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DIE NEUE LUST AN DER POLITIK


Lebensart - epaper ⋅ Ausgabe 5/2019 vom 12.12.2019

Indem sie mit dem grundsätzlichen Konsens von Arbeit, Konsum und Lebensstil bricht, fordert die Jugend die Gesellschaft heraus. Gleichzeitig weist sie den Weg in eine Zukunft, die für sie selbst nicht aus Verzicht, sondern Gemeinschaftssinn und positiver Selbstverwirklichung besteht.


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Bildquelle: Lebensart, Ausgabe 5/2019

Die 1968er-Bewegung war der wohl wichtigste gesellschaftspolitische Umbruch nach dem Zweiten Weltkrieg. Ohne jede Vorwarnung zeigte die Jugend ihrer Elterngeneration die lange Nase und weigerte sich, die damalige Vorstellung von Ordnung, Leistung und Tugendhaftigkeit zu erfüllen. Diese Zäsur war so nicht absehbar. Im Bericht ...

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... der deutschen Bundesregierung über die Lage der Jugend 1965 wurde ein Bild gezeichnet vom konsumbewussten, unpolitischen und ansonsten angepassten Teenager.

Eine Beschreibung, die der Gegenwart nicht unähnlich ist. Bis vor kurzem schien die Jugend ruhiggestellt, doch jetzt füllen sich die Straßen wieder mit Unzufriedenen. Hunderttausende marschieren Freitag für Freitag, um für ihr Recht auf eine lebenswerte Zukunft einzutreten.

Welche Vorstellung kann man sich von dieser Zukunft machen? Es ist eine deutliche Absage an das Mantra des „Weiter so!“, meint Trendforscherin Valeria Romme vom Zukunftsinstitut: „Die jungen Menschen freuen sich auf eine bessere Welt und fürchten sich davor, dass das System so bleibt wie es ist und ‚business as usual‘ weitergeführt wird.“ Was gerade passiert und nach Meinung von Valeria Romme der Megatrend des nächsten Jahrzehnts sein wird, stellt eine Abkehr vom Konsumfokus und eine Hinwendung zum Politischen dar. Das bestätigen uns auch jene Menschen, die wir zu Allerheiligen bei der Fridays for Future Demonstration in St. Pölten getroffen haben. Bernhard Treitl ist 43 und bezeichnet sich selbst als „Parent for Future“. Seine Zukunft möchte er als Teil vom Ganzen sehen. Die Frage des Klimawandels sieht er da als Katalysator: „Das ist einfach die Möglichkeit, dass wir alle miteinander reden, weil wir alle das gleiche Problem haben. Das ist eine Riesenchance.“

Und obwohl er ein politischer Mensch ist, bezeichnet er das traditionelle Parteiensystem als „tot“. Das kleinkarierte Denken im Kampf der unterschiedlichen Fraktionen kennt er als Gemeinderat nur zu gut: „Das ist kein Umfeld, wo man sich entfalten kann.“ Dass sich die Parteien künftig warm anziehen müssen, um die bewegte Jugend anzusprechen, bestätigt auch die aktuelle Jugendwertestudie des Instituts für Jugendkulturforschung. Demnach bilden politische Parteien mit nur drei Prozent das absolute Schlusslicht im Vertrauensranking.

Sanea Hertlein ist mit ihren 19 Jahren zutiefst davon überzeugt, dass die Politik nicht genug tut, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern: „Wir brauchen einen Ausstieg aus fossilen Großprojekten, wir brauchen eine ökologische und sozial gerechte Steuerreform, wir brauchen einen Öffi-Ausbau.“ Das sind Dinge, die aus ihrer Sicht notwendig sind, damit der Planet Erde auch in hundert Jahren noch bewohnbar ist.

Eine besondere Herausforderung für die Elterngeneration stellt die scheinbare Konsumimmunität der Kids dar. Während man selbst häufig Tag für Tag schuftete, damit es den Kindern mal besser geht, haben Erwerb und Besitz bei den Jungen deutlich an Bedeutung verloren. Ein grundsätzli- cher Standpunktwechsel, wenn man nicht mehr ist, um zu arbeiten und zu haben, sondern um Sinnvolles und Erfüllendes zu erreichen und zu tun.

„Besitz bedeutet für mich, so viel zu haben, um damit leben zu können, und nicht Sachen zu haben, die man eigentlich gar nicht braucht“, sagt Lena Weilguny, 15, und ihre gleichaltrige Freundin Antonia Leitner ergänzt: „Ich glaube, je mehr man besitzt und je mehr man sich an materiellen Dingen festklammert, desto mehr driftet man von sich und von den eigentlich wichtigen Dingen weg.“ Beruf muss für die beiden auch Berufung sein. Ihnen geht es um Leidenschaft und die Verwirklichung ihrer Träume.

Das ist natürlich starker Tobak für all jene, die dem Hamsterrad nicht entkommen können oder wollen. Und so ist es nicht verwunderlich, dass sich die Jugend, vor allem die Fridays-for-Future-Bewegung, mit teilweise recht deftigen Anfeindungen konfrontiert sieht. Bernhard Treitl kann das verstehen: „Wenn ich sehe, was die Jugendlichen machen, und wenn ich dem zustimmen würde, dann wäre das für viele gleichbedeutend mit der Erkenntnis, dass alles, was ich bisher gemacht habe, eigentlich Blödsinn war.“ Das Eingeständnis, dass man als Elterngeneration einiges verbockt hat, kann ziemlich schmerzhaft sein.

Die Abwehrreaktion ist daher nicht verwunderlich und auch nicht neu. So wie man sich 1968 beinahe hysterisch über die „Gammler“ aufregen konnte, so geifert man heute gegen die „Zöpferldiktatur“ oder gegen „Untergangssekten“ und suhlt sich aufgeregt in Shitstorms. Das ist wunderbar rückwärtsgewandt und wird daher die Zukunft auch nicht aufhalten.

BERNHARD TREITL glaubt nicht, dass eine nachhaltige Zukunft mit Verzicht erkauft werden muss. „Ich bin früher mit dem Auto 80.000 Kilometer im Jahr gefahren, ich bin geflogen. Jetzt fahre ich elektrisch, fahre nur mehr 20.000 im Jahr, fliege nicht mehr, fahre sehr viel mit den Öffis und merke, das ist kein Verzicht. Das ist ein Gewinn! Ich täte es jedem wünschen, das einmal auszuprobieren.“

SANEA HERTLEIN arbeitet unheimlich gern, weil es ihr Spaß macht und sie Arbeit mit dem verbinden möchte, was sie in der Welt verändern kann. „Es muss ein radikaler Systemwechsel her. Es hilft nicht, wenn wir jetzt alle Rad fahren und alle Bio einkaufen. Das ist natürlich großartig, aber vor allem muss die Politik handeln.“

ANTONIA LEITNER (links) stellt ihre persönlichen Interessen hintan und verzichtet für den Klimaschutz auf Urlaubsreisen mit dem Flugzeug. „Die Leute, die die Fridays-for-Future-Bewegung kritisieren, denken egoistisch. Die sehen nicht das große Ganze.“

LENA WEILGUNY (rechts) ist der Meinung, dass manche Denkmuster der Elterngeneration festgefahren sind: „Die Klischees, die in ihren Köpfen festsitzen, die sie so gelernt haben, die ihnen beigebracht worden sind. Es ist schwer, die wegzubringen oder anders zu denken.“


Fotos: Mika Baumeister/Unsplash.com

Fotos: Markus Spiske/Unsplash.com

Fotos: Markus Spiske/Unsplash.com; Mario Offenhuber (2) (v.l.n.r.)

Fotos: Mario Offenhuber