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DIE OPFERUNG DER GÖTTER


evolve - epaper ⋅ Ausgabe 31/2021 vom 12.07.2021

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Bildquelle: evolve, Ausgabe 31/2021

Drei Jahrhunderte vor Christus, als Alexanders General Ptolemaios die Kontrolle über Ägypten übernahm, schuf er einen neuen Gott, Serapis – teils griechisch, teils ägyptisch –, um sein Reich zu vereinen. Als Sonnengott wie Zeus, der den ägyptischen Osiris und Apis in sich vereinte, besaß Serapis auch die unterirdischen Kräfte des griechischen Hades und der Demeter. Ptolemaios machte die Verehrung des Serapis, der sowohl mit ägyptischen als auch mit griechischen heiligen Motiven ausgestattet war, zu einem bewussten Teil seiner Herrschaft. Ich finde es erstaunlich, wenn man darüber nachdenkt: die bewusste, rationale Konstruktion einer neuen Gottheit, die Griechen und Ägypter in Ritual und Verehrung zusammenbringen und so das Königreich – und Ptolemaios' Herrschaft – stabilisieren sollte.

Bei der Eroberung Ägyptens befand sich Ptolemaios im Spannungsfeld zwischen zwei mythischen Realitäten. Da war ...

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... seine eigene, als Grieche, und die der Ägypter. Was war zu tun? Die Vereinigung der griechischen und ägyptischen Götterwelt in einer Figur war ein brillanter Schachzug – sowohl inklusiv als auch subversiv, und auch ein Schritt zu einem einheitlichen göttlichen Prinzip.

In der Gegenwart sprechen nicht wenige Denker von der Zwischenzeit, in der wir uns befinden: eine Zeit zwischen den Geschichten, die Zeit zwischen den Welten. Die »Götter«, denen wir uns lange geopfert haben – Fortschritt, Materialismus, Erfolg und auf Geschlecht und Rasse basierende Identitäten – dienen nicht mehr dazu, uns zu beheimaten, zu leiten und zu schützen. Für die meisten von uns haben sie das nie wirklich getan. Die sozial-imaginären Vorstellungen der Moderne und Postmoderne haben für immer mehr von uns immer weniger Bedeutung. Vielleicht können wir, wie Ptolemaios, eine göttliche Präsenz schaffen, die eine neue mythische Erzählung verankern kann. Aber wo könnten wir danach suchen?

UNSERE INDIVIDUELLE UNABHÄNGIGKEIT IST EINE ILLUSION.

Was ist ein Sozial-Imaginäres?

Der soziologische Begriff des »Sozial-Imaginären« ist faszinierend, weil er zwischen dem kalten akademischen »Sozialen« und dem kreativen oder fantastischen »Imaginären« angesiedelt ist. Die tiefsten Konstrukte unserer Kultur, so heißt es, sind das Produkt der Imagination. Die Vorstellungskraft ist keine Fantasie, sondern bezeichnet die menschliche Wahrnehmungsfähigkeit, die über das Rationale hinausgeht und einen verkörperten, intuitiven Sinn für die Kernwerte und die sinngebende Welt einer Kultur vermittelt. So wie Forscher nicht wissen, wie wir Sprache lernen, wissen wir auch nicht, wie das Sozial-Imaginäre entsteht, sondern nur, dass es als Vorlage für Sinn, Zweck und Gefühl für die in einer Kultur verbundenen Menschen existiert. Es ist mythisch, weil es den tieferen narrativen Faden enthält, der die Herzen und Köpfe eines Volkes verbindet. Es ist gottähnlich, weil es die Macht hat, unsere Wahrnehmungen, Gedanken, emotionalen Reaktionen und die Realität selbst zu formen.

Wir können nicht ohne eine Form des Sozial-Imaginären leben, das unsere Erfahrungen und unser Selbst formt. Diese tiefen Strukturen und kollektiven Verpflichtungen formen uns so, dass wir in den Kulturen, in die wir hineingeboren werden, überleben und gedeihen können. William James sprach von der Welt des Säuglings als einer »blühenden, summenden Verwirrung« – eine chaotische Erfahrung der sensorischen Überwältigung, die sich allmählich in die Wahrnehmung der gleichen Realität einpendelt, die auch die Eltern erfahren. In jüngster Zeit haben Forscher herausgefunden, dass der Geist des Säuglings hervorragend darauf eingestellt ist, Gesichter zu erkennen, sich mit anderen zu verbinden und Sprache aufzunehmen – auch wenn es immer noch ein Rätsel ist, wie wir Sprache lernen. Wie das Sozial-Imaginäre von Generation zu Generation weitergegeben wird, ist ebenfalls ein Geheimnis.

Das Sozial-Imaginäre besteht zwar aus Geschichten und Symbolen und unbewussten Verpflichtungen gegenüber bestimmten Arten des Sehens und Seins, aber es ist nicht flüchtig. Es ist das Fundament einer Kultur. Die eigentliche Essenz der Kultur, das, was wesentlich ist und als ewig gilt, bildet ihren Kern. Bei den meisten indigenen Völkern bringt das Sozial-Imaginäre die lebendigen Elemente Wasser, Feuer, Luft und Erde in die Wahrnehmung. In traditionell religiösen Gesellschaften erlaubt uns das Sozial-Imaginäre, die Hand Gottes in der gesamten Schöpfung wahrzunehmen. Aber unsere moderne und postmoderne Welt hat sich vom Mythos als einer Quelle des Wissens oder der Wahrnehmung abgeschnitten. Wir haben Gott und alle Gottheiten geopfert. Was also bildet das Soziale-Imaginäre der westlichen Kultur?

Geschlecht und das gute Leben

Wenn wir über Mythen im Westen nachdenken, denken wir in der Regel an Griechenland oder an die Nordmänner und die Vielzahl von streitenden, hurenhaften, kriegerischen Gottheiten, die ihre Legenden bevölkerten. Aber auch der moderne Westen ist voll von Mythen. Der Mythos der Rationalität und der Wissenschaft (und insbesondere ihre Übersteigerung zum Szientismus). Der Mythos des Materialismus. Der Mythos des Kapitalismus. Der Mythos von Leistungsgesellschaft und Demokratie. Der Mythos von Gerechtigkeit und Gleichheit. Indem ich diese als Mythen bezeichne, sage ich nicht, dass sie unwahr sind. Sie alle enthalten gewisse Wahrheiten. Doch innerhalb der Moderne werden sie als ewig angesehen, als wesentliche Aspekte der Realität, die daher beständig sind.

Der moderne Mythos, dass nur das Materielle, nur die Materie, real ist, führte die moderne Welt dazu, Greifbares zu verdinglichen (und zu vergöttern), wie etwa die körperlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau (wobei intersexuelle Menschen natürlich ignoriert wurden). Die moderne Kultur schuf sowohl den Mythos des Individuums als auch den Mythosdes des maskulinen Männlichen und des femininen Weiblichen – mit anderen Worten, das binäre Geschlecht. Unsere individuelle Unabhängigkeit ist eine Illusion, ebenso wie der Glaube, dass Menschen in zwei unterschiedliche und gegensätzliche Seinsweisen fallen. Die Moderne etablierte die binäre Welt des männlichen Kapitalismus und des weiblichen Konsumismus – die Welt der Arbeit und der Liebe, die männliche öffentliche Sphäre und die weibliche private Sphäre – als ihre zentralen, wesentlichen und ewigen Archetypen. Die Postmoderne versuchte, diese Binarität und den ihr innewohnenden Anspruch, dass die öffentliche Welt und ihre Macht männlich sein sollten, zu hinterfragen. Indem sie nun das Weibliche in den Vordergrund bringen wollte, setzte sie jedoch dieses binäre Denken innerhalb des modernen Sozial-Imaginären fort.

DAS »GUTE LEBEN« IST WEDER ÖKONOMISCH NOCH ÖKOLOGISCH ÜBERLEBENSFÄHIG.

Die mythische Erzählung, welche der männliche Gott und die weibliche Göttin miteinander gestalten, bezeichnet die Wissenschaftlerin Lauren Berlant als das »gute Leben«. Sie ist der Meinung, dass dies der Mythos ist, den wir uns im Westen erzählen. Durch die Kombination der männlichen Heldenreise in einem kapitalistischen Kontext und der weiblichen Liebeslegende verspricht das gute Leben materiellen und finanziellen Erfolg – oder zumindest Stabilität –, sodass man mit seiner Familie im Konsumwohlstand leben kann. Wenn man die Regeln befolgt, eine gute Ausbildung erhält, hart in seinem Job arbeitet, sich für sein Land einsetzt, sich verliebt, heiratet, ein Haus baut und Kinder bekommt, dann erhält man die süßen Belohnungen von Sinn, Verbindung und Erfüllung. In jüngerer Zeit umfasst das »gute Leben« idyllische Urlaube, Wochenendhäuser auf dem Land, einen Weinkeller und einen Instagram-Account, um das alles für Tausende von Followern festzuhalten. Aber das ist eher eine Fata Morgana als ein Mythos. Selbst die Grundlagen eines »guten Lebens« sind für viele Millionen Menschen im Westen unerreichbar geworden. Warum also hängen die Menschen so emotional an dieser Geschichte? Das ist Berlants Frage. Sie nennt es »grausamen Optimismus«, wenn die kulturell sanktionierten Wege, die uns eigentlich Auftrieb geben sollten, in Wirklichkeit zu Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung und Verschuldung führen.

Warum halten wir so sehr daran fest? Das Versprechen des guten Lebens, und was sein Ausbleiben besonders grausam macht, ist die Liebe – sinnvolle Verbindung, erotische Erfüllung, emotionale Sicherheit und Fürsorge. Die emotionale Bindung ist an eine individuelle Identität gebunden, die an den Ritualen und Symbolen der romantischen Liebesbeziehung teilnimmt, die uns einen Seelenpartner, eine Seelenpartnerin verspricht. Obwohl diese Geschichte unwahr, unzureichend und sogar gefährlich ist, würde ein Loslassen dieser Geschichte bedeuten, das Selbst aufzugeben, als das wir uns kennen, und die Liebe aufzugeben, nach der wir uns als getrennte und gespaltene Wesen sehnen.

Der Kollaps der Geschlechtermythen

In dieser Zeit, in der das Sozial-Imaginäre des guten Lebens zusammenbricht, funktionieren auch die eindeutigen Trennungen unserer Geschlechtermythen nicht mehr. Der Gott und die Göttin des Männlichen und des Weiblichen, die lange Zeit die westliche Geschichte des »guten Lebens« prägten, haben ihre Kraft verloren. Das gute Leben ist weder ökonomisch noch ökologisch überlebensfähig. Den Frauen und Männern steht es frei, die Welt des jeweils anderen zu bewohnen – und ihre Kleidung zu tragen. Auf den Laufstegen der Modeshows sieht man heute Models in nicht-binärer Kleidung und Haltung posieren. Die Trans-Bewegung erschafft ein neues Sozial-Imaginäres der Genderfluidität, statt im Geschlecht eine wesentliche identitätsstiftende Eigenschaft des Körpers zu sehen, in dem man geboren ist.

Nach dieser Phase des Aufblühens neuer Möglichkeiten und Unterschiede wird früher oder später der Schritt zu ihrer Integration und Einheit kommen. Wenn weder die Dualität von männlich/weiblich noch das gute Leben ewig sind: Wo finden wir dann den Stoff, aus dem ein neues Sozial-Imaginäres entstehen kann? Vielleicht erscheint es ja in einer Integration unserer Menschlichkeit. Mich erinnert das an den Hindugott/die Hindugöttin Ardhanarishvara, der/die sich genau in der Mitte halb in Shiva und halb in Parvati teilt. In ganz Indien repräsentiert die Gottheit die Untrennbarkeit von männlichen und weiblichen Energien – oder deren Gleichwertigkeit. Und beide sind für die Schöpfung wesentlich. Bestimmte anatolische Gottheiten, die bis in das zweite Jahrtausend v. Chr. zurückreichen, waren androgyn und besaßen sowohl männliche als auch weibliche Genitalien. Die anatolische Göttin Agdistis, die manchmal mit Kybele, der Großen Göttermutter, identisch war, hatte ebenfalls beide Geschlechtsorgane. Da sie beide Geschlechter verkörperte, wurde sie als wild und unkontrollierbar angesehen und repräsentierte oft die kreative Kraft der Natur. Auch die Griechen hatten ihre Zwitter-Gottheiten – einschließlich Aphroditus/ Hermaphroditus, der Ehen segnete, wodurch das Männliche und das Weibliche eins wurden. Diese Gottheiten waren Vorboten einer Vereinheitlichung des göttlichen Prinzips – und möglicherweise eine frühere Form dessen, was noch kommen mag.

Eros als das Imaginäre der Zukunft

Ich betrachte diese Gottheiten als Ausdruck zweier ewiger essenzieller Qualitäten: erstens unser gemeinsames Menschsein, unabhängig davon, in welchem Körper wir geboren werden, und zweitens die Kreativität, die aus unserer Vereinigung erwächst. Das erinnert mich daran, dass in der griechischen Mythologie Eros, den wir normalerweise als den gutaussehenden und ungestümen Gott der Liebe kennen, ursprünglich der kreative Impuls war. Als reiner Impuls war Eros weder männlich noch weiblich, sondern ein Prozess. Doch aus diesem Schöpfungsimpuls wurde der Abgesandte der Liebe – oder er wurde als solcher erkannt. Darin liegt eine Weisheit.

ALS REINER IMPULS WAR EROS WEDER MÄNNLICH NOCH WEIBLICH, SONDERN EIN PROZESS.

Ich weiß nicht, ob wir eine neue Gottheit wie Ptolemaios erschaffen können. Aber Eros ist im Kommen. In seiner unreifen Form findet das Prinzip seit über sechzig Jahren Ausdruck in der weitreichenden Akzeptanz von freiem Sex. Während die sexuelle Befreiung, der Zugang zur eigenen verkörperten Lebenskraft, grundlegend und fundamental für unsere menschliche Ganzheit ist, liegt der Fokus allzu oft auf der Geschlechterpolarität, die nach Vervollständigung des Selbst strebt. Wo jedoch die Trennungen zwischen den körperlichen und sozialen Geschlechtern an Kraft verlieren, wird eine Kreativität freigesetzt, weil Wahrnehmungsbarrieren aufbrechen. Anstatt das Männliche und das Weibliche als eine zweigeteilte, ewig währende Polarität wahrzunehmen, ist vielleicht der Prozess der Schöpfung selbst das bleibende Ewige. Eros lebt hier nicht als männlicher Gott, der sexuelles Begehren weckt, sondern als lebendige, kreative Energie und Intelligenz, die in und zwischen uns entsteht.

Ein neues Sozial-Imaginäres kann in einer tieferen Anerkennung des Ewigen wurzeln. Was könnte das sein? Zunächst ist da das tiefe Erkennen, dass wir in all unseren erstaunlichen Unterschieden und befreit von den Hemmnissen des Binären eine Menschheit sind. Dann entsteht aus der annehmenden Wahrnehmung dieser einen Menschheit und in Verbindung mit allem Leben die ganze Lebendigkeit der kollektiven Präsenz – in uns und über uns hinaus –, die sich für einen ewigen, kosmischen Prozess der Entfaltung, der Komplexität, des Erwachens und der Vertiefung öffnet. Wir Menschen erleben dies alles als Liebe – die Kultivierung unserer einzigartigen Talente und Gaben, das lebendige Feld unserer gemeinsamen menschlichen Anwesenheit und die Gemeinschaft im ko-kreativen Prozess. In diesem zukünftigen Sozial-Imaginären wird Eros zwischen uns und als uns lebendig – in einer kreativen Vereinigung, die das Selbst integriert, uns zu einer kollektiven Kohärenz einlädt und immer wieder alles gebiert, was bereits am äußersten Horizont unserer Vorstellungskraft lebt.

DR. ELIZABETH DEBOLD erwarb an der Harvard University ihren Doktorgrad in Entwicklungsstudien und Psychologie, forschte unter der Leitung von Carol Gilligan und ist heute als Autorin und Seminarleiterin tätig. Ihr jüngstes Projekt ist das globale Dialog-Forum One World in Dialogue. www.elizabethdebold.com www.oneworldindialogue.com