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DIE RÜCKKEHR DER PROG-GÖTTER


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Audio - epaper ⋅ Ausgabe 7/2022 vom 17.06.2022

Steven Wilson, welcher Teufel hat Sie geritten, als Sie Porcupine Tree Ende 2010 auf Eis gelegt haben?

Steven Wilson Nun ja, wir werden heute ja viel erfolgreicher gemacht, als wir es je waren: Wir hatten immer ein Problem damit, viele Tickets und Platten zu verkaufen – gerade im Vergleich mit Bands, die eher angepasste Musik gemacht haben. In unserem Umfeld hieß es ständig: „Mit dem nächsten Album wird alles besser – macht einfach weiter.“

Doch ich war müde und hatte das Gefühl, als hätten wir unseren Höhepunkt mit „Fear Of A Blank Planet“ überschritten, während wir uns bei „The Incident“ zum ersten Mal ein bisschen wiederholt hatten. Von daher sagte ich mir: „Es macht keinen Spaß mehr, probier’ doch einfach etwas Neues.“

Warum jetzt eine Reunion, obwohl Sie das stets ausgeschlossen haben?

Ich bin halt ein guter Lügner (lacht). Ich habe den Leuten so lange erzählt, dass es Porcupine Tree nicht mehr ...

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Bildquelle: Audio, Ausgabe 7/2022

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... geben wird, bis sie es irgendwann geglaubt haben. Dabei haben wir die ganze Zeit an neuem Material gearbeitet.

Die Mutter japanische Konzertpianistin, der Vater deutscher Orchestermusiker – und die Tochter transformiert diese signifikante DNA mit ihrer wandlungsfähigen Stimme in jazzigfolkige Bereiche. Im Duo mit dem Gitarristen, Sänger und Perkussionisten Jo Schultz spannt sie einen pastelligen bis leuchtenden Klangbogen, ergänzt um Bass, Keyboards, Schlagzeug, Vocals und Gitarre: Sonnige Sounds („Blue Companion“), prägnantes Fingerpicking („Don’t Know How“), federnd leichte Melodien („So Easy“), atmosphärisch countryeske Ideen („I Know I Will“) oder folkige Finesse („Let’s Snatch A Day“) plus rockige Attitüde („That’s All Behind Me Now“) umrahmen ihre strahlende Stimme harmonisch. Das Klangbild überzeugt ebenso: Die zwölf Stücke des Albums klingen enorm plastisch und fein aufgelöst; sie sind zudem mit schöner Feindynamik gesegnet und räumlich authentisch sortiert.

Claus Dick

✪ Joan Shelley, Mary Black

Various Artists Crooner u.a.

The Wonderful Sounds Of Male Vocals

Analogue Productions/Sieveking Sound (Hybrid-SACD, Doppel-LP 200g 45 rpm)

Nach den Compilations „The Wonderful Sounds Of Christmas“ (2015) und „The Wonderful Sounds Of Female Voices“ (2018) setzt Analogue Productions die Serie jetzt mit den Herren der Gesangsschöpfung fort. AP-Chef Chad Kassem brachte hier tatsächlich Giganten zusammen – von Dean Martin bis Elvis Presley, von Aaron Neville bis Roy Orbison, von Pure Prairie League bis zu den Beach Boys, von Willie Nelson bis Harry Belafonte, von Pete Seeger bis Tony Joe White und von Amos Lee bis Harry Nilsson. Die Liner Notes flossen dem US-amerikanischen Analog-Papst Michael Framer aus der Feder. Vorbildlich behutsam und klangveredelnd masternd hat dieses klanglich und musikalisch reichlich weite Feld der Tontechniker Ryan K. Smith bestellt. Gus Skinas DSD-Überspielung der 20 Titel ist sensationell und der beinahe ausverkauften Doppel-LP fast ebenbürtig.

Lothar Brandt

✪ Various Artists: The Wonderful Sounds Of Female Vocals

SCHÄTZE DES MONATS

Prine And The Revolution Rock, Funk, R’n’B

Live

Legacy/Sony Music (2 CDs+Blu-ray, 3 LPs)

Ein Konzert für die Ewigkeit! Am 30. März 1985 erlebte der Carrier Domein Syracuse/New York einen magischen Auftritt von Prince samt Entourage, den Millionen Fans via Satellit miterlebten. Im Gepäck hatte der Maestro den Soundtrack zu seinem filmischen Rock-Drama „Purple Rain“ (1984) und spielte die brandneuen Songs sowie Highlights aus „1999“.

Der Eröffnungssong war das Motto: „Let’s Go Crazy“. Prince zog hier alle Register des Showbiz: Er tanzte und turnte wie ein Derwisch über die Bühne, er posierte mit Gitarrensoli und dominierte ganz im Stil seiner Idole James Brown und Sly Stone. Mit Begeisterung trieb die herausragende Band um Wendy Melvoin (g), Lisa Coleman (key) und Sheila E. (perc) den Boss durch Hymnen wie „Little Red Corvette“, „Baby, I’m A Star“ und „When Doves Cry“. Allein die Bildqualität schwächelt bei dieser Sause ein bisschen.

Willi Andresen

✪ 1999 (1982), Purple Rain (1984)

Bruce Hornsby Pop, Rock

’Flicted

Zappo/Thirty Tigers/Membran (CD, LP)

„’Flicted“ komplettiert zusammen mit den Vorgängern „Absolute Zero“ (2019) und „Non-Secure Connection“ (2020) eine Trilogie – Hornsby zaubert aus cineastischen Inspirationen neue instrumentale Techniken und Sounds. Während die Single „Sidelines“ in verzerrt-sphärischen Welten umhergeistert und die hysterischen Emotionen unserer (Nach-)Pandemie-Zeit vertont, nimmt der Titelsong mit klaren Riffs und hellen Pianobeats erfreulich Tempo auf. Unruhe prägt die Dynamik der zwölf Songs. Erstmals wagt sich der 67-jährige US-Pianist an eine Coverversion: Chuck Berrys „Too Much Monkey Business“ pulsiert im lässigen Groove und lebt von einem leichten Rap-Gesang. Musik: 11110 Klang: 111 10 Der Maestro aus Williamsburg meistert auch dieses Genre, ebenso wie er unentwegt Soundfetzen aus diversen Genres integriert und so einen facettenreichen Klangkosmos aufbaut. Spannend, aufregend und gut.

Willi Andresen

✪ Bruce Hornsby & The Range, Marc Cohn

Electronic, Dance, Dub Tosca

Osam

!K7 Records/375 Media (CD, Doppel-LP)

Richard Dorfmeister und Rupert Huber tüfteln seit den frühen Neunzigern an ihrem Synthi-Klangkosmos. „Wenn Musik eine architektonische Dimension bekommt“, so Huber, dann sei sie „besonders wertvoll“. Als Tosca basteln die Wiener Klangarchitekten immer neue Dub-Konstruktionen voller emotionaler Wärme und melancholischer Tiefe. Das wirkt auch auf Studioalbum Nr. 9 ungemein lässig. Mit einer voluminösen, nahezu meditativen Melodiewolke eröffnen sie das Intro „Nobody Cares“, um dann in die federnde Komposition „Gentleman“ hineinzugrooven. Vokale Fragmente garnieren den rhythmischen Fluss. So fügen sich zwölf Tracks unterschiedlicher Länge mit variablen Beats und Riffs zu magisch fließenden Soundscapes zusammen.

Willi Andresen

✪ Opera (1997), Suzuki (2000), Odeon (2013)

Americana, Singer-Songwriter

Joan Shelley

The Spur

No Quarter/Cargo (CD, LP auch in White Vinyl)

Ist das Folk? Oder Americana, doch noch Country oder Singer-Songwriter-Stoff? Vergessen wir die Schubladen: Joan Shelley verschmilzt verwandte Musikstile und -akzente finessenreich zu ihrem persönlichen Soundgewand.

Folglich klingen die zwölf neuen Songs der Sängerin und Gitarristin aus Kentucky geradezu herzerfrischend rund.

Ihre glasklare Stimme dominiert herrlich die Stücke mit sanftem-Songwriter-Touch („Forever Blues“), Apalachen-Anklängen („The Spur“), Country-Ausflügen („Like The Thunder“), psychedelisch angehauchten Melodien („Breath For The Boy“). Auch einen netten Folk-Walzer („Completely“) gibt’s zu hören, genau wie Bläser und Streicher („Bolt“). Der ausgefeilte Klang verleiht dem Album dann endgültig Flügel.

Claus Dick

✪ Joan Shelley (2017), Laura Marling

Bluesrock, Hardrock

Simon McBride

The Fighter

Ear Music/Edel (CD, LP 180g)

Der 1979 in Belfast geborene Gitarrist legte bereits drei Alben vor. Außerhalb des Hardrock-Zirkels kam Simon Mc-Bride über einen Geheimtipp-Status aber kaum hinaus. Das wird sich 2022 ändern, wenn er als Vertreter von Steve Morse bei Deep Purple mitwirkt. Vorher schon sollte dieses Album die verdiente Beachtung finden. Die zwölf Tracks beweisen, dass noch längst nicht alle Riffs aus dem Hardrock-Steinbruch herausgehämmert worden sind. McBrides Virtuosität erstickt erfreulicherweise niemals in Selbstgefälligkeit. Seine Flitzefinger-Gitarrenarbeit ist wahrlich beeindruckend, und das satt produzierte Album rockt wie die Hölle. Bei „Don’t Let Me Go“ zeigt der Rocker schließlich, dass er auch Balladen schreiben und singen kann.

Winfried Dulisch

✪ Gary Moore, Jeff Beck, Joe Bonamassa

Artrock

Envy Of None

Envy Of None

Kscope/Edel (CD; LP au. col. Vinyl; 2CDs/LP Blue Vinyl)

Nach der Auflösung der mit weltweit gescgätzten kanadischen Prog-Rock-Band Rush fand Gitarrist Alex Lifeson neue Gefährten in Andy Curran (Bass, Programmierung), Alfio Annibalini (Gitarre, Keyboards, Programmierung) und der Folk-Frau Maiah Wynne. Das Team überrascht mit einer sinnlich-sphärischen Seele ihres von Industrial Power und Rock geprägten Werks. Wynnes sanfte Stimme konterkariert den Drive der Männer charmant. Das schafft Raum für Neues: tollen Poprock („Never Said I Love You“), hauchzarte Elektronika („Shadow“), Hardcore-Gewitter („Dog’s Life“) oder beatleesken Dreamrock („Look Inside“). Das Instrumental „Western Sunset“ widmet Lifeson seinem Freund, dem Rush-Drummer und -Lyriker Neil Peart (†2020).

Claus Dick

✪ Rush, Porcupine Tree, Maiah Wynne (solo)

Alt Country, Singer-Songwriter

Mary Gauthier

Dark Enough To See The Stars

In the Black Records/Membran (CD, LP)

Mary Gauthiers Biografie ähnelt dem Leidensweg eines Townes Van Zandt: Sie feierte ihren 16. Geburtstag in der Suchtklinik, ihren 18. hinter Gittern. Erst mit 34 wurde sie Musikerin. Während Van Zandt sein Unglück poetisch verklärte, weist Gauthier auch auf ihrem zwölften Album wieder in eine Richtung, die aus den Sackgassen des Lebens hinausführt – ganz im Sinne ihres 2021 erschienenen Buches „Saved By A Song“, das die Heilkräfte des Liedermachens beschreibt. Ihr Gefühlsspektrum reicht hier vom gospeligen „Thank God For You“ bis zur privatliedhaften Erinnerung an „Amsterdam“. Neben Gauthiers lässigem Gitarrenspiel sorgt Keyboarder Danny Mitchells mit sorgfältig eingesetzten Melodien für wohltuende Unaufgeregtheit.

Winfried Dulisch

✪ Lucinda Williams, Steve Earle

Kurz & gut

Rolling Blackouts Coastal Fever

Endless Rooms

Sub Pop/Cargo (CD, LP auch in Yellow Vinyl, MC)

Als die Australier von Rolling Blackouts Coastal Fever 2017 mit ihrer EP „The French Press“ alles überrollten, sah die Zukunft der Band rosarot aus. Inzwischen beim dritten Album angekommen, hat sich ihre musikalische Idee – hypergetriebener Gitarrenpoprock à la The Feelies – ein bisschen abgenutzt.

Die neue Platte ist gut und schön, könnte aber packender sein.

idt

Kowsky Krokus Pokus

Record Jet/Edel (CD, LP)

Netter, lockerer Folkrock mit Hooks, Refrains, schönem Gesang und deutschen Texten, die man mitsingen kann, ohne rot anzulaufen? Das ist ja ein Ding. Kowsky-Vordenker Marcus Ziegenrücker hat seine Songs zwar musikalisch wie textlich ausgetüftelt, macht sie aber insgesamt weder zu kompliziert noch zu simpel. Manchmal holt er sogar die elektrische Neil-Young-Gitarre raus („Herz aus Stroh“).

idt

Martin Müller Encore

Galileo (CD)

Der Ludwigsburger Akustikgitarrist Martin Müller hat auf „Encore“ ausschließlich Zugaben versammelt, alles Stücke, die als Zitronencremebällchen am Konzertende taugen. Das reicht vom Bond-Thema „Main Theme From 007“ über „In The Mood“ (Glenn Miller) und die Eigenkomposition „Herbstsonate“ bis zu „Eleanor Rigby“ von den Beatles. Die CD macht Lust, seine Konzerte zu besuchen.

idt

Lothar Dithmar Trains And Rivers

Starfish Music (CD)

Lothar Dithmar hat die Welt und sich selbst wieder gut beobachtet und seine Empfindungen und Gedanken in Klaviermusik überführt. „Trains And Rivers“ ist sein viertes Werk seit 2009, und Dithmar hat manchem komponierenden Pianisten voraus, dass er stets konzise bleibt und nicht sonstwohin entschwebt. Ein kontemplatives, sehr angenehm zu hörendes Album.

idt

Brit-Pop-Mix

Dave Stewart

Ebony McQueen

Bay Street Records/Membran (Box-Set: 3 LPs, 2 Singles, 2 MCs, Voucher, 48-Seiten-Buch)

Was für ein großer Songschreiber und Produzent (Bob Dylan, Mick Jagger), welch umtriebiger Zeitgenosse: Der Ex-Eurythmics-Mann hat bereits rund 100 Millionen Alben verkauft, seit 1994 auch solo mit Gästen wie Carly Simon oder Lou Reed. Und nun das, von einem der renommiertesten britischen Musiker: ein Album mit 26 Stücken, eingebettet in ein Gesamtkunstwerk mit 48-seitigem Buch.

Welche Opulenz – das gilt auch für das 60-köpfige Orchester. Ein Konzeptalbum, das von inem Jungen erzählt, der vom Blues geküsst in viele Orte der Welt getragen wird, Autobiografisches inklusive.

Stewarts neue Stücke schwelgen herrlich nostalgisch im Geiste von Bob Dylan, David Bowie, der Rolling Stones und der Beatles in ihrer Indienphase. Es reihen sich heitere Popsongs als Soundtrack für einen Spaziergang im Park ebenso aneinander wie souveräne Britpop-Nummern mit mehrstimmigen Vocals, psychedelische und akustische Sessions, bluesige Rhythmen und typisch britischhumoristische Tracks. Wow.

Claus Dick

✪ Eurythmics, Randy Newman, Oasis

Bluesrock

Joanne Shaw Taylor

Blues From The Heart – Live

Keeping The Blues Alive/RTD (CD+DVD, CD+Blu-ray)

Franklin/Tennessee liegt eine halbe Autostunde von Nashville entfernt. Einige Popstars wohnen in dem Nest und proben dort im einstigen Kino. Die in England geborene Joanne Shaw Taylor ließ hier im Januar 2022 dieses Konzert mitschneiden. Als Gäste begrüßte die Bluesrockerin im Franklin Theatre die Gitarristen Kenny Wayne Shepherd und Mike Farris. Taylors Mentor Joe Bonamassa stand zum Glück ebenfalls im richtigen Moment auf der Bühne und verhinderte ein Desaster, als Joanne Shaw Taylor in „Summertime“ unterzugehen drohte; für diesen Song haben Ella Fitzgerald und Janis Joplin zu hohe Maßstäbe gesetzt. Doch das bleibt die Ausnahme, denn ansonsten überzeugt die Künstlerin sowohl an der E-Gitarre als auch stimmlich.

Winfried Dulisch

✪ Ana Popovic, Joanna Connor

Blues

Eric Clapton

Nothing But The Blues

Reprise/Warner (CD, 2LP, BD, DVD, Box-Set: 2CD, 2LP, BD)

Es ist die Liebe seines Lebens. In der Doku von Martin Scorsese, erstmals 1995 im US-TV ausgestrahlt, werden die Faszination und der Lernprozess von „Slowhand“ für den Blues in Wort, Bild und Sound aufgearbeitet und aktuell in 4K-Qualität aufgefrischt. Clapton erzählt ehrfürchtig von seinen Idolen: Muddy Waters, B.B. King, Robert Johnson. Ein wütender Howlin’ Wolf führte ihm 1970 bei einer Session in London brutal die Hand über die Saiten. Der Lehrling wollte „nur noch sterben“. Dennoch habe er es geschafft, aus dem Historischen zu wählen und für sich „modern zu gestalten“. All das und mehr erzählt er Scorsese. Dazu gibt’s 20 unveröffentlichte Tracks von zwei Konzerten am 8./9. November 1994 aus dem Fillmore in San Francisco.

Willi Andresen

✪ Eric Clapton: From The Cradle (1994)

Country, Folkrock, Americana

High Fidelity

Come Rain Or Shine

Bandcamp (CD, LP Orange Clear Vinyl)

Wenn sich eine Band „High Fidelity“ nennt, gibt sie dem audiophilen Genießer ein großes Versprechen. Wenn das Quartett aus Hannover sein Debütalbum dann auch noch in einem Studio namens „Institut für Wohlklangforschung“ aufnimmt, werden unsere kritischen Lauscher noch weiter gespitzt.

High Fidelity erfinden auf ihrem Erstling nichts Neues, machen aber auch kaum etwas falsch. Dieses Album kommt einem daher gleich bekannt vor, was wahrlich nichts Schlechtes heißen soll.

So klingt Americana, wenn sie mit deutscher Gründlichkeit und Detailverliebtheit, aber auch tiefenentspannt produziert wird. Einige Studiotechniker aus den Staaten sollten sich einmal zum Workshop beim Institut für Wohlklangforschung anmelden.

Winfried Dulisch

✪ The Allman Brothers, Neil Young, J.J. Cale

Country, Blues, Rock, Hip-Hop, Funk

G.Love & Special Sauce

Philadelphia Mississippi

Philadelphonic/Thirty Tigers/Membran (CD, LP)

Das Intro könnte kaum besser inspirieren und motivieren: G.Love und Co starten in einen feurigen Rap-Rock-Hip-Hop-Trip. Die Wortfetzen tanzen, die Drums scheppern, die Gitarren jubilieren: Das Mississippi-Delta tanzt im Vollrausch. Mit Stücken wie „My Ball“ oder „Guitar Man“ steuern die Jungs aus Philadelphia zurück zu traditionellen und handfesten Country- und Bluesrock-Rhythmen. Die lockere und spontane Studiosession mit Produzent Luther Dickinson, dem Sohn des berühmten Studioguru Jim Dickinson, ergab einen improvisatorischen Spontan-Trip durch die Genrevielfalt der aktuellen Musikszene, der unterstützt wird von Gästen wie Alvin Youngblood Hart und Speech von den US-Hip-Hoppern Arrested Development. Mitreißend!

Willi Andresen

✪ Love Saves The Day (2015), The Juice (2020)

Rock, Blues, Soul, Pop

Tedeschi Trucks Band

I Am The Moon – 1. Crescent

Concord/Universal (CD, LP 180g)

1970 schrieb Eric Clapton seinen Hit „Layla“, der auf einem Gedicht des Persers Nezami aus dem 12. Jahrhundert basierte. Susan Tedeschi und Ehemann Derek Trucks haben für ihr Projekt kein Remake dieses Liebes-Poems versucht, sondern verfolgen eine Idee: Sind wir nur verliebt in den Traum von Liebe? Diese Kardinalfrage durchzieht 28 Songs auf vier Alben, die bis Ende August erscheinen. Die Sessions brachten zwölf Musiker zusammen und inspirierte Songs über Sehnsucht und Trennung, die mit Grooves aus New Orleans Soul, Roots-Rock sowie langen Improvisationen (wie im zwölfminütigen „Pasaquan“) und faszinierenden Gesängen gespickt sind. Zu jedem Album gibt’s zusätzlich einen Film mit vielfältigen Studio-Eindrücken.

Willi Andresen

✪ Revelator (2011), Let Me Get By (2016)

Metal-Funk

Dan Reed Network

Let’s Hear It For The King

Drakkar/Soulfood (CD, LP Purple Vin., Box-Set: CD+Goodies)

Achtung, gleich funkt’s – und zwar mächtig: Mit funky Metal-Beschlägen an den harschen Rhythmus-Gerüsten auf Album Nummer sechs der Multi-Kulti-Funkrocker aus Oregon. 38 Jahre nach der Bandgründung von Dan Reed und Dan Pred und zig Liveshows, unter anderem als Anheizer für Bon Jovi und die Rolling Stones, führen die 13 Songs die Tradition ihres explosiven Funk-Rocks konsequent fort – mit peitschenden Drums („Pretty Karma“), randalierenden E-Gitarren („The Ghost Inside“), aggressiv-forderndem Blues („Supernova“), aber auch mit ein paar melodiösen Stücken und gar hymnenhaften Ausschweifungen („Just Might Get It“, „See Angels“). Das Highlight ist das komplexe und dennoch spielerisch-aufgelockerte „Homegrown“.

Claus Dick

✪ Lenny Kravitz, Metallica

Freiräume

Werke von Jonathan Östlund (Jg. 1975) wurden 2019 –20 unter erschwerten Lockdown-Bedingungen von verschiedenen Solisten, Chören und Orchestern eingespielt.

Der Schwede bezieht seine Inspirationen von Bach und Beethoven wie auch aus europäischer Folklore.

Seine Doppel-CD „Imago“ verblüfft mit Abwechslungsreichtum und stimmungsvoller Sanftheit.

Klezmer, Polka, Squaredance-Country Music, Elektrobeats und orientalische Handtrommeln – der Klarinettist David Krakauer aus New York sammelte die Zutaten für die „Mazel Tov Cocktail Party“ in den unterschiedlichsten Vierteln seiner Heimatstadt. Bei dieser teilweise halsbrecherischen Tanzmusik muss man den Tänzern „Viel Glück“ wünschen – jiddisch: Masel tov!

Die Sängerin Marjan Vahdat nahm „Our Garden is Alone“ im Iran, in den USA und in Norwegen auf. Trotzdem klingt ihr drittes, gut durchhörbares Soloalbum wie aus einem Guss. Produzent, Arrangeur und Keyboarder Bugge Wesseltoft schneiderte zusammen mit Jazzund Etno-Musikern einen Mantel, in den sich die zarte Stimme der persischen Sängerin einkuschelt.

Unwirtliche Steppenlandschaften prägen die Erinnerung von Musikern aus der Mongolei. Der in Paris lebende Mandaakhai Daansuren spielt Melodien seiner Heimat auf einer zweisaitigen mongolischen Geige.

Zusammen mit der Pianistin Susanna Tiertant huldigt er der Sonne, mongolisch: „Nar“, über der Wüste Gobi. Allein schon wegen des Kehlkopfgesangs klingt das Duo Gobi Rhapsodie ebenso anheimelnd wie jederzeit herausfordernd spröde.

Jonathan Östlund Imago Divine Art/Naxos (Doppel-CD)

David Krakauer Mazel Tov Cocktail Party Broken Silence (CD, LP)

Marjan Vahdat Our Garden Is Alone KKV/Indigo (CD)

Duo Gobi Rhapsodie Nar – Die Sonne Ars/Note 1 (CD)

GEHEIMTIPP

Ghost Woman

Psychedelic Laidback Garage

Ghost Woman

Full Time Hobby/RTD (CD, LP auch in Red Vinyl)

Was für ein schönes, schräges Ding ist dieses Album. Soll die halbnackte Frau auf dem Cover, deren linker Busen so gerade von einem Regenbogen verdeckt wird, etwa die „Geisterfrau“ sein? Evan John Uschenko steht Ghost Woman vor, das selbstbetitelte neue Album ist ihr drittes. Die kanadische Truppe rührt darauf ein wunderlich schillerndes Gebräu aus Garage, Psychedelic Rock, Sixties, Exotica und nicht zuletzt Laidback an. Und der Zaubertrank wirkt: Das Album packt den Hörer mit dem schrammeligen Riff des ersten Tracks „All The Time“, um ihn danach einfach nicht mehr loszulassen. Es besteht Heavy-Rotation-Gefahr, denn nicht nur, dass die zehn Stücke alle prima sind – nach nur 34 Minuten ist der Spaß ja auch schon wieder vorbei. Audiophil ist dieses Album sicherlich nicht, aber dafür vieles andere mehr.

Sebastian Schmidt

✪ Dope Lemon, Kurt Vile, J.J. Cale, The Byrds