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DIE NACHT, IN DER ZWEI SCHÜSSE FIELEN


Das Satiremagazin EULENSPIEGEL - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 29.08.2019
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Bildquelle: Das Satiremagazin EULENSPIEGEL, Ausgabe 9/2019

Ich erwachte von einem Geräusch – ein Räuspern oder ein Furz. Stockfinstere Nacht. Ich war sofort hellwach: Jetzt war es also so weit, einmal musste es ja so kommen! Fast war ich erleichtert.

Wie bei einem Turner am Reck jegliche Bewegungen seiner Kür unaustilgbar in jeder seiner Sehnen, in jedes Glied, in Lunge, Herz und Hirn eingeschrieben sind, so wusste auch mein Körper sofort, was zu tun war. Ich war vollkommen ruhig, ja kalt, fischte nach dem Revolver am Kopfende des Bettes, entsicherte unter dem Kopfkissen (Geräusch!), erhob mich lautlos, mied die dritte, die knarzende Stufe die Treppe hinab, sah ...

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... durch die offene Wohnungstür zwei dunkle Gestalten – die eine hielt sich eine Taschenlampe vors Gesicht, vielleicht, um auf die Uhr zu schauen: Ich schoss! Sofort fiel ein zweiter Schuss, jetzt stirbst du, dachte ich, Schreie, furchtbare Schreie.

Dann machte jemand den Deckenfluter an. Auf dem Sofa saßen die Nachbarn Klaus und Irene. Klaus brüllte und presste die Hände auf die Augen, Irene – sie hielt noch die Waffe in der Hand – teilte mir sachlich mit: »Jetzt hast du ihn aber erschossen.«

Richtig dicke miteinander waren wir nie – guten Tag und guten Weg, mehr nicht. Bis vor einem halben Jahr, da kamen die beiden mit der Zeitung in der Hand an meine Tür. Die Flüchtlinge, die Polen, die Einbrüche! Und die Polizei? Da kannste lange warten! Die Zeitung schrieb, es reiche nicht aus, Alarmanlage und Hund zu installieren, man müsse vielmehr »den Einbruch-schutz leben«. Er und Irene, sagte Klaus, hätten schon den Sozialismus gelebt, was er von mir und meiner Frau auch annehme. Da sollte es uns doch nicht schwerfallen, auch den Einbruchschutz zu leben.

Das Konzept ist einfach: Wenn bei uns keiner zu Hause ist, bitten wir die Nachbarn, ab und zu Anwesenheit in unserem Haus zu simulieren. Und wenn Klaus und Irene das Grundstück verlassen, machen wir bei ihnen Bambule, nach dem Solidarprinzip. Wenn alle bei sich zu Hause sind, schreibt die Zeitung, sollen wir uns still verhalten, die Räume verdunkeln und möglichst wenig atmen – also Abwesenheit simulieren –, um die kriminellen Polen auf frischer Tat zu ertappen. Damit würden wir der Polizei die Arbeit erleichtern.

Das machen wir, sagten alle vier. Und es funktionierte wunderbar. Waren wir weg, leerten Irene und Klaus unseren Briefkasten, denn ein überquellender Briefkasten signalisiert dem Dieb leichte Beute. Im Winter machten sie manchmal den Kamin an und ließen Rauch aus dem Schornstein steigen. Sie plauderten auch mit unserer Alexa, denn wer weiß – vielleicht macht Amazon mit den polnischen Banden gemeinsame Sache. Als wir Weihnachten auf Lanzarote weilten, beschallten sie unser Gehöft mit »Elvis – the great-est Christmas Hits«. Einmal, an einem Samstagmorgen, waren wir nur kurz einkaufen und als wir zurückkamen, hatten Klaus und Irene die Wiese gemäht. Eine »überfällige Mahd«, er-klärten sie, deute auf ein verlassenes Grundstück hin.

Um die subjektive Sicherheit zu erhöhen, hatte sich jede Partei eine Schreckschusspistole zugelegt (kleiner Waffenschein!), die bei den dienstlichen Einsätzen mitzuführen war. Auf einer kleinen Party in Nachbars Garten, auf der aber nur meine Frau und ich anwesend waren, weil Klaus und Irene auf unser Haus aufpassten, schworen wir uns gegenseitig, die Waffe nur in Notwehr anzuwenden.

Blöd war eigentlich nur, dass jede Woche die terminliche Feinabstimmung in den Einsatzplan »Gelebter Einbruchschutz« eingetragen werden musste. Alles mit der Hand, denn den Computer benutzten wir aus Angst vor Hackern nicht. Auch fand ich immer, dass mein Dienst bei den Nachbarn der anstrengendere war, denn ich musste, wenn sie in Berlin in der Oper waren, das Bellen ihres Terriers Boy simulieren und zwar nicht im Haus, sondern vom Zwinger aus. Wenn die beiden in der Oper waren, bellte das Vieh nicht. Auch dass sie, wenn sie für den fraglichen Tag mit unserer Abwesenheit rechneten, schon morgens früh um fünf unsere Rollos hochrissen, fand ich übertrieben. Und dass sie in unserem Pool planschten, während meine Frau beim Friseur und ich im Vormittagsbordell war, fand ich regelrecht heikel. Schließlich musste ich mir bei Irene auch verbitten, dass sie meine Unterhosen von der Leine holte (trockene Wäsche auf der Leine sagt dem Dieb, dass die Hausfrau nicht zu Hause oder betrunken ist).

Aber ansonsten war alles prima, wir lebten den Einbruchschutz, wie es sich die Polizei nicht besser wünschen konnte. Bis zu jener unheilvollen Nacht, als wir alle hätten tot sein können.

»Wieso sitzt ihr in unserem Haus, wenn wir doch zu Hause sind?«, schrie ich die beiden Nachtgestalten an.

»Na, wieso wohl«, äffte Irene (Klaus schrie immer noch, offenbar vor Schmerzen). »Der neu-este Trick der Einbrecher ist doch, nicht mehr dann einzubrechen, wenn ein Haus leer steht, denn dann ist es wegen des gelebten Einbruchschutzes ja viel zu gefährlich, sondern wenn die Senioren in der oberen Etage arglos schlafen! Dem konsequent entgegenzuwirken – das ist gelebter Einbruchschutz.«

»Und wer passt inzwischen auf euer Haus auf?«, fragte ich.

»Nicht nötig«, erwiderte Irene, »bei uns schläft ja keiner, da kommen sie nicht.«

Klaus jammerte immer noch. Irene und ich einigten uns schnell, dass nicht zu ermitteln sein würde, aus welcher Waffe er getroffen worden war, und dass eigentlich gar niemand geschossen hat. Klaus ist erblindet, aber guter Dinge. Schon aus der Klinik heraus ließ er meine Frau und mich wissen: »Wir machen weiter – Blinde ersetzen mit der Zeit den fehlenden Sinn durch ein ausgezeichnetes Gehör!«