt die Mutter Gottes dar. Um das Marienbild „Trösterin der Betrübten“ wurde 1654 die Gnadenkapelle in Form eines sechseckigen Kuppelbaus errichtet. Erst über 200 Jahre später erhielt sie ihre wertvolle künstlerische Ausgestaltung.

St. Georg

Ruhpolding, Bayern

■ Schon die idyllische Lage inmitten von Wiesen und Waldbergen wirkt himmlisch: Die Pfarrkirche St. Georg erhebt sich über den Ort. Von außen eher schlicht, zeigt sich innen wahre Pracht. Der Hochaltar umrahmt ein Gemälde des Schutzpatrons. Das große Deckenbild zeigt die Himmelfahrt. Eine Madonna mit Jesuskind aus dem 12. Jahrhundert thront in einer Nische.

Stift Neuzelle

Schlaubetal, Brandenburg

■ Alles schwelgt in Barock, seit die spätgotische Klosteranlage ab 1650 umgestaltet wurde. Die Stiftskirche St. Marien ist reich an Engeln, Heiligen und Marienfiguren. Der Garten beeindruckt durch Baumsymmetrien, Sichtachsen, Wasserspiele und Terrassen. Es ist ein Gesamtkunstwerk zum Staunen. Seit 2018 beleben wieder Mönche das Zisterzienserkloster, das vor über 200 Jahren zwangssäkularisiert wurde.

St. Johann

Ranui, Südtirol

■ Dem Himmel so nah: In 1352 Metern Höhe liegt die Johanneskapelle von 1744 in Ranui. Das barocke Kleinod mit dem Zwiebelturm verzaubert vor der Gebirgskulisse der Geislergruppe. Ein Bilderzyklus an den Seitenwänden des Altars erinnert an den Schutzpatron, den heiligen Johannes von Nepomuk. Zum Eintreten leiht man sich beim anliegenden Ranuihof einen Schlüssel.