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DIE NEURONALEN SPUREN DER ARMUT


Spektrum der Wissenschaft Spezial Biologie, Medizin, Hirnforschung - epaper ⋅ Ausgabe 4/2018 vom 26.10.2018

Steckt eine Familie in Geldnot, kann das die Hirnentwicklung der Kleinsten empfindlich beeinträchtigen. Neurowissenschaftler fordern, betroffene Kinder früh zu unterstützen.


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Bildquelle: Spektrum der Wissenschaft Spezial Biologie, Medizin, Hirnforschung, Ausgabe 4/2018

John D. E. Gabrieli ist Professor für Kognitionsund Neurowissenschaften am Massachusetts Institute of Technology (MIT).Silvia A. Bunge ist Professorin für Psychologie an der University of California in Berkeley, wo sie zudem das Forschungslabor »Building Blocks of Cognition« leitet.

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Hungrig und müde kommt die achtjährige Danielle * in die Schule. Zu Hause gab es mal ...

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... wieder kein Frühstück, denn im Kühlschrank herrscht Leere. In der Nacht war irgendwo ein Autoalarm losgegangen, und Danielle musste ihren zweijährigen Bruder beruhigen, bis er endlich wieder einschlief. Morgens quälte sie sich um halb sechs aus dem Bett, sonst hätte sie den Schulbus nicht erreicht, der einen langen Weg durch die ganze Stadt zurücklegt. Außerdem macht Danielle sich Sorgen: Der Vermieter hat mit Rauswurf gedroht, wenn ihre Mutter nicht endlich die ausstehende Miete bezahlt. Wie so oft gelingt es ihr nicht, sich auf die Aufgaben zu konzentrieren.

Kinder, die in Armut aufwachsen, sind vielen Belastungen ausgesetzt. Obwohl ihre Geschichten alle unterschiedlich sind, so beobachten wir doch, dass sich die widrigen Umstände auf Dauer negativ auswirken können. Das betrifft nicht wenige junge Menschen: In den USA lebt eines von vier Kindern unter der Armutsgrenze (in Deutschland ist jedes siebte von »relativer Armut« bedroht, siehe »Ungleiche Chancen in Deutschland«, S. 53).

Unser Bildungssystem, so die Hoffnung, sollte die sozialen Unterschiede in der Gesellschaft mit der Zeit verringern und es jedem ermöglichen, sich emporzuarbeiten. Doch diese Sichtweise ist zu einfach: Zu stark beeinflusst das Einkommen der Familie, in die ein Kind hineingeboren wird, seinen Bildungserfolg, seine Berufschancen und somit wiederum seine künftige finanzielle Situation.

Wie etwa der Bildungsforscher Sean Reardon von der Stanford University in einer Analyse in den USA beobachtete, hinken Kinder in Schulbezirken mit hoher Armut bei Tests zu Mathematik und Lesekompetenz gleichaltrigen Kindern aus wohlhabenden Bezirken weit hinterher. Kein Wunder, dass der Nachwuchs aus einkommensschwachen Familien auch wesentlich seltener einen Hochschulabschluss erreicht.

Diese Einsichten sind keinesfalls neu. Pädagogen und Sozialwissenschaftler untersuchen den Zusammenhang zwischen Armut und Schulerfolg schon seit ungefähr 50 Jahren. Nachdem die Schere in den vergangenen drei Jahrzehnten in den USA immer größer wurde, scheint sie sich in jüngster Zeit zwar wieder etwas zu schließen. Allerdings viel zu langsam: Laut einer 2016 von Reardon vorgelegten Berechnung würde es bei diesem Tempo noch einmal weitere 60 bis 100 Jahre dauern, bis die Ungleichheit behoben ist.

Dabei sind sich Neurowissenschaftler inzwischen ziemlich sicher, dass sich eine schlechte Einkommenssituation der Familien auf die Hirnentwicklung der Kinder auswirkt. Armut geht mit anatomischen Veränderungen im kindlichen Gehirn einher, und einige davon haben Einfluss auf den Lernerfolg. Wie kann das sein? Alles Lernen hängt von der Plastizität des Gehirns ab, seiner Fähigkeit, sich zu verändern und anzupassen. Bei der Geburt verfügen wir über reichlich weiße und graue Substanz. Letztere besteht hauptsächlich aus den Nervenzellkörpern und wird als Rinde bezeichnet. Die langen Fortsätze der Neurone, welche die elektrischen Nervenimpulse transportieren, erscheinen dagegen im anatomischen Präparat hell. Als Säuglinge besitzen wir mehr neuronale Hirnmasse, als wir auf Dauer benötigen. Nach und nach, während wir wachsen und lernen, wird das Gehirn dann auf Effizienz getrimmt. Oft benötigte neuronale Netzwerke werden verstärkt, ungenutzte dagegen abgebaut. Im Zuge der zahlreichen Umbauten bei der normalen Hirnreifung nimmt ab der späten Kindheit bis ins frühe Erwachsenenalter das Volumen der grauen Substanz kontinuierlich ab.

Ein Maß für die Lebensumstände

Wie der »sozioökonomische Status« die Hirnentwicklung bei Kindern beeinflusst, wird erst in jüngerer Zeit erforscht. Dieses komplexe sozialwissenschaftliche Konstrukt erfasst in der Regel den Bildungsstand, den Beruf und das Einkommen, mitunter werden auch die Wohnverhältnisse oder der Besitz von Kulturgütern wie Büchern herangezogen. Auf jedem sozioökonomischen Niveau finden sich ganz unterschiedliche Menschen und Familien – man kann also nicht davon ausgehen, dass sie alle mehr oder weniger die gleichen Erfahrungen machen. Ein niedriger Status ist häufig mit einem ganzen Bündel verschiedenster Probleme verbunden: schlechter Gesundheitszustand, instabile Familienverhältnisse, psychische Belastungen, bisweilen Mangel-oder Unterernährung, zu wenig sprachliche und intellektuelle Anregung im Elternhaus, schlechtere Schulen oder niedrigere gesellschaftliche Erwartungen. All diese teilweise voneinander abhängigen Faktoren können die neuronale und kognitive Entwicklung beeinträchtigen.

Schon in den 1960er Jahren zeigten Tierexperimente an der University of California in Berkeley, dass ungünstige Lebensbedingungen das Gehirn von jungen Ratten in Mitleidenschaft ziehen. Wie die Neurowissenschaftlerin Marian Diamond damals feststellte, behindert eine reizarme Umgebung ohne Spielzeug und ohne Möglichkeiten zur sozialen Interaktion die Hirnentwicklung und Lernfähigkeit der Nager. Natürlich ist es ethisch nicht vertretbar,vergleichbare Studien an Menschen durchzuführen. Eine Langzeitbeobachtung von rumänischen Kindern, die unter erschreckenden Bedingungen in staatlichen Waisenhäusern verwahrt wurden, ließen aber leider ähnliche Vorgänge vermuten. 2001 begannen Psychologen Kinder, die länger in den Waisenhäusern lebten, mit jenen zu vergleichen, die früher von Pflegefamilien aufgenommen worden waren (sieheSpektrum Februar 2014, S. 34). Bei der ersten Gruppe konstatierten die Forscher schwer wiegende emotionale und kognitive Probleme, die bei den früh vermittelten Kindern deutlich abgeschwächt auftraten: Die Fürsorge der Erwachsenen schien also die negativen Auswirkungen zumindest zum Teil zu kompensieren.

AUF EINEN BLICK :NEURONAL ABGESTEMPELT

1 Bei Kindern, die in prekären Familienverhältnissen aufwachsen, hinterlässt die Armut sichtbare Spuren im Gehirn. Ihre Großhirnrinde ist zum Beispiel messbar dünner.

2 Insbesondere der Präfrontalkortex und die Schläfenlappen sind betroffen. Die Veränderungen sind schon in den ersten Lebensjahren erkennbar und schlagen sich in schlechteren kognitiven Leistungen nieder.

3 Durch spezielle Fördermaßnahmen für Kinder im Vorschulalter versuchen Therapeuten die »exekutiven Funktionen« und somit das zielorientierte Handeln zu verbessern.

Armut und graue Substanz

Psychologen von der University of Wisconsin beobachteten per Kernspintomografie die Hirnentwicklung von 77 Kindern ab fünf Monaten. Bei Kindern aus einkommensschwächeren Familien war mit zunehmendem Alter im Vergleich zu wohlhabenderen Kindern wesentlich weniger graue Substanz im Gehirn nachweisbar.


SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT, NACH: HANSON, J.L. ET AL.: FAMILY POVERTY AFFECTS THE RATE OF HUMAN INFANT BRAIN GROWTH. IN: PLOS ONE 8, E80954, 10.1371/JOURNAL.PHONE.0080954, 2013, FIG.

Die meisten Kinder, die in Armut aufwachsen, sind Entbehrungen ausgesetzt. Selten sind diese so extrem wie bei den rumänischen Waisen, die offenbar ohne jegliche Zuwendung und Bindung an Bezugspersonen lebten. Dennoch hinterlässt auch familiäre Armut Spuren im Gehirn, wie mehrere große, qualitativ hochwertige Studien inzwischen belegen. Das betrifft vor allem die Großhirnrinde (den Kortex), die wichtige Funktionen bei Wahrnehmung, Sprechen, Denken und Handeln übernimmt. Zusammen mit der Entwicklungspsychologin Allyson Mackey und weiteren Kollegen verglich einer von uns (John Gabrieli) am Massachusetts Institute of Technology die Großhirnrinde bei 58 Kindern zwischen 13 und 14 Jahren aus Familien mit unterschiedlichem Einkommen. Wie 2015 publiziert, war sie im Durchschnitt bei Kindern ärmerer Herkunft in weiten Hirnbereichen dünner. Für alle Teilnehmer – egal ob reich oder arm – galt zudem, dass ein dickerer Kortex mit besseren Ergebnissen in den landesweit durchgeführten Tests zu Mathematik- und Lesekompetenzen einherging. Es fand sich also ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Familieneinkommen, Hirnanatomie und schulischen Leistungen.

Im selben Jahr veröffentlichten die kognitive Neurowissenschaftlerin Kimberly Noble von der Columbia University in New York und Kollegen eine Studie mit 10993-bis 20-jährigen Probanden. Den Hirnscans zufolge hatte bei Kindern mit einkommensstärkeren Eltern der Kortex eine größere Oberfläche. Was außerdem auffiel: Ab einem Familienjahreseinkommen von weniger als 50000 US-Dollar waren geringe Verdienstunterschiede jeweils mit relativ großen Abweichungen bezüglich der Kortexoberfläche verbunden. Bei Kindern aus Haushalten, die über mehr als 50000 US-Dollar an Jahreseinkommen verfügten, war das nicht so. Die Ergebnisse legen somit ein Schwellenmodell nahe: Kleine Einkommensunterschiede haben in sozial schwachen Familien große Wirkung, während es ab einem bestimmten Verdienst nicht so sehr ins Gewicht fällt, ob jemand etwas mehr oder weniger Geld zur Verfügung hat.

2015 veröffentlichte zudem der Psychologe Seth Pollak von der University of Wisconsin in Madison eine Studie an 389 Kindern und jungen Erwachsenen im Alter von 4 bis 22 Jahren: Teilnehmer, die bei Tests zu kognitiven Fähigkeiten und Schulleistungen bessere Ergebnisse erzielten, wiesen insbesondere im Frontal- und Temporallappen einen dickeren Kortex auf. Auch in dieser Studie besaßen Kinder aus einkommensschwachen Familien weniger graue Substanz. Übrigens hing in keiner der drei Studien das Ergebnis mit der ethnischen Zugehörigkeit zusammen.

Einige unterstützende Maßnahmen für benachteiligte Kinder im Vorschulalter zeigen Erfolge. Im strukturierten Gruppenspiel lernen die Kinder Regeln einzuhalten und sich abzuwechseln (links). Beim Programm »Tools of the Mind« (rechts) üben sie zum Beispiel planvolles Vorgehen, logisches Denken und Problemlösen.


MIT FRDL. GEN. VON CHILDHAVEN

Da es sich um Korrelationsstudien handelt, können diese Beobachtungen letztlich nicht beweisen, dass Armut die festgestellten Hirnveränderungen und Lerndefizite verursacht. Zugegeben, es finden sich immer außergewöhnliche Schüler, die trotz ärmlicher Lebensverhältnisse sehr gute Schulerfolge erzielen – wir wissen nicht, wie es in ihrem Gehirn aussieht. Vielleicht ähnelt es jenem von Kindern, die in wohlhabenden Familien aufwachsen, vielleicht kompensieren diese junge Menschen die Defizite aber auch anders und erbringen trotz veränderter Hirnarchitektur außerordentliche Leistungen.

Entscheidendes Timing

Warum geht ein geringeres Kortexvolumen überhaupt mit kognitiven Defiziten einher? Diese Frage zu beantworten, ist komplizierter als gedacht, weil während der normalen Hirnentwicklung von der späteren Kindheit bis ins frühe Erwachsenenalter die Großhirnrinde ebenfalls dünner wird. Einige Studien ergaben sogar, dass bei Jugendlichen ab einem bestimmten Alter ein dünnerer Kortex mit besseren kognitiven Fähigkeiten zusammenhängt. Allerdings nahmen an diesen Untersuchungen wahrscheinlich vor allem reichere Kinder teil.

Es kommt zudem auf das Timing an. Ist das Kortexvolumen schon im frühen Kindesalter reduziert, könnte dies die schädlichen Folgen einer ärmlichen Umgebung widerspiegeln, die einfach zu wenig Input bietet. Vielleicht kommt es jedoch auch als Schutz vor negativen Einflüssen zu einer vorzeitigen Abnahme der Kortexdicke.

Wann beginnen die durch Armut bedingten Hirnveränderungen? Im Mutterleib, sofort nach der Geburt, oder erst, wenn ein Kleinkind länger gute oder eben weniger gute Erfahrungen macht? Zwar lässt sich die Frage mit den heutigen bildgebenden Verfahren im Prinzip untersuchen, doch bislang ergibt sich kein klares Bild. Martha Farah und ihre Kollegen von der University of Pennsylvania veröffentlichten 2015 eine Studie mit 44 vier bis sechs Wochen alten Mädchen. Bereits im Alter von einem Monat

Ungleiche Chancen in Deutschland

MIT FRDL. GEN. VON TOOLS OF THE MIND

Mehr als jedes siebte Kind in Deutschland war im Jahr 2015 laut Eurostat von »relativer Armut« bedroht. Als gefährdet gilt die Familie, wenn sie weniger als 60 Prozent des mittleren (medianen) Einkommens eines vergleichbaren Haushalts im Land zur Verfügung hat. Staatliche Hilfen bewahren einen Teil der Familien vor dem finanziellen Absturz.

Vor allem Alleinerziehende werden aber schlechter als Paare aufgefangen. Ihre relative Armutsquote liegt bei 16 Prozent. Wie eine UNICEF-Analyse von 2017 darlegt, macht sich bei Kindern aus Haushalten mit nur einem Elternteil häufig Geldnot bemerkbar. Unter den Alleinerziehenden sagen rund 5 Prozent, es sei zu wenig Geld da für genügend passende Schuhe, bei 10 Prozent müssen die Kinder auf kostenpflichtige Schulausflüge verzichten, 9 Prozent laden keine Freunde ein, 11 Prozent feiern keine Geburtstage, 13 Prozent pflegen keine Hobbys und 29 Prozent fahren nicht in den Urlaub.

Die schlechteren Lebensbedingungen wirken sich auf die Schulleistungen aus. Viele Studien belegen, dass in Deutschland der sozioökonomische Status des Elternhauses den Bildungserfolg relativ stark beeinflusst: Je höher der Status, desto besser schneiden die Kinder etwa bei Lese- und Mathetests ab. Laut dem ersten Pisa-Ländervergleich im Jahr 2000 war der Zusammenhang, etwa was die Lesekompetenz betrifft, bei uns mit am höchsten. 2012 konnte Deutschland hier immerhin ins Mittelfeld aufrücken.

war bei Babys, deren Mutter über wenig Einkommen und einen geringeren Bildungsstand verfügte, nachweislich weniger graue Substanz im Gehirn zu erkennen. Dies deutet darauf hin, dass die neuronalen Unterschiede extrem früh auftreten. Seth Pollak und seine Mitarbeiter dagegen hatten 2013 eine Studie veröffentlicht, in der sie 77 Kinder ab einem Alter von fünf Monaten immer wieder in den Scanner legten: Die Menge an grauer Substanz unterschied sich zunächst minimal. Mit drei Jahren aber hatten die Kinder aus wohlhabenden Familien deutlich mehr Volumen vorzuweisen (siehe »Armut und graue Substanz«, S. 51). Immerhin wurde der Abstand zwischen den Gruppen danach nicht mehr größer, wie inzwischen Nachuntersuchungen ergaben.

In einer anderen Studie untersuchte Farah, wie eine anregende häusliche Atmosphäre das kindliche Gehirn bis zum Jugendalter prägt. Dazu besuchten die Forscher die Kinder zunächst zweimal zu Hause, als diese vier und acht Jahre alt waren, und erfassten etwa, wie viele Bücher vorhanden waren, ob gereist, Musik gehört oder viel miteinander geredet wurde. Als Jugendliche nahmen die Probanden dann an kernspintomografischen Untersuchungen teil: Bei jenen, die mit vier Jahren in einer stimulierenden Familie gelebt hatten, war der Kortex in Bereichen des Frontal- und Temporallappens dicker. Für diejenigen, bei denen sich erst mit acht Jahren ein förderliches Umfeld fand, galt das nicht. Möglicherweise prägt das Elternhaus das Gehirn in der frühen Kindheit stärker, während bei Achtjährigen bereits der Einfluss von Schule und Peer-Group überwiegt.


Ein kleiner finanzieller Zuschuss könnte bereits große Wirkung auf die Entwicklung der Kinder entfalten


Frühkindliche Erfahrungen führen niemals unweigerlich zu einer vorgezeichneten Entwicklung. Sie beeinflussen aber die Wahrscheinlichkeit, mit der bestimmte Probleme auftreten. Da jeder Mensch unterschiedlich auf die Widrigkeiten des Lebens reagiert, können und sollten wir nicht auf Basis des familiären Hintergrunds eines Kindes sein Potenzial abschätzen. Außerdem bleibt das Gehirn ein Leben lang plastisch, wird also stets weiter geformt. Es erscheint logisch, dass eine Prävention wirksamer sein dürfte als Fördermaßnahmen, die erst einsetzen, nachdem ein Kind bereits kognitiv zurückgefallen ist. Auch sind frühere Interventionen sicher besser als spätere. So waren die Schäden bei Kindern aus den rumänischen Waisenhäusern umso weniger ausgeprägt, je jünger sie waren, als sie in Pflegefamilien kamen.

Maßnahmen oder Hilfen können sich auf diverse Aspekte konzentrieren, darunter gesünderen Schlaf, Ernährung, die schulischen Leistungen, Finanzen, berufliche Entwicklungsmöglichkeiten oder sinnvolle Erziehungsstrategien für Eltern und Betreuer. Kimberly Noble und ihr Team riefen zum Beispiel ein Pilotprojekt ins Leben, das einkommensschwache Mütter einfach finanziell unterstützt. Es muss sich noch zeigen, ob sich dadurch das familiäre Umfeld und die kognitiven Fähigkeiten der Kinder verbessern und die Belastung der Mütter sinkt. Aber wenn das Schwellenmodell stimmt, könnte schon ein kleiner finanzieller Zuschuss große Wirkung auf die Entwicklung der Kinder entfalten.

Förderprogramme nicht nur für Kinder, sondern auch für ihre Eltern

Der Psychologe Philip Fisher und seine Mitarbeiter vom Oregon Social Learning Center entwickelten das Programm »Kids in Transition to School«, kurz KITS. Es fördert Kinder in Pflegefamilien oder einkommensschwachen Familien bereits kurz vor ihrem Eintritt in den »kindergarten «, der in den USA einer Art einjährigen Vorschule entspricht. Fishers Programm konzentriert sich auf die frühen Lese- und Schreibfähigkeiten, die Selbstregulation (von Aufmerksamkeit, Emotionen, Impulsen) sowie prosoziales Verhalten. Es beinhaltet therapeutisches Spielen mit den Kindern (24 Termine) und einen Workshop für Eltern und Betreuer (acht Sitzungen). Die Kinder üben etwa still zu sitzen, ihre Hand zu heben, wenn sie etwas sagen wollen, oder mit Gleichaltrigen zusammenzuarbeiten. Die Erwachsenen dagegen lernen, wie man mit Kindern Schulroutinen einübt und angemessene Verhaltensweisen fördert.

Das Einbeziehen der Eltern und Betreuer ist sinnvoll. Helen Neville von der University of Oregon verglich auf dem KITS-Programm basierende Ansätze, die zusätzlich die Eltern unterstützen, mit solchen, die sich ausschließlich auf die Kinder konzentrieren. Der kombinierte KITSAnsatz zeigte sich überlegen, insbesondere was die Fortschritte bei den sprachlichen Fähigkeiten und der nonverbalen Intelligenz anging. Eine Messung der Hirnströme per EEG bestätigte, dass sich bei den Kindern der Kombinationsgruppe die Fähigkeit, ablenkende Reize auszublenden, stärker verbesserte.

In einem Projekt arbeitet einer von uns (John Gabrieli) in Boston mit Pädagogen an so genannten Charter Schools mit insgesamt 7000 Schülern zusammen. Die Lehrer schildern die Probleme oder Herausforderungen, worauf die Wissenschaftler der Harvard University und des MIT Lösungsansätze vorschlagen, die sich bereits als wirksam erwiesen haben. Die Interventionen werden dann von den Forschern und Lehrern gemeinsam umgesetzt und evaluiert. Einige Schüler nehmen vor und nach der jeweiligen pädagogischen Maßnahme an MRT-Scans teil, um etwaige Hirnveränderungen sichtbar zu machen.

Die Hirnforschung stellt einerseits Instrumente, mit denen die Wirksamkeit von Maßnahmen überprüft werden kann. Sie kann andererseits auch konkretere Hinweise darauf geben, wo es bei den Kindern kognitiv gesehen im Argen liegt. Vergleicht man beispielsweise Hirnscans von armen Kindern mit jenen von Sprösslingen aus wohlhabenden Familien, fallen Unterschiede im präfrontalen Kortex auf. Mit ihm assoziieren Forscher »exekutive Funkti onen«: ein Bündel von Fähigkeiten, die helfen, sich auf

eine Aufgabe zu konzentrieren, Emotionen und Verhalten zu steuern und vor einer Entscheidung mögliche Konsequenzen zu bedenken. Offenbar leiden die Exekutivfunktionen unter Armut empfindlich – dabei haben gerade sie sich als entscheidend für den Schulerfolg erwiesen.

Zusammen mit Forschern und praktisch tätigen Experten erarbeitet eine von uns (Silvia Bunge) Erfolg versprechende Angebote für Eltern und Betreuer von kleinen Kindern. Im Rahmen des Netzwerks Frontiers of Innovation (FOI) kooperiert das Team von der University of California mit der Hilfsorganisation Childhaven aus Seattle, die vernachlässigte und misshandelte Kinder therapeutisch unterstützt. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass schon einfache Maßnahmen wie strukturierte Gruppenspiele, bei denen sich die Kleinen an Regeln halten müssen, die exekutiven Funktionen innerhalb von zehn Wochen deutlich verbessern.

Die Psychologinnen Elena Bodrova und Deborah Leong an der Metropolitan State University of Denver entwickelten das Programm »Tools of the Mind«. Es fördert die exekutiven Funktionen durch Spiele nach dem Scaffolding-Konzept (englisch: scaffolding = Gerüst) – die Kinder werden dabei von einer kompetenten Person schrittweise angeleitet und geführt. 2014 zeigten die Psychologen Clancy Blair und Cybele Raver von der New York University, dass das Programm an Vorschulen mit vielen armen Kindern besonders erfolgreich war.

Jedes Kind reagiert auf eine Intervention anders. Es gilt daher individuell zugeschnittene und dennoch bezahlbare Lösungen zu entwickeln, die für Erzieher und Lehrer nicht allzu zeitaufwändig sind. Generell wird ein Programm dann gute Erfolge erzielen, wenn es eine intensive Betreuung (mit zahlreichen Sitzungen) beinhaltet, vielfältige Fähigkeiten auf unterschiedliche Art fördert und nicht nur die Kinder, sondern auch ihre Erzieher, Lehrer, Betreuer sowie Eltern miteinbezieht. Die beste Lösung wäre jedoch, über politische Entscheidungen der Kinderarmut und Einkommensungleichheit bereits im Sinn einer Prävention entgegenzusteuern. Benachteiligte Kinder müssen viele Herausforderungen und negative Einflüsse bewältigen, doch ihre Schicksale sind unter anderem dank der bemerkenswerten Plastizität des Gehirns nicht besiegelt. Wir hoffen, dass die Erkenntnisse der Hirnforschung Impulse geben, diesen Kindern wirksam zu helfen.

Bertram, H.: Offene Gesellschaft, Teilhabe und die Zukunft für Kinder. Eine Analyse für das deutsche Komitee für UNICEF. Juni 2017; online unter www.unicef.de/informieren/materialien/analyse-offene-gesellschaft/144406

QUELLEN

Hanson, J. L. et al.: Family Poverty Affects the Rate of Human Infant Brain Growth. In: PLoS One 8, e80954, 2013

Leonard, J. A. et al.: Differential Effects of Socioeconomic Status on Working and Procedural Memory Systems. In: Frontiers of Human Neuroscience 8, 554, 2015

Mackey, A. P. et al.: Neuroanatomical Correlates of the Income Achievement Gap. In: Psychological Science 26, S. 925–933, 2015

Romeo, R. R. et al.: Socioeconomic Status and Reading Disability: Neuroanatomy and Plasticity in Response to Intervention. In: Cerebral Cortex 7, S. 1–16, 2017