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Die neue HORROR-DROGE


HÖRZU Wissen - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 22.07.2021

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Bildquelle: HÖRZU Wissen, Ausgabe 4/2021

ERFOLGSFORMEL Die chemische Struktur von Fentanyl (C 22 H N O)

Wir stehen vor der tödlichsten Krise in der amerikanischen Geschichte.“ Diese düstere Prophezeiung des damaligen US­ Justizministers Jeff Sessions taten 2018 viele als nicht allzu ernst zu nehmende Übertreibung eines Politikers ab. Doch Sessions sollte recht behalten: Fentanyl, ein synthetisches Opioid aus dem Labor, ist für eine verheerende Drogenepidemie verantwortlich, die immer mehr Opfer fordert. 2020 starben in den USA etwa 90.000 Menschen an Drogen, jeder zweite davon hatte Fentanyl konsumiert.

„Schon 2017 waren mehr Menschen gefährdet, an einer Opioidüberdosis zu sterben als bei einem Autounfall“, sagt Ben Westhoff im HÖRZU WISSEN-Interview. Der US-Journalist ist Autor des spannenden Sachbuchs „Fentanyl – Neue Drogenkartelle und die tödliche Welle der Opioidkrise“ (siehe Tipp Seite 41). Er hält Fentanyl für „schlimmer als Crack, als Crystal Meth, Heroin und verschreibungspflichtige ...

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... Schmerzmittel“. Westhoff stieß als Musikredakteur auf das Thema, als ein befreundeter DJ – definitiv kein Junkie – an einer Überdosis starb. Dann häuften sich mysteriöse Todesfälle auf Technopartys, wo das junge Publikum höchstens mal mit Ecstasy experimentierte. „Wie sich herausstellte, war es aber gar kein Ecstasy, sondern Fentanyl“, erzählt Westhoff. Also begann er zu recherchieren, sprach mit Experten, Ermittlern, Dealern und Süchtigen und arbeitete insgesamt vier Jahre daran, das Netzwerk der Produzenten und Profiteure zu ergründen.

Ein Schmerzstiller wird zum SERIENKILLER

Fentanyl, laut US-Drogenvollzugsbehörde DEA der „Serienkiller der Drogenwelt“, gibt es bereits seit mehr als 60 Jahren. Der belgische Chemiker Dr. Paul Janssen synthetisierte den Stoff 1959, als er mit der chemischen Struktur von Morphium experimentierte. Es wurde das profitabelste Patent seiner Firma Janssen Pharmaceutica, die seit 1961 zum Konzern Johnson & Johnson gehört. Wie Heroin ist Fentanyl ein Morphinderivat, wirkt jedoch fünfzigmal stärker. Eingesetzt wurde es als Narkotikum bei Operationen am offenen Herzen und zum Lindern der Schmerzen von Krebspatienten.

Im Zentrum der neuen Drogenepidemie stehen zwei SUPERMÄCHTE: die USA und China

PRODUZENT UND OPFER Chemiefabrikant Jian Zhang (o.) wurde in den USA wegen Drogenhandels angeklagt, doch China stellte keinen Verstoß gegen chinesische Gesetze fest. Superstar Prince (l.) starb 2016 an einem Medikamentenmix, der Fentanyl enthielt

147 % So hoch ist der Anstieg von TODESFÄLLEN durch Opioide, vorrangig Fentanyl, der für das Jahr 2025 prognostiziert wird

Der Stoff ist derart potent, dass er sogar über die Haut wirkt. Für den Hausgebrauch setzten sich daher neben Tabletten vor allem Pflaster durch. Süchtige beschaffen sich gebrauchte Schmerzpflaster, etwa aus Abfällen von Pflegeheimen, kochen sie aus und schnupfen oder rauchen die Reste. Welche Menge Fentanyl sie auf diese Weise konsumieren – unberechenbar. Schon zwei Milligramm können zu Kreislaufkollaps und Atemstillstand führen, und die gleichzeitige Einnahme anderer Substanzen erhöht die Lebensgefahr noch.

Das bislang prominenteste Fentanyl- Opfer ist der 2016 verstorbene Prince. Der Popstar litt an chronischen Hüftschmerzen. „Auf seinem Anwesen wurden 100 weiße Tabletten gefunden, die aussahen wie Vicodin, tatsächlich aber Fentanyl enthielten. Möglicherweise war ihm nicht bewusst, gefälschte Medikamente zu nehmen“, schreibt Westhoff. Darin liegt die allergrößte Gefahr der Ultradroge: Den wenigsten ist klar, dass sie Fentanyl nehmen – und sie wollen es meist auch gar nicht wissen.

Im DARKNET bestellt und per Post geliefert

Warum aber ist ausgerechnet Fentanyl seit einigen Jahren so unaufhaltsam auf dem Vormarsch? Die Antwort ist die unglaubliche Gewinnspanne. „Fentanyl ist günstig herzustellen. Ein Kilo kostet vielleicht 3000 Dollar, ein Kilo Heroin etwa das Zehnfache“, erklärt Westhoff. Deshalb „strecken“ Dealer ihren Stoff damit – „inzwischen eben nicht nur Heroin oder Meth, sondern auch verschreibungspflichtige Medikamente.“

Und: Fentanyl ist nicht pflanzlich wie etwa Heroin und Kokain. „Niemand muss mehr mühselig anpflanzen und ernten – man geht einfach ins Labor“, sagt Westhoff. Genau das macht auch Behörden und Polizei die Arbeit so schwer: Landet eine Droge auf dem Index, ändern die Hersteller deren chemische Struktur und bringen dann einfach eine neue Variante auf den Markt. „Da schon kleinste Mengen viel Profit abwerfen, ist der Stoff zudem viel leichter zu transportieren“, so Westhoff weiter. Häufig wird das Fentanyl, das Interessenten im Darknet geordert haben, per Post verschickt – getarnt als Nasenspray oder Haushaltsreiniger.

Die größte APOTHEKE der Welt heißt China

„Wie die meisten psychoaktiven Substanzen wird der Großteil des illegalen Fentanyls in chinesischen Laboren hergestellt“, weiß Westhoff. China produziert geschätzte 90 Prozent des illegalen Fentanyls, das weltweit in Umlauf ist. „Das Land ist inzwischen die Apotheke der Welt. Die Chemiesparte ist ein wichtiger Teil der chinesischen Industrie. Die Unternehmen sind subventioniert und genießen Steuervorteile. Bedenkliche Produkte wie Fentanyl-Vorläuferstoffe werden als industrielle und nicht als pharmazeutische Chemikalien deklariert, um Prüfungen zu vermeiden.“

Über das Darknet wird die Ware an Dealer verkauft – oder an mexikanische Kartelle verschickt, die es zu Pillen pres- sen, Heroin und Kokain beimischen oder das Pulver abgepackt in die USA schmuggeln. Große Mengen des Fentanyls, das in den USA kursiert, kommen über Mexiko ins Land. „Marktführer“ bleibt das berüchtigte Sinaloa-Kartell, daran änderte auch die letzte Verhaftung von Boss „El Chapo“ Guzmán 2016 nichts.

DIE WENIGSTEN wissen, dass sie überhaupt Fentanyl nehmen.“

STEILE KURVE Statistik der US-Gesundheitsbehörde CDC (Centers for Disease Control and Prevention) zu tödlichen Überdosen in den USA

Mit Jian Zhang wurde 2017 erstmals ein chinesischer Staatsbürger in den USA angeklagt, einen internationalen Drogen- und Geldwäschering zu betreiben. Zhangs Firma Zaron Bio-Tech (Asia) Limited produziert und vertreibt unbedenkliche Lebensmittelzusätze und Gewürze, aber auch Fentanyl sowie dessen Vorläuferstoffe. China liefert den Geschäftsführer jedoch nicht an die USA aus, es besteht kein Abkommen.

Wie das Geschäft mit Fentanyl-Vorläuferstoffen abläuft, erlebte Westhoff bei einem Undercover-Einsatz. Der Reporter hatte sich als potenzieller Käufer ausgegeben, flog nach Shanghai – und war schockiert, als er das Labor in einem Bürogebäude sah. „Ich hatte ein Kellerloch und bewaffnete Security erwartet. Aber dann standen da ganze Paletten mit Ein-Kilo-Paketen, das sind Hunderttausende Dosen! Und ich dachte: Wenn schon ein einziges kleines Labor solche Unmengen produziert …“ Tatsächlich gibt es wohl Hunderte davon.

Hohe Strafen für die PHARMAINDUSTRIE

Dass aus dem einst als hilfreiches Medikament entwickelten Stoff eine der gefährlichsten Drogen der Welt wurde, die auch in Europa zu einem immer größeren Problem wird, ist auch den Herstellern anzulasten. 2019 wurde Johnson & Johnson in den USA zu einer Strafzahlung von 465 Millionen Dollar verurteilt. Der Pharmakonzern habe die Risiken von Schmerzmitteln verharmlost und sei mitverantwortlich für die todbringende Opioidkrise, heißt es in der Begründung. „Das ist ein Anfang“, meint Westhoff. „Das Geld könnte für Prävention und Therapien eingesetzt werden. In den USA gibt es für alles eine Pille, wir brauchen aber einen ganzheitlicheren Ansatz. Das Problem sind aber nicht mehr die Pillen. Wir müssen uns auf das Pulver konzentrieren, das überall untergemischt wird. Und somit auf die extrem gewalttätigen Kartelle.“ Keine leichte Aufgabe, denn das mexikanische Fentanyl-Geschäft steht nach Einschätzungen von Experten wohl erst am Anfang.

Ben Westhoff schreibt unterdessen ein Drehbuch. „Fentanyl“ wird fürs Kino verfilmt – nicht als Dokumentation, sondern als Thriller.

ULRIKE SCHRÖDER

BUCHTIPP