Lesezeit ca. 8 Min.

»Die Mission ist das gute Leben«


Logo von Bergsteiger - Das Tourenmagazin
Bergsteiger - Das Tourenmagazin - epaper ⋅ Ausgabe 8/2022 vom 08.07.2022

Interview ∕ Bianca Elzenbaumer

BERGSTEIGER: Frau Elzenbaumer, wo steht die Cipra in 70 Jahren? Gibt es sie dann überhaupt noch?

BIANCA ELZENBAUMER: Ich hoffe schon.

Zwar nicht mehr im heutigen Sinne als Alpenschützer, denn ich hoffe, dass wir den Umschwung zu einem ökologischeren, sozialeren und nachhaltigeren Leben in den Alpen geschafft haben. Die Cipra sollte es aber für die alpenweite Zusammenarbeit und für den kulturellen Austausch noch geben. Die Idee, sich gegenseitig zu unterstützen und von den anderen Initiativen zu lernen, hat sich hoffentlich verbreitet und ist gewachsen. Die Verbindungen zwischen verschiedenen Alpendörfern, -städten und -tälern sollten gewachsen sein. Und das Verständnis, dass wir alle in einem geographischen und ökologischen gemeinsamen Raum leben, der sehr wertvoll ist.

Was war Ihr größter Erfolg in den vergangenen 70 Jahren, wenn man mal von der Vorbereitung der ...

Artikelbild für den Artikel "»Die Mission ist das gute Leben«" aus der Ausgabe 8/2022 von Bergsteiger - Das Tourenmagazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Bergsteiger - Das Tourenmagazin. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 8/2022 von Zukunft der Alpen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Zukunft der Alpen
Titelbild der Ausgabe 8/2022 von Meer, Flüsse, ewiges Eis. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Meer, Flüsse, ewiges Eis
Titelbild der Ausgabe 8/2022 von 4. BERGSTEIGER WANDERTAG. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
4. BERGSTEIGER WANDERTAG
Titelbild der Ausgabe 8/2022 von Bergsteigerdörfer auf dem Vormarsch. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Bergsteigerdörfer auf dem Vormarsch
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Der Mythos
Vorheriger Artikel
Der Mythos
Harte Schale, weicher Kern
Nächster Artikel
Harte Schale, weicher Kern
Mehr Lesetipps

... Alpenkonvention absieht?

Zum Beispiel?

Klimawandel, Biodiversität oder Wasserkraft. Es waren ja Wissenschaftler, die die Cipra gegründet haben. Wir waren ganz zu Anfang eine Kommission der IUCN, der International Union of Conservation of Nature. Es wurde mit den Jahren immer wichtiger zu schauen, wie man dieses von Naturwissenschaftlern generierte Wissen so vermittelt, dass es für jede und jeden, die in den Alpen wohnen verständlich ist. Diesen begreifbar machen, warum es wichtig ist zu handeln und manchmal auch nicht zu handeln.

Nicht handeln, was meinen Sie damit?

In manchen Gebieten musste sich der Mensch mit seinen Bedürfnissen zurücknehmen, um der Natur eine Chance zu geben. Bei unseren Recherchen zum 70.

Geburtstag haben wir mit vielen aus der alten Garde der Cipra Interviews geführt.

Im Ergebnis kann man sagen, dass es den Alpen mit Sicherheit schlechter ginge, hätte es die Cipra nicht gegeben.

Können Sie in einem Satz sagen, was die Mission der Cipra ist?

Die Mission ist das gute Leben in den Alpen, für Menschen und alle anderen Lebewesen.

Also spielen auch soziale Themen eine Rolle.

Definitiv. Wir stehen nicht nur für Naturschutz, also Arten- und Pflanzenschutz, sondern für das Thema: Menschen leben in den Alpen und kümmern sich um sie.

Wir würden nie sagen, lasst uns die Alpentäler verlassen. Das ist definitiv nicht unsere Position.

BIANCA ELZENBAUMER

Die 42-jährige Professorin für Designforschung war fast zehn Jahre lang an Hochschulen in Großbritannien tätig und ist seit 2019 wieder zurück in den Alpen. Dort baute die gebürtige Südtirolerin die Gemeinschaftsakademie La Foresta auf, die sich für den ökosozialen Wandel einsetzt. Bianca Elzenbaumer spricht Deutsch, Italienisch, Englisch und Französisch und ist damit prädestiniert für das Ziel der Cipra International, die acht Alpenländer zu stärkerer Zusammenarbeit zu führen. Dabei kommt ihr auch der Master in Internationaler Friedensarbeit und Konfliktmediation an der Universität Bologna zugute und ihre Lust am Erleben anderer Kulturen:

Sie arbeitete in Palästina, Polen, Deutschland und England. Dort hatte sie von 2016 bis 2021 eine Professur in Designforschung an der Leeds Arts University inne und wurde Expertin für Partizipation, Co-Design, Commons und Gemeinschaftsökonomien. Seit 2021 ist sie zusammen mit Serena Arduino Co-Präsidentin der Internationalen Alpenschutzkommission Cipra.

Die frühere professionelle Snowboarderin lebt mit ihrem sechsjährigen Sohn und ihrem Partner in einem kleinen Dorf neben Rovereto im Trentino.

Mit ihrer Mehrsprachigkeit bringt Bianca Elzenbaumer beste Cipra-Zutaten mit.

» Lasst uns neu erfinden, wie wir als Menschen in den Alpen leben können! «

Sondern?

Lasst uns neu erfinden, wie wir als Menschen in den Alpen leben können. Wir wollen längst nicht mehr nur Projekte stoppen, die der Umwelt schaden. Wir wollen aufzeigen, wie es anders sein könnte, welche tollen Projekte und Entwicklungsmöglichkeiten es gibt. Und wir wollen Vorschläge machen und nicht nur Blockaden. Das brauchen wir auch, um uns gegenseitig Mut zu machen, weiter zu kämpfen. Es gibt ja schon Dörfer und Talschaften, die sich nach einer nachhaltigen Lebensweise ausrichten.

Was versteht die Cipra unter »dem guten Leben«?

Es bedeutet, dass man sich an dem Ort, an dem man lebt, wohlfühlt. Dazu gehört, dass man sich als Teil der Gemeinschaft empfindet, dass man aktiv mitbestimmen kann, aber auch, dass man sich mit der Natur in Verbindung fühlt. Dazu gehört ein gutes Verständnis dafür, wie Natur und Mensch zusammenhängen und wie wir uns gegenseitig stützen können. Wir wollen Hirn und Herz im Alltag zusammenbringen – und so altes Kulturgut beleben und neues Einkommen schaffen.

Warum kennen selbst viele Bergmenschen die Cipra nicht?

Das ist ein Rätsel, das ich auch gerne gelöst hätte. Vielleicht kommunizieren wir uns zu starr. Allein unser Name »Commission Internationale pour la Protection des Alpes« klingt hochgestochen und irgendwie weit weg. Wir sind aber gar nicht bürokratisch. Wir sind ein sehr junger, dynamischer Verein und arbeiten mit sehr partizipativen Methoden und sind Experten in partizipativer Demokratie. Vielleicht verstecken wir uns zu oft und sind zu bescheiden. Mein Wunsch wäre es, dass Cipra ein bekannter Name ist, mit dem man sich identifiziert. Ein Verein, dem man beitreten kann und den man mit dem guten Leben in den Alpen verbindet.

Wie wollen Sie dorthin kommen?

Wir haben jetzt viele Leute dabei, die um die 20 Jahre alt sind und die darauf pochen, dass wir viel mehr Werbung in eigener Sache machen sollten. Wir Älteren müssen da umdenken. Wie man den Alpenverein kennt, so sollte man auch die Cipra kennen. Wir haben aktuell die Diskussion, ob wir anders heißen sollten.

Unser Name sollte unser Programm widerspiegeln.

Was ist falsch gelaufen in der Vergangenheit?

Inhaltlich lief nichts schief. Wir sind bis heute die einzige Organisation, die auf den ganzen Alpenraum spezialisiert, in allen acht Alpenländern in allen großen Alpensprachen tätig ist, die Probleme benennt und Lösungen erarbeitet. Nur sind wir keine Mitglieds- sondern eine Dachorganisation von insgesamt rund 100 lokalen und regionalen, zum Teil nationalen Umwelt- und anderen Organisationen. Das heißt, vielerorts kennt man nicht uns, sondern die jeweiligen lokalen Projektverantwortlichen und ihr Tun.

Warum ist die Alpenkonvention, die die Cipra ja maßgeblich vorbereitet hat, ein eher zahnloser Tiger geblieben?

Sagen wir so: Die meisten Zähne sind – bis auf jene im Verkehrssektor – leider nicht besonders scharf, da sie auf einem Kompromiss unter allen Alpenländern beruhen. Einerseits sind wir sehr froh, dass es die Alpenkonvention gibt und auch stolz darauf, dass wir damals genügend Druck gemacht hatten. Heute wäre ein solch länder- und themenübergreifendes Vertragswerk nicht mehr möglich. Andererseits sind wir selbst enttäuscht, dass sie nicht mehr greift. Ich glaube, wir haben uns oftmals in unserem Kommissionsdenken verlaufen. Da sitzt man dann an Konferenztischen und feilt an Sätzen herum, und dabei werden die Zähne abgeschliffen. Hinzu kommt, dass die Alpenkonvention nur ein ausgesprochen schwaches Compliance-Verfahren kennt, in welchem die Länder über sich selbst und sogar im Konsensverfahren richten.

Acht Alpenländer, acht Regierungen, achtmal unterschiedliche Alpenpolitik.

Das supranationale Regelwerk scheitert vermutlich immer wieder genau an dieser Tatsache.

Für manche Länder ist die Alpenkonvention nur ein ganz kleiner Fisch. Etwa für Italien, denn dort liegen die Alpen weit weg von Rom und behindern seit je die Expansion nach Norden, obwohl Italien den größten Anteil des alpinen Perimeters besitzt. Andere nationale Interessen gehen vor, die Alpenkonvention ist der italienischen Regierung mehr Hemmschuh denn Chance.

» Wir sind oft die Mahner und Opt imierer. Das ist auch gut so. «

Die Alpenkonvention und ihre Durchführungsprotokolle sind ein rechtsverbindliches Vertragswerk und ihre Bestimmungen könnten in Genehmigungsverfahren durchgesetzt werden.

Warum passiert das nicht?

In Österreich passiert das. Dort hat die Cipra mit dem Alpenkonventionsbüro und der Rechtsservicestelle ein Angebot für Behörden, Umweltorganisationen und Zivilgesellschaft eingerichtet, die bei der rechtlichen Anwendung der Alpenkonvention unterstützt. Dies führt auch zu Abweisungen von Skigebietserweiterungen oder wie zuletzt, zur Aufhebung einer Verordnung durch den Verfassungsgerichtshof, mit dem ein Naturschutzgebiet verkleinert werden sollte. Der Teufel liegt aber im Detail.

Was heißt das?

Wenn man über die Alpenkonvention drüberliest, dann hat man das Gefühl, nationale Gesetze würden die jeweilige Thematik bereits abdecken. Nur stimmt das oft nicht. Rodungen in Schutzwäldern müssen zum Beispiel notwendige Maßnahmen für die Schutzwaldpflege oder -verbesserung darstellen. Der Bau von Skipisten in Schutzwäldern ist nach dem Bodenschutzprotokoll nur in Ausnahmefällen und bei Durchführung von Ausgleichsmaßnahmen zulässig. Handelt es sich um labile Gebiete, dürfen derartige Vorhaben generell nicht genehmigt werden.

Nehmen wir ein aus Sicht von Alpenschützern extremes Negativbeispiel: Im Pitztal und Ötztal planen Seilbahnbetreiber einen Skigebietszusammenschluss. Wie groß ist der Einfluss der Cipra, das Mega-Projekt zu stoppen?

Die Cipra International hat dort das Einspracherecht im Fall Zusammenschluss der Skigebiete Pitztal-Ötztal ausgeübt. Das Verfahren wurden von den Projektanten inzwischen auf Eis gelegt. Üblicherweise sind solche Gerichtsfälle jedoch Sache der nationalen Cipras und ihrer Mitgliedsorganisationen. Die Cipra International arbeitet hauptsächlich an Fragen, die den gesamten Alpenbogen angehen, wie aktuell die italienische Cipra zusammen mit jener in Südtirol rund um die Winterolympiade 2026 Cortina-Milano. Hier sind wir oft die Mahner und Optimierer, damit nicht allzu viele Bausünden entstehen oder gar Illegalitäten geschehen – und das ist auch sehr wichtig.

Was kann die EU leisten, um die Alpenkonvention nach vorne zu bringen?

Die EU und ihre Organe könnten Aufklärungsarbeit leisten. Dass jeder EU-Bürger versteht, wie wichtig die Alpen für ganz Europa sind. Es ist, nach dem Mittelmeer, das zweitgrößte Biodiversitätsreservoir Europas. Und es ist das Wasserschloss Europas, sehr viele Metropolen und Agrargebiete hängen vom Wasser der Alpen ab. Und es ist ein großes Erholungsgebiet. Leider werden die Alpen in Brüssel oft eher als Hindernis für den Personen- und Warenverkehr angesehen, weshalb man Tunnels buddeln muss.

Wie kann man kulturelle Identität in den Regionen bewahren und stärken?

Was uns alle vereint, ist das Gefühl, dass wir zum Berg gehören und der Berg zu uns. Wir sind die Berge. Die jeweiligen Identitäten hängen davon ab, was man lokal isst, welche Dialekte man spricht, wie man früher im Dorf seinen Lebensunterhalt bestritten hat. Auch zeitgenössische Alpenmusik bildet ganz stark Identität.

» Was uns alle vereint, ist das Gefühl, dass wir zum Berg gehören und der Berg zu uns. Wir sind die Berge. «

Der Alpenjugendrat hat das Youth Alpine Interrail-Ticket ins Leben gerufen, mit dem man den ÖPNV überall in den Alpen nutzen kann.

Wird es das bald für alle geben?

Wir sind auf halben Weg. Jeden Sommer kriegen 150 bis 200 junge Menschen so ein Ticket. Im Moment ist das ein Gutschein, um Zug- und Bustickets zu kaufen.

Wir wollten das einfach mal umsetzen, auch wenn sich die Bahn- und Busunternehmen noch längst nicht zusammengeschlossen haben. Über das Yoalin-Ticket bekommen wir total geniale Leute in die Cipra rein. Leute, die sich wirklich für andere Kulturen interessieren und die ein ganz starkes Umweltbewusstsein haben.

In den Alpen steigt die Temperatur doppelt so schnell verglichen mit dem globalen Mittel. Die Cipra hat 2016 in ihrem Alpinen Klimabeirat mit einem Bündel von Maßnahmen reagiert und die Alpenstaaten darauf verpflichtet.

Wie stark ist das Klima-Engagement wirklich? Die Klimakrise ist drängend, nur ist vielen nicht klar, dass damit auch ein gewaltiger Biodiversitätsverlust einhergeht. Auf dem Papier haben wir sehr ehrgeizige Ziele, es geht jetzt darum, dass wir sie umsetzen. Die Cipra sieht ihre Aufgabe darin, top down und bottom up miteinander zu verbinden. Die Richtlinien gibt es, nun sind die einzelnen Akteure gefragt.

Ein Beispiel?

Die Cipra selbst muss nun endlich klimaneutral werden – eine Frage der Glaubwürdigkeit. Transit ist ein Riesending, da muss viel passieren. Auch am Tourismus muss stark gedreht werden, damit wir klimaneutral werden.

In Richtung sanfter Tourismus?

Ja, und zwar ganzheitlich betrachtet: Wie reisen die Leute an, wie bewegen sie sich vor Ort, was essen sie dort. Es ist ein 360-Grad-Programm, was wir da als Menschheit abliefern müssen.

Die Netzwerke »Allianz der Alpen« und »Alpenstadt des Jahres« sollen den Weg ebnen, indem sich Orte austauschen und dabei gegenseitig mit Ideen befruchten. Ist das der Weg in die Zukunft?

Wir möchten, dass das nachhaltige Leben in den Alpen zum Trend wird. Wir müssen verstehen lernen, was die richtigen Hebel dazu sind und wer dabei sein muss, damit es zum Trend wird. Dann sieht die Zukunft rosig aus.