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Die Oster-Optimisten vom Gardasee


Sportschipper - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 29.05.2019

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Mehr geht nicht: 1100 Boote aus aller Welt starteten bei der weltgrößten Optiregatta auf dem Gardasee. Mit von der Partie: eine kleine Bremer Abordnung.


(Fotos: Kölling)

Ohren zuhalten – die Trillerpfeife von Trainer Jens Koep ist der Lockruf für den nächsten Bremer Jüngstensegler, an das Trainerboot des Fachverbandes Segeln Bremen (FSB) heranzusegeln: Koep klebt Jannik Ole Hahn mit dem Saugverschluss eine GoPro-Actionkamera direkt neben den Mast. „Du kannst Dir bei denen den Mund fusselig reden. Lernen tun sie erst etwas, wenn sie ihre Fehler sehen“, hat Jens Koep festgestellt. Am vierten und letzten Trainingstag zählt der hochgewachsene Nordbremer acht von neun Segelnummern um sich herum auf dem Wasser. Er hat den fast unmöglichen Job der Entenmutter, die fast flügge gewordenen Küken immer im Auge zu behalten: „Es ist recht einfach: So lange keiner kieloben treibt, ist noch alles in Ordnung.“


Neun Bremer Kinder vertraten die Farben des FSB bei der weltgrößten Opti-Regatta in Italien


Am Freitag direkt nach Dienstschluss hat Jens Koep mit seiner Familie Kurs auf Riva am Gardasee genommen. Den Weg 1300 Kilometer einmal durch ganz Deutschland und Österreich zum Campingplatz direkt am See nehmen zeitgleich auch die anderen Bremer Familien auf sich. Der Sonnabend ist der Tag zum Ankommen. Erst am Sonntagmorgen sind die kleinen Segelbadewannen aufgeriggt und die Kids startklar. 4000 Euro kann so ein regattaklarer Opti am Ende schon kosten, überschlägt Koep: „350 für das Segel, nochmal so viel fürs Rigg, Schwert und Ruder liegen bei 450 Euro, und beim Boot gibst du 2000 bis 3000 Euro aus.“ 35 Kilo Boot bekommt man dafür – die beiden kleinen angebundenen Ösfässchen schon inklusive. Nun sind alle den vierten Tag auf der Trainingsbahn unter dem blauen Himmel Italiens unterwegs und sausen so schnell es irgendwie geht um den Dreieckskurs der Schwimmtonnen.

Jonas Tschentscher kommt ungefragt an das 50-PS-starke Trainerboot herangefahren und verschnauft erst einmal kurz. „Das sind jetzt aber schon mehr Windstärken, oder?“ fragt der Rotschopf seinen Trainer. Der nickt nur und sagt: „Fünf“. Jonas hält sich mit einer Hand fest am Schlauchkörper, und mit der anderen schöpft er Wasser mit besagtem Ösfässchen aus seinem Optimisten. Achselzucken beim Trainer: „Das sind halt offene Boote. Die schlagen immer wieder voll. Da musst Du halt beim Segeln schöpfen.“ Mit acht Jahren ist Jonas der jüngste Junge in der Riege und hat hier die steilste Lernkurve. Aufgeben kommt aber auch für ihn nicht in Frage: „Ich will es meinem Papa beweisen, dass ich Optimist segeln kann.“ Jonas‘ Papa Jens ist in der Segelbundesliga für Hemelingen aktiv und wie alle Eltern hier begeisterter Juniorensupporter.

Auch Linus Schöttelndreyer fühlt sich besonders vom Trainerboot angezogen: Das treibt direkt vor eine der Wendetrainingstonnen. Linus hält also Kurs und brettert mitten hinein in Jonas‘ Boot und schrabt auch noch ein Stück über das Schlauchboot. Der Baum kommt über und verpasst dem Jungen eins am Schädel. Jens Koep schiebt dem Jungen die Mütze hoch: „Kein Blut. Du wirst überleben. Aber was war das denn für ein Manöver?“

Von der Weser an den Gardasee: Trainer Jens Koep mit seinen Oster-Optis und deren Begleitern.


Jens‘ Tochter Josi zeigt derweil wie ein hüpfender Floh bei ihrer Tonnenrundung, wie man Bootsansammlungen umgeht, dem Baum ausweicht, das Segel nicht eine Sekunde aus der Kontrolle verliert – und das alles bei inzwischen einem Meter hoher Kabbelwelle. Aber Josi ist schließlich auch Bremer Landesmeisterin im Opti A und trotz ihrer erst zwölf Jahre schon ziemlich gekonnt dabei. Mit der 14-jährigen Amelie Heidmann findet sie trotzdem auch im Training immer wieder eine Sparringspartnerin für packende Duelle. Jens Koep: „Wenn zwei in einer Leistungsgruppe segeln, sollen sie sich hier auch ruhig etwas bekabbeln. Das bringt beiden etwas.“

Jannik (12) segelt gerade unbekümmert und unbekämpft mit viel Wind von hinten auf Riva und die nächste Tonne zu. Er macht prima vor, wie man gleichzeitig das Segel aufmacht, das Boot für eine geringe benetzte Rumpffläche auch mit Po und Körpergewicht auf die Backe legt und mit der anderen Hand auch noch lenzt. Trainer Jens Koep landet mit stolzer Heckwelle eher immer wieder bei den Jüngeren, um mal die Tipps für die richtige Schwertposition, den besten Kurs am Wind und das schnelle Umschalten auf die Vorwindsituation zu geben. Aber dann geht sein Kopf immer wieder hoch, und er schaut sich suchend um. Fiete Kruck ist weg, der amtierende Opti-B-Landesmeister und Jona Lotta Hahn kann er gerade nirgendwo ausmachen. Das Glas raus. Und kurz ist angespannte Ruhe. Erst Minuten später finden sich die beiden weit weg fast an der Westseite des Sees. Volldampffahrt, und Fiete bekommt verbal den Kopf gewaschen. Der hat da draußen irgendwo eine Phantomtonne gesehen. Entenmama Jens hat sich aber bald wieder beruhigt und lässt die Kinder ins Wasser plantschen, bevor er sie mit dem Schleppverband in den Hafen zieht.

Ab ins Nest zum Nachmittagsunterricht. Jens Koep schließt die GoPro an den Fernseher in seinem Ferienhäuschen an: Jannik und Amelie geben lieber schon einmal vorher zu, dass ihre Wenden nichts geworden sind an diesem Tag. Bei jedem findet sich etwas zum Bessermachen. Sitzpositionen, zu lässiges Fahren mit Schot und Pinne in einer Hand. Nur bei Josis Video bleibt es ruhig in der Runde. Umziehen. FSB-Pullis an. Langsam gilt es. Abends zieht die Bremer Gruppe mit über zweitausend Menschen aus 42 Segelnationen fahnenschwenkend durch Rivas Altstadt. Die Regatta ist eröffnet.

Dann folgen vier Tage Regatta vom Feinsten mit 1100 Seglern in je sechs Feldern aufgeteilt – und der See wird weiß. Der tapfere Jonas Tschentscher hält alle Rennen durch, wird am Ende sogar 80. bei den Juniores – noch zwei Plätze vor der ebenso heldenhaften achtjährigen Emma Heidmann. Josi Koep ist bis zum letzten Rennen unter den Top-100-Seglern und vergeigt es dann erst. Peer Hosenfeldt ist zweitbester Bremer, in diesem internationalen Feld ist das aber schon Platz 581, gefolgt von Jannik Ole Hahn auf 653, Fiete Kruck auf 684 und Amelie Heidmann nahe bei auf Platz 692 – auch noch im Mittelfeld dieser Ausnahmeregatta. Linus Schöttelndreyer kommt auf 838, Jona Lotta Hahn belegt Platz 871. Aber für Jens Koep haben in diesen Tagen am Gardasee alle gewonnen: „Das waren jetzt 21 reine Wasserstunden für alle. Sonst schafft man anderthalb oder zwei Stunden pro Woche. Diese Erfahrung hier wird alle einen ganzen Sprung weiterbringen.“ Und nächstes Jahr geht’s wieder an den Gardasee!