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DIE SANFTEN RIESEN DES OZEANS


DiscoverME - epaper ⋅ Ausgabe 76/2019 vom 10.09.2019

Dugongs im Arabischen Golf


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Bildquelle: DiscoverME, Ausgabe 76/2019

Der Arabische Golf ist mit einer atemberaubenden Vielfalt an maritimen Lebewesen gesegnet ,darunter Delfine ,Schildkröten ,Haie ,Seekühe und rund 500 Fischarten .Meeresbiologen und Naturschutzorganisationen vor Ort nehmen sich dem Schutz und der Pflege der teils bedrohten Tierarten an .International besonders bedeutsam ist der Bestand von Dugongs (Indopazifische Seekühe) ,die im Arabischen Golf leben: Abu Dhabi ist Heimat der weltweit zweitgrößten Population dieser sanften Meeresriesen – doch sie sind wachsenden Gefahren ausgesetzt .

Der Dugong ist der einzige ...

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... Meeressäuger, der sich komplett vegetarisch ernährt: Seine Nahrung bezieht er fast ausschließlich aus Unterwasser-Seegraswiesen, weshalb Dugongs im Volksmund auch oft als Seekühe bezeichnet werden. Ein ausgewachsener Dugong kann bis zu drei Meter lang und durchschnittlich 250 bis 400 kg schwer werden. Die Tiere essen bis zu 40 kg Seegras pro Tag und haben eine maximale Lebenserwartung von 70 Jahren. Für die Nahrungsaufnahme und zur Fortbewegung bleiben Dungongs zwischen drei und zwölf Minuten am Stück unter Wasser, erst dann müssen sie zum Luftholen an die Oberfläche kommen. Die meiste Zeit halten sie sich in maximal 10 m tiefem Wasser auf, können aber auch bis zu 40 m tief tauchen.

FASZINIERENDE KREATUREN AUS DER FAMILIE DER GABELSCHWANZSEEKÜHE

Der Dugong ist mit dem Manati verwandt aber in der Regel etwas kleiner als dieser und kann im Gegensatz zum Manati ausschließlich in Salzwasser überleben. Manatis kommen im Atlantik, Dugongs im Indischen und Pazifischen Ozean vor. Dank ihrer Anpassungsfähigkeit an unterschiedliche Habitate sind Dugongs in über 40 Ländern im Indischen und Westpazifischen Ozean beheimatet. Einzelne Dugongs können mehrere hundert Kilometer in wenigen Tagen zurücklegen und dabei die Küstengewässer vieler Länder durchschwimmen. Darum ist es wichtig, die Dugongs auch durch überregionale Maßnahmen zu schützen.

Dugongs sind faszinierend, charmant und völlig harmlos – allerdings auch sehr scheu, weshalb sie nicht so leicht zu beobachten sind wie etwa Riesenschildkröten oder verspielte Delfine. Abu Dhabi ist die Heimat der weltweit zweitgrößten Population von Dugongs: Rund 3.000 Tiere leben allein im Marawah Marine Biosphere Reserve, sie sind vor allem um die Inseln Bu Tina und Abu Al Abyad sowie die westliche Küste Abu Dhabis hinauf bis an die Grenze zu Katar zu finden. Der Arabische Golf und das Rote Meer zusammen beheimaten etwa 7.000 Dugongs. Das Gesetz der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) hat die Tiere 1999 unter Schutz gestellt.

BEDROHUNG DURCH MENSCHLICHE AKTIVITÄT UND HABITATSVERLUST

Dugongs werden von der Internationalen Naturschutzunion (IUCN) als gefährdete Art auf der Roten Liste klassifiziert, was mittelfristig einem hohen Risiko des Aussterbens in der Wildnis entspricht. Obwohl die Tiere große Distanzen zurücklegen, wird davon ausgegangen, dass die globale Population der Dugongs stark im Rückgang begriffen ist: Es wird angenommen, dass sich die weltweite Anzahl der Dugongs innerhalb des letzten Jahrhunderts um rund 20 % verringert hat. Dafür sind allen voran menschliche Aktivitäten verantwortlich.

Die Eigenschaften und Lebensweise der Dugongs – langlebig, niedrige Fortpflanzungsrate, lange Generationsdauer und großer Aufwand für die Aufzucht jedes einzelnen Jungtieres – macht ihren Schutz angesichts einer Reihe von Bedrohungen besonders problematisch. Eine Simulationsstudie ergab, dass die Dugong-Population sogar unter idealen natürlichen Bedingungen frei von (menschlichen) Störfaktoren um nicht mehr als 5 % jährlich wachsen würde, was die Tierart sehr anfällig für Raubtiere und andere Todesursachen macht. Schon eine minimale Verringerung in der Anzahl überlebender Erwachsener würde eine bedeutende Bevölkerungsdezimierung nach sich ziehen.

Die Hauptgründe für den weltweiten Rückgang der Dugong-Populationen sind vor allem:

• Beifang: Wenn sich Dugongs in Treibnetzen oder Netzen zur Fernhaltung von Haien aus Küstengewässern verfangen, ersticken sie unter Wasser

• Zerstörerische Fischereipraktiken: Die Verwendung von Strandwadenoder Schleppnetzen, Chemikalien und Sprengstoffen zur Fischerei in Küstengewässern trifft auch Säugetiere

• Jagd: Trotz rückläufiger Tendenz wird der Dugong mancherorts noch immer für sein Fleisch, Fett und seine Haut sowie für Stoßzähne und Knochen (die in der traditionellen Medizin Anwendung finden) gejagt und stellt aufgrund seiner geringen Geschwindigkeit leichte Beute dar

• Schifffahrt: Zusammenstöße mit Motorbooten in den seichten und vielbefahrenen Gewässern, in denen sie leben, sind für Dugongs aufgrund ihrer Langsamkeit und geringen Tauchtiefe schwer zu vermeiden

• Exzessive Interaktion mit Menschen: Als Touristenattraktion werden Dugongs schnell zu viel Aufmerksamkeit ausgesetzt und können zudem durch die Propeller von Motorbooten, mit denen die Besucher unterwegs sind, verletzt werden

• Habitatsverlust: Dugongs ernähren sich praktisch ausschließlich von Seegras, doch dieses ist stark bedroht durch Wasserverschmutzung oder das Aufwühlen des Meeres und des Bodens durch Boote, Maschinen und Schleppnetze

SEEGRAS: NAHRUNGSQUELLE FÜR DUGONGS UND EINZIGARTIGES ÖKOSYSTEM

Seegras – nicht zu verwechseln mit Seetang und anderen Algenarten – spielt eine existenzielle Rolle für Dugongs. Nicht nur ernährt es die veganen Meeresriesen fast ausschließlich, die Tiere und Pflanzen leben in einer ausgewogenen Symbiose und die geografischen Bereiche, in denen Dugongs bzw. Seegraswiesen zu finden sind, sind praktisch deckungsgleich.

Seegräser sind Blütenpflanzen, die an die Existenz unterhalb der Wasseroberfläche in seichtem Salzwasser mit geringer Trübung angepasst sind. Weltweit sind 60 Seegras-Gattungen bekannt, von denen die meisten entlang der gemäßigten und tropischen Küstenstriche verteilt sind. Die tropische Indo-Pazifik-Region weist mit 24 unterschiedlichen Seegras-Spezies die größte Artenvielfalt auf. In vielen subtropischen und tropischen Regionen sind Seegras-Habitate außerdem eng mit den Ökosystemen von Mangrovenhainen und Korallenriffen verbunden. Gemeinsam bilden diese drei Ökosysteme die Basis für die Lebenszyklen einer ganzen Reihe von Meereslebewesen. Über die Gesamtheit der Weltmeere betrachtet bedeckt Seegras jedoch nur 0,2 % des Meeresbodens.

Seegras-Weiden zählen zu den am stärksten bedrohten Ökosystemen der Erde und fallen damit in die selbe Kategorie wie Korallenriffe, Mangrovenhaine und Regenwälder. Doch noch mehr verbindet sie: Ebenso wie Laub- und Mangrovenwälder sind Seegraswiesen wichtige CO2-Senken. Seegras und Seegraswiesen speichern weltweit 27 kg Kohlenstoffdioxid pro Quadratmeter – rund 10 % der jährlichen CO2-Aufnahmekapazität der Ozeane. Seegras spielt damit eine wesentliche Rolle bei der Reduzierung der Auswirkungen des Klimawandels, verbessert zudem die Wasserqualität und schützt die Küste vor den Auswirkungen von Stürmen. Darüber hinaus hängt in vielen ärmeren Küstenregionen sowohl die Ernährung der Menschen als auch die Subsistenzfischerei nicht unwesentlich von der Verfügbarkeit von Seegras ab.

Dugongs, als einzige Vegetarier unter den Meeressäugetieren, haben im Seegras ihre einzige Nahrungsquelle. Seegraswiesen, auf denen Dugongs ‚grasen’, weisen auf ein gesundes Ökosystem hin. Die faszinierenden Kreaturen spielen eine maßgebliche Rolle dabei, ein öffentliches Bewusstsein für die Bedeutung und den Erhalt eines Unterwasser-Biotops zu schaffen, dessen Relevanz vielen Menschen wohl nicht bekannt ist. Es erfüllt eine wichtige Regulierungsfunktion für die Umwelt, ist bedeutend für das Wohl der örtlichen Gemeinschaften in vielen Ländern und existenziell für das Überleben der Dugongs, welche selbst seit Jahrtausenden in vielerlei Form für den Menschen wichtig sind.

STECKBRIEF: DUGONG

Gattung: Dugong

Familie : Gabelschwanzseekühe (Dugongidä)

Ordnung: Seekühe (Sirenia)

Grösse: bis zu 3 m

Gewicht: 250-400 kg, durchschnittlich 300 kg

Lebenserwartung: bis 70 Jahre

Anzahl: nicht bekannt (im Arabischen Golf und dem Roten Meer etwa 7.000)

Lebensraum: seichte tropische Gewässer (Ostafrika, Südostasien, Australien, Golfregion)

Ernährungstyp: Pflanzenfresser

Nahrung: Seegras, bis zu 30 kg pro Tag

Tragzeit: 12-14 Monate

Wurfgrösse: ein Jungtier

Sozialverhalten: Familienverband / Einzelgänger

Bedrohung: Jagd, Zerstörung des Lebensraums und vor allem der Nahrung

Gesetzgebung: Dugongs, mitsamt ihren Nahrungsund Streifgebieten, sind in den VAE seit 1999 unter Federal Law No. 23 und No. 24 geschützt.

ABU DHABIS EIGENE DUGONG-HERDE

Bu Tinah Island


Über die Lebensweise der Dugongs ist nicht sonderlich viel bekannt, da sie meist in kleineren Gruppen unterwegs sind, oft in eher trüben Gewässern leben, scheu sind und bei jeder Störung fliehen. Da beim Atmen nur Kopfoberseite und Nasenöffnungen aus dem Wasser gehoben werden, sind sie auch nicht gut zu sehen. Daher ist es umso erstaunlicher, dass es Mitarbeitern der Umweltbehörde Abu Dhabis (EAD) im Mai zum wiederholten Male gelang, eine große Dugong-Herde nahe der unter Naturschutz stehenden Insel Bu Tinah zu filmen. Etwa 40 Tiere können an der Wasseroberfläche ausgemacht werden und die Experten schätzen, dass weitere 100 in größerer Tiefe schwimmen.

Gesichtet wurden die sanften Meeresriesen in der Nähe von Khour Al Bazem im Meeresschutzgebiet Marawah, dem weltweit ersten von der UNESCO ausgewiesenen maritimen Biosphärenreservat. Zwar ist das Auftreten einer solchen Gruppengröße laut EAD nicht außergewöhnlich, aber üblicherweise kommen große Herden eher im Winter als im Sommer vor. Die genauen Gründe hierfür sind nicht bekannt, es wird aber über einen Zusammenhang mit Nahrungsvorkommen, Wetter und Fortpflanzungszeiten spekuliert. Die erneute Sichtung einer großen Gruppe von Dugongs ist vor allem dahingehend beruhigend, als dass im Vorjahr eher negative Schlagzeilen über die Meeressäuger im Vordergrund standen: 2018 waren von der Strandpatrouille der EAD mehr als 20 gestrandete Dugongkadaver gefunden worden. Todesursache war in den meisten Fällen das Verstricken des Tieres in unbemannten oder zurückgelassenen Treibnetzen – eine Methode, für die eigentlich Geld- und Gefängnisstrafen verhängt werden. Die meisten Todesfälle traten in den Wintermonaten auf, was auch mit dem Höhepunkt der Fischereisaison zusammenfällt.

Das Küstengewässer rund um Bu Tinah, ein winziges Archipel 35 km nördlich von Marawah, stellen mit ihren Seegrasweiden ein bedeutendes Nahrungsgebiet für Dugongs dar. Die Inselgruppe, die gleichzeitig eine der wichtigsten Zufluchtsstätten für Meeresschildkröten im Indischen Ozean ist, steht unter dem Schutz des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) unter dessen ‚Indian Ocean – South-East Asian Turtle Pact’. Das Emirat Abu Dhabi beheimatet in seinem Territorialgewässer den nach Australien zweitgrößten Dugong- Bestand der Welt. Schätzungen zufolge leben mehr als 1.000 der Säugetiere in den Küstengewässern um das Bu Tinah- Atoll, im 4.250 km2 umspannenden Marawah-Schutzgebiet sind es insgesamt rund 3.000.

Studie: Arabischer Golf könnte bis 2090 ein Drittel seiner Biodiversität verlieren

Eine 2018 veröffentlichte Studie der University of British Columbia erwartet, dass im Arabischen Golf rund ein Drittel der momentan lebenden Spezies bis 2090 aussterben werden, wenn nicht drastische Schutzund Umkehrmaßnahmen ergriffen werden. Steigende Wassertemperaturen sowie Veränderungen am Salzund Sauerstoffgehalt sind für das Massensterben verantwortlich – das Emirat Abu Dhabi soll den Prognosen zufolge am Stärksten betroffen sein. Vom Menschen bedingte Stressfaktoren wie Habitatszerstörung und Überfischung verschlimmern die ohnehin schon angespannte Situation zusätzlich. Angesichts der Tatsache, dass sich lokal vorkommende Arten entweder bereits stark an die extremen Bedingungen anpassen mussten oder aber es sich bei ihnen um Wanderarten handelt, die sich ohnehin an der Grenze ihres möglichen Lebensraums befinden, ist davon auszugehen, dass sie alle sehr sensibel auf noch stärkere Veränderungen in der Wassertemperatur und dem Salzgehalt reagieren werden. Aufgrund der geringen Tiefe des Arabischen Golfs ist auch die Flucht in kühlere Wässer näher am Meeresboden keine Option.

Mehr anwendungsbezogener Forschungsbedarf besteht zu der Frage, wie sich die zukünftigen Klimabedingungen auf die Fischbestände in der Region auswirken, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass Fischerei regional betrachtet die zweitgrößte wirtschaftliche Ressource nach Erdöl darstellt. Die Fischereiwirtschaften in Bahrain und Iran sind dabei am Anfälligsten: Im Fall Bahrain wegen der vergleichsweise stärkeren wirtschaftlichen Abhängigkeit von der Fischerei und im Falle Iran, weil dieser die höchsten Fangraten und gleichzeitig weniger Einkommensalternativen aufweist.


Fotos: Shutterstock, wikimapia.org