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Die schöne Unbekannte


Tourenfahrer - Motorrad Reisen - epaper ⋅ Ausgabe 8/2019 vom 09.07.2019

Endlose Olivenhaine, schattige Eichenwälder und wilde Blumenwiesen. Auf den Hügeln dazwischen thronen mittelalterliche Städte, in denen Geschichte lebendig wird. In der Extremadura entdecken Alexander Seger (Text & Fotos) und Günther Abel das ursprüngliche Spanien.


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Bildquelle: Tourenfahrer - Motorrad Reisen, Ausgabe 8/2019

Verschneite Gipfel im Grenzgebiet: unterwegs in der Sierra de Gredos östlich von Umbrias, das zu Kastilien und León zählt.


Hier konkurriert die Schräglage mit der Aussicht: in der Sierra de Guadalupe Richtung Puerto de Berzocana


Griffiger Asphalt, kein Verkehr und Kurven, Kurven, Kurven – einfach ideale Motorradbedingungen


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Steinbrücke zwischen Dehesasgenannten Kulturlandschaften. In der Extremadura bedecken sie ein Viertel der Fläche – Sierra de Guadalupe.


Wo das Öl wächst: Olivenhaine in der Nähe der Kleinstadt Zafra (oben links).


Verschlusssache im Dienste der Weinflasche: Geradezu typisch spanisch sind neben den Olivenbäumen die Korkeichen, wie hier bei Navezuelas (ganz links).


Prächtiger Pilgerort: Real Monasterio de Santa María de Guadalupe – schon Kolumbus besuchte das köngliche Kloster (links).


Guadalupe – der Name klingt irgendwie nach Karibik, und das kommt nicht von ungefähr


Touristenhorden mit bedrohlich geschwungenen Selfie-Sticks sucht man hier zum Glück vergeblich


Die Urlaubswoche ist seit Langem fixiert, die Pläne in übersichtliche Tagesetappen gegossen: Über den Großglockner am Tag der Saisoneröffnung, durch die Dolomiten an den Gardasee, und zum Abschluss noch ein Abstecher in die Kvarner Bucht. Leider haben wir die Rechnung ohne Sander, Theodor und Uli gemacht – so die Namen der drei Tiefdruckgebiete, die unseren Plan vereiteln. Mit anderen Worten: Dauerregen über Mitteleuropa, Neuschnee in höheren Lagen, Streckensperren quer durch die Alpen. »Mainachten« statt Frühlingsgefühlen. Auf der Suche nach einer Alternative weiß das Internet Rat. Motorradtaugliche Temperaturen in Südspanien – also Flüge nach Málaga, Übernachtungen und Mietmotorräder gebucht und ein paar Tage später kann es losgehen.

Unsere Reise orientiert sich an der historischen Silberstraße; sie war als direkte Verbindung zwischen dem heutigen Sevilla und Gijón bzw. Astorga schon zu Zeiten der Römer die wichtigste Nord-Süd-Strecke im Westen der Iberischen Halbinsel. Immer wieder treffen wir in der einstigen ProvinzLusitania auf beeindruckende römische Ingenieurleistungen: intakte Straßenfragmente aus vorchristlicher Zeit, gewaltige Aquädukte oder imposante Brücken, über die – von Denkmalschutz-Bedenken unbehelligt – der normale Straßenverkehr rollt.

Die Bezeichnung »Silberstraße« oder »Silberroute« stammt allerdings nicht von den Römern, sondern aus späterer Zeit. Die im frühen Mittelalter nach Norden vordringenden Mauren sollen die Römerstraße als »breiten Weg« bezeichnet haben, aus dem arabischenRuta Bal‘latta wurde dann die heutigeRuta de la Plata, auch bekannt alsVía de la Plata. Mittlerweile ist die Silberstraße einer der Pilgerwege zum Apostelgrab in Santiago de Compostela – verglichen mit der Wander-Autobahn desCamino Francés in Ost-West-Richtung ist man, von Süden kommend, allerdings ziemlich alleine unterwegs.

Einen Fehler sollte man als Motorradreisender tunlichst vermeiden: der vom Tourismusamt beschildertenRuta de la Plata direkt zu folgen. Es sei denn, man fährt eine Harley, die Heimweh nach der Route 66 hat. Die schnelle Verbindung durch die Extremadura führt nämlich auf geraden Straßen durch eine trockene Ebene, der in mühsamer Arbeit landwirtschaftliche Nutzflächen abgerungen wurden. Abseits dieser Route finden sich dagegen sehr reizvolle Strecken, sodass die Silberstraße nur als grobe Orientierung dienen sollte.

In der Sierra Norte nördlich von Sevilla herrschen ideale Motorradbedingungen, und das bei strahlendem Sonnenschein: griffiger Asphalt, kein Verkehr – und Kurven, Kurven, Kurven. Mit einem wahren Schräglagen-Festival nähern wir uns der Kleinstadt Zafra. Unser Quartier ist ein über 500 Jahre alter Palast im Herzen der Stadt. Aus den großen Fenstern des mit antiken Möbeln eingerichteten Zimmers fällt der Blick auf Palmen. »Leben wie Gott in Frankreich«, sagt man bekanntlich, wenn man auf der Butterseite des Lebens angekommen ist. Aber ehrlich: In dieser stillen Ecke Spaniens haben wir es auch nicht schlecht getroffen – und es ist trockener, wie das Regenradar bestätigt.

Bedrückend: Denkmal für die Vertriebenen zur Zeit des Spanischen Bürgerkriegs und der Franco-Diktatur – Mirador de la Memoria in El Torno.


Anderntags führt uns die Neugierde durch von der Sonne verwöhnte Olivenhaine in ein kleines Dorf mit einem großen Namen: Medellín. Ähnlich wie die kolumbianische Millionenstadt ist auch der spanische Ort durch ein Geschäftsmodell bekannt geworden, bei dem mit fremder Menschen Blut bezahlt wird. In diesem Fall geht es um den hier im Jahre 1485 geborenen Hernán Cortés (gestorben 1547). Er sorgte – in trauter Zusammenarbeit mit den von den spanischen Konquistadoren eingeschleppten Pocken, Masern und der Grippe – für den Anfang vom Ende des Aztekenreichs. Ein großes Standbild auf der Plaza Hernán Cortés erinnert mit Stolz an den Eroberer von Mexiko, dahinter thront die strategisch günstig gelegene Burg. Wir verlassen die Stadt nach einem traditionell im Glas serviertencafé solo über die Puente de los Austrias. Die Brücke ruht zum Teil auf römischen Fundamenten, der heutige Bau stammt von 1630.

Die Westflanke der Sierra de Guadalupe ist für uns ein kleiner Umweg, aber ein großer Gewinn an Fahrspaß – dank des tollen Grips, der wechselnden Radien sowie der leichten Steigungs- und Gefällepassagen. Die fantastische Straße konkurriert mit der wunderschönen Naturkulisse. Schroffe, mit Flechten bewachsene Felsen wechseln sich mit den für die Extremadura so typischenDehesas ab: saftig grüne Wiesen, auf denen tiefschwarze Kampfstiere oder dunkelgrau-braune Iberische Schweine zwischen Stein- und Korkeichen weiden. Eine Idylle wie aus einem Tourismusprospekt.

Das nächste Highlight erwartet uns am Ende der Tagesetappe. Trujillo ist ein bestens erhaltenes Musterbeispiel für die Notwendigkeiten, die beim Siedlungsbau in einer über Jahrhunderte umkämpften Region zu beachten sind: Die Araber befestigten den Hügel der römischen Siedlung mit einer mächtigen Wehranlage. Sie wurde sogar filmreich, denn in der siebten Staffel der hocherfolgreichen Kult-Fantasyserie »Game of Thrones« hat sie einen Auftritt als Stadtmauer von Casterlystein. Der Ausblick reicht weit ins Land und wird erst von der Sierra de Montánchez im Süden und der Sierra de Guadelupe im Osten begrenzt.

Typisch Extremadura: Wir haben den Platz für uns, Touristenhorden mit bedrohlich geschwungenen Selfie-Sticks sucht man vergeblich. Im Zuge derReconquista, der Rückeroberung der unter maurischer Herrschaft stehenden Gebiete auf der Iberischen Halbinsel durch die Christen, wurde die mittelalterliche Stadt mit der bis heute weitgehend erhaltenen Stadtmauer um die Festung herum errichtet. Aus der frühen Neuzeit stammen die Paläste um die Plaza Mayor, einem der schönsten Hauptplätze der Extremadura, der bei unserem Besuch jedoch leider mit großen Festzelten für die nationale Käsemesse vorbereitet wird. Unvorstellbare 200.000 Gäste strömen während der fünf Messetage in der Stadt – gut, dass wir diesen Ansturm nicht mitbekommen werden.

Im modernen Anbau an den historischen Palacio de las Casas Bejarano beziehen wir unser Quartier und tauschen die Motorradkleidung gegen »zivile« Gewänder für den obligaten Stadtbummel. Ein großes Reiterstandbild ehrt den größten Sohn der Stadt: Francisco Pizarro (ca. 1471–1541). Mit lediglich 200 Mann unter seinem Kommando und der Hilfe von Verbündeten unterwarf der uneheliche Sohn eines Militäroffiziers das riesige Inkareich, das sich von Ecuador bis in den chilenischen und argentinischen Norden erstreckte, und herrschte damit als Analphabet über eine Hochkultur mit sechs Millionen indigenen Ureinwohnern.

Leckeres für zwischendurch: Verkaufsstand auf der Passhöhe des Puerto de Tornavacas.


Spezialitäten in der »Casa Paticuelo«: Krakenarme, Oliven, Schweinebauch, Fisch, mit Paprikapulver gefärbtes Kartoffelpüree.


Wer hier aufwuchs, hatte nichts zu verlieren. Aus zähen Abenteurern wurden reiche Männer mit Titeln


Auf jedem Turm Trujillos thront mindestens ein Storchennest. Die Eltern fliegen mit frischer Nahrung herbei, landen majestätisch am Nestrand und füttern ihre Jungen. Verkehrslärm? Fehlanzeige. Nur das Gezwitscher der Schwalben und das Klappern der Storchenschnäbel hallen über den steinernen Platz und auch die Handwerker der Zeltstadt sitzen mittlerweile in den Tapas-Bars rund um die Plaza Mayor.

Cortés und Pizarro sind nur die zwei bekanntesten Namen aus der Heimat der Konquistadoren. Ebenfalls aus Trujillo stammt Francisco de Orellana (ca. 1511– 1546). Er gilt in europäischer Denke als Entdecker des Amazonas. Aus Cortés’ Nachbarort stammt Pedro de Valdivia (1497–1553), der Chile besetzte und Santiago de Chile gründete. Dass die bedeutendsten Eroberer der Neuen Welt von hier ins Ungewisse aufbrachen, um das mythische Eldorado zu entdecken, ist kein Wunder: Wer einst hier aufwuchs, hatte viel zu erdulden und nichts zu verlieren. Aus zähen, teils am Hungertuch nagenden Abenteurern wurden jenseits des großen Meeres reiche Männer mit Titeln und prächtigen Latifundien – so sie die einträglichen Raubzüge unter dem Deckmantel der Verbreitung des christlichen Glaubens überlebt hatten. Selbst heute noch ist die Extremadura das Armenhaus Spaniens, was man angesichts der prachtvollen Hotels, in denen wir Abend für Abend einkehren, leicht vergisst. Uns Motorradfahrer lockt aber nicht nur der geschichtliche Hintergrund, sondern auch die schräglagenfreundliche Verbindung der historischen Stätten. Und davon gibt es jeden Tag reichlich.

Etwas touristischer geht es im Nationalpark Monfragüe zu. Aber nicht nur Urlauber sind hier unterwegs: Achtung, Wildwechsel! Mit den typischen Haarbüscheln an den Ohren wird auf entsprechenden Schildern vor Luchsen gewarnt – es ist freilich zu befürchten, dass es mittlerweile mehr Hinweise als Luchse gibt. Allerorts herrscht ein betörender Geruch, denn der Ginster blüht mit wildem Lavendel, Butterblumen und Zistrosen um die Wette, während sich am blitzblauen Himmel eine nicht enden wollende Flugshow bietet. In der steilen Felswand des Salto Del Gitano (wörtlich: »Sprung des Zigeuners«) haben sich Gänsegeier angesiedelt, die Vogelkundler aus aller Herren Länder in ihren Bann ziehen. Furchterregende zweieinhalb Meter Flügelspannweite weisen die Vögel auf, wovon sich die Ornithologen mit ihren langen Teleskopen und mächtigen Objektiven aber nicht abschrecken lassen.

Quer durch den Park schlängelt sich der Río Tajo, der hier nicht im Entferntesten an den breiten Strom erinnert, als der er 300 Kilometer weiter westlich in Lissabon den Atlantik erreicht. Und es gibt wieder jede Menge Kurven, die uns nur selten ein Gegenverkehr streitig macht.

Plasencia besticht durch seinen wunderschönen mittelalterlichen Stadtkern, die Alte und die Neuen Kathedrale, die nebeneinander stehen, und den quirligen Hauptplatz mit Bars und Restaurants in den Arkaden der historischen Gebäude. Auch unser Hotel ist absolut sehenswert: Das Klosterareal aus dem 15. Jahrhundert ist mit 64 Gästezimmern ausgestattet, die über einen museumsgleich eingerichteten Kreuzgang erreicht werden.

Gebaut für die Ewigkeit: Steinbogenbrücke aus der Römerzeit in der Sierra de Gredos.


Nördlich der Stadt befindet sich das Valle de Jerte, in dessen steilen Hängen Terrassen für die zahllosen Kirschbäume angelegt wurden. Im Nachbartal La Vera liegt hingegen der Duft von geräucherter Paprika in der Luft. Christoph Kolumbus brachte von seinen Reisen Chili- und Paprika-Samen nach Europa. Kultiviert wurden sie vorerst hinter den Mauern des Monasterio de Yuste und mittlerweile im ganzen Tal. Die Ursprungsbezeichnung ist streng geschützt: Nur die lokale Ernte darf, über Feuer getrocknet und anschließend fein gemahlen, alsPimentón de la Vera vermarktet werden.

Das Kloster San Jerónimo de Yuste ist jedoch nicht nur für Nachtschattengewächse berühmt: Kaiser Karl V. verbrachte hier seinen Lebensabend, nachdem er sein Reich, von dem es aufgrund seines immensen Umfanges hieß, dass die Sonne dort niemals untergehen würde, auf seinen jüngeren Bruder Ferdinand I. und ältesten Sohn Philipp II. aufgeteilt hatte. Das Schlafzimmer des Habsburgers hatte eine Verbindung zum Altarraum der Kirche, sodass er, von der Gicht ans Bett gefesselt, dennoch am Gottesdienst teilhaben konnte.

Die fruchtbaren Täler werden im Norden von der Sierra de Gredos überragt. Am Pass Puerto de Tornavacas verläuft die natürliche Grenze zur Nachbarregion Kastilien und León. Als wir auf der Passhöhe ein paar Leckereien für ein Picknick einkaufen, treffen weitere Motorradfahrer ein – die ersten, die wir seit unserem Aufbruch im fernen Andalusien zu Gesicht bekommen. Mit ihren Sportmaschinen sind sie auf der breiten Nationalstraße 110 gut aufgehoben. Wir erkunden mit unseren Reise-Enduros lieber die kleinen, mitunter holprigen Nebenstraßen entlang des Bergrückens und treffen dabei auf eine römische Brücke, die scheinbar für die Ewigkeit gebaut wurde.

In Bohoyo lockt die »Casa Paticuelo«. Angel und Pedro, die Betreiber der sympathischen Tapas-Bar, zaubern jede Menge Köstlichkeiten in kleinen Portionen auf den Tisch. Wir genießen die Pause, bis uns freundliche Einheimische raten, doch einmal hinter die von der Sonne verwöhnte Seite des Hauses zu schauen – wo sich der Himmel bedrohlich verdunkelt. Mit dem verschneiten Gipfel des 2592 Meter hohen Pico Almanzor und den von Salamanca aufziehenden Gewittertürmen im Rückspiegel nehmen wir Kurs auf den Puerto del Pico. Von dieser Passhöhe schlängeln sich zwei Straßen ins Tal: die Nationalstraße 502 und ihr Vorgänger, eine fantastisch erhaltene Römerstraße aus dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert. Kurzer Blickkontakt mit Günther: Obwohl kein Hinweis auf ein Verbot zu sehen ist, verzichten wir lieber auf die alte Straße und nehmen die moderne Nachfolgerin unter die Räder.

Unser Ziel heißt Guadalupe. Klingt nach Karibik, und das kommt nicht von ungefähr. Im 13. Jahrhundert hatte ein Schäfer eine Marienerscheinung, anschließend fand man an der von ihm bezeichneten Stelle eine Statue aus Zedernholz, die vergraben worden war, um nicht den im Jahr 711 anrückenden maurischen Eroberern der Iberischen Halbinsel in die Hände zu fallen. So lautet jedenfalls die Legende, wenngleich die Figur später auf das 12. Jahrhundert datiert wurde.

Käseköstlichkeit aus Schafsmilch: Torta del Casar, benannt nach dem Herkunftsort Casar de Cáceres.


Freundliche Begrüßung: farbenfrohes Willkommensschild in La Estrella.


Unterhalb des Burghügels breitet sich eine sanft gewellte Hügellandschaft vor uns aus


Der Schwarzen Madonna wurde am Fundort eine kleine Kapelle gewidmet, aus der im Lauf der Zeit ein prächtiges Kloster entstand. Auch ein berühmter Seefahrer war dort und soll um Beistand gebetet haben: Christoph Kolumbus, der am 12. Oktober die Neue Welt entdeckte. Und so soll auch die Tradition entstanden sein, dass sich später die Konquistadoren von der Jungfrau von Guadalupe Gottes Segen für ihre Eroberungen erbaten. Kolumbus gab zudem auf seiner zweiten Reise einer der von ihm entdeckten »Westindischen Inseln « den Namen Guadalupe – heute das französische Guadeloupe. Die Schwarze Madonna jedenfalls wurde zur Schutzpatronin derHispanidad, zur Gnadenmutter aller spanischsprachigen Länder der Welt.

Die mit fünf Euro sehr preisgünstige Führung durch das »Real Monasterio de Santa María de Guadalupe« sollte man sich jedenfalls auch dann nicht entgehen lassen, wenn man den spanischen Erläuterungen des Führers nicht folgen kann – nur das strikte Fotografierverbot ist auch auf Englisch angeschrieben. Die prachtvoll bestickten und bis ins kleinste Detail kunstfertig verzierten Messgewänder suchen ihresgleichen. Auch die riesigen Bücher für den Chorgesang machen mächtig Eindruck. In der Kunstsammlung finden sich Bilder der Maler El Greco (1541–1614) und Francisco de Goya (1746–1828), ein gekreuzigter Christus mit unglaublich detailliert herausgearbeiteten Adern und Sehnen wird Michelangelo (1475–1564) zugeschrieben. Die reich verzierte Sakristei ist ein barockes Kunstwerk; vor dem Altar hängt eine Laterne mit Einschusslöchern – sie gehörte einem osmanischen Kriegsschiff, das bei einer Seeschlacht in der Ägäis aufgebracht wurde. Den krönenden Abschluss des rund einstündigen Rundgangs bildet der Besuch eines Kuppelsaals, den vor uns auch so ziemlich jeder Papst, der länger als nur ein paar Tage im Amt war, aufsuchte. Dort wird uns die 59 Zentimeter hohe, in kostbare Gewänder gehüllte Madonna von Angesicht zu Angesicht präsentiert.

Der Blick auf Puebla de Alcocer vom gleichnamigen Castillo aus ist hingegen der letzte landschaftliche Höhepunkt unserer Extremadura-Tour: Unterhalb des Burghügels breitet sich eine sanft gewellte Hügellandschaft aus, die von einem der größten Stauseen Spaniens geflutet wurde. Die Festungsanlage ist wegen Bau- und Renovierungsarbeiten leider gesperrt und so hat auch das benachbarte Café geschlossen. Schade, aber mehr als verschmerzbar. Solcherlei zählt nämlich zu den einzigen Nachteilen, wenn man ein Spanien ohne Massentourismus, ohne Bettenbunker, ohne 24/7-Partymeile sucht. So bleibt uns nur, mit einem Schluck Mineralwasser aus dem Seitenkoffer auf einen Motorradurlaub anzustoßen, der kaum schöner hätte sein können – und gewiss nicht überraschender.

Berg, Land, Fluss: Am Río Barbellido in der Sierra de Gredos.


Allgemeines

Die Extremadura, eine der 17 auto nomen Gemeinschaften Spaniens mit der Hauptstadt Mérida, liegt im Südwesten des Landes. Mit einer Fläche von knapp 42.000 km2 ist sie etwa so groß wie die Schweiz, beherbergt aber nur rund eine Million Einwohner. Entsprechend viel Natur und wenig Verkehr ergeben bei kluger Routenwahl – die grünen Begleitlinien der Michelin-Karte sind sehr hilfreich – ein fantastisches Motorraderlebnis.

Der Name der Region bezeichnet ihre Lage: Sie liegtextremos del Duero, also aus der Sicht der Christen jenseits des Flusses Duero. Dieser war quasi Grenzfluss während derReconquista, der schrittweisen Rückeroberung der arabisch-maurisch beherrschten Gebiete auf der Iberischen Halbinsel (endete 1492 mit der Eroberung Granadas durch die Katholischen Könige). Die Extremadura wird auchTierra de Conquistadores (Land der Eroberer) genannt, da viele Konquistadoren – wie Hernán Cortés und Francisco Pizarro – hier geboren wurden.

Die Extremadura ist (noch) vom Massentourismus verschont geblieben, was im Gegenzug bedeutet, dass Englisch außer in den großen Hotels nur wenig gesprochen wird – und Deutsch eine kommunikative Sackgasse ist.

Anreise / Tour

Etwa 2000 km Luftlinie machte die Anreise auf eigener Achse für uns unattraktiv. Selbst die Fahrt mit Transporter oder Anhänger ist langwierig, beschwerlich und mit der Autobahn-Maut auch teuer. Wir haben uns daher für eine stressfreie Anreise per Flugzeug und ein Mietmotorrad entschieden. Unter bit.ly/org_reisen finden sich Anbieter sowohl für Motorradtransporte als auch für Motorradvermietungen oder auch für vergleichbare Touren mit und ohne Guide und vorgebuchte Hotels bis hin zu Gesamtpaketen, wie sie z. B. »Hispania Tours« für die bereiste Region offeriert.

Reisezeit

Der Frühling taucht die Extremadura in ein buntes Blütenkleid, von März bis Mitte Mai sind die Temperaturen in Motorrad-Schutzkleidung erträglich. Ab Mitte September und im Oktober ist es auch auszuhalten – den glühend heißen Hochsommer und den nassen, kalten Winter lässt man besser aus.

Unterkünfte

Die staatlichen (und stattlichen) Paläste der Paradores-Hotels sind gewiss die beste Möglichkeit, in Spanien zu übernachten. Paradores sind nicht ganz billig, aber angesichts des einzigartigen Ambientes absolut preiswert: Der Parador in Plasencia gleicht einem Museum, durch das man stundenlang wandeln könnte, der Parador in Guadalupe besticht durch einen traumhaften Innenhof mit duftenden Orangenbäumen. Wunderschön ist der Frühstücksraum des Paradors von Zafra oder der des Hotels »Eurostars Palacio Santa Maria« in Trujillo.

Essen & Trinken

Aus der Region stammen Kirschen, Paprika, Oliven und der Schinken(Jamón Ibérico oderJamón de Pata Negra) vom Iberischen Schwein. Nennenswert sind auch Käsespezialitäten wie dieTorta del Casar, ein im Inneren extrem weicher Schafkäse mit intensivem Geschmack, der wie ein kaltes Fondue mit Brot gegessen oder einfach gelöffelt wird. Obwohl die Extremadura keinen Meerzugang hat, ist eine Tischgesellschaft ohne Fisch und Meeresfrüchte undenkbar. Lamm und Rind sind ebenfalls auf den Speisekarten zu finden.

Übrigens: In Spanien wird zu späterer Stunde zu Abend gegessen als hierzulande. Vor 21 Uhr gibt es nur selten die Möglichkeit, ein Abendessen zu bekommen.

Literatur / Karte

Jürgen Strohmaier: Extrema dura (Reiseführer), mit separater Reisekarte (M.: 1:525.000), DuMont Reiseverlag, 3. Auflage (2017), ISBN: 978-3-7701-7451-5, 17,99 Euro.
Michelin Regional España, Blatt 576: España Centro – Extremadura, Castilla-La Mancha, Madrid, M.: 1:400.000, 16. Auflage (2013), ISBN: 978-2-06-718435-0, 7,50 Euro.

Sonstige Infos

Die Website der Tourismuszentrale »Extremadura Turismo« enthält Informationen auf Spanisch und Englisch. Zwei Websites in deutscher Sprache bietet das offizielle spanische Tourismusportal »Turespaña«. Informationen speziell über die Extremadura in deutscher Sprache finden sich auf der offiziellen Website der Region Extremadura, für die sich »Tur-Extremadura« verantwortlich zeichnet.