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DIE REPARATUR DER SPRACHE


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Buchkultur - epaper ⋅ Ausgabe 201/2022 vom 07.04.2022
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Bildquelle: Buchkultur, Ausgabe 201/2022

Er sei der bestangezogene Autor, den sie je für die Buchkultur vor der Linse hatte, lobt Fotografin Beatrice Signorello. Fiston Mwanza Mujila hat sich für den Shoot in einem Park unweit des Hauptbahnhofs in seiner zweiten Heimat Graz viel Zeit genommen. Aber wer schön sein will, muss leiden. Auf den Bildern soll er ohne Jacke zu sehen sein, was er stoisch erträgt. Ganz warm ist es nicht an diesem Spätwintertag, immerhin scheint die Sonne. Die modische Brille tauscht der Autor bisweilen gegen eine dunkle mit UV-Schutz, denn seine Augen sind sehr empfindlich.

Gerade ist Fiston – die anderen beiden Namen auf seinen Buchdeckeln sind auch nur einige seiner zahlreichen Vornamen – von seiner jährlichen Reise in den Kongo zurückgekehrt. Dort hat er binnen drei Wochen mehrere Lesungen abgehalten und seine Mutter im Süden des Landes besucht, der Vater ist voriges Jahr gestorben. In der Minenstadt Lubumbashi, ...

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... der zweitgrößten der Demokratischen Republik Kongo, wurde Fiston 1981 geboren. Einige Geschwister wohnen hier weiterhin, andere in Südafrika, Fiston ist der Einzige aus der Familie, der nach Europa gegangen ist. Und dann auch noch Graz, zwar ebenfalls die zweitgrößte Stadt ihres Landes, aber mit knapp 300.000 Einwohner/innen nur ein Siebentel so groß.

Deshalb ist er eben viel unterwegs, ein Weltbürger, der nach Wien, Berlin oder Brüssel reist. Seit etwa zehn Jahren hat er seine Basis in der Stadt, die Werner Schwab, Wolfgang Bauer und Gerhard Roth hervorbrachte. An der Uni unterrichtet er gelegentlich Literatur, ein Jahr lang war er Stadtschreiber. »Ich bin ein Grazer Schriftsteller«, sagt er gerne. Dass er für seinen neuesten Roman »La Danse du Vilain« mit dem Prix Les Afriques ausgezeichnet wurde, freut ihn dennoch. Denn er ist eben auch ein afrikanischer, ein kongolesischer Schriftsteller. »Heutzutage geht die Literatur über Grenzen, sie hat keine Nationalität«, meint er.

Als »Tanz der Teufel« ist der preisgekrönte Roman jetzt auch auf Deutsch erschienen. Dass so auch der deutsche Verleihtitel eines Horrorfilms von Sam Raimi lautet, der in Fistons Geburtsjahr in die Kinos kam (im Original: »The Evil Dead«), ist ein amüsanter Zufall. Während Fistons Debütroman »Tram 83«, wie viele seiner Gedichte und Theaterstücke, in einer geografisch nicht näher verorteten Bar angesiedelt ist, die als Nabel der Welt und Sammelstelle für verlorene, exzentrische Gestalten dient, spielt »Tanz der Teufel« klar im Staate Kongo, als dieser noch Zaire hieß und vom irren Diktator Mobutu Sese Seko beherrscht wurde, sowie in der Provinz Lunda Norte des benachbarten Angola, wohin es viele Kongolesen zum Diamantenschürfen zog. Später findet im Roman wie in Wirklichkeit die Revolution 1997 statt, in deren Folge das Land seinen heutigen Namen bekam.

Von Realismus kann trotzdem keine Rede sein. Eine alterslose »Madonna« hält ihre männlichen Zuhörer mit fantastischem Seemannsgarn aus einer teils Hunderte Jahre zurückliegenden Vergangenheit in ihren Bann. Der Roman strotzt vor Subjektivität, die zahlreichen kurzen Kapitel werden von verschiedenen Figuren in der Ich-Form geschildert, und welche von ihnen gerade das Ruder in der Hand hat, erschließt sich erst durch gründliche Lektüre. Selbst ein auktorialer Erzähler ist darunter – wobei es sein könnte, dass es sich dabei um Franz Baumgartner handelt, Fistons erste explizit österreichische Figur.

Obwohl Franz nicht aus Graz, sondern aus dem noch einmal kleineren St. Pölten stammt (»Weil ich noch nie in St. Pölten war, aber oft auf dem Weg nach Linz oder nach Deutschland dort vorbeikomme«), beschreibt der Verfasser ihn als seinen weißen Zwillingsbruder: »Er ist im Kongo und soll einen Roman mit kongolesischen Protagonisten schreiben. Aber er fragt sich, ob er denn überhaupt dazu legitimiert ist, denn er ist nicht Schwarz und er hat keine Kolonialisierung erlebt. Mich beschäftigt die umgekehrte Frage: Als Grazer möchte ich einen Roman mit jüdischen Österreichern als Protagonisten schreiben. Alle sind weiß. Aber ich bin kein Österreicher, ich bin nicht weiß, und ich bin auch kein Jude, aber ich komme auch aus einem Land mit vielen Kriegen. Franz hat das gleiche Problem.«

Auch in diesem Roman darf das exzessive Nachtleben nicht fehlen. Den »Tanz der Teufel« tanzen Kleinkriminelle, Glückssucher im Diamantenfieber und selbsternannte Finanzinspektoren. Er ist inspiriert von ekstatischen musikalischen Stilen wie Rumba und Reggae, die im Kongo von zeitloser Popularität sind. »Rumba ist das, was bleibt nach dem Krieg«, so Fiston. »Das ist unsere Identität. Die Leute tanzen viel, auch weil sie ihre Probleme vergessen möchten. Sie sagen: ›Ich tanze, deshalb existiere ich.‹« Es empfiehlt sich, zur Lektüre die entsprechende Playlist aufzulegen.

Musik spielt auch für Fiston selbst eine wesentliche Rolle, nicht nur wenn er schreibt, auch wenn er liest. Den Akt des Vorlesens wiederum denkt er beim Schreiben gleich mit: »Ich sage oft, dass die Wörter, die Schrift, das Schreiben allgemein wie ein Gefängnis sind. Wenn man sie für sich liest, bleiben die Worte im Gefängnis, aber wenn man sie laut liest, leben sie, man befreit sie.« Als Kind wollte er Saxofonist werden, es fand sich in der Gegend von Lubumbashi aber keine geeignete Schule. Das Instrument beherrscht er noch immer nicht, sagt aber: »Heute ist die Literatur mein Saxofon. Wenn ich schreibe, ist es, als würde ich komponieren.« Zu Jazzkonzerten wird er als Spoken-Word-Poet eingeladen. Wie er seine Texte performt, ist ein Ereignis fernab der berüchtigten Wasserglaslesung. »Bei der Performance kann man lachen, schreien, flüstern, es gibt so viele Möglichkeiten, die Sprache zu beleben.«

So überrascht es etwas, als er beim Gespräch in seinem Grazer Stammcafé, dem Kaiserfeld, sagt: »Ich stehe nicht gerne im Rampenlicht.« Dabei bezieht sich Fiston vor allem auf seine Übersetzerinnen Katharina Meyer und Lena Müller, in deren Arbeit er sich auch jetzt, da er die deutsche Sprache zunehmend gut beherrscht und darin sogar Theaterstücke geschrieben hat, nicht einmischen möchte. Meyer/ Müller haben bereits »Tram 83« ins Deutsche übertragen und erhielten dafür mit dem Originalautor zusammen 2017 den internationalen Literaturpreis für übersetzte Gegenwartsliteraturen. »Die Übersetzerinnen sollten ihre eigene Musikalität und Sprache finden. Das ist nicht meine Sprache. Wenn meine Sprache ein Saxofon ist, dann ist die deutsche Übersetzung vielleicht eine Trompete, eine Violine oder eine Bassklarinette.« Nur die Melodie bleibt gleich. »Man übersetzt ja nicht nur eine Sprache, man übersetzt eine Kultur, eine Stimmung, die Atmosphäre, Geräusche, Charaktere und Protagonisten. Ich denke, mein Text auf Deutsch ist nicht unbedingt mein Text, sondern ein anderes Werk.«

So, wie die deutschsprachige Nachkriegsliteratur versucht habe, die Sprache zu »entnazifizieren«, so müsse er das Französisch im Kongo »dekolonialiseren«, es »menschlicher machen und reparieren«. Die Folge sind zahlreiche Wortschöpfungen und erfundene Formulierungen, die den Übersetzerinnen ihre Arbeit gewiss nicht leicht machten. »Bier spritzen« sagen etwa die Charaktere im deutschen »Tanz der Teufel«, wenn sie Bier trinken, und sie sagen es sehr oft. Dass sie die Biere regelrecht einatmen, eins nach dem anderen, ohne Maß und Ziel, steckt in diesem Verb und seiner fast exzessiven Wiederholung schon drinnen. »Tanz der Teufel« lebt von diesem Rhythmus der Wiederholungen, die sich mit überraschenden Abweichungen abwechseln.

Als Schriftsteller stehe ich in der Tradition der Gruppe 47, also von Günther Grass, Ingeborg Bachmann und Ilse Aichinger, weil der Kongo heute ist wie Deutschland oder Österreich nach dem Krieg. Alles ist kaputt, die Infrastruktur, der Mensch, deshalb brauchen wir eine Literatur, die ein Land aufbauen kann.

Fiston Mwanza Mujila

In der Bilderflut des flirrenden Alltags auf den Straßen von Katanga und Lunda Norte im vergangenen Jahrtausend verliert man als Leser/in schon einmal den Überblick, und das ist durchaus Absicht: »Es gibt Dinge, die nur Kongolesen, teilweise sogar nur die Leute aus meiner Heimatstadt Lubumbashi verstehen.« Fiston erklärt das am Beispiel des Gauners Ngungi: »Nur Kongolesen wissen, was der Name bedeutet, nämlich ›Echse‹. In Afrika fliegen Echsen jede Nacht und brauchen Blut von Menschen, um gesund zu bleiben. Wie eine Mücke. In dem Roman ist es wie in einem Supermarkt: Es gibt viele Produkte und du kaufst, was für dich wichtig ist.«

Besonders schlagend werden die diversen Codes, wenn es ums Theater geht. Hier begann – neben der Lyrik – Fistons Karriere. In Zeiten zunehmender Sensibilität für Diversität und Authentizität sind es nach wie vor weiße Regisseur/ innen, die seine Stücke, oft Auftragswerke von Theatern, in Europa auf die Bühne bringen. »Als Theaterautor bin ich Österreicher«, sagt Fiston. »In meinen Stücken gibt es keine Schwarzen Charaktere, und sie haben wenig mit Afrika zu tun. Im Gegenteil, es freut mich, wenn der Regisseur oder die Regisseurin nicht alles versteht. Denn wenn wir im Kongo Robert Musil oder Peter Handke sehen, verstehen wir auch nicht alles. Aber wir verstehen, was wir eben verstehen, und es interessiert uns trotzdem.«

Die Regisseurin Carina Riedl bildet für Fiston eine gewisse Ausnahme. »Sie war schon im Kongo und hat viel mit mir geredet, deshalb findet sie die verschiedenen Ebenen leichter«, meint er. Riedl erarbeitete in Kinshasa 2019 mit europäischen und kongolesischen Performer/innen eine Inszenierung auf Basis von Fistons Gedichtband »Fluss im Bauch«, die unter anderem am Ufer des mächtigen Kongoflusses aufgeführt wurde. In Mannheim adaptierte sie im selben Jahr »Tram 83« für die Bühne, im Herbst 2021 inszenierte sie ein neues Stück des Autors in Berlin: »Der Garten der Lüste«.

»Ich bin zufrieden, wenn der Regisseur vergisst, was wichtig für mich ist«, führt Fiston weiter aus. »Ich brauche diese Intimität als Schriftsteller, aber auch als Kongolese. Wenn du im Kongo eine Stadt besuchst, dann werden alle sehr gerne ihr Essen mit dir teilen, aber sie werden dir keine Geheimnisse erzählen, denn sie wissen, dass du wieder gehst. Wenn du bleibst, werden sie dir anvertrauen, wie das Leben dort funktioniert.« Denn Intimität berge Macht in sich. »Wenn du alles weißt, dann nimmst du den Leuten ihre Seele, ihre Macht. Deshalb wollen viele die Restitution der Raubkunst, denn die bedeuten das afrikanische Geheimnis. Wer die Kunstschätze nach Europa mitgenommen hat, hat einen Teil der afrikanischen Seele entführt.«

Umgekehrt fühlt er sich in Graz gut aufgenommen. »Die Leute hier haben keine Geheimnisse vor mir, weil sie mittlerweile wissen, dass ich hierbleibe.« Aufgrund seiner guten Kontakte und des Interesses für österreichische Literaturgrößen hat er auch entschieden, sich nach dem Stadtschreiber-Jahr hier niederzulassen und nicht in Belgien oder Frankreich, wo die kongolesischen Communitys deutlich größer sind. Manchmal genießt er beim Schreiben die unruhige Stille des Stadtparks. Wenn es dann nach ein paar Tagen daran geht, sich die entstandenen Seiten laut vorzulesen und »wie ein Automechaniker« die Wörter einer Prüfung zu unterziehen, schließt er sich zu Hause im Arbeitszimmer ein und erweist sich dabei als exakter Antipode zu seinem berühmten Kollegen Michel Houellebecq. Der hielt kürzlich fest: »Ich muss schreiben, bevor ich dusche. Wenn man einmal gewaschen ist, ist es in der Regel vorbei.« Fiston erwidert: »Die Wohnung und auch ich selbst müssen sauber sein. Bevor ich zu schreiben beginne, muss ich duschen. Denn das Schreiben ist verbunden mit einer saintété, einer Heiligkeit, einer Reinheit.«

Einziges Manko in Graz: der unweigerliche Alltagsrassismus. »Als ich nach Österreich gekommen bin, habe ich mich nicht Schwarz gefühlt. Meine Eltern im Kongo haben mir das nie gesagt, man erfährt das erst im Ausland. Aber jetzt wohne ich in Graz und fühle mich als Schwarzer.« Als Schwarzer, der oft erklären muss, dass er kein Flüchtling ist und dass von 55 Ländern in Afrika derzeit nur sieben so massive Probleme haben wie der Kongo. »Manchmal hat man keine Lust, zu erklären. Trotzdem sollte man es immer tun. Was die Leute über Afrika wissen, kommt viel über die Medien. Aber auch Musik und Literatur sind eine gute Möglichkeit, um etwas über einen Kontinent zu lernen.«

Aktuell arbeitet sich Fiston Mwanza Mujila daran ab, dass es auch über Österreich Vorurteile gibt, während er sich das Land, mittlerweile mit dessen Staatsbürgerschaft in der Tasche, Schritt für Schritt erschreibt. »Zum Beispiel glauben im Kongo alle, in Österreich gibt es nur Berge und man spielt nur klassische Musik. Aber das stimmt nicht.« So nähert er sich der Arbeit an seinem Österreich-Roman, dem »Negativ« zu dem Kongo-Buch, mit dem zu beginnen Fistons Figur Franz Baumgartner so schwerfällt.

Wenn er durch Graz spaziert, kommt er oft an »Stolpersteinen« vorbei, die im Gedenken an die Opfer der Nazis errichtet wurden. »Ich lese ihre Namen und stelle mir vor, wie wohl das Leben so eines 20-Jährigen war, der damals ermordet wurde.« Aber darf er darüber schreiben? Die Hemmungen sind nur allzu verständlich, doch ist zu wünschen, dass er es schafft, sie zu überwinden. Nach »Herz der Finsternis« und unzähligen folgenden Afrika-Romanen aus europäischer Sicht böte der Roman eines Kongolesen über den Holocaust gewiss erfrischende Erkenntnisse. »Man muss auch wissen, dass der Roman eine europäische Gattung ist«, erinnert Fiston. »Als Schriftsteller stehe ich in der Tradition der Gruppe 47, also von Günther Grass, Ingeborg Bachmann und Ilse Aichinger, weil der Kongo heute ist wie Deutschland oder Österreich nach dem Krieg. Alles ist kaputt, die Infrastruktur, der Mensch, deshalb brauchen wir eine Literatur, die ein Land aufbauen kann.«

Indes hat Fiston für das Wiener Volkstheater ein Stück fertig, das nach diversen Lockdown-Verschiebungen Anfang 2023 zur Aufführung kommen soll, gemeinsam mit Elfriede Jelineks »In den Alpen«. Dabei ist Fistons »Nach den Alpen« keineswegs als Antwort auf die Literaturnobelpreisträgerin Jelinek gedacht. »Es ist ein Kommentar von mir, eine Überlegung über die Alpen«, sagt Fiston. »Ich kenne Jelineks Arbeit, also war für mich klar: Ich kann nicht wie sie schreiben. Für mich als Afrikaner, als Schwarzen, als Grazer, als Kongolesen, haben die Alpen eine ganz andere Bedeutung als für sie. Wenn ich Jelinek nachmachen würde, würde es falsch werden. Also muss ich nach meinem eigenen Gefühl, meiner Subjektivität schreiben. Zum Beispiel kann ich nicht Ski fahren. Ich habe es zwei, drei Mal versucht, aber ich kann ohne Skifahren ganz gut leben.«

Wobei er damit bei Elfriede Jelinek vermutlich in ganz guter Gesellschaft ist.

Fiston Mwanza Mujila, 1981 in Lubumbashi / Demokratische Republik Kongo geboren, ist ein kongolesisch-österreichischer Schriftsteller, Lyriker und Dramatiker. Sein mehrfach ausgezeichneter und hochgelobter Debütroman »Tram 83« (Zsolnay) stand 2015 auf der Longlist des Man Booker International Prize und wurde wiederholt fürs Theater adaptiert. Für seinen aktuellen Roman »La Danse du Vilain« (»Tanz der Teufel«, Zsolnay) erhielt er 2021 den »Prix Les Afriques«. Mujila lebt in Graz.