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Die neuen Berliner:innen


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tip Berlin - epaper ⋅ Ausgabe 7/2022 vom 30.03.2022

Titel

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Die ehemalige Bonhoeffer-Nervenklinik in Reinickendorf ist heute Erstanlaufstelle für geflüchtete Menschen

Einen Rucksack. Mehr hat Miranda nicht mitgenommen, als sie vor anderthalb Wochen in Charkiw in den Zug stieg. Über Katowice gelangte sie nach Berlin, 32 Stunden dauerte die Fahrt. Charkiw, die zweitgrößte Stadt der Ukraine, ist eine der Metropolen, die bisher am stärksten zerstört wurden. Miranda war schon mal in Berlin, auf Klassenfahrt. „Ich mag Deutschland“, sagt sie. „Aber ich hätte nicht gedacht, dass ich mal unter diesen Umständen hier landen würde.“

Für die 23-Jährige ist es schon das zweite Mal in ihrem Leben, dass sie flüchten muss: Ihre Heimatstadt Luhansk wurde 2014 von prorussischen Paramilitärs überrannt. Nun sitzt sie in Berlin-Reinickendorf auf einer Bank und wartet darauf, sich offiziell als Geflüchtete registrieren zu lassen. Um sie herum: Trubel.

An einem kalten Freitagmorgen, 18. März, kurz vor 9 Uhr, sieht es auf dem Gelände der ehemaligen Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik im ...

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... Norden Berlins aus, als wäre eine Kleinstadt schon auf den Beinen. Eine lange Schlange vor der Essensausgabe. In Decken gehüllte Menschen, die ihre Hände an Pappbechern mit Tee wärmen. Wartende am Spendenzelt, wo sich Kisten mit Kleidung und Spielsachen stapeln, an der Covid-Teststation, am Anmeldungs-Zelt. Sie alle sind aus der Ukraine geflüchtet. Man sieht in ihrer Verstörtheit den ganzen Wahnsinn der ersten Wochen seit dem Beginn des Krieges.

Das Gelände der ehemaligen Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik ist an diesem Morgen noch zwei Tage lang Berlins zentrales Ankunftszentrum für Geflüchtete, dann wird der stillgelegte Flughafen Tegel den Titel übernehmen. Das alte Ankunftszentrum hat die Atempause bitter nötig.

Berlin, eine Stadt, die am Limit scheint, die sich gegen die Überforderung stemmt, mit aller Macht, Solidarität, Großherzigkeit – und auch Verzweiflung. Seit Putins Armee am 24. Februar den Angriffskrieg entfesselte und damit eine Fluchtbewegung auslöste, wie es sie in Europa seit dem zweiten Weltkrieg nicht gegeben hat, organisiert die Stadt Schlafplätze, Mahlzeiten und medizinische Versorgung in Serie. BVG und Bäderbetriebe verteilen Gratistickets an Menschen aus der Ukraine, die Tiertafel gibt Tierfutter aus, die Bildungsverwaltung stampft Willkommensklassen und Kitaplätze aus dem Boden.

Wer bleiben darf

Der Senat ringt seit Wochen um Hilfe vom Bund, Weiterverteilung der Geflüchteten, Unterstützung durch Soldaten.

Freitagmorgen, auch am Noch-Ankunftszentrum in Reinickendorf: Inmitten des Gewühls vor dem Eingang steigt Kultursenator Klaus Lederer, Linke, der auch für Europafragen zuständig ist, aus einem Auto und hastet mit seiner Entourage aufs Gelände. Er wird hier heute den EU-Umwelt-Kommissar treffen, Virginijus Sinkevičius aus Litauen. Der setzt sich seit Beginn des Krieges stark für die Belange der Ukraine ein. Später wird auch Bundesinnenministerin Nancy Faeser, SPD, vorbeischauen. Das Ankunftszentrum ist zu einem Schlüsselort der Krise, zu einem Symbol geworden.

Sascha Langenbach, Sprecher des für die Ankunftszentren zuständigen Landesamtes für Flüchtlingsangelegenheiten, sagt, er arbeite gerade 80 Stunden pro Woche. Im Minutentakt bekommt er Anrufe. Auch solche, für die er gar nicht zuständig ist. Er spricht in sein Headset: „Entschuldigen Sie, das ist eine Notfallnummer. Da kann ich Ihnen auch nicht helfen.“ – „Hey, meine Heldin!“ – „Das auch noch?“ Vor dem Bettenlager trifft er auf Senator Lederer, der sagt, er sei „ein bisschen entsetzt“ von der ungenügenden Unterstützung durch die Bundesregierung: „Die haben auf der Ministerpräsidentenkonferenz die konkrete Zusage für finanzielle Unterstützung der Bundesländer und Kommunen auf die nächste Sitzung in drei Wochen verschoben. Wenn es aber kein Geld für die Bewältigung dieser Krise gibt, werden wir die Menschen in der Stadt nicht dauerhaft versorgen und nicht gut in andere Städte und Kommunen weiterleiten können!“

„Berlin ist in der Ukraine ein Symbol: Wer hier lebt, der hat es geschafft“

SASCHA LANGENBACH, SPRECHER DES LANDESAMTS FÜR FLÜCHTLINGS­ ANGELEGENHEITEN

1.200 Übernachtungsplätze gibt es auf dem Gelände der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik, dazu provisorische Wärmezelte für Geflüchtete, die in der Nacht ankommen. Langenbach sagt: „Berlin ist in der Ukraine ein Symbol für viele junge Menschen: Wer hier lebt, hat es geschafft. Deshalb wollen viele hierbleiben. Man muss den Menschen vermitteln, dass das nicht dauerhaft geht.“

Die neuen, temporären Berliner:innen, die bis zum 23. Mai aus der Ukraine nach Berlin geflüchtet sind und flüchten, haben ein befristetes Aufenthaltsrecht. Wer So-zialleistungen und eine Arbeitserlaubnis, Zugang zum Schulsystem, zu Deutschkursen, kurz: die Möglichkeit zur Integration will, muss sich zudem registrieren lassen. Wer sich registriert, wird durch einen Algorithmus auf die Bundesländer verteilt. Nur fünf Prozent der Registrierten dürfen hier bleiben. Eine Ausnahme macht der Algorithmus nur für Menschen, die in Berlin Verwandte oder einen Untermietvertrag haben. Die neuen ukrainischen Mitbewohner:innen, die bei Berliner:innen privat eine Bleibe und herzlichen Anschluss gefunden haben (siehe Seiten 13, 15, 17), können nur hoffen, dass ihre Gastgeber und die Eigentümer der Wohnungen, ihnen Verträge schreiben.

Angst vor der Umverteilung

Diana Henniges war schon 2015 mit Moabit Hilft für Geflüchtete aktiv, jetzt hilft sie wieder. Sie sagt: „Die, die bleiben wollen, müssen jetzt fürchten, umverteilt zu werden. Da wird auch nicht nach dem Einzelfall gefragt. Was ist mit Menschen, die von vornherein beeinträchtigt sind, einen künstlichen Darmausgang haben, auf Medikamente angewiesen sind? Die sollen dann nach einer beschwerlichen Reise gleich wieder umverteilt werden?“

Noch schwerer haben es Menschen ohne ukrainischen Pass, oft People of Color, die aus der Ukraine hierherkommen. Drei davon haben mit uns gesprochen, sie wollen ihre Namen nicht veröffentlichen. Die Nigerianer:innen haben bis zu ihrer Flucht an ukrainischen Unis studiert. Ihre Flucht sei verhältnismäßig unproblematisch verlaufen, keine Diskriminierung bei der Zugplatzvergabe, kein Abschiebegewahrsam in Polen, aber: „Alle unsere Pläne waren darauf ausgerichtet, dass wir eine Ausbildung in Europa bekommen. Das ganze Geld meiner Familie steckt in meinen Studiengebühren. Ohne Abschluss stehe ich in Nigeria vor dem Nichts“, sagt eine:r von ihnen.

Die Aufnahmeregelungen im Rahmen der Massenzustrom-Richtlinie der EU, die für Kriegsgeflüchtete mit ukrainischem Pass nun gelten, schließen Geflüchtete ohne dieses Dokument aus. Obwohl der Aufenthalt nicht-ukrainischer Geflüchteter in Deutschland vorläufig bis zum 23. Mai legal ist, würden, das berichtet eine Ehrenamtliche der Berliner Organisation Each One Teach One (EOTO), insbesondere afrikanische Geflüchtete aus der Ukraine von deutschen Offiziellen oft dazu angehalten, umgehend Asyl zu beantragen. Das aber ist eine Sackgasse, die weder ein Studium noch Arbeitstätigkeit ermöglicht und über kurz oder lang zur Abschiebung führt.

Wollen die nach Berlin Geflüchteten überhaupt hier bleiben? Die Menschen, mit denen wir für die Porträts (rechts) sprachen, zeichnen ein diverses Bild:

„Viele können einfach nicht mehr. Ich kann nicht mehr“

RIESSA MUSTAFA, FREIWILLIGE HELFERIN

Yaroslav Malashenko, 25, Designmanager: „Ich mag Berlin wirklich gern, ich möchte gerade nirgends anders sein oder woanders hin müssen.“

Xenia Derkach, 21, PR Managerin: „Ich werde nur zurück nach Kyjiw gehen, wenn der Krieg endet und die Ukraine künftig nicht Teil von Russland, also besetzt ist.“

Nadia Borisenko, 74, Rentnerin: „Natürlich wollen wir irgendwann wieder zurück in die Ukraine. Es ist unsere Heimat. Wir lieben unser Land.“

Lena Makhno, 35, Zahnchirurgin: „Die Großstadt ist nichts für mich, ich bin eher ein Kleinstadtmensch. Deshalb werde ich wahrscheinlich bald von Berlin nach Oldenburg ziehen. Das ist immerhin ein gutes Stück kleiner. Langfristig möchte ich zurück in die Ukraine und zu meinem Mann, meiner Mutter. Dann möchte ich unser schönes Land wieder aufbauen.“

Momentan brauchen sie aber einen Ort hier, den sie Zuhause nennen können – wenn auch provisorisch. Und das bedeutet für Berlin sehr viel Arbeit, die zu einem großen Teil von Freiwilligen, meist Frauen, geleistet wird. Die Hilfsorganisationen die 2015 entstanden sind, haben ihre Strukturen hochgefahren und sind sofort eingesprungen.

Riessa Mustafa ist eine der Helfer:innen. Auf einer Wiese vor der ehemaligen Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik erklärt sie anderen Freiwilligen routiniert, an welchem Infopoint ukrainisch-und russischsprachige Menschen benötigt werden, wie die internen Telegram-Gruppen funktionieren und wohin man Geflüchtete schicken muss, die Asyl beantragen wollen. „Geht los, schwirrt aus, viel Erfolg!“, ruft sie allen hinterher. Und sagt leise: „Ich hab viel zu wenige Arme.“

Erste Hilfe

Riessa Mustafa ist 29 Jahre alt, alleinerziehende Mutter und arbeitet bei einer Bank. Vor zwei Wochen ist sie zum ersten Mal hergekommen, weil sie gehört hatte, dass Feuchttücher für Babys benötigt werden. „Ich hatte so etwas noch nie gesehen“, sagt sie. „Ich habe mit den Tränen gekämpft. In der ersten Woche gab es hier kein Wasser und man konnte nicht übers Gelände laufen, weil so viele Menschen hier standen.“ Sie und viele Mitstreiter:innen fühlen sich im Stich gelassen. „Viele können einfach nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Wir haben immer noch keine Sanitäter vor Ort. Keine Rollstühle mehr.“ Als sie neulich einen Krankenwagen rief, weil eine Person kollabiert ist, habe sie Ärger bekommen: Es hieß, dafür gäbe es das Medi-Zelt. „Aber auch da sitzen ja nur Freiwillige, keine Rettungssanitäter!“, sagt Riessa Mustafa.

Es ist ein Hilfesystem unter Hochdruck. Im Allendeviertel, einer Plattenbausiedlung in Köpenick, wurde ein Containerdorf geräumt, damit die neuesten Berliner:innen geschlossen einziehen können. Bekanntgabe Donnerstag 10. März, Auszug Freitag, Einzug Samstag. Einige der Ex-Bewohner:innen, die meisten syrischer Herkunft, leben jetzt in einer Modularbau-Unterkunft nicht weit vom Containerdorf. Viele von ihnen sind zur Ankunft der Ukrainer:innen vorbeigekommen und haben geholfen, bei der Essensausgabe, bei der Übersetzung oder einfach, indem sie die Neuen persönlich willkommen hießen.

Petra Strachovsky, die im Containerdorf einen Gemeinschaftsgarten leitet, erinnert sich an das Einzugswochenende: „Es gab nichts zu essen, nichts zu trinken, nichtmal Wasser, es gab kein Bettzeug, ein Teil der Zimmer war nicht geräumt.“ 50 Helfer:innen rückten spontan an, das Chaos blieb aus.

„Hier kamen Busse an, in denen Einschusslöcher waren“

ALBRECHT BROEMME, ANKUNFTSZENTRUM-ENTWICKLER

Ina Marsuch, die Leiterin der Unterkunft, sagt: „Wir haben hier jetzt wahnsinnig viele Kinder und Familien. Die nutzen die Spielplätze und erkunden den angrenzenden Wald.“

Bildungssenatorin Astrid Busse (SPD) will für ukrainische Kinder kurzfristig 250 Willkommensklassen an Grundschulen und Oberstufenzentren einrichten, insgesamt 2.750 Plätze soll es geben. Wer gut genug Deutsch spricht, wechselt in den Regelunterricht. Über 100 ukrainische Pädagog:innen, darunter viele mit Deutschkenntnissen sowie zahlreiche Privatpersonen haben sich auf eine Ausschreibung des Senats gemeldet, Tendenz steigend, heißt es seitens der Behörde. Doch noch bevor die ersten Klassen am 21. März an den Start gingen, äußerte die ukrainische Generalkonsulin Iryna Tybinka bei der Kultusministerkonferenz Kritik an diesen Integrationsvorhaben und forderte, dass die Schüler:innen auf Ukrainisch nach ukrainischen Rahmenplänen unterrichtet werden sollten. Berlin will beim Konzept der Willkommensklassen bleiben, jedoch auch muttersprachlichen Unterricht anbieten.

Die Rolle als Haupt-Ankunftszentrum hat seit dem 20. März der Flughafen Tegel übernommen. 2.600 Schlafplätze gibt es hier, bei Bedarf auf 5.000 erweiterbar, doch die Hauptaufgabe ist die Weiterverteilung: Bis zu 10.000 Menschen am Tag sollen von hier aus mit Bussen in andere Unterkünfte und Bundesländer reisen. Tegel ist wieder Drehscheibe, nicht mehr für Urlaubsflieger, sondern für Busse voller Geflüchteter.

Drehscheibe TXL

Für das Projekt TXL hat Berlin zwei seiner erfahrensten Krisen-Manager aus dem Ruhestand geholt. Detlef Cwojdzinski, 67, für die Koordination, Albrecht Broemme, 68, für die Planung. Broemme war erst Chef der Berliner Feuerwehr, dann des THW, zuletzt hat er das Coronakrankenhaus in der Messe und mit Cwojdzinski die Impfzentren aufgebaut, eins ihrer Impfzentren belegt noch das Terminal C des Ex-Flughafens. Albrecht Broemme wollte eigentlich keine derart großen Projekte mehr stemmen. „Aber dann hat mich Frau Giffey angerufen und eine Stunde lang bequatscht. Ich bin ihrem Charme erlegen“, sagt er.

Broemmes Stärke ist die Notfall-Logistik. „Wenn Sie so eine große Unterkunft planen, müssen Sie gründlich sein“, sagt er. Es brauche einen Schichtplan für den Personaleinsatz von 400 Mitarbeiter:innen: Essenszubereitung und -ausgabe, Security, Betreuung, Reinigung. Außerdem ein Hygienekonzept, einen Rettungswegeplan, ein Kinderschutzkonzept. „In so Massenunterkünften kann es ja wild hergehen”, sagt Broemme. Man brauche auch ein Zutrittskontrollkonzept, ein Konzept zum Ein-und Auschecken der Menschen in der Anlage. Man brauche ein Betreuungs-und Seelsorgekonzept und dafür ein Übersetzungskonzept, in dem man auch die ukrainische Community einbindet. „Wichtig ist, dass man, egal ob die Leute bleiben oder nicht, sie gut betreut. Die haben ja fürchterliche Dinge erlebt. Hier kamen Busse an, in denen Einschusslöcher waren“, sagt er.

Wenn ein paar tausend Menschen irgendwo untergebracht werden, ist auch die Qualität des Frischwassers wichtig. Ist das in Ordnung oder muss man zusätzlich Trinkwasser bereitstellen? Was ist mit dem Abwasser, kann das abfließen oder muss man eine Hebeanlage bauen? Broemme sagt: „Normalerweise macht man einen Plan, dann wird der genehmigt und dann umgesetzt und abgenommen, aber das müssen wir hier über den Haufen werfen, da muss man pragmatisch vorgehen. Wir haben im Team viele erfahrene Leute, das kriegen die hin. Mit einem motivierten Team sind diese Aufgaben leistbar.”

„Wir haben nichts aus 2015 gelernt“

ALBRECHT BROEMME

Die Flüchtlingslage wurde kritisch, als der Krieg begann, aber mit einem Krieg hätte man rechnen können sagt Broemme. „Es ist ja kein völlig überraschendes Ereignis. Aber wir haben keine Vorbereitungen getroffen, wir haben keine Konsequenzen aus 2015 gezogen”, sagt Broemme.

In der neuen Stadt

Hinter dem Geschehen in den Ankunftszentren lauert immer die große Frage: Gibt es genug Helfer:innen? Per E-Mail wurde allen Angestellten des Landes angeboten, bei gleicher Bezahlung ihren Arbeitsplatz in die Erstaufnahmeeinrichtung zu verlegen. Broemme sagt: „Wir haben bewusst nicht die Abfrage an die Behördenleiter gemacht, weil da kommt nur die Antwort: ,Wir können niemanden entbehren‘. Aber wenn es so knirscht, muss man halt mal die Kontrolle der Parkraumbewirtschaftung einstellen.“

Der Freiwilligeneinsatz der Landesangestellten ist auf drei Wochen beschränkt. Wie geht es dann weiter? Broemme sagt: „Die Menschen aus der Ukraine fahren nicht in drei Wochen wieder nach Hause. Wenn der Krieg endet, wird es einen Nachlauf geben. Erst mit Partisanen, dann müssen die Häuser repariert werden. Ich würde es gerne haben, dass diese flüchtenden Menschen etwas von unserem Frieden und unserem Wohlstand abbekommen.” Auf dem Arbeitsmarkt sollten die Menschen aus der Ukraine hochwillkommen sein, so sich denn die Sprachbarriere überwinden lässt. Henrik Vagt, Geschäftsführer des Bereichs Wirtschaft und Politik bei der IHK Berlin, sagt: „Es werden nicht nur Fachkräfte, sondern auch unterstützende Kräfte gebraucht, gerade im Dienstleistungssektor. Hier sind schnelle und flexible Einstiege in Arbeit möglich. Wir gehen davon aus, dass viele eine gute Integrationsperspektive auf dem Berliner Arbeitsmarkt haben.“

Auf dem Wohnungsmarkt sieht es schlechter aus. Reiner Wild, Geschäftsführer des Berliner Mietervereins, sagt: „Der Berliner Wohnungsmarkt ist weiterhin für Haushalte mit niedrigem und mittlerem Einkommen extrem angespannt. Der Neubau ist vorrangig für Gutverdienende und Reiche beziehbar. Dies wird die Situation auch für die bleibewilligen Kriegsgeflüchteten sehr schwer machen.“

Im Containerdorf im Allendeviertel wohnten die Menschen, die für die ankommenden Ukrainer:innen in andere Unterkünfte umverteilt wurden und diese dennoch herzlich begrüßten, zum größten Teil seit ihrem Einzug vor sieben Jahren.