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DIE REISE INS ICH


musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 10/2021 vom 16.09.2021

WEEZER

Artikelbild für den Artikel "DIE REISE INS ICH" aus der Ausgabe 10/2021 von musikexpress. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
THE GOOD LIFE Rivers Cuomo (l.) und Brian Bell am 26. August 1994 vor einem Konzert in New York

me N° 122 HELDEN

Die Geschichte beginnt mit einem Rockstar, der an seiner Fanpost schnüffelt und leckt. Eine 18-jährige Schülerin aus Japan hat ihm geschrieben. Sie hat seine Musik im Radio gehört, sie möchte wissen, wann er Geburtstag hat und was er am liebsten isst. Und während er, der sechs Jahre ältere Mann, sein Gesicht in dem Papier vergräbt, spürt er, wie allein er ist. Und ihn überkommt eine tiefe Sehnsucht nach diesem Mädchen, über das er im Grunde doch überhaupt nichts weiß. Vielleicht ist das der Moment, der alles ändert. Rivers Cuomo wird ihn später im Song „Across The Sea“ festhalten, dem Herzstück der zweiten Platte seiner Band Weezer: PINKERTON, einem Album, das verteufelt und verehrt wurde wie kaum ein zweites. Cuomo wäre an den Reaktionen beinahe zerbrochen, manche sagen, er hätte sich nie davon erholt. Dabei sind die Kritiker längst zu Kreuze gekrochen: PINKERTON gilt heute ...

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... als Großtat. Aber das ist erst recht wieder ein Problem. Denn seit zwei Jahrzehnten ist es die Platte, an der Weezer gemessen werden – und an die sie wohl nie wieder heranreichen können.

ALTERNATIVE ROCK TRÄGT HORNBRILLE

Eigentlich war ja das erste Album der viel größere Erfolg: Am 10. Mai 1994 veröffentlichen Weezer ihr namenloses Debüt, produziert von Ric Ocasek, dem ehemaligen Frontmann der Cars. Auf dem Cover: vier Normalos und viel Blau. Auf der Platte: zehn perfekte Songs. Also wirklich: makellos. Wie das Bananen-Album von Velvet Underground & Nico oder PET SOUNDS – kein Gramm Fett. Die Welt verliebt sich auf den ersten Blick. Dreieinhalb Millionen Menschen kaufen das „blaue Album“, Alternative Rock hat ein neues Gesicht – und das trägt Hornbrille: Rivers Cuomo. Nicht schlecht für einen käsigen Burschen aus New York, der seine Kindheit in einem Ashram in Connecticut verbrachte. Früh verschenkte er sein Herz an Hard Rock. Heute kann man in seinen Spotify-Listen nachlesen, was der junge Rivers hörte: Kiss, Ratt und Cinderella, später auch Metallica und Slayer. Natürlich musste einer wie er nach Kalifornien. In L. A. erlebt Cuomo 1989 das letzte Aufbäumen der Haar-Spray-Bands. Er spielt selbst in einer. Sie heißt zuerst Avant Garde, dann Zoom. Den Namen Power Chicken verwirft man wieder – nicht Metal genug. Ganz im Gegensatz zum Gitarristen: Der malträtiert sein Instrument wie Yngwie Malmsteen und sieht auch so aus. Wer hätte gedacht, dass der Geist von Kurt Cobain ausgerechnet in einen Königspudel wie ihn fahren würde? Doch genau so kam es. Ein neuer Job bringt die Offenbarung. Als Verkäufer bei Tower Records entdeckt Cuomo Bands wie The Velvet Underground, Sonic Youth und die Pixies. Aber es ist die Nirvana-Single „Sliver“, die ihn erleuchtet. „[Cobain] singt da über Mom und Dad und Grandpa Joe, über all diese persönlichen Familiengeschichten“, erinnert sich Cuomo später. „Es ist sehr bewegend, auf eine unschuldige, kindliche Art. Und dann schreit er plötzlich los. Scheiße! Genau das wollte ich auch machen!“

BORN TO LOSE UND SPASS DABEI!

Zeit für einen Friseurtermin und eine neue Band. Die besteht aus Drummer Patrick Wilson, dessen Mitbewohner Matt Sharp am Bass und schließlich Brian Bell an der Gitarre. Weezer. Der Name bleibt irgendwie hängen. Es ist ein Spitzname aus der Kindheit. Rivers wurde so genannt, weil er wegen seines Asthmas manchmal fiepend keuchte (engl.: to wheeze). Ist das noch Metal? Ganz und gar nicht. Die neuen Songs klingen fast wie Kinderlieder: simpel, aber suchterzeugend. Als wäre Brian Wilson bei den Ramones eingestiegen. Es geht um Urlaub und ums Surfen. Aber auch um den alkoholkranken Vater. Eifersucht. Soziale Phobie. Harter Stoff vermischt mit zuckersüßen Melodien. So wie das Stück über die Garage. Dorthin flieht Cuomo vor der Welt, dort warten alle seine Freunde als Poster an der Wand: Kitty Pryde und der Nightcrawler von den X-Men, Ace Frehley und Peter Criss von Kiss. Helden aus der zweiten Reihe. Und natürlich: die E-Gitarre. Bewegend ist das, auf eine unschuldige, kindliche Art.

PINKERTON WURDE VERTEU- FELT UND VEREHRT WIE KAUM EIN ZWEITES ALBUM.

Das blaue Album erscheint einen Monat nach Kurt Cobains Selbstmord. Es ist das, was die Welt in dieser deprimierenden Zeit braucht: neue Hymnen für eine verlorene Generation. Eine Band wie Nirvana, nur eben anders. Als Cuomo, jetzt mit Topfhaarschnitt, im Video zu „Undone – The Sweater Song“ gleichgültig die Gitarre streichelt, wirkt das wie eine sonnigere Version des Depri-Chic: born to lose und Spaß dabei! Oder „Buddy Holly“: Im Video zur zweiten Single lässt Regisseur Spike Jonze die Band in der Kulisse von „Happy Days“ auftreten, einer Sitcom aus den 70ern, die in den 50ern spielte. Retro-Inception. Und mittendrin: Weezer als brave Strickjacken-Rocker. Ironisch, aber irgendwie auch wahr. Die 90er halt. Das Video gewinnt vier MTV Video Music Awards. Es ist so beliebt, dass es auf der Installations-CD-Rom für Windows 95 landet – im Ordner „Fun Stuff“. „Das war das Beste, was uns passieren konnte“, sagt Patrick Wilson später. „Stell dir das mal heutzutage vor: Es wäre, als gäbe es nur ein Video auf You-Tube – und zwar deines!“

Aber da beginnt auch schon das Missverständnis. Cuomo findet „Buddy Holly“ albern. Dass es der Song überhaupt aufs Album geschafft hat, ist Ric Ocasek zu verdanken. Spike Jonze lieferte dann die Idee für das Video. Auch dazu sagte Cuomo nur murrend ja. „Ich sah uns als die nächsten Nirvana“, erklärt er. „Ich dachte, die Welt würde uns als ernst zu nehmende Künstler betrachten.“ Doch vieles kommt anders als erwartet. Das Leben auf Tour ist nicht wie ein Video von Mötley Crüe. Auf der Bühne leidet Cuomo unter Angstzuständen, bei Interviews kann er seinem Gegenüber nicht in die Augen schauen. Und zu den Konzerten kommen hauptsächlich Kinder. Cuomo: „Wir waren diese super-unschuldigen, sauberen Typen auf unserem Albumcover – und die meisten unserer Fans zehn Jahre alt.“ Dagegen müssen sogar Hörsäle und Bibliotheken sexy wirken. Als Cuomo nach einem Konzert in Boston die Harvard University besucht, inspiriert ihn das zu einem unerwarteten Move: Auf dem Höhepunkt seines Erfolgs inskribiert der frischgebackene Rockstar an der Elite-Uni, um klassische Komposition zu studieren.

EINE PLATTE ALS URSCHREITHERAPIE

Mit 24 ist Rivers Cuomo mehr Metal denn je: Ein Kilo Stahl bohrt sich in seinen Oberschenkel. Sein rechtes Bein ist von Geburt an 44 Millimeter kürzer als das linke. Bei einer Operation ist es gebrochen worden. Jetzt muss er es jeden Tag dehnen. 13 Monate geht Cuomo am Stock. 13 Monate ist Schmerz sein Begleiter. „Broken, beaten down, can’t evenget around, without an old man cane“, dichtet er. Seine Stimmung verdüstert sich. In dieser Zeit ist Cuomo viel allein, liegt im Bett, hört die Opern des italienischen Romantikers Giacomo Puccini. Im Kopf spinnt er seine eigene Rockoper zusammen: „Songs From The Black Hole“. Die Handlung: Eine Astronauten-Crew und ein Android werden ins All geschossen – eine Allegorie auf den schnellen Erfolg und den Wahnsinn, den er mit sich bringt. Erste Lieder entstehen, manche sind großartig, andere Quatsch. Aber dann kommt dieser Brief und mit ihm die viel bessere Idee: Die zweite Platte soll eine Reise ins Ich werden – ungefiltert, ehrlich, emotional. „Diesmal will ich ernst genommen werden“, schreibt Cuomo in sein Tagebuch. „Genau wie Gavin Rossdale.“

UNGEWOLLTE EREKTIONEN

Die neue Platte heißt PINKERTON, nach einer Figur aus Puccinis „Madama Butterfly“. Weezer nehmen sie zu einem großen Teil in den Sound City Studios in L. A. auf. Die Produktion besorgen sie diesmal selbst. Sie wollen klingen, wie sie live spielen: laut. Es beginnt mit einem Feedback, dann zerbröselt dir das Schlagzeug das Trommelfell. Der Bass brüllt, die Gitarren jaulen, und Cuomo schreit seinen Frust in den Lärm: „Why can’t I be making love come true?“ 30 Minuten lang Explosionen. Am Drumkit wütet Wilson. Bell spielt, was ihm halt gerade einfällt. Wildcard Sharp kräht hie und da einen Textfetzen dazwischen. Es ist ein Chaos mit System: hingetupfte Instrumente, asynchrone Gitarren und lose musikalische Enden, die auf wundersame Weise wieder zusammenfließen. Der süße Fratz Weezer ist zum Hormon-Monster mutiert. Mit Pickeln, ungewollten Erektionen und viel Drama. Dazu passend: die Texte. Cuomo singt von dem Gefühl, nicht zu bekommen, was er will. Von Einsamkeit. Von Sex. Er entblättert sich, bis er nackt da steht und sich auflöst, wie es der „Sweater Song“ prophezeit hat. Am Ende bleibt er alleine mit der Akustikgitarre zurück und säuselt nur noch eines: „I’m sorry, I’m sorry, I’m sorry …“

Meine Güte! Das passt in keinen „Fun Stuff“-Ordner. Von der Windows-95-Band hätten sich die meisten etwas anderes erwartet. Als PINKERTON im September 1996 erscheint, wollen nicht allzu viele Menschen die Platte kaufen. Bei Platz 19 in den Billboard-Charts ist Endstation. „Ignorieren Sie die Texte“, empfiehlt der „Melody Maker“. Der „Rolling Stone“ nennt das Album „kindisch“, seine Leser wählen es zum drittschlechtesten des Jahres – unpopulärer sind nur DJ Spooky und Bush. Armer Gavin Rossdale! Armer Rivers Cuomo! Er hat sein Innerstes nach außen gekehrt, und die Welt reagiert mit einem Schulterzucken. Wieder in Harvard, zieht er sich zurück. Streicht die Wände seines Zimmers schwarz, verhängt die Fenster. Jahrelang hört man nichts mehr von ihm. Jetzt ist er wirklich Brian Wilson.

EIN ALBUM FÜR DIE EWIGKEIT?

Manchmal ändert die Welt ihre Meinung. Einfach so. Nach einiger Zeit verfängt PINKERTON plötzlich: bei den Freaks und Geeks, die sich in den Texten wiederfinden, aber auch bei den Freunden des blauen Albums, die sich mehr und mehr zur Ruppigkeit des Nachfolgers hingezogen fühlen. Im Exil wird Cuomo zum Enigma, und das befeuert den Mythos noch mehr. Legionen von Bands entstehen, die so klingen wollen wie Weezer auf ihrem zweiten Album. Mit heiligem Ernst singen sie über ihre Gefühle. Gefühle sind jetzt cool. Je mehr, desto besser. Man nennt das Emo. 2004 ändert auch der garstige „Rolling Stone“ seine Meinung: 5 von 5 Sternen für PINKERTON! Gut möglich, dass die Geschichte die Platte wieder umdeuten wird. Es sind vor allem die Texte, die in hochreflektierten Zeiten zunehmend problematisch wirken. Cuomo erzählt ausschließlich aus der Perspektive des gekränkten Mannes. Die Schuld für sein Unglück sucht er bei Frauen. Bei denen, die ihm nur zum Vögeln gut genug sind: bei Jen, Lyn und Catherine, bei Denise, Sharise und Louise, jenem „Mambo No. 5“-artigen Reigen aus „Tired Of Sex“. Bei der vermeintlichen Frau fürs Leben, die sich – wie kann sie nur?! – als lesbisch herausstellt („Pink Triangle“). Oder gleich bei der eigenen Mutter: „It’s all your fault, mama!“

Cuomo beschreibt Gewaltausbrüche („Sometimes I push too hard, sometimes you fall and skin your knee“), fetischiert japanische Frauen („You half-Japanese girls do it to me every time!“), und sein Verlangen nach einem gerade einmal volljährigen Schulmädchen mutet mindestens unbehaglich an. Aber das war ihm wohl selbst bewusst. Noch vor Veröffentlichung der Platte schreibt Cuomo an den Weezer-Fanclub: „Meine Lyrics mögen bösartig oder sexistisch erscheinen. Es tut mir leid, falls sie jemanden verletzen. Ich möchte meine ‚dunkle Seite‘ erkunden, über die ich bisher aus Angst oder aus Scham nicht nachgedacht habe. Es ist scheußliches Zeug dabei. Vielleicht lässt sich darüber hinwegsehen, wenn man das Ganze als Tiefpunkt in einem größeren Kontext betrachtet.“

Man mag das bewundern oder ablehnen. Aber diese radikale Ehrlichkeit geht unter die Haut. Cuomo lotet Abgründe aus. Er artikuliert Gedanken, die andere für sich behalten. Nicht, weil er stolz darauf ist, sondern um sich von der Last zu befreien. Ist es nicht der Wunsch jedes Menschen, sich in allen Facetten, auch den hässlichen, zu offenbaren und trotzdem geliebt zu werden? Kein Wunder, dass die Kritiken Cuomo so getroffen haben. Noch 2001 bezeichnet er PINKERTON als „schrecklichen Fehler“. Als hätte er sich auf einer Party betrunken und einfach alles rausgelassen. „Das fühlt sich im Moment gut an. Aber am nächsten Morgen wachst du auf und stellst fest, dass du dich zum Idioten gemacht hast.“ Es dauert vier Jahre, bis er sich aus der Deckung wagt. Bei der Vans Warped Tour 2000 tauchen Weezer wieder auf, jetzt mit Mikey Welsh am Bass. Matt Sharp ist nicht mehr dabei. Der widmet sich seiner anderen Band, den Rentals, bei denen er der Chef ist. Das bedeutet weniger Geld, dafür aber auch weniger Drama. Letzteres wünschen sich Weezer auch. Ihr drittes Album soll wieder mehr so werden wie ihr erstes: dasselbe in Grün. Die Rechnung geht auf, das Comeback gelingt. Das zweite Leben von Weezer beginnt.

RIVERS CUOMO BEKOMMT WIEDER POST

Heute zählen sie zu den größten Rockbands Amerikas. Sie haben 35 Millionen Platten verkauft, Hits wie „Island In The Sun“ und „Beverly Hills“ bringen das Bier im Pub zum Überschwappen. Weezer sind jetzt wie „Star Wars“: eine stabile Marke, aber die ersten beiden Teile bleiben unerreicht – und manchmal ist ein Jar Jar Binks dabei. Soll heißen: Rivers Cuomo greift zuweilen spektakulär in die Scheiße. Rap, RADITUDE, Steve Aoki – Fans müssen viel mitmachen. Patrick Wilson und Brian Bell machen tapfer mit. Seit 20 Jahren unterstützt sie Scott Shriner am Bass. Mikey Welsh ist 2011 an einer Überdosis gestorben, Matt Sharp fehlt. Und Rivers Cuomo auch. Der echte Rivers Cuomo. Der ist in den späteren Liedern kaum noch zu finden. Sein Talent hat er nie verloren. Viele seiner Songs sind besser als ihr Ruf, und erst kürzlich hat er unzählige Demos aus jeder Ära seines Schaffens veröffentlicht, die das Ausmaß seiner Kreativität verdeutlichen. Aber emotional hält er Abstand zu seiner Kunst. „It's hard to be true when honesty kills you“, heißt es im Song „Fake Smiles And Nervous Laughter“ aus dem Jahr 2016. Das PINKERTON-Trauma scheint tief zu sitzen. Die Platte wird jetzt so alt wie Cuomo, als er sie geschrieben hat. Mittlerweile dürfte er Frieden mir ihr geschlossen haben, angeblich ist er sogar stolz auf sie. Und doch wirkt es, als wäre er seit 25 Jahren auf der Flucht vor jenem Mann, der diese Lieder geschrieben hat. Kann man von einem 51-Jährigen erwarten, dass er noch so empfindet wie damals? Sich auf dieselbe Weise ausdrückt? Natürlich nicht. Aber man vermisst seine Hingabe, die Wahrhaftigkeit, den naiven Glauben, dass Musik Leben retten kann. Für all das stand Rivers Cuomo einmal, in jenen glorreichen Jahren von 1994 bis 1996. Deshalb waren Weezer wichtig. Ihre Refrains verwandelten unsere Schwächen in Superkräfte.

2017 schreibt wieder ein junges Mädchen. Keinen Brief diesmal, so etwas kennen junge Menschen ja gar nicht mehr. Sie meldet sich auf Twitter. Ob Weezer nicht „Africa“ von Toto covern könnten. Bitte, bitte, bitte. Bald hat das ganze Internet nur noch diesen einen Wunsch. Weezer geben nach. Der Song wird eine Riesenhit. Im Video spielt „Weird Al“ Yankovic den jungen Rivers Cuomo im „Buddy Holly“- Outift. Ein Meme zum Anhören. Amüsant. Harmlos. Alles kein Drama. Schade eigentlich.

WER IST PINKERTON?

Benjamin Franklin Pinkerton ist eine Figur aus Giacomo Puccinis Oper „Madama Butterfly“. Rivers Cuomo beschreibt ihn als „asshole American sailor“, einem Rockstar auf Tour nicht unähnlich. In Puccinis Oper heiratet der in Nagasaki stationierte Leutnant quasi zum Zeitvertreib die 15-jährige Geisha Cio-Cio-San, genannt Butterfly. Er schwängert sie, dann verlässt er Japan. Als er drei Jahre später zurückkehrt, ist er mit einer amerikanischen Frau verheiratet und will das Kind abholen. Butterfly nimmt sich daraufhin das Leben. Dass Rivers Cuomo sich in einer Figur wie Pinkerton wiedererkannte, spricht Bände über seinen Selbstwert zur damaligen Zeit. „Madama Butterfly“ weist aber noch eine Parallele zur Weezer-Platte auf: Puccini nannte das Werk „die empfindungsreichste Oper, die ich je geschrieben habe“. Die Uraufführung im Jahr 1904 geriet zum Fiasko. Wenig später änderte sich die öffentliche Meinung darüber. Heute gilt die Oper aber als eines von Puccinis größten Werken.

BUDDY HOLLYS BRILLE

Charles Hardin Holley hat die Hornbrille nicht erfunden – aber er hat sie cool gemacht. Als Buddy Holly lieferte er in den 50ern einen Gegenentwurf zu den gängigen Schönheitsidealen des Pop. Die Brille wies ihn als Außenseiter mit komischen Hobbys wie Lesen aus. Die Botschaft: brav is beautiful! Damit war Buddy Holly dem klassischen Pop-Fan näher als ein schmalzgelockter Schönling wie Elvis Presley. Holly starb am 3. Februar 1959 mit 22 Jahren, sein Einfluss blieb: In den 70ern übernahm Elvis Costello den Namen des Kings und das Nasenfahrrad des Nerds. In den 80ern und 90ern hampelten Bands wie Devo oder They Might Be Giants entsext durch ihre Videos, befreit von den Machismen des Rock: dicke Brille statt dicker Hose. Ausgerechnet Rivers Cuomo hat die Idee mit der Sehhilfe aber nicht von Buddy Holly, sondern von Kurt Cobain. Der trägt im Video zu „In Bloom“ ein ähnliches Modell – in Anspielung an? Genau: Buddy Holly.

BEEINFLUSST VON: Nirvana, Beach Boys,Green Day, Lou Barlow, Giacomo Puccini, Giuseppe Verdi, Leonard Bernstein

HABEN BEEINFLUSST: Deftones, Jimmy Eat World,Death Cab For Cutie, Veruca Salt, Biffy Clyro

DAS BESTE VON KURZ NACH PINKERTON BIS JETZT

So gut wie PINKERTON war keine Weezer-Platte danach. Aber auf jeder findet sich mindestens ein herausragender Song. 13 Beispiele (das türkise Cover-Album nicht mitgezählt):

PHOTOGRAPH Weezer 2001

Handclaps, Ooh-Eeh- Oohs – als hätten die Beach Boys und Cheap Trick Liebe gemacht und dieses perfekte Oh-Baby zur Welt gebracht.

BURNDT JAMB Maladroit 2002

Funky Strophe, harter Refrain. Vielleicht haben Weezer nie wieder so relaxt geklungen.

THIS IS SUCH A PITY Make Believe 2005

Ric Ocasek produzierte drei Alben für die Band, aber nicht diesen fantastischen Song, der so sehr nach den Cars klingt. Der geht auf das Konto von Rick Rubin.

THE GREATEST MAN THAT EVER LIVED Weezer 2008

Cuomos Versuch einer „Bohemian Rhapsody“, in der er Rap, Rock und vieles mehr zusammenführt. Ambitioniert und nur ein bisschen affig.

PUT ME BACK TOGETHER Raditude 2009

Einsamer Höhepunkt eines missglückten Albums.

Wenn nach der Middle Eight ein Feedback die Stille durchbricht, ist man für einen Moment wieder im Jahr 1996.

RUN AWAY Hurley 2010

Ryan Adams als Cuomos kongenialer Co-Songwriter: „Everyone will cry“.Jawohl.

TURNING UP THE RADIO Death To False Metal 2010

„Let’s write a Sawng!“ forderte Cuomo seine Fans 2010 über YouTube auf. Das Ergebnis der interaktiven Zusammenarbeit klingt mehr nach Weezer als viele Lieder, die Cuomo zu dieser Zeit allein schrieb.

THE BRITISH ARE COMING Everything Will Be Alright In The End 2014

Ein Song über den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg – ungewöhnlich für Weezer, aber gelungen. Das Album hielt, was der Titel versprach.

L.A. GIRLZ Weezer 2016

Die bratenden Gitarren, der 3/4-Takt – ein spätgeborener Zwilling der tollen „Undone“-B-Seite „Susanne“.

WEEKEND WOMAN Pacific Daydream 2017

Nach zwei Alben, die die Fans der ersten Stunde versöhnten, enttäuschte PACIFIC DAYDREAM wieder viele. Das Problem dieser Platte ist nicht so sehr das Songwriting, sondern die übertrieben poppige Produktion.

Darunter verbergen sich teilweise tolle Melodien - so wie die von „Weekend Woman“, das es übrigens auch als räudiges Demo gibt („Weekend Girl“).

BYZANTINE Weezer 2019

35 Jahre nach „Sweet Home Alabama“ bekommt Neil Young wieder eine aufs Dach: Sein Song läuft auf dem Handy, und wenn dem Klangfetischisten das nicht passt, dann möge er sich ficken. So beginnt dieser friedlich anmutende Song. Der Text stammt von Laura Jane Grace (Against Me!), Teile der Melodie hat Cuomo schon 1991 geschrieben.

ALOO GOBI Ok Human 2021

Cuomo Concerto: vergnüglicher Streicher-Pop mit einem riesigen Chorus, der ein wenig an die frühe B-Seite „Mykel & Carli“ erinnert.

BEGINNING OF THE END Van Weezer 2021

Ein bisschen Grunge, ein bisschen Green Album. Dieser Song findet sich auch auf dem Soundtrack zum dritten „Bill & Ted“- Film. Damit schließt sich ein Kreis: 1992 sind Weezer zum ersten Mal unter ihrem heutigen Namen aufgetreten – als Support von Dogstar, der Band von Ted-Darsteller Keanu Reeves. The End is the Beginning is the End.

EIN ALTERNATIVES UNIVERSUM AUF YOUTUBE

Rivers Cuomo zählt zu jenen Künstlern, die vier Mal so viele Songs für ein Album schreiben wie nötig. Im Winter 2020 hat er sein Archiv geöffnet, in dem Unmengen an unveröffentlichtem Material lagern. Und weil er außerdem gerade ein Webdesign-Seminar besuchte, entwarf er die Website, auf der man die Demo-„Bundles“ kaufen kann, gleich selbst: riverscuomo.com. 1995 lässt grüßen – optisch und was die Qualität vieler Songs angeht. Unter den Titeln ALONE III bis XII finden sich unzählige Songschnipsel, Riffs, aber auch fertige

Demos aus der Zeit vor Weezer bis zum White Album. Sie zeigen Cuomos Schaffensprozess, wie er Songfragmente hin- und herverschiebt und dabei teilweise auf jahrzehntealte Ideen zurückgreift. Während Schmarren wie „Can’t Stop Partying“ auf Platten landeten, blieb hochwertiges Material bislang ungenutzt: „Since You Came Around“ oder „The Ballad Of St. George“, „Let’s Go To The 33rd Dimension“ oder „Volunteers“ zählen zum Besten, was Cuomo je geschrieben hat. Allerdings versemmeln Weezer leider manch vielversprechendes Demo im

Studio, wie das tolle „Ballad Of The Briny“, dem aus unerfindlichen Gründen das Riff von Ozzy Osbournes „Crazy Train“ um die Ohren geklatscht wurde, bevor es derart verhunzt als „Blue Dream“ auf VAN WEEZER erschien. Das Tolle an den Demos: In ihrer rohen, ungeschliffenen Form sind sie nah am alten Sound. Fans haben ihre Freude damit und stellen auf YouTube ihre eigenen Weezer-Platten zusammen. Ein alternatives Universum, das manchem PINKER-TON-Enthusiasten besser gefallen könnte als die Realität.