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Die neue Sehnsucht nach dem Land


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plus Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 9/2022 vom 03.08.2022
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Bildquelle: plus Magazin, Ausgabe 9/2022

Tiere

„Wenn meine Kühe kalben, ist das für mich etwas ganz Besonderes‟

Tanja Zeller ist auf ihrem Bauernhof groß geworden

Derst mal Kaffee und geht dann ins Büro – Lieferscheine, Abrechnungen und Bestellungen er Wecker von Tanja Zeller klingelt um 5 Uhr früh. Normalerweise kocht sie jetzt abarbeiten, bevor sie die Kühe füttert und anschließend Frühstück für sich, ihren Mann und die drei Söhne macht. Heute aber eilt sie direkt auf die Weide hinterm Haus, um nach Michelle zu sehen. „Alles in Ordnung“, ruft sie dann und winkt uns, die Fotografin und die Reporterin, herbei.

Ein echtes fränkisches Landkind

Michelle, die Kuh, hat gesunde Zwillinge zur Welt gebracht. Das eine Kälbchen trinkt bereits bei seiner Mutter, das andere liegt noch erschöpft im Gras. Liebevoll streichelt Tanja Zeller über sein nasses Fell. „Wenn meine Kühe kalben, sind das für mich immer wieder ganz besondere Momente“, sagt die ...

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... Bio-Landwirtin und strahlt.

Tanja Zeller ist auf diesem Bauernhof in Ipsheim in Mittelfranken aufgewachsen. Schon ihre Urgroßeltern haben den Hof bewirtschaftet, sie selbst hat ihn dann vor zwanzig Jahren gemeinsam mit ihrem Mann Hermann übernommen. Sie ist ein Landkind, ein echtes, erzählt die 49-Jährige, während sie sich aufmacht, um auf den Gemüsefeldern nach dem Rechten zu sehen.

Die Luft riecht nach Erde und Gras

Auf insgesamt fünf Hektar baut die Familie vor allem Zucchini und Kürbisse an. Weit reicht der Blick über blumenbunte Wiesen und goldgelbe Weizenfelder bis zur sanften Hügelkette am Horizont. Die Luft riecht warm nach Erde und Gras, weiße Schmetterlinge tanzen zwischen lila Disteln und ganz in der Nähe singt eine Feldlerche. Es ist ein ländliches Idyll hier, das für all das steht, wonach sich in Deutschland inzwischen immer mehr Menschen sehnen.

Natur

„Ich habe eine große Verantwortung für das Land, das ich bewirtschafte‟

Bio-Bäuerin Tanja Zeller aus dem fränkischen Ipsheim

Jahrzehntelang zog es die deutsche Bevölkerung vor allem in eine Richtung: weg vom Land, rein in die Stadt. Landstriche verödeten, während die Städte immer größer und voller wurden. Doch gerade dreht sich das. Mehr als die Hälfte der Stadtbewohner kann sich mittlerweile vorstellen, aufs Land zu ziehen, zu diesem Ergebnis kam eine Umfrage des Vodafone Instituts im vergangenen Jahr.

Dass hinter dem Trend mehr steckt als reine Sehnsucht, zeigt die aktuelle Studie „Landlust neu vermessen“ des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. „Das Land ist als Wohnort wieder attraktiv“, weiß Soziologe und Projektkoordinator Frederick Sixtus. Zwischen 2018 und 2020 haben laut der Studie vor allem Landgemeinden und kleinere Städte Einwohner durch Umzüge dazugewonnen. Im Jahrzehnt davor waren unterm Strich mehr Menschen weggezogen. Insgesamt konnten zwei von drei Gemeinden auf dem Land von Zuwanderung profitieren. Zehn Jahre früher war es lediglich jede vierte Gemeinde. Soziologe Sixtus war vor allem überrascht, wie eindeutig das Ergebnis ausfiel: „Und dass die Menschen inzwischen selbst in entlegene Regionen ziehen und nicht mehr nur wie früher an den Stadtrand.“

Die Corona-Pandemie, auch das geht aus der Studie hervor, hat die Lust aufs Landleben noch verstärkt. „Schließlich wurden wir in dieser Zeit alle auf uns selbst zurückgeworfen und haben dabei gelernt, was uns wirklich wichtig ist“, erläutert die Hamburger Psychologin Birgitta Thiel. „Da haben sich bei einigen die Prioritäten verschoben.“

Was ist wirklich wichtig im Leben?

Viele hätten zum Beispiel gemerkt, so die Psychologin, dass sie die große Auswahl an Restaurants und das kulturelle Angebot in der Stadt nicht so vermissen wie gedacht. Und dass es die Natur ist, die ihnen guttut.

Landwirtin Tanja Zeller, die inzwischen im Zucchini-Feld steht, kann das gut nachvollziehen. Sie fährt gelegentlich nach Nürnberg zum Einkaufen, ist aber jedes Mal froh, wenn sie wieder daheim ist. „Die Enge und die vielen Menschen überfordern mich“, gesteht sie. „Nach einem Stadt-Tag bin ich am Abend immer völlig erledigt.“

Im Dorf achtet man aufeinander

Regina Woday empfindet heute genauso, dabei hätte sie sich lange nicht vorstellen können, die Stadt zu verlassen. Die PR-Agentin für Luxusmarken hat in Brüssel, Hamburg und Düsseldorf gelebt, ist viel gereist und hat viel gearbeitet, auch im Urlaub und an Wochenenden. Sie war Anfang 50, als sie entschied, dass das so nicht weitergehen kann. Die Glamour-Welt, ganz lange ihre ureigene Welt, hatte für sie an Glanz verloren. „Ich sehnte mich nach Bodenständigkeit, danach, meinem Leben eine andere Taktung zu geben.“

Seit einigen Jahren nun lebt die 65-Jährige mit ihrem Mann und der Irish-Setter-Hündin Phely im Kehdinger Land in Niedersachsen – auf einem abgelegenen Resthof mit großem Garten. Aus dem Haus inmitten von Feldern und Marschlandschaften, das eigentlich nur ein Wochenend-Domizil sein sollte, ist längst der Erstwohnsitz des Paares geworden. Statt Vernissagen oder feine Restaurants zu besuchen, kocht die Kommunikations-Expertin nun Mirabellen-Konfitüre und bloggt unter www.kreuzstichundzwie belmuster.de begeistert über ihr Landleben. „Ich bin hier auf dem Land viel mehr bei mir selbst“, sagt Regina Woday.

Der nächste Supermarkt ist acht Kilometer entfernt, die nächste größere Stadt 25. „Ohne Auto geht hier nichts, der Bus fährt vielleicht zwei Mal am Tag.“ Sehr viel mehr Nachteile fallen Regina spontan nicht ein. „Die Straßenbeleuchtung fehlt“, meint sie schließlich. „Hier steht man nachts wirklich im Dunklen.“ Sie ist gerade von einem zweistündigen Spaziergang mit ihrer Hündin zurückgekehrt: durchs Moor, an knorrigen Bäumen vorbei, immer entlang an weitläufigen Wiesen, auf denen Kühe grasen. Jeden Tag gönnt sie sich das und schwärmt vom Luxus, ungestört ihren Gedanken nachhängen zu können. Seit einiger Zeit hat sie ein Fernglas dabei, berichtet sie, damit sie bei dem Spaziergang die Tiere besser beobachten kann.

Menschen dagegen begegnet sie auf ihren Streifzügen durch die Natur eher selten. Die Region ist dünn besiedelt, einsam fühlt sich Regina Woday trotzdem nicht. Mit den Nachbarn trifft sie sich regelmäßig zum Frühschoppen und gegenseitige Hilfe sei ohnehin selbstverständlich. „Auf dem Land achtet man aufeinander, weil einer auf den anderen angewiesen ist“, erklärt sie. Begegnet man sich auf dem Fahrrad, hält man an und spricht miteinander. „Dass man wie in der Stadt aneinander vorbeifährt, ist hier undenkbar.“

Heimat

„Ich sehnte mich nach Bodenständigkeit und einer neuen Taktung in meinem Leben‟

PR-Frau Regina Woday pendelt zwischen zwei Welten

Inzwischen schickt ihr der Bauer, der die angrenzenden Felder bewirtschaftet, eine Warn-Nachricht auf das Handy, bevor er die Gülle ausbringt. „Regina“, schreibt er dann, „hol die Wäsche von der Leine, es geht los.“ Von der Dorfgemeinschaft wurden sie recht schnell akzeptiert, erzählt Regina Woday. Wer sich einbringt und für die Gemeinschaft engagiert, der findet auch Zugang, davon ist sie überzeugt. „Die Menschen auf dem Land haben ein feines Gespür dafür, wer es ehrlich mit ihnen meint.“

Politisch wurde der ländliche Raum in den vergangenen Jahren immer weiter aufgewertet. Selbst wenn in dünn besiedelten Regionen guter Handy-Empfang sowie schnelles Internet oft noch immer Glückssache sind, wenn die Straßen Schlaglöcher aufweisen und der Weg zum nächsten Arzt weiter ist als in der Stadt, zeigen die Infrastruktur-Programme von Bund, Ländern und Kommunen doch allmählich Wirkung. Glücklicher als in der Stadt sind die Menschen auf dem Land ohnehin schon jetzt, behaupten zumindest eine Reihe von aktuellen Studien. Eine stammt aus der Feder des dänischen Soziologen Jens Fyhn Lykke Sørensen, der die höhere Zufriedenheit vor allem auf folgende zwei Faktoren zurückführt: den unmittelbaren Zugang zur Natur und den besseren sozialen Zusammenhalt der Gemeinschaft. Das Gefühl von Solidarität sei auf dem Land zwei- bis dreimal so stark wie in der Großstadt, meint der Forscher.

Kunst im alten Gutshaus am See

Sabine Puschmann würde das jederzeit unterschreiben. „Unser Dorf ist toll“, schwärmt die Malerin, die in Woserin in Mecklenburg-Vorpommern lebt. „Vor Kurzem war ich zum Essen eingeladen. Da war fast der halbe Ort da“, erzählt sie und lacht. „Aber gut, wir haben auch nur 36 Einwohner.“ 2017 ist die Künstlerin gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten von Bremen aufs Land gezogen, um im alten Gutshaus am See eine Kunst-Akademie zu eröffnen. Für diesen Traum ließ sie ihr altes Leben im Einfamilienhaus hinter sich. 55 Jahre alt war sie damals, hatte drei Kinder und zwei Enkel. „Ich liebe meine Familie“, sagt sie. „Aber nur noch Oma sein? Ich wollte, dass noch was anderes kommt.“ Ein Jahr lang renovierte Sabine Puschmann das Haus am See. Zunächst das Atelier, in dem sie wohnt, schläft und arbeitet. Dann nach und nach die anderen Räume. Das Gebäude war nicht an die Kanalisation angeschlossen, hatte nur eine einzige elektrische Leitung. Zum Waschen benutzte sie eine Plastikschüssel unterm Wasserhahn. Eine anstrengende Zeit? „Sehr“, gibt die Malerin zu. „Aber ich hatte mein Ziel klar vor Augen.“

Sabine Puschmann hat sich den Neuanfang auf dem Land gut überlegt. Bevor sie nach Woserin zog, hat sie im Dorf Probe gewohnt, um zu sehen, ob sie sich hier wohlfühlt. Und sie hat die Einwohner kennengelernt: die Töpferin, den Korbmacher, die Hörbuch-Autorin. „Viele hier haben kreative Berufe“, erklärt sie, „das verbindet uns.“

Die Ruhe schärft die Konzentration

Inzwischen, vier Jahre nach der erfolgreichen Eröffnung ihrer Akademie (www. gutshausamsee.com), in der sie mit anderen Künstlern Kurse anbietet, sitzt sie oft am Steg und blickt aufs Wasser. Hier könne sie sich besser auf ihre Arbeit fokussieren, erzählt sie. Das mag an der Ruhe dieses Ortes liegen, dem besonderen Zusammenspiel von Licht und Wasser oder an der fehlenden Ablenkung: Die Künstlerin weiß es selbst nicht. „Aber ich bin mir sicher, dass ich genau an dem Ort bin, an dem ich sein möchte.“

Im fränkischen Ipsheim steht Tanja Zeller derweil im Zucchini-Feld und untersucht den Boden. Ein wenig trocken, aber noch im grünen Bereich, lautet ihre Diagnose. Die Landwirtin spürt eine große Verantwortung für das Land, das sie bewirtschaftet. Sie hat mit ihrem Mann Blühstreifen gesät, Bäume gepflanzt und eine Streuobstwiese angelegt. Und sie mähen ihre Wiesen so spät wie möglich, um den Insekten Nahrung zu bieten.

Platz genug für große Wünsche

„Wir können von der Natur nicht immer nur nehmen“, betont sie. „Wir müssen auch geben.“ Tanja Zeller macht sich auf den Weg zum Stall und erzählt dabei von einem lang gehegten Wunsch. Ein Schwimmteich auf der Wiese hinter dem Haus, weil sie so gern schwimmt, aber nie die Zeit findet, ins Schwimmbad zu fahren. „Noch so ein Vorteil, wenn man auf dem Land lebt“, sagt sie und lacht. „Wir haben ja Platz.“

Beatrice Oßberger

Ruhe

„Ich bin mir sicher, dass ich genau an dem Ort bin, an dem ich auch sein möchte‟

Malerin Sabine Puschmann lebt im Haus am See

BUCH-TIPP

„Gekommen, um zu bleiben“ ist das Motto von 20 spannenden Frauen: Warum sie aufs Land gezogen sind und wie sie dort ihr Glück gefunden haben, zeigen Kerstin Rubel und Ulrike Schacht (Callwey Verlag, 45 Euro).