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DIE MÜTTER-WG: Hinter dieser Tür leben 3 Frauen, 6 Kinder. Und kein Mann


myself - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 09.01.2019

Die Zahl der Alleinerziehenden steigt. Die Engländerin Janet Hoggarth und ihre Freundinnen haben sich deshalb zusammengetan und eine WG gegründet. Willkommen in der Mommune!


Artikelbild für den Artikel "DIE MÜTTER-WG: Hinter dieser Tür leben 3 Frauen, 6 Kinder. Und kein Mann" aus der Ausgabe 2/2019 von myself. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

FOTOS: JANET HOGGARTH


Wenn Janet bei ihrer Freundin Vicky anruft, erscheint im Display immer noch „spouse“, das englische Wort für „Gattin“. Doch um Missverständnissen vorzubeugen: Die beiden waren nie verheiratet. Nicht mal liiert. Konservative Nachbarn in East Dulwich, einem Stadtteil im südöstlichen London, haben sich womöglich dennoch gewundert, was sich da so tut in dem viktorianischen Haus: Zwei Jahre lang lebten Janet und Vicky ...

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... hier zusammen mit Nicola, einer weiteren Freundin, in einer „Mommune“ – einer Lebensform, die sich aus den Begriffen „Mom“ und „Kommune“ zusammensetzt.

Vier Zimmer, zwei Bäder, eine große Wohnküche im Erdgeschoss, drei Mütter, sechs Kinder – die Mommune war nicht von langer Hand geplant worden, auch kein staatlich gefördertes Vorzeigeprojekt, kein politisches Statement. Man könnte eher sagen, die Mütter-WG musste entstehen, weil eine sehr weibliche Mischung aus Verzweiflung und Pragmatismus zusammenkam – das Leben hatte Janet Hoggarth, DJane und Jugendbuchautorin, kurz zuvor ordentlich Schlagseite verpasst: Ihr Mann war ausgezogen – wegen einer anderen. Sie blieb zurück mit den Töchtern Lilla, 6, Teya, 4, und Sohn Danny, 2, und einer Menge Probleme. „Unsere Ehe hatte sich in eine klebrige Pampe verwandelt, trotzdem kämpfte ich mit schlimmstem Liebeskummer und dem Gefühl, einfach ausgetauscht worden zu sein“, erzählt die 48-Jährige.

Auch Janets Freundin Vicky hatte zu jener Zeit mit einer bitteren Enttäuschung zu kämpfen: Ihr Lebensgefährte hatte sich vier Tage nach der Geburt der gemeinsamen Tochter Daisy aus dem Staub gemacht. Das Haus stand zum Verkauf, eine neue Bleibe war bei den horrenden Londoner Mietpreisen nicht in Sicht. Janet überlegte nicht lange: Sie bot Vicky an, mit dem Baby zu ihr und den Kindern zu ziehen.

Kurze Zeit später lief Janet Nicola über den Weg. Die beiden hatten sich in einer Baby-Krabbelgruppe kennengelernt – auch sie war mittlerweile Single-Mom. „Wir mussten nicht viele Worte machen, um zu verstehen, wie sich die andere fühlt“, sagt Nicola.

Die drei Frauen taten sich zusammen. Renovierten, richteten ein Spielzimmer ein und strichen es hellblau, kauften neue Teppiche, brachten eine XXL-Pinnwand an – für die Bilder von allen Kindern. Während Vicky und Daisy permanent bei Janet lebten, kam Nicola mit ihren Töchtern Martha, 8, und Eliot, 4, nur an den Wochenenden dazu. Bald schon fühlte sich das Haus, das Janet nach der Trennung loswerden wollte – inklusive aller schmerzhaften Erinnerungen –, für alle wie ein richtiges Zuhause an.

Patchwork-Familie 2.0: Nicola, Janet und Vicky (v. l.) mit zwei ihrer Kinder. Die Freundinnen waren bei Janets zweiter Hochzeit die Trauzeuginnen.


Die Frauen wechselten sich im Haushalt ab, Janet übernahm den Papierkram, Vicky backte, Nicola kochte das gemeinsame Sonntagsessen. Janet brachte der kleinen Daisy das Durchschlafen bei, Vicky stauchte, wenn es sein musste, Janets Sohn Danny zusammen, mit teils größerer Wirkung als bei Janet.

Die Wochenenden mit den Vätern der Kinder wurden so synchronisiert, dass es mindestens ein freies Mommune-Wochenende im Monat gab. Dann wurde gefeiert. „Während der ganzen Zeit“, so Janet, „teilten wir unseren Kummer, konnten wütend sein. Dann aber auch vor Freude durchdrehen.“

Die üblichen WG-Scharmützel – wer putzt das Klo, wem gehört der Frischkäse, der seit drei Wochen im Kühlschrank schimmelt? – gab es nicht. „Wenn irgendwo etwas rumlag, machte man es halt weg. Wer so etwas Fürchterliches wie eine Scheidung überlebt hat, für den ist ein bisschen Unordnung harmlos.“

Etwas Disziplin brauchten sie aber trotzdem, betont Janet: „Natürlich hatten wir nicht alle den gleichen Erziehungsstil. Vicky beispielsweise verteilte hin und wieder Extrasüßigkeiten an die Kinder. Aber in den wesentlichen Fragen waren wir uns einig und vertrauten einander genug, um unangenehme Dinge anzusprechen.“

Doch während sich die Frauen bewusst für dieses Lebensmodell entschieden hatten, waren die Kinder nicht gefragt worden, es hätte also auch schiefgehen können. Tat es aber nicht. Vielleicht, weil niemand von ihnen verlangte, Geschwister auf Knopfdruck zu sein. Selbstverständlich gab es Streit, aber letztlich überwog das Gefühl der Geborgenheit. „Dass wir uns gegenseitig hatten“, sagt Vicky, „sorgte auch dafür, dass sich die Trennung der Eltern für die Kinder nicht seltsam anfühlte. Sie wussten: Da sitzen noch andere im gleichen Boot, denen es ähnlich geht wie uns. Wir machten auch normale Dinge – in den Park gehen oder schwimmen –, ohne dass es sich unvollständig anfühlte. Der gegenseitige Support machte uns außerdem zu emotional stabileren Müttern, als wir es jede für sich gewesen wären.“

Während ihrer WG-Zeit begannen die drei Frauen aufzuleben. Janet schrieb wieder, unter anderem einen Blog über das Leben in der Mommune. Vicky kehrte in ihren Job als Stylistin zurück, beruhigt, weil Janet und die anderen nach Daisy schauten. Das Haus wurde immer häufiger zum Treffpunkt vieler Frauen. Als Prinz William Kate Middleton hei- ratete, schmissen die drei die beste Party der Mommune-Zeit: „Alle Gäste“, so Janet, „sollten im Hochzeits-Outfit kommen, auch die Kinder. Ich zog mein altes Hochzeitskleid an und begoss es ausgelassen mit Rotwein. Die Kinder schliefen am Ende alle in einem Raum, das Haus war ein Schlachtfeld, aber es war großartig.“

Männer – brauchte die noch jemand? Im Grunde, meint Janet, habe ihr diese Form des Zusammenlebens alles gegeben, was sie in einer Beziehung mit einem Mann gesucht hätte: jemand, mit dem man sich austauscht, Erlebnisse teilt, das Familienleben genießt. Auf Augenhöhe und ohne zu viel Drama.

Sie hätte wunderbar so weiterleben können, doch dann lernte Janet Neil kennen. „Ich spürte, was ich alles für ihn aufgeben könnte, ließ es aber sehr langsam angehen.“ Auch Vicky und Daisy waren so weit, dass sie nicht mehr nur ein Zimmer für sich haben wollten, und Nicola startete im Job noch mal durch. „Es schien, als wären wir alle zum gleichen Zeitpunkt bereit gewesen, den Kokon zu verlassen und wieder neu anzufangen.“


„Ich zog das alte Hochzeitskleid an und begoss es ausgelassen mit Rotwein“


Neil zog zu Janet, die anderen Frauen zogen aus. Die drei wohnen weiter nah beieinander, sehen sich jede Woche. Geburtstage und Weihnachten feiern sie nach wie vor gemeinsam. Vicky und Nicola waren Trauzeuginnen bei Janets und Neils Hochzeit, alles andere hätte sich nicht richtig angefühlt, sagt Janet heute. Letztes Jahr erschien ihr Blog als Buch in England: „The Single Mums’ Mansion“. Es läuft gut. So wurde aus dem Lebensauch noch ein Geschäftsmodell.

Janet Hoggarth,The Single Mum’s Mansion

„Wenn der Mann auszieht, lass die besten Freunde einziehen“, so der Untertitel des Buchs. Mommune-Erlebnisse hautnah.