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Die NÄCHSTE, bitte!


Für Sie - epaper ⋅ Ausgabe 21/2019 vom 09.09.2019

Ein bestürzendes Phänomen: Männer, die nach Trennungen gleich wieder eine Neue am Start haben. Fassungslos fragen wir, ob das wirklich Liebe sein kann. Ob der Mann überhaupt bindungsfähig ist. Oder nur oberflächlich. Liegen wir falsch?


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Bildquelle: Für Sie, Ausgabe 21/2019

Schau, sagt die Freundin, die seit nicht mal sechs Monaten getrennt ist, und klickt auf die Homepage, um zu zeigen, was Sache ist. Die Freundin, nennen wir sie Lila, und ihr Ex, nennen wir ihn Sören, waren fünf Jahre lang nicht nur optisch ein Hingucker, sondern galten auch beruflich als Dreamteam. Hand in Hand schien ihre Film-Produktion zu laufen. Kamera, Regie – zwei ...

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... Köpfe, so schien es, das war die Firma. Und jetzt? Hier, sagt Lila fassungslos: Von der Website, von der einst sie den interessierten Kunden entgegensah, schaut jetzt das Gesicht einer anderen Frau. Mit den gleichen Szenen aus dem Arbeitsalltag wie bisher wird für die Produktionsfirma geworben: das Team hinter der Kamera, beim Interview, beim Schneiden. Nur dass das Team jetzt eben nicht mehr aus Sören und Lila besteht, sondern aus Sören und einer anderen.

„Er hat mich ausgetauscht“, sagt Lila. Er wirkt rastlos, sagen die, die das einstige Couple kennen und die jetzt erst Sören und dann Lila begegnen. Auf der Flucht vor sich selbst sei ihr Ex, wird Lila gegenüber gemunkelt. Ihr tut es gut, das zu hören. Ja, sie macht es besser, stellt sich dem Schmerz, geht da durch – und dann, eines Tages, hoffentlich entsprechend gestärkt und sensibilisiert, in eine neue Liebe.

Beziehungs-Hopping, warmer Wechsel – es klingt nicht nett, wenn wir über ein Phänomen reden, das vor allem bei Männern verbreitet scheint: Kaum einen Schlussstrich unter die alte Liebe gezogen, flattern schon neue Schmetterlinge. Außenstehende wundern sich: Ist das nicht pietätlos? Gehört zu einer Trennung nicht auch erst einmal Trauer? Klar tun sich damit weitere Fragen auf: Ob er wirklich diese neue Frau meint? Oder geht’s hier eigentlich um etwas ganz anderes?

Was treibt sie, die Boris Beckers und Lothar Matthäusse, die sich scheinbar spielerisch ver- und entlieben? Die kein Problem damit zu haben scheinen, auf die Scheidung eine Hochzeit folgen zu lassen, auf die wiederum die Scheidung folgt, damit man prompt noch einmal heiraten kann?


„Ist das Leben nicht zu kurz für unglückliche Beziehungen?“
PAARTHERAPEUT ERIC HEGMANN


Können solche Beziehungen überhaupt je wirklich Tiefe haben? Muss man dafür nicht aus- und durchhalten können, vor allem dann, wenn es mal nicht so gut, so rundläuft?

„Ist das Leben nicht zu kurz für unglückliche Beziehungen?“, hält der Hamburger Paartherapeut Eric Hegmann ein wenig provokant dagegen. Er wolle nicht falsch verstanden werden, stellt er klar: Gerade ihm sei natürlich bewusst, was Beziehungsarbeit bewirken könne. Und dass Krisen oft Entwicklungsfelder seien. Trennungen pauschal zu Bankrotterklärungen zu machen und zumindest einen der Partner unwillig zu nennen, das allerdings wäre zu kurz gedacht.

haben sich gewandelt. Die Gründe, auseinanderzugehen, sind mittlerweile komplex geworden, das ist Fakt. „Vergessen wir nicht, dass es auch eine Errungenschaft ist, dass Ehen heute geschieden und Verbindungen, die nur noch Fassade sind, gelöst werden können“, gibt Hegmann zu bedenken.

So etwas wie ein unausgesprochenes Gesetz allerdings scheint dabei, dass der direkte Switch von Beziehung A zu Beziehung B ein No-Go ist. Nach dem Motto: Das Leben ist zwar zu kurz für schale Beziehungen. Aber allemal lang genug, um nach einem Liebes-Aus erst einmal Pause zu machen.

Zum guten Ton gehört es, die Trennung aufzuarbeiten, sich Fragen zu stellen. Woran lag’s? Klammer auf: bei mir, beim Gegenüber? In Zeiten der Selbstoptimierung wollen wir besser werden, uns entwickeln. Analysen können helfen, damit sich Fehler nicht wiederholen, glauben wir. Und beginnen, das Geschehene wie ein Puzzle in all seine Teile aufzudröseln.

was falsch gemacht hat, fragen wir, und wieso es dann schwierig wurde. „Die Überzeugung, nur genug an sich arbeiten zu müssen, um es dann beim nächsten Mal alles besser hinzukriegen, ist verbreitet“, weiß Hegmann. Der Reflex, ein Gegenüber zu verurteilen, das sich genau dieser Arbeit offensichtlich verweigert, ebenso. Kann ja wohl nicht angehen, dass der oder die andere einfach glücklich ist, während man selbst mit der Sache so tüchtig zu tun hat.

Wie heißt es doch so schön? Missgunst ist die Schwester mangelnder Selbstliebe. Eric Hegmann hat es gern einen Tick weniger pathetisch. Von der Fähigkeit, mit sich befreundet zu sein, spricht er. „Wer das kann, schaut zumindest längerfristig versöhnlicher auf Ex-Beziehungen, ob der Verflossene nun schnell wieder gedatet hat oder im Single-Dasein versauert.“ Ob seine Gefühle wirklich tief gehen oder eher oberflächlich sind? So what … Wie es dem anderen offensichtlich geht, das darf sein, auch wenn wir es für uns selbst so nie haben wollten.

VIELES SEI DENKBAR, sagt der Paartherapeut. Witwer, die bald nach dem Tod der Frau eine weitere große Liebe gefunden haben, hat er erlebt, Klammeräffchen, die aus Angst vor dem Alleine-Sein blitzartig in fremde Wohnungen gezogen sind, Sexsüchtige, denen es offensichtlich wirklich um nichts anderes als schnelle Triebbefriedigung ging. „Alles ist möglich, wir Menschen sind ja bekanntlich Individuen“, sagt Hegmann. Und er sagt auch, dass seiner Meinung nach vor allem Frauen Gefahr laufen, im Bewerten entsprechender Szenarien besonders absolut und rigoros zu sein.

Das ist insofern erstaunlich, da es ja meist die Frau ist, von der die Trennung ausgeht, wie Studien zeigen. Weitere Studien belegen: Männer leiden darüber hinaus mehr unter dem Beziehungs-Aus. „Während Frauen das bessere soziale Netz haben, um sich auszutauschen und aufzuarbeiten, verlieren Männer nachweislich öfter den Job, die Wohnung, auch Suizide nach Trennungen kommen vergleichsweise häufiger vor“, weiß Eric Hegmann. Ruck, zuck eingegangene Lieben als Mittel zum Zweck zu sehen, als reinen Schutz vor dem freien Fall, das liegt da natürlich auf der Hand.

Und tatsächlich, sagt die Küchenpsychologie, macht es ja einen himmelweiten Unterschied, ob ich die Sache beendet habe. Oder ob ich den Laufpass bekommen habe und quasi gezwungen bin, damit umzugehen. Wie gesagt: „Der warme Wechsel als Strategie gegen den gekränkten Stolz, als Selbstpolitur, als Maßnahme gegen das Alleine-Sein oder für ein schwaches Ego, das sich nur zu zweit komplett fühlt, all das liegt nahe“, so Hegmann. Schaut her, an mir liegt es nicht, scheint der Kerl mit neuer Begleitung an seiner Seite sagen zu wollen.

Durchschaubar ist es, das Muster. Und doch verletzt es, wenn das, was man mit einem Menschen geteilt hat, so leicht wiederholbar zu sein scheint. Oder, fast noch schlimmer: wenn das glatte Gegenteil einer Wiederholung geschieht. Wenn vermeintliche Vorlieben des Ex-Partners plötzlich passé sind und an ihm ganz neue Seiten zum Vorschein kommen.

DIE STROHBLONDE, leptosome Lila, deren Platz jetzt eine kurvige Dunkelhaarige hat, ist da ein noch eher harmloses Beispiel. Verblüfft reagiert das Umfeld, wenn einer, der die Welt bereisen und nie Kinder wollte, mit einer anderen plötzlich bodenständig wird und einen auf happy Family macht. Der Ex gegenüber ist das gemein. Klar, dass wir als gute Freunde dazu neigen, zu be- und zu verurteilen: Der Gute weiß offensichtlich selbst nicht so recht, was er will. Wer so schlingert, der schlingert ganz sicher weiter, auch mit Trauschein und Kind … Stopp!, sagt Eric Hegmann und appelliert an die Küchenpsychologen, nicht einem Denkfehler aufzusitzen: „Es stimmt zwar: Frauen spielen in Sachen Beziehungs- und auch Lebensgestaltung häufig den aktiveren Part.“ Die Fähigkeit zur Selbstreflexion und die Frage, wie eingebunden jemand ist, sind aber nicht alles. „Wie jemand mit Trennung umgeht und ob und wie er sich neu verlieben kann, ist auch und vor allem eine Frage des Bindungstyps.“

DIE WAHRHEIT IST DIE: Da kann man noch so lange analysieren, weshalb jemand immer wieder Bäumchen, wechsle dich spielt beziehungsweise weshalb die andere Seite treffsicher an genau solche Partner gerät und sich dann entsprechend betrogen fühlt – rein rational kommen wir der Thematik nicht bei. Wie groß ist das Urvertrauen eines Menschen, die Fähigkeit, sich einzulassen, vielleicht auch gegen alle Vernunft? „Die Antwort entsteht aus einem Potpourri aus gemachten Erfahrungen, die tief im Unterbewusstsein verankert sind“, weiß Eric Hegmann. „Was wir in der Vergangenheit an Schönem und an Schmerzhaftem erlebt haben, jede erlittene Kränkung, jede unbefriedigte Sehnsucht, sei es als Kind oder als Erwachsener, all das spielt in diesen Erfahrungsschatz mit rein.“

Wie es wirklich ist, ob und warum sich jemand schnell verliebt oder eben nicht, ob jemand gut mit sich alleine sein kann oder aufgrund von Mangelerfahrung von einer Beziehungskatastrophe in die nächste stolpert, das lässt sich auf den schnellen Blick kaum feststellen, sagt Hegmann. Ist Boris Becker der Hallodri aus der Besenkammer? Oder ist er seinen Ex-Gefährtinnen gegenüber genauso loyal wie seinen Kindern? Wer, der die Tennis-Legende nicht persönlich kennt, könnte das sagen? Und wer könnte sagen, ob ein Lothar Matthäus Frauen wirklich schablonenhaft scannt: jung, langhaarig, brünett. Oder ob diese Äußerlichkeiten nur Details sind neben möglicherweise sehr viel wichtigeren Dingen?


„Nach einer Trennung sollten wir vor allem auf uns selbst schauen“
ERIC HEGMANN


„SCHAUEN WIR GENAU HIN“, sagt Eric Hegmann – „aufs Gegenüber, aber vor allem: auf uns selbst.“ Warum fühlt es sich so fremd an, was der andere da tut? Weiten wir den Blick, werden möglicherweise ganz andere Dinge Thema als zunächst. Fehlendes Vertrauen oder mangelnder Mut etwa. Neid, weil der andere genau das hat.

Von einer „wichtigen Transfer-Leistung“ spricht der Paartherapeut. Frei von Vorwürfen müsse die geschehen. Ohne „Bashing“, wie es erfahrungsgemäß eher vom „bindungsängstlichen“ Typ komme, der viel Schmerz, viel Unsicherheit, viel Zurückweisung erlebt hat. Ausgesprochen skeptisch betrachtet der den Bindungs-Hopper deswegen – aus Angst, in Zukunft selbst wieder Opfer zu werden. Aus einem Inneren, das reflexartig ruft: „Tu mir das nicht an!“ Sicher gebundene Typen dagegen schütteln zwar auch den Kopf, wenn der Ex schon bald nach der Trennung mit einem Faktotum vor dem Traualtar steht. Es durchdringt aber nicht ihre Biografie, es bleibt, was es ist: die Episode eines anderen Lebens. Schräge mag die sein, bemitleidenswert, im Einzelfall vielleicht sogar spannend. Mit Abstand betrachtet.

Nutzen wir die Chance, rät Eric Hegmann, wagen wir den Perspektiv-Wechsel. Was ist es, was uns „triggert“, wenn der einstige Stubenhocker auf einmal zum Partylöwen wird und der streunende Wolf zum Pantoffelhelden? Was sagt das über die Dynamik, mit der man selbst Beziehungen führt? Über wunde Punkte, heimliche Muster und Automatismen?

DIE EIGENE EIFERSUCHT, die Kränkung, die Enttäuschung in einem nächsten Schritt konstruktiv zu nutzen, darum geht es. Keine falschen Versprechungen wolle er machen, sagt Hegmann, „bei der Freundschaft mit sich selbst geht es wirklich ans Eingemachte, nicht jeder schafft das allein.“ Nicht jeder kommt ohne professionelle Hilfe so weit, dass er sagen kann: Mag sein, dass der Ex, der von einem Bett ins nächste hüpft, ein wüster Kerl ist. Mag sein, dass er vor was wegrennt, wieder und wieder, dass sein Glück nur Fassade ist und der drohende Burnout sein ständiger Begleiter. Mag aber auch sein, dass sein Glück ein echtes ist. Dass er Vertrauen hat, sich einzulassen und das Leben so zu leben, wie es gelebt werden will: nach vorn.

So wie bei Lila, die nach dem ersten Schock den Rucksack packt und sich zu einer Reise aufmacht. Die spinnt, sagen Freunde, als sie von den Kanaren zurückkehrt und erzählt, sie hätte ihre große Liebe getroffen, ein Mann, mit dem sie Familie wolle. In dem Alter!, schütteln viele den Kopf, Lila ist 41 zu diesem Zeitpunkt. Und dann, mit Mitte 40, tatsächlich Mutter zweier zauberhafter Kinder, wie sich zeigt. Sören berichtet den anderen davon, Sören, der unlängst bei Lila war. Zusammen mit der Dunkelhaarigen, die er geheiratet hat. Über die Lila jetzt manchmal augenzwinkernd sagt: „Ihr Kopf musste kommen, damit meiner gehen konnte.“ Weit weg. Dahin, wo er wirklich zu Hause ist.

PAARTHERAPEUT ERIC HEGMANN „Wer mit sich selbst befreundet ist, schaut versöhnlicher auf Ex-Beziehungen“


„Nein, es liegt nicht an mir“

Tipps für die Selbstwert-Reparatur, wenn er gleich wieder eine Neue hat
Sichtweise prüfen: Seine Neue ist eine Wow-Frau. Wir können daraus folgern:1. Ich war eben nicht gut genug. Oder2.: Klar, ich war schließlich auch wow!
Weitblick wagen: Wenn eine Liebe scheitert, ist viel Schönes vorbei, oft aber auch Problematisches. Was hat es einem vielleicht schwer gemacht, zu vertrauen oder Freude zu teilen? Wichtig ist, dass die Überlegungen nicht bei der Ex-Beziehung enden, sondern tiefer gehen, bis hin zu unserer Kindheit.


Fotos: Getty Images (2), Kathrin Stahl; Illustration: iStock