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Die naturschutzrechtliche Eingriffsregelung im Klimawandel


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Naturschutz und Landschaftsplanung - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 25.02.2022

Tim Wenzel et al., Die naturschutzrechtliche Eingriffsregelung im Klimawandel

Eingereicht am 26. 04. 2021, angenommen am 19. 01. 2022

Abstracts

Der Klimawandel verändert die Wirkung von Eingriffen in Natur und Landschaft und beeinflusst die damit verbundenen Kompensationsmaßnahmen. Zum Umgang mit dem Klimawandel, teilweise auch bezogen auf die Eingriffsregelung, gibt es bereits Überlegungen aus Wissenschaft und Praxis. Es fehlt jedoch ein konsistentes Konzept, wie der Klimawandel in die Weiterentwicklung der Praxis der Eingriffsregelung einbezogen werden sollte. In diesem Review-Artikel werden bestehende Ansätze zur Berücksichtigung des Klimawandels ausgewertet, erste Strategien abgeleitet und Forschungs- sowie Handlungsbedarf formuliert. Im Ergebnis zeigt sich, dass vielversprechende Ansätze vorhanden sind, um Unsicherheiten bei der Vorhersage der Wirkungen des Klimawandels einzubeziehen und ...

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... methodisch in der Eingriffsregelung zu bewältigen. Praxisnahe Möglichkeiten, CO 2 -Emissionen bei der Eingriffsbewältigung zu berücksichtigen, bestehen bereits. Auch gibt es Möglichkeiten, die Wirkung des Klimawandels auf die Kompensationsflächen zu projizieren, aber es existiert noch keine praxisreife Methode. Eingriffe sollten in Zukunft „klimasicher“ kompensiert und Wege für die rechtliche und finanzielle Umsetzung entwickelt werden. Wir schlagen eine Finanzierung durch eine angemessen ausgestaltete bundesweite CO -Abgabe vor. Die Kosten des kollektiv verursachten Klimawandels können nicht von den Bundesländern oder Gemeinden allein getragen werden.

German impact mitigation regulation and climate change – challenges and perspectives

Climate change is a hot topic for environmental impact regulation. How the environment reacts to impacts is affected by changing climate conditions. In addition, necessary compensation measures must adapt to the effects of climate change in order to be effective. Science and nature conservation practice seek to understand these issues. A few publications discuss the implications for German impact mitigation regulation (Eingriffsregelung – EGR). However, there is no consistent concept about how to incorporate/consider climate change in the further development of EGR implementation. This review article summarizes existing approaches to cope with climate change in environmental impact compensation, describes strategies to put these approaches into practice in the EGR, and identifies needs for action and for research. The research shows that EGR can use approaches that determine uncertainties in the predicted effects of climate change on the environment. Also, practical methods for determining CO 2 emissions exist and can be used in impact management. Some methods exist that can project the effects of climate change onto compensation areas, but they need to be developed further. In the future, impact mitigation should be “climate proof”. New ways of legal and financial implementation need to be developed. We suggest funding the costs via a nationwide CO tax. Federal states or municipalities are not solely responsible for paying for the collective costs of climate change.

1 Einleitung

Der Klimawandel stellt die Eingriffsregelung nach §§ 13 ff. BNatSchG (EGR) vor neue Fragen. Die Zielerreichung bei Kompensationsflächen wird durch heutige und zukünftige Klimaänderungen erschwert – insbesondere, wenn es sich um Feuchtbiotope oder Gewässer handelt. Viele von ihnen waren nach den sehr trockenen Sommern der letzten Jahre in ihrer Funktion für die biologische Vielfalt bereits erheblich beeinträchtigt. Bisher gibt es jedoch keine Routinen, wie Klimaänderungen bei der Kompensation berücksichtigt werden können, um durch Klimaanpassungsmaßnahmen einen schleichenden Biodiversitätsverlust zu verhindern. Für die Planungspraxis sind vor allem die durch den Klimawandel erhöhten Unsicherheiten in der Voraussage und die damit zusammenhängende Vergrößerung der Unsicherheiten bei der Planung und Durchführung von Kompensationsmaßnahmen große Herausforderungen. Wie darauf reagiert werden soll, ist bisher unklar. Das Problem betrifft die Art der Kompensationsmaßnahmen ebenso wie rechtliche und finanzielle Rahmensetzungen. Offen ist beispielsweise die Frage, ob der Klimawandel auch bereits bei der Bilanzierung der Eingriffsfläche (Prognose Nullvariante) berücksichtigt werden sollte oder kann.

Neben Anpassungsmaßnahmen ist auch die Klimaschutzfunktion in der Eingriffsregelung relevant. Die CO 2 -Speicherfunktion von Ökosystemen ist Bestandteil des Naturhaushalts (Schumacher & Schumacher 2021: BNatSchG § 1 Rdnr. 132) und muss als solche in der EGR berücksichtigt werden. Über die praktische Umsetzung dieser Vorgabe bestehen jedoch ebenfalls Unklarheiten. In der Raumentwicklung wird für Pläne, Programme und Vorhaben die Einführung einer Klimawandelverträglichkeitsprüfung („Climate Proofing“) gefordert (unter anderem Birkmann & Fleischhauer 2009, Jessel & Butterling 2013, Runge & Wachter 2010). Im Bereich der Umweltprüfung stehen folgende international oder europaweit greifende Instrumente im Mittelpunkt der Debatte: die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) (unter anderem Balla et al. 2018, Hands & Hudson 2016, Jiricka et al. 2016), die Strategische Umweltprüfung (SUP) (etwa Larsen & Kørnøv 2009, Posas 2011, Wende et al. 2012) und die FFH-Verträglichkeitsprüfung (Araujo et al. 2011, Schumacher & Schumacher 2013, Ssymank et al. 2015). Mit der UVP-Richtlinie 2014/52/EU wurde festgelegt, dass Auswirkungen von Projekten, Plänen und Programmen auf das Klima und deren Anfälligkeiten in Bezug auf den Klimawandel in der UVP und SUP zu berücksichtigen sind. Dies müsste analog auch für die EGR gelten.

Ziel dieses Artikels ist es, erste praxisrelevante Hinweise für die Behandlung des Klimawandels in der Eingriffsregelung auf der Grundlage des derzeitigen Wissensstandes bereitzustellen. Dieser wird durch eine systematische Literaturanalyse erkundet, die deutsch- und englischsprachige Veröffentlichungen in Fachzeitschriften im Zeitraum 2010–2021 umfasst. Gesucht wurden Ansätze zum Umgang mit dem Klimawandel bei der Planung, Umsetzung, Pflege und Unterhaltung von Kompensationsmaßnahmen sowie Möglichkeiten zur Berücksichtigung der CO 2 -Speicherfunktion in der EGR. Zur Recherche wurden in den Suchmaschinen Google Scholar, DNL-online und sciencedirect die Suchbegriffe „Eingriffsregelung“ (im Titel) beziehungsweise „impact mitigation regulation“, „Eingriffsregelung Kritik“, „Eingriffsregelung Herausforderungen“, „Kompensation Klimawandel“ (im Titel) beziehungsweise „Compensation Climate Change“ sowie „Klimawandel Eingriff Ausgleich“ (im Titel) beziehungsweise „climate change offset“ abgerufen. Von den insgesamt 1.316 Treffern konnten 74 Quellen identifiziert werden, welche die gesuchte Thematik behandeln. 40 Veröffentlichungen befassen sich explizit mit der Eingriffsregelung, aber keine behandelt zentral den Forschungsschwerpunkt Klimawandel als Herausforderung für die Eingriffsregelung. Die Anzahl der Quellen hat wider Erwarten in den letzten Jahren abgenommen. Um ein vollständiges Bild der aktuellen Diskussion zu erhalten, wurden auch weitere Literaturquellen (Rechtsgutachten, Bücher) herangezogen, die über das Schneeballsystem in den Quellenangaben der Artikel gefunden wurden. Zusätzlich wurde auf eine Befragung der unteren Naturschutzbehörden (siehe Mengel et al. 2018) zurückgegriffen. Dort wurde nach Veränderungsbedarf bezogen auf die EGR sowie nach bereits praktisch angewandten Lösungen gefragt. Diese Befragung wurde erneut bezüglich der oben aufgeworfenen Fragen ausgewertet und neben neueren Literaturquellen genutzt, um auch andere Anforderungen an eine Weiterentwicklung der EGR mit den Klimawandelanpassungsanforderungen zu verbinden.

Im Folgenden soll dargestellt werden, welche Bedeutung der Klimawandel für die erfolgreiche Anwendung der Eingriffsregelung hat, welche Lösungsvorschläge bereits vorhanden sind, in welchen Bereichen Forschungsbedarf besteht und wie schon heute in der Praxis der Eingriffsregelung, auf Grundlage des vorhandenen Wissenstandes, der Klimawandel berücksichtigt werden kann. Die Analyse legt einen Schwerpunkt auf die im Kontext des Klimawandels besonders relevanten Schutzgüter biologische Vielfalt und CO 2 -Speicherfunktion. Die Aussagen in Abschnitt 3 stammen ausnahmslos aus der Literatur, sind aber in einen Kontext entlang der Untersuchungsfragen gestellt worden. Auf eine durchgängige Verwendung der indirekten Rede wird zugunsten der Lesbarkeit verzichtet. In der Diskussion werden die Ergebnisse bezogen auf ihre Umsetzbarkeit eingeordnet und sowohl Wissenslücken als auch offene Fragen aufgezeigt.

2 Welche Probleme bringt der Klimawandel für die EGR mit sich?

2.1 Klimaveränderungen wirken auf Lebensräume und gefährden damit den Erfolg von Kompensationsmaßnahmen

Der globale Klimawandel stellt eine der größten Bedrohungen für die Biodiversität dar (Bellard et al. 2012, Lambers 2015). Er verändert die abiotischen Faktoren von Ökosystemen und beeinflusst so die Abundanz, Fitness, Konkurrenzfähigkeit und Verteilung von Organismen und Lebensgemeinschaften (Geyer et al. 2011). Prinzipiell besteht zwar die Möglichkeit, dass Arten sich an wandelnde Umweltbedingungen anpassen. Die Geschwindigkeit des Klimawandels überschreitet jedoch schon heute die Anpassungskapazitäten vieler Arten (etwa Heckwolf et al. 2020). Ein Ausweichen auf noch geeignete Lebensräume in anderen Klimazonen würde erheblich langsamer vonstatten gehen, als der Klimawandel voranschreitet. Außerdem erschweren natürliche und anthropogene Hindernisse die Erschließung geeigneter Lebensräume. Auch müssen dann geeignete Ökosysteme bei der Ankunft vorhanden sein. Neben den direkten Effekten kommt es zu indirekten Auswirkungen durch beispielsweise Landnutzungsänderungen und den Ausbau erneuerbarer Energien. In der Fachwelt ist unumstritten, dass der Naturschutz den Klimawandel mitdenken muss, wenn die Biodiversität langfristig erhalten bleiben soll (Geyer 2015: 140). Die zentralen Herausforderungen für Naturschutzinstrumente sind die Erhöhung der Intensität, Schnelligkeit und Häufigkeit von Ökosystemveränderungen (etwa Reck 2013, Harris et al. 2006: 170, Williams & Johnson 2013). Es ist dringend notwendig, dass diese Effekte auch in der EGR – als ein zentrales Instrument des Naturschutzes in Deutschland – berücksichtigt werden.

2.2 Der Klimawandel verstärkt die Unsicherheiten in der gesamten Kaskade der Eingriffsfolgenbewältigung

Planungsprozessen sind Unsicherheiten inhärent (Neuendorf et al. 2018, Williams 2001). Diese werden durch den Klimawandel noch erheblich vergrößert, da Aussagen über das zukünftige Klima aufgrund der nicht exakt bestimmbaren Entwicklung der globalen Treibhausgas-Emissionen und Feedback-Mechanismen (Foley 2010) nicht im klassischen Sinne prognostizierbar sind und das Klimasystem aufgrund seiner Komplexität von Rechenmodellen nur vereinfacht abgebildet werden kann. Daher kann das zukünftige Klima lediglich im Rahmen von Szenarien projiziert werden. Allerdings lassen sich Szenario- Unsicherheiten darstellen und die Wahrscheinlichkeit von Aussagen zum Klimawandel bewerten (siehe Mastrandrea et al. 2011) und in Planungen aufnehmen. Neben den künftigen Klimaveränderungen lassen sich auch deren Wirkungen auf Natur und Landschaft nicht sicher prognostizieren. Die Dynamik natürlicher Systeme ist von vielen Einflussfaktoren geprägt (Williams & Johnson 2013) und wird durch den Klimawandel verstärkt. Es gilt dabei: Je kleiner der Betrachtungsraum, desto differenzierter sind die wirksamen Einflüsse und desto mehr Prozesse haben einen relevanten Einfluss auf das Klimasystem (TLUG 2004: 12). Dadurch nehmen die Unsicherheiten mit zunehmender sachlicher, räumlicher und zeitlicher Differenzierung zu. Entsprechend ungewiss sind die für Naturschutzziele, -strategien und -planungen zu ziehenden Konsequenzen (Heiland & Kowarik 2008, Runge & Wachter 2010).

In der EGR sind alle Verfahrensschritte von klimawandelbedingten Unsicherheiten betroffen (siehe Abb. 1): Bereits die Bewertungen der Eingriffs-und Kompensationsflächen sowie der Auswirkungen des Eingriffs werden durch klimawandelbedingte Unsicherheiten erschwert, da sich Wertigkeiten und Empfindlichkeiten der Landschaftsfunktionen sowie deren Wiederherstellbarkeit verändern können (etwa Bundesregierung 2008: 27 f., Reck 2013; Runge & Wachter 2010: 146). Teilweise kann das Kompensationsziel unter den zukünftigen klimatischen Entwicklungen nicht mehr erreicht werden (Harris et al. 2006: 171, Jiricka-Pürrer et al. 2018: 63) oder die Maßnahmen stellen sich nach einigen Jahren als ungeeignet heraus. Auch Ausmaß und Dauer der Unterhaltung und Pflege, inklusive der damit verbundenen Kosten, können gegebenenfalls nicht mehr so wie bisher bestimmt werden (Runge & Wachter 2010: 145). Die Anpassung der EGR an die veränderten Gegebenheiten muss deshalb den Umgang mit Unsicherheiten expliziter in die gesamte Kaskade der Eingriffsfolgenbewältigung einbeziehen.

2.3 Treibhausgas-Emissionen müssen in der EGR berücksichtigt werden

Neben den Wirkungen des Klimawandels auf Eingriff und Kompensation müssen auch die Klimawirkungen und die Treibhausgasrelevanz von Eingriff und Kompensation berücksichtigt werden (unter anderem Drösler 2016, Heiland 2008: 46, SRU 2008: 164). Denn das Klima ist als Bestandteil des Naturhaushalts nach § 1 Abs. 3 Satz 4 BNatSchG geschützt, was in der Konsequenz auch den Schutz von Ökosystemen, die als CO 2 -Senke fungieren, umfasst (Schumacher & Schumacher 2021: BNatSchG § 1 Rdnr. 132). Laut einer Befragung der unteren Naturschutzbehörden hat die Retentionsfunktion für Treibhausgase bisher jedoch noch keinen signifikanten Einfluss auf die Wahl der Kompensationsmaßnahmen (Mengel et al. 2018: 202). Das größte Hindernis für eine Berücksichtigung sind fehlende Methodenstandards für die Ermittlung der zu bilanzierenden Treibhausgase (Balla et al. 2018: 62).

3 Welche Vorschläge zur Anpassung der EGR an die Herausforderungen durch den Klimawandel werden derzeit diskutiert?

3.1 Nutzung des Interpretationsspielraumes bei der Kompensation

Die EGR verpflichtet den Eingriffsverursacher dazu, unvermeidbare Beeinträchtigungen von Natur und Landschaft auszugleichen oder zu ersetzen (§ 15 Abs. 2 Satz 1 BNatSchG). Bei einem Ausgleich sind die be- einträchtigten Funktionen in gleichartiger Weise wiederherzustellen (§ 15 Abs. 2 Satz 2 BNatSchG); bei einem Ersatz sind sie in dem betroffenen Naturraum in gleichwertiger Weise herzustellen (§ 15 Abs. 2 Satz 3 BNatSchG). Insbesondere die gleichwertige Kompensation durch Ersatzmaßnahmen bietet einen relativ großen Beurteilungsspielraum, denn bei der Gleichwertigkeit des Ersatzes handelt es sich um einen unbestimmten Rechtsbegriff, der als solcher abhängig von fachwissenschaftlichen Einschätzungen ist (Fischer-Hüftle 2021: 19). Es muss weiterhin die Maßnahme gewählt werden, die der beeinträchtigten Funktion möglichst nahekommt. Wenn keine bessere Lösung erkennbar ist, können Aussagen aus der Landschaftsplanung oder die voraussichtliche Dauerhaftigkeit der Maßnahme unter den Bedingungen des Klimawandels bei der Entscheidung berücksichtigt werden (ebenda). Es besteht also ausreichend Spielraum, um etwa über Multifunktionalität bei den Kompensationsmaßnahmen bestehende Strukturen oder Funktionen klimaresilienter und damit zukunftsfähiger neu zu etablieren.

3.2 Kompensationsmaßnahmen klimaresilient gestalten

Es wurden bereits diverse Strategien entwickelt, den Klimawandel bei Naturschutzmaßnahmen einzubeziehen:

– Um Wanderungskorridore zu stärken, sollen Maßnahmen in Biotopverbundsysteme (funktionaler und räumlicher Verbund) integriert werden (etwa Heller & Zavaleta 2009, Weiß et al. 2011, Reich et al. 2012).

– Nach dem Motto „No-Regret“ beziehungsweise „Low-Regret“ sind Maßnahmen so zu wählen, dass sie, unabhängig von den tatsächlich eintretenden Klimaänderungen, langfristig sinnvoll und nutzbringend sind (unter anderem Franck & Overbeck 2012: 98, May et al. 2016: 16).

– Durch die Analyse verschiedener Zukunftsszenarien können Maßnahmen so gewählt werden, dass sie in so vielen Szenarien wie möglich wirksam sind („Robust Decision Making“) (Williams & Johnson 2013: 7 f.).

– Durch die Wahl von multifunktionalen Maßnahmen können mehrere Ziele erreicht werden, zum Beispiel sowohl Klimaschutz als auch Naturschutz (May et al. 2016: 16).

– In diesem Sinne sollen in der EGR auch die weiteren (durch den jeweiligen Eingriff betroffenen) Ökosystemleistungen (ÖSL) neben „Arten und Biotopen“ stärker berücksichtigt werden, wie etwa Hochwasserschutz, Klimaschutz oder Erosionsschutz (zum Beispiel Tallis et al. 2015). Zudem soll geprüft werden, ob diese gegebenenfalls durch die Kompensationsmaßnahmen negativ beeinflusst werden (Sonter et al. 2019).

– Maßnahmen sollen so gewählt werden, dass Handlungsoptionen offengehalten werden, das heißt, diese langfristig nicht zu irreversiblen Veränderungen führen und Anpassungen an neue Entwicklungen und Erkenntnisse vorgenommen werden können (May et al. 2016: 16).

– Dynamische, natürliche Sukzessionsprozesse sollen gegenüber künstlich gelenkten Entwicklungen bevorzugt werden (FGSV 2013, Reck 2013: 451, Bonn et al. 2014).

– Es empfiehlt sich die Umsetzung von möglichst großflächigen Maßnahmen mit möglichst verschiedenen Standortgradienten, ggf. durch Bündelung mit anderen Projekten (unter anderem FGSV 2013, Harthun 2017, Tucker et al. 2018: 249).

Als Voraussetzung für die Implementierung einer klimaresilienten Maßnahmengestaltung müssen bereits auf Ebene der überörtlichen Landschaftsplanung Grundlageninformationen bereitgestellt werden (Galler et al. 2013, Galler 2015), etwa durch Ausweisung von Vorrangflächen für Kompensation (Tucker et al. 2018: 249). Die Nutzung von Ökokonten bietet die Möglichkeit, die Instandhaltung der Kompensationsflächen zu verbessern und das Vollzugsrisiko zu verringern (Tucker et al. 2018: 249). Geländekontrollen, Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen sowie die Anpassung und Erweiterung der Entwicklungsziele an sich ändernde klimatische Bedingungen können hier flächendeckend beziehungsweise gebietsübergreifend – und damit effizienter – durchgeführt werden (Jiricka-Pürrer et al. 2018: 65). In diesem Zusammenhang bietet sich auch die Übertragung der Kompensationsflächen an öffentlich-rechtliche Stiftungen an (Schwake 2017: 160), solange diese in ein gebietsübergreifendes Management eingebunden sind (Kunze et al. 2017: 356).

Die Vorschläge aus der Literatur zielen also darauf ab, eine kleinteilige Kompensation ohne Einbindung in einen gesamtplanerischen Kontext möglichst zu vermeiden. Zudem sollen bei der Maßnahmenwahl mögliche zukünftige Klimaentwicklungen berücksichtigt werden.

3.3 Unsicherheiten als integralen Bestandteil der Planung anerkennen

In der Literatur vorgeschlagene Methoden zur Berücksichtigung von Unsicherheiten in der Planung lassen sich in Szenario-, Wahrscheinlichkeits- und Vulnerabilitäts- oder Risikoanalysen gliedern. Szenarioanalysen bieten eine Übersicht über mögliche zukünftige Bedingungen, wie etwa die klimawandelbedingten Umweltveränderungen, und können daher als wissenschaftliche Basis zur erfolgreichen Kompensation von Eingriffen beitragen (Runge & Wachter 2010: 141). Auch können den Szenarien Eintrittswahrscheinlichkeiten oder Unsicherheiten zugwiesen werden (Williams & Johnson 2013: 1, siehe Neuendorf et al. 2021).

Bei der Maßnahmenwahl sollen Vulnerabilitäts- oder Risikoanalysen einbezogen werden (Heiland 2008: 51, May et al. 2016: 16, Reck 2013: 449 f.). Diese zeigen das Ausmaß der Anfälligkeit eines Systems gegenüber nachteiligen Auswirkungen der Klimaänderungen (IPCC 2007, IPCC 2014: 40). Sie ermitteln dieses anhand der Standortbedingungen, der Empfindlichkeit der Biozönose und der angenommenen Klimaveränderungen. Die Vulnerabilität oder das Risiko für Veränderungen können jedoch nur ceteris paribus abgeschätzt und kaum quantifiziert werden. Es wird daher vorgeschlagen, die Analyse auf die gegenwärtige Empfindlichkeit der biologischen Vielfalt und der Funktionen des Naturhaushalts gegenüber veränderten klimatischen Bedingungen oder Extremwetterereignissen zu beschränken. Demzufolge ist für eine Gefährdungsbeurteilung des Klimawandels weniger der projizierte zukünftige Wettereinfluss entscheidend als vielmehr der potenzielle Schaden, der an den Schutzgütern und ÖSL verursacht werden kann – also deren Werte und Empfindlichkeiten (Spiekermann & Franck 2014: 16). Ob der Informationsverlust durch das Ausklammern der projizierten Klimaveränderungen zu mehr Unsicherheit im Ergebnis der Analyse führt als eine Einbeziehung unter den bekannten Unsicherheiten, ist jedoch nicht belegt. Hinweise zum Vorgehen und Praxisbeispiele (Holsten et al. 2009, Ibisch et al. 2014, Luthardt & Ibisch 2013, May et al. 2016, UV- Pklimafit 2020: www) sind bereits vorhanden.

Entsprechende Analysen sind kein Bestandteil der rechtlichen Kernaufgabe der Eingriffsregelung. Sie sind in vielen Fällen auch zu aufwendig, um sie für jedes Eingriffsvorhaben separat durchzuführen. Daher sollten sie bereits auf übergeordneter Planungsebene (Regional- oder Landschaftsrahmenplanung) geliefert werden. Empfohlen werden mindestens ein oder mehrere regelmäßig aktualisierte regionale Zukunftsszenarien zur Klimaentwicklung, zu Umweltveränderungen und zum Landschaftswandel (Runge & Wachter 2010: 141) sowie eine Vulnerabilitätsanalyse (Wilke et al. 2011: 99). Um die Implementation in die Planungspraxis so effektiv wie möglich zu gestalten, wird das Aufsetzen von digitalen Informationssystemen auf Bundes- oder Länderebene vorgeschlagen (Spiekermann & Franck 2014: 30 f.). Es existieren bereits verschiedene Systeme (siehe Balla et al. 2018: 26 f.), diese beschränken sich jedoch meist auf die zukünftige Entwicklung des Klimas und blenden dessen Auswirkungen aus.

Beim Umgang mit Unsicherheiten bezüglich des Einflusses des Klimawandels auf Kompensationsmaßnahmen kann der Ansatz eines Risikomanagements hilfreich sein (Jiricka-Pürrer et al. 2018: 65). Er findet sich bereits in der FFH-Verträglichkeitsprüfung: Falls Wirkungskontrollen von Maßnahmen ergeben, dass das erwünschte Maßnahmenziel nicht erreicht wird, müssen Korrekturmaßnahmen zum Beispiel im Rahmen eines adaptiven Managements ergriffen werden. Auch eine Kombination mit Szenarioanalysen wird vorgeschlagen, um die Auswirkungen unterschiedlicher Managementoptionen zu überblicken und aus einem Set an unterschiedlichen Möglichkeiten („Toolkit“) zu wählen (Bonn et al. 2014: 26, Williams & Johnson 2013: 2). Die Anwendbarkeit des adaptiven Managements in der EGR wird jedoch auch kritisch gesehen (sie he Wilke et al. 2011: 117 ff.). Da die EGR sich auf ein konkretes Vorhaben zu einem bestimmten Zeitpunkt bezieht, müssten die Maßnahmen von Anfang an festgelegt werden. Daher könne der Prozess keinen zyklischen Charakter aufweisen und fortgeschrie ben werden. Außerdem besteht die Gefahr von Rechtsstreitigkeiten darüber, wann Nachbesserungen an der Kompensation notwendig sind (Bulling & Köppel 2017: 79). Auch die politische Durchsetzbarkeit und die Kosten- Nutzen-Bilanz des Managementaufwands werden skeptisch gesehen (Wilke et al. 2011: 117 ff). Andere Autoren vertreten jedoch die Meinung, dass durch die anfänglichen Investitionen in ein adaptives Management in der Herstellungs- und Entwicklungsphase ein gutes Ressourcenmanagement erarbeitet werden kann, sodass die langfristigen Kosten gering gehalten werden könnten (Carpenter et al. 2007: 11, Wil liams 2011: 1.352). Das Konzept, Planaussagen regelmäßig zu überprüfen und die Ziele und Maßnahmen entsprechend fortzuschreiben, wird jedoch von den meisten Autorinnen und Autoren begrüßt. Die Diskussion zeigt, dass bisher noch kein ausgereiftes Konzept zur Handhabung der Kompensation im Klimawandel besteht, das als Leitschnur für die Praxis dienen könnte.

3.4 Absicherung gegen klimawandelbedingte Risiken

Die folgenden Konzepte wurden zum Umgang mit dem allgemeinen Umsetzungsrisiko bei der Kompensation vorgeschlagen. Sie lassen sich jedoch auch auf das klimawandelbedingte Risiko anwenden. So wird die Einführung eines Risikofaktors bei der Bilanzierung des Kompensationsbedarfs vorgeschlagen, wie er bereits bei Kompensationsmaßnahmen mit großem Timelag verwendet wird (Rayment et al. 2014: 70). Dadurch kann zwar ein Versagen der Maßnahme auf einem bestimmten Prozentanteil der Fläche ausgeglichen werden; ein Ausfall der gesamten Fläche kann auf diese Weise jedoch nicht abgesichert werden.

Wenn ein Risiko für eine klimawandelbedingte Verschlechterung nachgewiesen werden kann, können Eingriffsverursacher im Zulassungsbescheid zu Nachbesserungsmaßnahmen verpflichtet werden (siehe Fischer-Hüftle 2021). Um die entsprechenden Finanzmittel zu sichern, kann beispielsweise ein Kaution hinterlegt werden. Diese wird nach Ablauf der Kompensationsverpflichtung zurückgezahlt. So entsteht auch Anreiz für den Eingriffsverursacher, Fehlschläge zu vermeiden (Rayment et al. 2014: 70). Weitere Vorschläge sind Risikofonds oder ein Versicherungsmodell, mit dem sich Eingriffsverursacher gegen Risiken versichern können (Defra & Natural England 2012: 13, Rayment et al. 2014: 70 f.). Die Beiträge fließen in einen gemeinsamen Pool und sollten sich nach dem Gesamtrisiko aller versicherten Kompensationsmaßnahmen richten. Dadurch würde vermieden, dass das Maßnahmenrisiko zum Kriterium für die Maßnahmenwahl wird.

Die Vorschläge aus der Literatur verbleiben auf einer konzeptionellen Ebene. Ökonomische Untersuchungen und ein Konzept für die operative Integration fehlen bisher in der Literatur.

3.5 Berücksichtigung der Treibhausgas-Emissionen von Eingriffen

Die Treibhausgasemissionen von Eingriffen und auch der Kompensationsmaßnahmen sind standortabhängig. Errechnete Bilanzen können zwar auf andere Standorte übertragen werden, dies ist aber mit Unsicherheiten verbunden (Oles et al. 2015: 10). Bei jeder Bilanzierung standortspezifische Modellierungen durchzuführen, würde die Grenze des personell und finanziell Machbaren überschreiten. Daher bestehen Zweifel, ob eine gesetzliche Verpflichtung, zumindest zum jetzigen Zeitpunkt und Forschungsstand, sinnvoll wäre (Oles et al. 2015: 80). Andererseits dürfen Unsicherheiten nicht der Grund sein, Klimaschutz auszuklammern (zum Beispiel Haaren et al. 2012: 73). Vereinfachte Modelle aus der Landschaftsplanung, welche mittels Boden- und Nutzungsdaten CO 2 -Bilanzierungen vornehmen (siehe Grothe et al. 2017, Saathoff et al. 2013), reichen aus, um aussagekräftige Ergebnisse zu liefern sowie Kompensationsbedarf und -maßnahmen abzuleiten (Haaren et al. 2012). Anstatt einer Quantifizierung kann die Klimaschutzfunktion von Ökosystemen durch Treibhausgassenken ebenso ordinal bewertet werden. Im Vorschlag für die Bundeskompensationsverordnung wird ein Bewertungsrahmen für Treibhausgassenken von „hervorragend“ bis „sehr gering“ anhand der Biotop-und Bodeneigenschaften empfohlen (siehe Mengel et al. 2018: 390 und BMU 2019).

Diese relativ pauschale Berücksichtigung benötigt nur einen geringen Bewertungsaufwand. Sie führt allerding auch dazu, dass die in der Bewertung veranschlagte Höhe der THG-Kompensation von der realen abweichen kann. Die Abweichung dürfte bei einer funktionsgleichen Kompensation allerdings nicht allzu groß ausfallen, da ein ähnlich klimawirksames Ökosystem hergestellt würde. Eine pauschale Berücksichtigung ist auch deshalb besser geeignet als gar keine Regelung, da Verursacher gleichbehandelt werden. Auch wenn die Bestimmung von CO 2 -Emissionen immer mit Unsicherheiten verbunden sein wird, stehen ausreichend Methoden zur Verfügung (siehe etwa Grothe et al. 2017), die in der Landschaftsplanung angewandt werden können, sodass eine Bilanzierung in der EGR mit nur geringem Aufwand verbunden ist.

4 Diskussion

Das Thema Eingriffsregelung im Klimawandel wurde noch nicht hinreichend in der fachlichen Diskussion berücksichtigt. Dennoch gibt es bereits einige Ansätze, den Naturschutz an die Folgen des Klimawandels anzupassen. Die in der Literatur vorgeschlagenen Strategien können in der Eingriffsregelung nur insoweit umgesetzt werden, als dass der Bezug der Kompensation zu den Eingriffswirkungen bestehen bleibt (siehe Abschnitt 3.1). Dennoch ist es wichtig, die Handlungsmöglichkeiten zu kennen und diese in der Landschaftsplanung vorzubereiten. Methoden zum Umgang mit Unsicherheit gibt es bereits (Vulnerabilitäts-, Risiko- und Szenarienanalysen), ebenso solche zur Einbeziehung von Unsicherheiten in die Wahl und das Management von Kompensationsmaßnahmen. Letzteres allerdings noch nicht in ausreichend konkreter Form. Es fehlen eine zusammenfassende Betrachtung aller Ansätze und klar formulierte Handlungsmöglichkeiten. Gleichfalls mangelt es an empirischen Untersuchungen über die Effektivität und Effizienz der diskutierten Maßnahmen und zum Umgang mit Unsicherheiten bei der Gestaltung von „klimafesten“ Ökosystemen.

Die vorgeschlagenen Analysemethoden können nur erfolgreich sein, wenn die notwendigen Daten verfügbar und aktuell sind. Wir empfehlen das Aufsetzen eines möglichst bundesweit koordinierten Informationssystems. Konzeptuell kann man sich hierzu beispielsweise an der Onlineplattform ARIES orientieren (http://aries.integratedmodelling.org). Durch den Einsatz von künst licher Intelligenz wird die Nutzung erheblich vereinfacht und je nach Datenlage die Anwendung von komplexen Modellen auch ohne tiefgehende Fachkenntnis ermöglicht.

Methoden für eine hinlängliche Berücksichtigung von THG-Emissionen in der EGR sind vorhanden. Sie könnte allerdings auch durch eine „Vorverlegung“ auf die Ebene der UVP stattfinden. Damit würde nur bei großen und zumeist klimawirksamen Projekten eine Verpflichtung zur Kompensation der Treibhausgase bestehen. Alternativ könnten auch auf Ebene der EGR Signifikanzgrenzen oder Positivlisten für die Verpflichtung zur Kompensation von Treibhausgasen bei Eingriffsvorhaben eingeführt werden. Summative Effekte von Kleineingriffen würden bei einem solchen Vorgehen allerdings nicht berücksichtigt werden.

Die Landschaftsplanung kann die Planungsentscheidungen zum Beispiel durch räumliche Bewertungen der Klimaschutzfunktion von Biotopen vorbereiten und so die Wahl des Eingriffsortes beeinflussen. Vorschläge der Landschaftsplanung für Maßnahmenflächen und -art können die Multifunktionalität der Kompensation vorbereiten (Naumann et al. 2015). Es besteht jedoch noch Forschungsbedarf zur Multifunktionalität von Kompensationsmaßnahmen, insbesondere dazu, welche Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel geeignet sind und gleichzeitig zur Mitigation der Emission von Treibhausgasen (THG) beitragen.

Die Frage, ob bei der Kompensation Zielzustände angestrebt werden sollten, die empfindlich gegenüber Klimawandelwirkungen sind, wurde oft diskutiert, jedoch ohne eindeutiges Ergebnis. Würden die Kompensationsziele so stark flexibilisiert, dass nur noch „klimawandeltolerante“ Biotoptypen hergestellt würden, wäre ein Verlust von klimasensitiven Biotopen und Arten zu befürchten, da diese sich nicht schnell genug anpassen oder in geeignete Biotope wandern können. Es spricht deshalb viel dafür, die heutigen Habitattypen in einer ohnehin weitgehend regulierten Landschaft auch bei der Kompensation zu erhalten. Ein Baustein dazu ist ein Biotopverbund für die mobileren Arten. Auf der anderen Seite setzt der Klimawandel der tatsächlichen Wiederherstellbarkeit von Biotopen Grenzen (Tischew et al. 2010), die auch berücksichtigt werden sollten. Es zeichnet sich eine Gratwanderung zwischen einem vorschnellen Aufgeben und einem zu starren und kostspieligen Festhalten an nicht dauerhaft zu haltenden Zuständen ab. Umso dringlicher muss ausreichend Wissen zu machbaren Lösungen generiert werden.

In der Literatur wird meist ein adaptives Management als Anpassungsstrategie vorgeschlagen. Die Biotope sollen also „just in time“ durch zusätzliche Maßnahmen gegen Klimawirkungen gesichert werden. Offen bleibt jedoch, ob unter ökonomischen und ökologischen Gesichtspunkten eine vorsorgende oder gar sanierende Anpassung günstiger wäre. Die Beantwortung dieser Frage muss die Kosten und Kapitalkosten für unterschiedliche Pflege- beziehungsweise Sanierungsmaßnahmen berücksichtigen. Ob Abschlags-, Nach- oder gar Vorauszahlungen vom Verursacher zu fordern wären und welche Konsequenzen dies für die Verwaltung und Planfestellung hätte, welche Risiken abgesichert werden müssten und wie dies geschehen könnte, muss berücksichtigt werden.

Einige Vorschläge für die Anpassung an den Klimawandel decken sich mit seit Längerem bestehen Forderungen zur Verbesserung der EGR. Dazu gehören vor allem der Wunsch nach (bundesweiter) Vereinheitlichung (unter anderem Jedicke & Berg 2016: 362, Jiricka-Pürrer et al. 2018: 64; Wende et al. 2018: 152) und die Kritik an der Beschränkung auf einen reinen Reparaturbetrieb (Breuer 2017: 38, Ekardt & Hennig 2013: 702, Runge & Wachter 2010: 145) sowie an der mangelhaften Sicherung und Kontrolle von Kompensationsmaßnahmen (Mengel et al. 2018: 292, Muchow & Becker 2008: 38).

Grundlegende rechtliche Implikationen sind noch nicht in der bisherigen Diskussion aufgetaucht oder hinlänglich beantwortet. So stellt sich die Frage, ob Klimawirkungen auch auf der Eingriffsfläche zu berücksichtigen sind. Die derzeitige Rechtsauffassung verlangt nicht, dass die zukünftige Entwicklung im Eingriffsgebiet bei der Kompensationsgestaltung berücksichtigt werden muss (Fischer-Hüftle 2021: 5 f.). Dies bedeutet, dass bei der Eingriffs-Ausgleichs-Bilanzierung zukünftige klimawandelbedingte Beeinträchtigungen auf der Ausgleichsfläche nicht mit selbigen auf der Eingriffsfläche aufgewogen werden können. Dem Verursacher können also theoretisch zusätzliche Maßnahmen auferlegt werden, welche den zukünftigen klimawandelbedingten Beeinträchtigungen der Kompensationsfläche Rechnung tragen. Allerdings muss dafür ein begründetes klimawandelbedingtes Risiko für die Kompensationsfläche oder die Funktionsfähigkeit der Kompensationsmaßnahme nachgewiesen werden. Ob Klimaprojektionen trotz der großen Bandbreite ihrer Aussagen als rechtssichere Begründung für konkrete Festlegungen herangezogen werden können, insbesondere wenn diese auf eine Belastung einzelner Personen (Eingriffsverursacher) hinauslaufen, wird kontrovers diskutiert. Mit Klimaprojektionen und Klimatrends kann durchaus ein Risiko begründet werden, dass nachteilige Wirkungen auf der Kompensationsfläche in absehbarer Zeit eintreten werden, ihr Ausmaß sich jedoch noch nicht abschätzen lässt. Auf dieser Grundlage können in der Eingriffszulassung ein Monitoring angeordnet und Regelungen über eine Nachbesserungsverpflichtung durch eventuelle Anpassungsmaßnahmen getroffen werden (Fischer-Hüftle 2021: 11). Sollen Maßnahmen gegen klimawandelbedingte Risiken schon bei Durchführung des Eingriffs oder der Kompensationsmaßnahme erstellt werden, setzt dies voraus, dass die zukünftigen Klimawirkungen auf die Kompensation mit einer Sicherheit vorausgesagt werden können, wie sie auch sonst bei der Planung der Kompensation besteht. Während sich die Sicherheit einer Kompensationsplanung auf umfangreiche wissenschaftliche Erkenntnisse und praktische Erfahrungen aus über 40 Jahren Vollzug der EGR gründet, sind Erfahrungswerte zur Klimawirkung und zu Maßnahmen zur Steigerung der Klimaresili enz so gut wie nicht vorhanden. Somit würde der Eingriffsverursacher mit Maßnahmen belastet werden, die nicht mehr in angemessenem Verhältnis zum nicht gesicherten Nutzen stehen. Es bleibt ihm jedoch unbenommen, diese „vorsorgenden“ Maßnahmen freiwillig zu treffen (Fischer-Hüftle 2021: 9). Wie ein angemessenes Verhältnis zwischen Maßnahmen gegen klimawandelbedingte Risiken und der Prognoseunsicherheit zu beurteilen ist, muss daher geklärt werden (siehe Spiekermann & Franck 2014: 15 f.). Wahrscheinlich könnte einem Eingriffsverursacher auferlegt werden, etwa ein Ausgleichsgewässer zu vertiefen, damit dieses zukünftig nicht trockenfällt. Andere Klimaanpassungsmaßnahmen, die den Wasserhaushalt großflächig verändern (zum Beispiel Anstau von Gräben), können auch den Wasserhaushalt der angrenzenden Flächen (ungewollt) beeinflussen. Ein Ankauf dieser Flächen wäre voraussichtlich nicht mehr verhältnismäßig (siehe Fischer-Hüftle 2021). An diesem Beispiel zeigen sich im Übrigen die Vorteile einer räumlichen und organisatorischen Bündelung von Kompensationsmaßnahmen durch den Ein- satz von Flächen-/Maßnahmenpools. Konventionen zu Anforderungen an den Nachweis eines klimawandelbedingten Risikos und dazu, wie die Verhältnismäßigkeit der Belastung des Eingriffsverursachers angesichts des Prognoserisikos auszulegen ist, sind daher dringend notwendig. Es ist „Sache des zuständigen Gesetzgebers, darüber zu entscheiden, ob, mit welchem Schutzniveau und auf welche Weise Schadensmöglichkeiten vorsorgend entgegengewirkt werden soll, die nicht durch ausreichende Kenntnisse belegt, aber auch nicht auszuschließen sind“ (BVerwG, Urteil vom 20.03.2003). Während die Vorsorge gegen Hochwasser oder Erdbeben bereits Gegenstand politischer Entscheidungen ist, die in den Erlass von Rechtsvorschriften, etwa im Baurecht, mündeten, ist Vergleichbares zwecks langfristiger Erhaltung schutzwürdiger Naturflächen unter den Bedingungen des Klimawandels noch nicht geschehen (Fischer-Hüftle 2021: 15).

Wie das oben genannte Beispiel zeigt, kann der Eingriffsverursacher nur zu Maßnahmen in einem verhältnismäßigen Rahmen verpflichtet werden. Ob solche Maßnahmen für eine ausreichende Klimaresilienz sorgen, ist fraglich. Aber wenn umfangreichere Anpassungsmaßnahmen notwendig sind, wer muss dann für diese zahlen? Wer trägt die Verantwortung für die zukünftigen klimatischen Wirkungen auf die Landschaftsfunktionen? Der Klimawandel wurde schon seit Langem von verschiedensten Verursachern weltweit herbeigeführt. Eine kollektive Verantwortung aller Emittenten wäre zumindest auf nationaler Ebene angemessen. Dieses könnte etwa durch die Finanzierung von Anpassungsmaßnahmen aus den Einnahmen einer stark erhöhten CO 2 -Abgabe geschehen. Bundesweite Regelungen sind auch deswegen notwendig, da Bundesländer mit vielen klimaempfindlichen Biotopen übermäßig belastet würden. Politische Entscheidungen sind notwendig. Diese sollten auf der Grundlage von (naturschutz-)rechtlichen, verteilungsethischen und ökonomischen Erwägungen getroffen werden.

5 Schlussfolgerungen

Die vorhandenen Ansätze können nicht alle relevanten Fragen zufriedenstellend beantworten. Dennoch befähigen sie die Praxis bereits heute zum Handeln. Die klimawandelbedingten Empfindlichkeiten der Schutzgüter können ab sofort in die Landschaftsplanung und in die EGR integriert werden. Klimaprojektionen und klimatische Trends der letzten Jahrzehnte können dazu dienen, die zukünftige klimatische Entwicklung auch regional – wenn auch unter Unsicherheiten – abzuschätzen. Kompensationsmaßnahmen sollten sich, sofern es die funktionale Bindung an den Eingriff zulässt, noch stärker auf den Schutz von Funktionen des gesamten Naturhaushalts konzentrieren und Multifunktionalität, den Biotopverbund und die Resilienz der Landschaft gegen den Klimawandel stärken. Bereits auf Ebene der Landschaftsplanung sollten Klimawandelszenarien bereitgestellt, Empfindlichkeiten aufgezeigt und Vorschläge für Kompensationsflächen und -maßnahmen geliefert werden, um vorausschauend tätig werden zu können. Die Berücksichtigung der THG-Retentionsfunktion als Bestandteil der Klimaschutzfunktion in der Eingriffs-Ausgleichs-Bilanzierung ist längst überfällig. Bilanzierungsmethoden sind vorhanden und werden stetig weiterentwickelt. Schon die methodisch bereits machbare und in manchen Plänen durchgeführte Darstellung von Flächen mit besonders hoher THG-Retentionsfunktion in der Landschaftsplanung kann zur Vermeidung klimaschädlicher Eingriffe beitragen.

Fazit für die Praxis

• Bei der Planung von Ersatzmaßnahmen kann auch der Beitrag zur Steigerung der Resilienz der Landschaft gegenüber dem Klimawandel berücksichtigt werden. Dies kann vor allem durch Multifunktionalität, die Einbindung in den Biotopverbund und die Verbindung mit Maßnahmen der Entwicklung von Boden und Gewässern erreicht werden.

• Bereits auf Ebene der Landschaftsplanung sollten Klimawandelszenarien bereitgestellt, Empfindlichkeiten aufgezeigt und Vorschläge für Kompensationsflächen und -maßnahmen geliefert werden. Schon die Darstellung von Flächen mit besonders hoher THG-Retentionsfunktion kann zur Vermeidung klimaschädlicher Eingriffe beitragen.

• Besteht aufgrund der Klimaprojektionen, -trends und -empfindlichkeiten der Kompensation ein Verschlechterungsrisiko, können Eingriffsverursacher im Zulassungsbescheid zu Monitoringmaßnahmen und Nachbesserungen verpflichtet werden.

• Eine Kompensation, die bereits bei der Erstellung durch zusätzliche Maßnahmen „klimafest“ gestaltet ist, kann dem Eingriffsverursacher nur aufgetragen werden, wenn die konkreten Klimarisiken und die Wirksamkeit der zusätzlichen Anpassungsmaßnahmen die allgemeinen Planungsunsicherheiten nicht übersteigen. Welcher Argumentationsaufwand dafür nötig ist, ist durch den Mangel an Präzedenzfällen noch nicht klar. Eine „vorsorgende“ Kompensation kann der Eingriffsverursacher aber freiwillig wählen.

• Die Klimawirksamkeit von Eingriffen muss im Sinne einer Berücksichtigung der THG-Retentionsfunktion Bestandteil der Eingriffs-Ausgleichs-Bilanzierung sein.

• Der Klimawandel erfordert ein flexibles und effektives Kompensationsflächenmanagement. Es empfiehlt sich die räumliche und organisatorische Bündelung von Kompensationsflächen in einem gebietsübergreifenden Management (einschließlich Ökokonto).

Der Managementaufwand für Kompensationsflächen und die Kosten für nachhaltig wirksame Kompensationsmaßnahmen werden sich durch den Klimawandel erhöhen. Managementaufgaben sollten daher so effizient wie möglich bewältigt werden. Dazu wird die Bündelung durch ein gebietsübergreifendes Management (einschließlich Ökokonto) empfohlen.

Weitere Forschung sollte sich damit beschäftigen, wie das (adaptive) Management von Kompensationsflächen im Klimawandel gestaltet werden sollte und welche Maßnahmen geeignet sind, für die Erhaltung der regionalen Biodiversität relevante Biotope klimaresilient zu machen.

Für die Umsetzung einer umfassenden Klimaanpassung in der EGR müssen noch rechtliche und operative Fragen geklärt werden. Es werden politische Entscheidungen darüber benötigt, inwieweit der Eingriffsverursacher mit zusätzlichen Kosten für eine klimawandelgerechte Kompensation belastet werden kann. Auch wer einspringen muss, wenn die Folgen über die damit gesetzte Verantwortungsgrenze des Eingriffsverursachers hinausgehen, erfordert politische Entscheidungen auf Bundesebene. Diese müssen auf der Grundlage von (naturschutz-)rechtlichen, verteilungsethischen und ökonomischen Erwägungen getroffen werden. Wir schlagen vor, die Kosten aus einer angemessen ausgestalteten bundesweiten CO 2 -Abgabe zu finanzieren. Bundesweite Regelungen sind notwendig, da die Kosten des Klimawandels kollektiv historisch verursacht wurden und weiterhin verursacht werden.

Trotz des teilweise beträchtlichen Forschungs- und Regelungsbedarfs kann jedoch bereits heute mit der Einbeziehung der Klimawandelfolgen in die Eingriffsregelung begonnen werden.

Literatur

Aus Umfangsgründen steht das ausführliche Literaturverzeichnis unter Webcode NuL2231 zur Verfügung.

KONTAKT

M. Sc. Tim Wenzel absolvierte 2014 sein Bachelorstudium im Fach Landschaftsarchitektur an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf. Im Jahr 2017 Master of Science im Fach Umweltplanung an der Leibniz Universität Hannover. Derzeit tätig als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Umweltplanung an der Leibniz Universität Hannover. Forschungsschwerpunkte sind die Bereiche Eingriffsregelung, Klimawandel und Ökosystemleistungen.

> wenzel@umwelt.uni-hannover.de

Prof. Dr. Christina von Haaren ist seit 1998 hauptamtliche Professorin für Landschaftsplanung und Naturschutz am Institut für Umweltplanung der Leibniz Universität Hannover. Sie forscht zu Biodiversität und Ökosystemleistungen in der Umweltplanung, in der Regel unter Einbindung von Adressaten der Forschungsergebnisse. Von 2000 bis 2008 Mitglied und stellvertretende Vorsitzende des Sachverständigenrates für Umweltfragen der Bundesrepublik Deutschland. Seit 2019 Vizepräsidentin für Internationale Angelegenheiten der Leibniz Universität Hannover.

> haaren@umwelt.uni-hannover.de

M. Sc. Hannah Marie Burmester hat ihr Bachelorstudium in Landschaftsökologie & Naturschutz in Greifswald absolviert. Masterabschluss in Umweltplanung an der Leibniz Universität Hannover erlangt. Ab 2016 Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Umweltplanung. 2017– 2020 Referendarin der Landespflege beim NLWKN in Hannover. Seit 2020 Leiterin des Aufgabenbereichs „Naturschutzprojekte, Flächenmanagement, Fördermaßnahmen“ im NLWKN in Lüneburg.

> hannah-marie.burmester@nlwkn.niedersachsen.de