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Die magischen Vier


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Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 12/2021 vom 25.11.2021

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1981

Roger Taylor, Freddie Mercury, Brian May und John Deacon (v. l.): Zwei Jahrzehnte lang verzauberten Queen in der klassischen Besetzung die Welt mit Hits wie „Bohemian Rhapsody“ und „We Will Rock You“.

QUEEN

1985

Freddie Mercury bei den Dreharbeiten zum Video für den Song „Made In Heaven“, den der Rest der Band zehn Jahre später für das gleichnamige letzte Studioalbum in der klassischen Besetzung neu arran gierte. 2008 wurde noch „The Cosmos Rocks“ mit Aushilfssänger Paul Rodgers veröffentlicht.

GENAU 14 PUNKTE bringt das Wort QUEEN bei einer Partie Scrabble ein. Dass Freddie Mercury ein Faible für dieses Gesellschaftsspiel hatte, verwundert nicht: Als Songwriter verstand es der Queen- Frontmann schließlich auch, mit kreativem Kombinationsgeschick zu punkten und für Entertainment zu sorgen. Play the game! Über 100 Millionen Mal wurde Scrabble seit seinem Erscheinen im Jahr 1949 weltweit verkauft. ...

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... Das ist viel, aber nur ein Drittel der von Queen verkauften Tonträger seit der Veröffentlichung ihres Debüts, „Queen“, im Juli 1973. Das reine Können garantiert noch keinen triumphalen Siegeszug, man muss auch Glück haben. Das gilt für vieles, unter anderem für das beliebte Brettspiel, aber auch für den Erfolg einer Band. Man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.

Der entscheidende Ort in der Bandhistorie von Queen war das Londoner Imperial College. Die renommierte technische Hochschule befindet sich im Stadtteil Kensington, der von feudaler viktorianischer Architektur und Botschaftsresidenzen geprägt ist. Ein königliches Umfeld. Der junge Physik- und Astronomiestudent Brian May wollte mit seinem alten Schulfreund Tim Staffell eine neue Band gründen. Staffell war bereits Sänger in Mays Schülerband namens 1984 gewesen. Pennäler Brian, der als 16-Jähriger mit väterlicher Unterstützung seine eigene Gitarre baute (er spielt seine „Red Special“ bis heute), wohnte in der damals gut 50.000 Einwohner zählenden Stadt Feltham. Keine 300 Meter vom späteren Queen-Frontmann entfernt! Freddie, am 5. September 1946 als Farrokh Bulsara auf Sansibar geboren, war mit seinen Eltern und seiner Schwester im Zuge der gewaltsamen Revolution gegen den Sultan von Sansibar im Januar 1964 nach England geflüchtet. Obwohl Feltham also schon eine Begegnung zwischen May und Mercury hätte hervorbringen können, war es dafür noch nicht an der Zeit.

Student Brian engagierte sich im Entertainments Committee des Imperial College, im Mai 1967 buchte er Jimi Hendrix für ein Konzert im großen Hörsaal. Mit einer Handvoll Kommilitonen versammelte er sich vor Hendrix’ Garderobe, eigentlich der Jazzclub-Raum, um dem sich warm spielenden Gitarrengott zu lauschen. Als dieser schließlich wie eine Lichtgestalt heraustrat und „Where’s the stage, man?“ fragte, bekam May kein Wort heraus. Er deutete immerhin in die richtige Richtung. Aber nicht nur Hendrix hinterließ an diesem Abend einen bleibenden Eindruck. Einen Schlagzeuger wie Mitch Mitchell von der Jimi Hendrix Experience! Oder einen wie Ginger Baker von Cream! So einen Komplizen wünschten sich May und Staffell, und sie versuchten ihr Glück mit einem Aushang am Schwarzen Brett der Uni. Der Zahnmedizinstudent Roger Taylor meldete sich und wurde zum Vorspielen eingeladen, das in demselben Raum stattfand, der Hendrix als Garderobe gedient hatte. Taylor überzeugte mit souveräner Kompetenz, Humor und tadellosem Aussehen. Die neu gegründete Progressive-Rock-Band mit dem etwas zu niedlichen Namen Smile absolvierte ihren ersten Auftritt am 26. Oktober 1968, natürlich am Imperial College. Wie andere Studentenbands spielten sie im Foyer oder in der Mensa, während die Hauptattraktion im großen Hörsaal konzertierte.

Das Entertainments Committee hatte diesmal Pink Floyd gebucht, die mit dem im Juni 1968 veröffentlichten „A Saucerful Of Secrets“ die Top Ten der britischen Albumcharts erobert hatten. Ihre Debütsingle, „Arnold Layne“ aus dem Jahr 1967, handelte von einem Unterwäsche klauenden Crossdresser und diente der 1974 erschienenen Queen-7inch „Now I’m Here“ ganz offensichtlich als musikalische Inspiration. The Kinks, die bereits mit ihrem Bandnamen provozierten, veröffentlichten 1970 ihren internationalen Hit „Lola“, der im Milieu der heimlichen Londoner Transbars spielte. Und David Bowie posierte im selben Jahr lasziv, gleichzeitig gedankenversunken auf dem Cover der UK-Erstpressung seines dritten Studiowerks, „The Man Who Sold The World“ in einem tief ausgeschnittenen Kleid. Der popkulturelle Zeitgeist, die verschwimmenden Geschlechtergrenzen, das frivole Spiel mit der flexiblen Sexualität ebneten den Weg für den exzentrischen Frontmann Freddie Mercury und sein auffälliges Äußeres: schwarz lackierte Fingernägel, Kajal, lange, auftoupierte Haare, hochhackige Stiefel, extravagante Outfits. Und auch für den Bandnamen „Queen“, der nicht nur Assoziationen mit dem Majestätischen weckte, sondern ebenso mit der umgangssprachlichen Bezeichnung für einen feminin anmutenden Homosexuellen. Statement und Provokation zugleich. Die Zeit war ganz offensichtlich reif für Queen, aber um die Protagonisten an einem Ort zu versammeln, brauchte es noch eine glückliche Fügung.

Smile-Sänger Tim Staffell studierte, wie ein paar Jahre zuvor auch Pete Townshend von The Who und der Faces- und spätere Rolling-Stones-Gitarrist Ronnie Wood, Grafikdesign am Ealing Art College. Er brachte regelmäßig seinen Kommilitonen Freddie Bulsara mit zu den Auftritten der Band. Der Kunststudent zeichnete mit Vorliebe Porträts von Jimi Hendrix, den er innigst verehrte, und war zudem selbst Sänger der Liverpooler Band Ibex, die sich später in Wreckage umbenannte. Freddie machte Smile zwar einige Komplimente, aber noch mehr Optimierungsvorschläge – insbesondere ihre visuelle Präsentation auf der Bühne sei noch sehr verbesserungswürdig.

Das perfekte Quartett

IMSEPTEMBER 1969 LUD FREDDIE Brian May und Roger Taylor zur Zugabe eines Wreckage-Konzerts auf die Bühne ein. Ein gutes halbes Jahr später stieg Tim Staffell bei Smile aus, frustriert vom mangelnden Erfolg. Der Visionär Freddie übernahm umgehend und voller Elan den Job als Frontmann. In der Queen-Dokumentation „Days Of Our Lives“ erinnert sich der ehemalige Smile-Keyboarder Chris Smith an eine denkwürdige Begebenheit aus dieser Zeit: „Ich kam in den Pub, da saß Freddie, den Kopf i den Händen vergraben, er wirkte richtig depressiv.“ Smith ging auf ihn zu und fragte, was mit ihm los sei. „Ich werde kein Rockstar!“, klagte Mercury, sichtlich niedergeschlagen. Dann stand er ganz langsam auf, baute sich vor Smith auf und verkündete pathetisch und mit großer Geste: „Ich werde eine Legende!“ Er sollte recht behalten.

Allerdings musste der Diamant erst noch geschliffen werden – von ihm selbst und nach seiner Vision. Brian May erinnert sich im Gespräch mit ROLLING STONE: „Freddie sah damals schon aus wie ein Rockstar, war aber natürlich noch keiner. Er hatte zu der Zeit noch nicht mal eine eigene Bude und nächtigte bei diversen Leuten auf dem Fußboden – auch auf dem unserer Studenten-WG. Als wir dann tatsächlich erstmals mit ihm am Mikrofon gemeinsam anfingen zu spielen, war das geradezu schockierend: Er war so dermaßen over the top! Er rannte herum, schrie – völlig übertrieben. Roger und ich dachten: Oha, kann das mit ihm funktionieren? Denn das wirkte schon alles sehr extrem. Diese unglaubliche Stimme, die hatte er bereits, aber das Ganze war komplett ungestüm und unkontrolliert. Erst als wir ins Studio gingen und Freddie seine aufgenommene Stimme hörte, fing er an, sie unter Kontrolle zu bringen. Ich erinnere mich daran, wie er nach einer Gesangsaufnahme sagte: ‚Das ist totaler Mist, das kann so nicht bleiben. Ich werd’s besser machen!‘ Und dann sang er noch einige Takes, bis er zufrieden damit war, wie er klang. Er begann sich selbst zu formen, zu dem Freddie Mercury, den wir heute kennen. Er hat sich selbst erschaffen – er wusste, wie er klingen wollte, und arbeitete sehr hart daran, mit aller Hingabe. Und das blieb während seiner gesamten Karriere, das blieb sein ganzes Leben lang so. Er hat sich nichts durchgehen lassen, was nicht zu seiner kompletten Zufriedenheit war. Er hätte sich niemals mit weniger begnügt.“

Zur Komplettierung von Queen fehlte noch ein Bassist, den sie nicht bloß ein paar Bandproben lang behalten wollten. Im Frühjahr 1971 kam der Elektrotechnik-Student John Deacon zum Vorspielen. Er sprach kaum ein Wort, erwies sich an seinem Instrument aber als äußerst eloquent und bekam den Job. Auch wenn Videoclips gelegentlich einen anderen Eindruck erwecken, hat Deacon nie auch nur eine Silbe bei Queen gesungen. Selbst wenn er im Proberaum Freddie eine Gesangsmelodie vorstellen wollte, klimperte er sie lieber am Klavier vor, anstatt sie zu singen. Der Respekt vor den markanten Stimmen der anderen Bandmitglieder war zu groß. Bei seinem zweiten Songbeitrag zum Queen-Kanon spielte Deacon nicht nur Bass. „You’re My Best Friend“ fällt durch den besonderen Tastensound des Wurlitzer EP200 auf, der schon Marvin Gayes „I Heard It Through The Grapevine“ (1968), Pink Floyds „Money“ (1973), Tom Petty & The Heartbreakers’ „Breakdown“ (1973) oder auch Supertramps „Dreamer“ (1974) geprägt hatte. Da Mercury elektronische Pianos nicht besonders mochte, hatte Deacon das ungeliebte Instrument mit nach Hause genommen, um sich im trauten Heim autodidaktisch ein bisschen Klavier beizubringen.

Heraus kam ein Welthit, Deacons Ehefrau, Veronica, gewidmet. Allein in den USA wurden eine Million Exemplare der Single verkauft. Dass Deacon ein Liebeslied mit dem Titel „You’re My Best Friend“ versah, lässt keinen Zweifel dar- an, dass Freundschaft die wichtigste Basis für ihn war. Als Neuling bei Queen – er gab später zu Protokoll, dass es Jahre dauerte, bis er sich im Bandgefüge richtig zu Hause fühlte – fand er vor allem im empathischen Mercury eine große Stütze. Denn der hatte bereits 1954, als er mit gerade acht Jahren nach Panchgani auf das Elite- Jungeninternat St Peter’s Church Of England School geschickt wurde, selbst erfahren müssen, was es bedeutet, „der Neue“ zu sein. Für das Album „A Kind Of Magic“ (1986) schrieben Mercury und Deacon gemeinsam die Ode „Friends Will Be Friends“: „When you’re in need of love/ They give you care and attention/ Friends will be friends/ When you’re through with life/ And all hope is lost/ Hold out your hand/ ’Cause friends will be friends/ Right till the end.“

1975

Queen im Juli 1975 im Ridge Farm Studio, wo sie für „A Night At The Opera“ an Songs bastelten und probten. Alle spielten gern Billard, gönnten sich aber auch mal einen ruhigen Moment in der Natur. Unten: Brian May, Freddie Mercury, Roger Taylor, John Deacon (v. l.) – der Sänger war gar nicht (nur) die exzentrische Diva, sondern auch der diplomatische Vermittler in der Band, den der Gitarrist und der Schlagzeuger besonders gut brauchen konnten.

Freddie Mercury war nicht die egozentrische Diva, für die er so häufig gehalten wird. Er war der diplomatische Vermittler bei Queen, oft zwischen Taylor und May, die sich mitunter um das Timing einer einzelnen Note stritten, wie May schmunzelnd verrät. Auch wenn Mercury sich grundsätzlich strikt weigerte, mit Queen Kompromisse einzugehen – intern galt diese Regel nicht. Die Erhaltung oder Wiederherstellung der Harmonie innerhalb der Band hatte für ihn oberste Priorität. In einem Interview mit dem englischen Musikjournalisten David Wigg wurde er 1985 nach seinem Karriere-Highlight mit Queen gefragt. Seine Antwort war überraschend: „Dass wir all die Jahre zusammengeblieben sind.“

Zauberformel Diversität

WIE ABER WURDE NUN AUS der britischen Studentenband eine der größten, facettenreichsten Rockbands der Welt? Was war die Zauberformel? Brian May hat eine Vermutung: „Unsere Stärke lag in der Diversität unserer Prägungen. Ich meine damit nicht etwa, dass Freddie durch seine Herkunft sehr unbritisch war, das spielte absolut keine Rolle. Unsere unterschiedliche musikalische und soziale Herkunft, unsere unterschiedlichen musikalischen Vorlieben aber schon. John zum Beispiel mochte Rock nicht besonders, er kam eher aus der Funk-Ecke. Roger stand auf Fifties-Rock, Freddie hatte ein Faible für musicalhafte Theatralik, also auch gar nicht so sehr Rock-affin – mit der Ausnahme, dass Jimi Hendrix ein richtiges Idol für ihn war. Er hatte alles verfolgt, was Jimi machte, und wollte im Grunde sein wie er. Freddie hatte den Drang, in eine Rolle zu schlüpfen. Mit Aretha Franklin war es dasselbe. Er wollte wie Aretha sein, er wollte auch in diese Rolle schlüpfen! Aber das ist es schließlich, was Bühnenkünstler generell machen, nicht wahr? Indem Freddie in die Haut anderer schlüpfte, entdeckte er aber auch neue Seiten an sich selbst. Die andere Antwort ist folgende: In unseren Liedern ging e immer um echte Menschen, echte Emotionen. Statt um Rockstar-Kram ging es bei uns um Liebe, Schmerz, Enttäuschung, Träume. Und das sind Themen, mit denen sich jeder identifizieren kann. Songs wie ‚I Want To Break Free‘, ‚I Want It All‘ oder ‚We Will Rock You‘ sind sehr bodenständig, da geht’s überall um echte Menschen, die sich klein, bedroht, ängstlich, mutig oder auch inspiriert fühlen. Das ist es wohl, was Queen einen so breiten Querschnitt an Menschen erreichen lässt: Es geht immer um ganz elementare menschliche Empfindungen.“

Mercury hatte Queen einmal in einem Interview als „vier Soloprojekte in einer Band“ bezeichnet, denn alle vier haben Welthits geschrieben: Brian May komponierte „We Will Rock You“ und „Who Wants To Live Forever“, Roger Taylor schrieb „Radio Ga Ga“ und „A Kind Of Magic“, John Deacon gar Queens meistverkaufte Single, „Another One Bites The Dust“, und „I Want To Break Free“, von Mercury stammten „We Are The Champions“ und „Bohemian Rhapsody“. Was die Arbeit im Studio betrifft, verrät Brian May: „Die Beatles waren unser Vorbild. Wir haben ihre Methoden und ihre technischen Kniffe studiert. Und wir hatten das Glück, dass uns besseres technisches Equipment zur Verfügung stand. Viele Beatles-Songs waren Vierspur- oder Achtspuraufnahmen, während wir sehr früh schon mit 16 Spuren aufgenommen haben, manchmal auch mit 24 und mehr. Das konnte man ja nahezu unendlich ausbauen, da man die Tonbandgeräte miteinander synchronisieren konnte. Und es wurden so viele neue Studiogerätschaften erfunden! Wir haben alles benutzt, was uns zur Verfügung stand. Allerdings immer nur, um unsere menschlichen Bemühungen zu unterstützen. Die Gerätschaften durften nicht das Kommando übernehmen, es durfte nicht überhandnehmen. Wir verwendeten auch keine Synthesizer, die waren uns damals zu künstlich. Was sich dann aber auch veränderte, da Synthesizer später viel echter und authentischer klangen.“ Weil ein Musikkritiker vom „Melody Maker“ dem Queen-Debüt zu Unrecht den Einsatz von Synthesizern angedichtet hatte, war in den Liner notes zu „Queen II“ (1974) bis einschließlich „A Day At The Races“ (1976) der energische Zusatz „No synthesizers!“ zu lesen.

Mit Beginn der 80er-Jahre veränderte sich der Queen-Sound signifikant – ab „The Game“ (1980), dem ersten Album ihrer Münchener Jahre, ergänzten dann tatsächlich Synthesizer das Instrumentarium. Auch diesmal gab es einen entsprechenden Hinweis in den Liner notes: „This album includes the first appearance of a synthesizer on a Queen album.“ Der klangliche Richtungswechsel hatte mit einem Schlüsselerlebnis im Münchener Nachtclub Sugar Shack zu tun, der über eine gigantische Soundanlage verfügte. „Manche Songs klangen dort wahnsinnig toll und alle fingen enthusiastisch an zu tanzen“, erinnert sich May. „Und manchmal spielten sie Queen-Songs – und wir fanden nicht, dass die besonders gut klangen. Wir fragten uns: Wie kommt’s? Was müssen wir tun, um in diesem Club großartig zu klingen? Daraufhin haben wir unsere Art aufzunehmen noch einmal neu gedacht.“ Der Münchener Produzent und Toningenieur Reinhold Mack hatte einen großen Anteil am neuen Bandsound. Ebenso die Tatsache, dass die etwas zu engagierte Teilnahme am Münchener Nachtleben für Turbulenzen im Privatleben aller vier Bandmitglieder und damit für reichlich In spi ration sorgte. „Der eine Teil des Aufnahmeprozesses ist Konstruktion, aber der andere ist Emotion. All das führte zu einer Art Schneeballeffekt, und heraus kam eine total veränderte Band, es war eine regelrechte Wiedergeburt“, rekapituliert May.

Der Albumtitel „Hot Space“ sagte es schon: Es ging um freien Raum, darum, Lücken zu lassen, damit die einzelnen Elemente besser zünden konnten. Für May war das nicht ganz einfach: „Die Gitarre tendiert ja immer dazu, Lücken auszufüllen. Ich musste lernen, wie man die Gitarre sprechen, aber anschließend auch schweigen lässt. Ich nutzte die Gitarre viel mehr in Form einer Stimme. Wenn man spricht, macht man ja auch rhetorische Pausen. Und das ist auch sehr wichtig, denn wenn man ohne Punkt und Komma redet, hören die Leute irgendwann nicht mehr zu.“ Nachdem zwischen 1979 und 1985 „The Game“, der Soundtrack „Flash Gordon“, „Hot Space“, „The Works“, Taylors Soloalbum „Strange Frontier“, Mercurys Soloalbum „Mr. Bad Guy“ und Teile von „A Kind Of Magic“ in der bayerischen Landeshauptstadt entstanden waren, ging diese Ära zu Ende. Der einst so in spi rie rende Spielplatz München, die Zusammenarbeit mit Reinhold Mack – beides fühlte sich für die Band nicht mehr richtig an. May resümiert: „So ist halt das Leben. Man kommt zusammen, baut gemeinsam etwas auf, erreicht seinen Zenit, und dann passiert irgendwas. Wie George Harrison ganz richtig feststellte: All things must pass.“

Das heimliche Finale

IM ANSCHLUSS AN DAS ENDE DIESER Ära endete eine weitere, aber niemand außer Mercury ahnte es. Am 9. August 1986 fand im Londoner Knebworth Park das, wie sich erst später herausstellen sollte, letzte Queen-Konzert mit Frontmann Mercury statt, vor 120.000 Menschen. Mercurys Äußerung direkt nach der Show ist Brian May noch 35 Jahre später präsent. „Er sagte: ‚Ich kann das nicht mehr.‘ Ich dachte nur: Ach, das ist halt typisch Freddie, der ist jetzt eben erschöpft und ein bisschen überemotional und dramatisch drauf. Aber ich glaube, er wusste genau, was kommen würde, und wollte uns in gewisser Hinsicht vorwarnen. Während der Show war rein gar nichts davon spürbar, es war fantastisch, wir waren absolut auf unserem Höhepunkt. Die beiden Wembley- Konzerte und dann die Show im Knebwort Park – da waren wir als Gruppe so tight, so eine Einheit, wie zusammengeschweißt. Und gleichzeitig waren wir so locker und beweglich, haben improvisiert. Ich hatte wirklich keine Ahnung, dass es das Ende sein würde.“

1986

Bei Konzerten wollte Freddie Mercury kein Prediger mit erhobenem Zeigefinger sein, sondern den Menschen einen unterhaltsamen Abend bescheren. Zum politischen Weltgeschehen äußerten sich Queen immer eher subtil.

Es war Mercury äußerst wichtig, als Quell der Freude zu gelten, den Menschen eine gute Zeit zu bescheren. Er wollte kein Prediger mit erhobenem Zeigefinger sein. Queen haben sich nur selten zum Weltgeschehen oder gar politisch geäußert, aber die größten Bühnen nutzten sie dann doch für entsprechende Statements: Bei Rock in Rio, das über 200 Millionen Menschen in über 60 Ländern am Bildschirm verfolgten, trug Roger Taylor ein T-Shirt mit der Aufschrift „Worldwide nuclear ban now“. Bei ihrem Auftritt im Rahmen des legendären Live-Aid-Konzerts, das am 13. Juli 1985 über die Bühne ging, sang Freddie Mercury als Zugabe „Is This The World We Created…?“, lediglich von Brian May an der Akustikgitarre begleitet. Das berührende Klagelied über die Hungersnot in der Dritten Welt vom Album „The Works“ (1984) passte zwar zur Veranstaltung, überraschte aber dennoch inmitten des sonstigen Queen-Hitfeuerwerks. Fast zwei Milliarden Menschen in 150 Nationen (das waren seinerzeit 40 Prozent der Weltbevölkerung!) verfolgten das Spektakel am heimischen Fernsehgerät. Auch die Single „The Miracle“ aus dem Jahr 1989 wagte einen Kommentar zur Lage der Welt: „The one thing we’re all waiting for/ Is peace on earth/ An end to war/ It’s a miracle we need.“ Nebenbei wurden in dem Songtext die unterschiedlichsten Weltwunder besungen – auch Jimi Hendrix.

Im Jahr 2016 wurden Queen förmlich zu einer politischen Stellungnahme gezwungen: Donald Trump hatte ihre Siegeshymne „We Are The Champions“ einfach auf einer Wahlkampfveranstaltung ertönen lassen. Brian May und Roger Taylor untersagten ihm daraufhin die Nutzung des königlichen Liedguts – wie es in diesem Zusammenhang vorher auch schon R.E.M., Neil Young, die Rolling Stones und Adele getan hatten. Die beiden noch aktiven Queen-Mitglieder haben mittlerweile ein größeres Bedürfnis, sich politisch zu äußern: Roger Taylor singt auf seinem im Oktober erschienenen achten Soloalbum, „Outsider“: „Gangsters are running this world“ und antwortete kürzlich in einem Interview mit der englischen Tageszeitung „The Guardian“ auf die Frage, wer er denn am liebsten wäre außer er selbst: „Ich wäre gern Prime Minister und würde uns wieder der EU anschließen.“

Auch Brian May äußert bei jeder Gelegenheit, was er vom Brexit hält. Nämlich nichts. 2009 gründete er das Tierschutzprojekt Save Me Trust (Motto: „Giving Wild Animals a Voice“) und unterstützt über 25 weitere Hilfsorganisationen. Beim Thema Politik sprudelt er leidenschaftlich los: „Bei Musik sollte es eigentlich nicht darum gehen, jemandem seine Ansichten aufzudrängen, da geht es vielmehr darum, Emotionen zu teilen. Dennoch finde ich es schwierig, heutzutage nicht politisch zu sein. Ich widme mich sehr dem Tierschutz und den Rechten der Tiere, aber ich schließe mich keiner politischen Partei hier in England an. Trotzdem muss ich politisch sein! Weil die ganzen Probleme politisiert wurden. Themen wie Dachskeulung oder Fuchsjagd haben mitt- lerweile leider auch Einzug in Parteidoktrinen gehalten. Ich verbringe sehr viel Zeit in den Houses Of Parliament, um Lobbyarbeit zu betreiben. Aber ich trage dabei keine bestimmte Farbe – weder Konservativ noch Labour, noch Liberal. Meine Farbe sind die Tiere. Und Würde und Anstand. Es ist großartig, Musiker zu sein, aber Mensch zu sein ist die allererste Verpflichtung. Da muss man anfangen. Und für mich geht es nicht nur um die Gleichberechtigung von Menschen – Geschlecht, Farbe, Ethnizität, Religion –, sondern auch um die Gleichberechtigung aller Lebewesen. Wir haben als Spezies Mensch kein Recht, davon auszugehen, dass wir die einzigen wichtigen oder die wichtigeren Lebewesen auf diesem Planeten sind. Jedes Lebewesen verdient Respekt, ein würdevolles Leben und einen würdevollen Tod.“

Auf die Frage, welchen Titel Freddie Mercury wohl einer Queen-Autobiografie gegeben hätte, antwortete Brian May dem ROLLING STONE im Oktober 2017 amüsiert: „Freddie hätte gar nicht die Geduld gehabt, eine zu schreiben! Er ist ja immer sehr schnell von einer Sache zur nächsten gehüpft. Aber wenn, dann hätte er ihr vermutlich einen obszönen Titel gegeben.“ Und dann ergänzte er, etwas ernsthafter: „Freddie hatte damals die Idee zu dem Song ‚Was It All Worth It‘, vielleicht hätte er eine Autobiografie auch so genannt. Wäre jedenfalls ein guter Buchtitel.“ Dieser letzte Song auf „The Miracle“ (1989) ist neben dem Titeltrack von „Innuendo“ (1991) der einzige im Queen-Repertoire, der noch einmal einen Hauch des pompösen, komplexen „Bohemian Rhapsody“-Gefühls erzeugte. In „Was It All Worth It“ blicken Queen in einer irrwitzigen Revue auf ihre Karriere zurück, auf all die Unglaublichkeiten („So mystic, surrealistic!“) – inklusive eines rasanten, klassischen Orchesterteils, mit Tempowechsel und Song-im-Song-Gefühl. Es war ungewiss, wie viel Zeit dem an Aids erkrankten Mercury damals noch bleiben würde. „Was It All Worth It“ hätte auch sein letztes Lied werden können, also legte er noch einmal alles, was ihn künstlerisch ausmachte, da hinein, um am Ende des Stücks zu resümieren: „It was worth it.“

Die letzte Strophe

MERCURY WOLLTE BIS ZUM SCHLUSS singen, wollte Queen so viel Material wie möglich hinterlassen. „Mother Love“ war dann tatsächlich der letzte Song, den er aufnahm, erschienen auf dem posthum veröffentlichten Album „Made In Heaven“ (1995). Sein Wunsch war es, ein Stück wie Chris Isaaks „Wicked Game“ zu komponieren, diese würdevolle Schwermut einzufangen. Als sein Gesundheitszustand Aufnahmen zuließ, bat er May um einen Text für das Lied. Er war ebenso herzzerreißend wie treffend: „I’m a man of the world/ They say that I’m strong/ But my heart is heavy/ And my hope is gone/ (…) I don’t want pity/ Just a safe place to hide/ Mama, please let me back inside.“ Der Song wurde Zeile für Zeile aufgenommen. Dann pausierten sie, Mercury wollte das Stück „in den nächsten Tagen“ beenden, doch dazu kam es nicht mehr. Die letzte Strophe singt May selbst – es sind die Vocals von der Demoaufnahme, die ursprünglich nur für Mercury gedacht war. Der Song endet mit einer Soundcollage, die im Rückwärtsgang durch Mercurys Künstlerleben führt. Man hört Ausschnitte aus „One Vision“ und „Tie Your Mother Down“, Freddies berühmtes Call-and-Response-Spiel mit dem Publikum. Und schließlich einen kurzen Ausschnitt aus seiner Version von „Goin’ Back“, das er, als B‐Seite seiner Interpretation von „I Can Hear Music“, unter dem Künstlernamen Larry Lurex (eine Persiflage auf Gary Glitter) kurz vor dem Erscheinen des Queen-Debüts veröffentlicht hatte. Zuletzt hört man ein Baby schreien. Der Kreis schließt sich.

Mercurys Tod am 24. November 1991 versetzte die verbliebenen Bandmitglieder in tiefe Trauer. Brian May litt an Depressionen, sein 1992 erschienenes Soloalbum, „Back To The Light“, ist geprägt vom Seelengrau dieser Zeit und hat zugleich, im Titeltrack sogar, die erhoffte Resilienz schon besungen – lange bevor sie tatsächlich da war. Während May und Roger Taylor sich entschieden haben, Queen am Leben zu erhalten, kam Bassist John Deacon nach der 1997 veröffentlichten Abschiedssingle „No-One But You (Only The Good Die Young)“ zu einer ganz klaren Erkenntnis: „Es hat keinen Sinn weiterzumachen. Es ist unmöglich, Freddie zu ersetzen.“ Er verließ die Band und zog sich vollkommen zurück. Den Kontakt zu May und Taylor hat er abgebrochen. „Wenn man zurückschaut, etwa wenn man an Re-Releases arbeitet, dann sehen wir natürlich auch all das, was John in all den Jahren vollbracht hat, und ihm gebührt so viel Respekt“, lobt May. „Er war der Jüngste, als es mit Queen losging, noch nicht sehr erfahren. Und dann wurde aus ihm so ein phänomenaler, kreativer Bassist! Es gibt keinen Zweiten wie ihn. Wir haben nach seinem Bandausstieg mit vielen verschiedenen Bassisten zusammengearbeitet, und jeder sagte: Oh Mann, ich wünschte, ich würde das so wie John hinkriegen! Unsere Hochachtung vor John ist größer denn je.“ Und was würde Brian May seinem ehemaligen Bandkollegen sagen, wenn der diese Zeilen hier lesen würde? Sein Blick wird melancholisch. Man merkt, dass Queen nicht nur einen großen Verlust verkraften mussten, sondern zwei. Und dann sagt May, und das kommt so spürbar von Herzen: „We still love you, John.“

Ob man darauf hoffen darf, dass es in einem Tresor noch unveröffentlichte Aufnahmen von Freddie Mercury gibt? „Wir haben bereits sehr tief gegraben, als wir ‚Made In Heaven‘ gemacht haben“, sagt May. „Es gibt schon noch ein paar Schnipsel, aber es ist nichts wirklich Relevantes mehr übrig. Und irgendwann sollte man es auch mal gut sein lassen. Ich glaube nicht, dass Freddie sonderlich begeistert wäre, wenn wir da noch irgendwelche Fragmente ausbuddeln würden.“

Ab Mai 2022 stehen für Taylor und May, gemeinsam mit dem ambitionierten Vokalisten Adam Lambert, der sich 2009 durch seine Teilnahme an der Casting-Show „American Idol“ empfohlen hatte, wieder Konzerte an – auch drei in Deutschland: in Berlin (24. Juni), Köln (26. Juni) und München (29. Juni). Bis dahin gibt es noch einiges zu tun, verrät May. „Es muss alles wieder zusammengebracht werden: das Team, das Equipment, unsere Fitness, und natürlich müssen wir uns auch wieder in Erinnerung rufen, wie das mit dem Zusammenspielen eigentlich geht! Ich hoffe sehr, dass die Tour stattfinden kann und Covid uns nicht wieder einen Strich durch die Rechnung macht. Es ist heutzutage alles so ungewiss. Im Moment wirkt es noch wie ein Traum, das alles wieder auf das Level zu kriegen, auf dem wir uns befanden, bevor Covid zugeschlagen hat.“