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Die Schreckensdiagnose


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St.GEORG - epaper ⋅ Ausgabe 120/2022 vom 18.11.2022

SEHNE

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Sehnenschäden sind schwer zu therapieren. Ein neues Präparat soll die Heilung verbessern.

Wer in einem Pensionsstall mal so richtig in Mitleid baden möchte, der muss nach dem Besuch des Tierarztes nur mit gesenktem Kopf vor der Box seines Pferdes stehen und auf die fragenden Blicke der anderen Einsteller „Sehnenschaden“ hauchen. Entsetzen und aufmunterndes Schulterklopfen sind garantiert. Denn diese Diagnose ist eines der Schreckgespenster für Pferdebesitzer und Reiter, bedeutet sie doch in sehr vielen Fällen eine sehr langwierige Therapie mit noch dazu oft fragwürdigem Erfolg. Wie groß Schaden und Behandlungsmöglichkeiten tatsächlich sind, hängt von vielen individuellen Faktoren ab. Doch die Chance auf Heilung gibt es. Dank eines erst kürzlich zugelassenen Präparates ist sie größer denn je.

Gefürchtete Narben

Vereinfacht ausgedrückt sorgt das fein aufeinander abgestimmte Zusammenspiel von Knochen, Muskeln und Gelenken für Stabilität und Beweglichkeit des Körpers, wobei Sehnen ...

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... Knochen und Muskeln verbinden und so Bewegung möglich machen, während Bänder das Ganze zusammenhalten. Eine Art Wunderwerk von schier unfassbarer Präzision. Funktioniert eine Struktur nicht, so hat das je nach Lokalisation Auswirkungen aufs gesamte System. Im Falle unserer Pferde kann eine gravierende Sehnenverletzung bis hin zur Unbrauchbarkeit führen.

Dass Sehnen, salopp formuliert, so schwer zu reparieren sind, liegt an ihrem Aufbau. Ihre Versorgung mit Blutgefäßen und Nerven ist vergleichsweise schlecht, aber genau die ist wichtig für eine schnelle Regeneration. Deshalb dauert der Heilungsprozess lange. Dazu kommt, dass die parallel in Längsrichtung angeordneten Kollagenfasern einer Sehne in entspanntem Zustand leicht gewellt und somit bis zu einem gewissen Grad dehnbar sind. Wohlgemerkt, nur bis zu einem gewissen Grad, was sie grundsätzlich anfällig für Überlastung macht. Damit die Sehnen belastbar bleiben bzw. wieder werden, sollten ihre Eigenschaften auch nach einer Verletzung wieder vorhanden sein. Aber genau das sind sie oft nicht. Die neu gebildeten Fasern sind hinsichtlich ihrer Ausrichtung und Qualität deutlich schlechter, was ihre Funktion beeinträchtigt und die Rückfallquote erhöht. Denn bei der Heilung von Sehnen wird Narbengewebe gebildet. Und dieses Narbengewebe ist weniger elastisch als das gesunde.

Alles Gewebe, aber was?

MUSKEL: besteht aus charakteristischen Muskelzellen. Muskeln sind kontraktil, können sich also zusammenziehen und sind durch die Abfolge von Kontraktion und Relaxation (Entspannung) in der Lage, Bewegung möglich zu machen. Bei Skelettmuskeln, die wie der Herzmuskel zur quergestreiften Muskulatur gehören, sind die Myofibrillen genannten Strukturen regelmäßig angeordnet. Im Gegensatz zur quergestreiften Muskulatur ist die glatte Muskulatur wie beispielsweise die Darmmuskulatur nicht bewusst kontrollierbar.

SEHNE: besteht aus außerordentlich zugfesten, parallel angeordneten kollagenen Bindegewebsfasern. Sehnen übertragen die Zugwirkung des Muskels auf die Knochen, wobei die Sehnenfasern wesentlich dünner als die Fasern des dazugehörigen Muskels und arm an Blutgefäßen sind. In der Regel setzen Sehnen am Periost des Knochens (sogenannte Knochenhaut; äußere, den Knochen umgebenden Membran) an.

BAND: besteht aus kollagenem, seltener auch aus elastischem Binde-- gewebe. Bänder befestigen bewegliche Teile des Skeletts gegeneinander und geben so beispielsweise einem Gelenk Halt. Aber auch Teile des Bauchfells, die Organe befestigen, werden als Bänder bezeichnet.

FASZIE: besteht aus weichem, kollagenhaltigem, lockerem und dichtem faserigem Bindegewebe. Faszien umhüllen unter anderem Muskelfasern und ganze Muskeln und betten Organe ein. Sie bilden ein Netzwerk, das den kompletten Körper durchzieht. Je nach Definition werden auch Sehnenplatten, Sehnen, Gelenkkapseln und Bänder zu den Faszien gezählt, sodass „Faszie“ in diesem Fall ein Oberbegriff ist.

Stammzellen und die Frage der Potenz

DIE NEUE THERAPIEOPTION – die Injektionssuspension „RenuTend“ von Boehringer Ingelheim – beruht auf Stammzellen. Doch was ist das eigentlich? Gehört haben wir den Begriff alle schon mal, wobei Stammzelle nicht gleich Stammzelle ist. Sie unterscheiden sich in ihrem Potenzial, verschiedene Zelltypen zu bilden. Grundsätzlich kann man zwischen „Embryonalen Stammzellen“ (ES) und „Postembryonalen Stammzellen“ unterscheiden. Vereinfacht ausgedrückt kann aus den Embryonalen Stammzellen noch alles werden, sie werden deshalb „pluripotent“ genannt, aus den anderen nicht.

ES können nach Befruchtung einer Eizelle im Embryo-Entwicklungsstadium aus den sogenannten Blastozysten gewonnen werden, aber auch beispielsweise durch Klonen von Embryonen. Der eine oder andere mag sich erinnern: Das Schaf „Dolly“ sorgte 1996 für eine Sensation – es war das erste erfolgreich geklonte Säugetier. Die 2003 in Cremona geborene Haflingerstute Prometea gilt als das erste geklonte Pferd der Welt. Gekörte Hengste wie das Distanzpferd „Pieraz Klon“ oder der Klon-Hengst von Hugo Simons Welt-Springpferd E.T. folgten. Mit ihrer „Erschaffung“ sollte wertvolles Erbgut der Zucht erhalten bleiben, gehört hat man allerdings nicht viel von ihnen.

Wie gesagt, da reden wir von den „pluripotenten“ Stammzellen, aus denen noch alles werden kann. Anders liegt der Fall bei den mesenchymalen Stammzellen. Aus dem Mesenchym entwickelt sich unter anderem Bindegewebe, Knochen und Knorpel. Und mit solchen mesenchymalen Stammzellen arbeitet Boehringer Ingelheim.

Das erste Stammzellenprodukt, mit dem die Firma für Aufsehen sorgte, war „Arti-Cell Forte“, das zur Behandlung degenerativer, nicht septischer Gelenkerkrankungen eingesetzt wird. Dessen Siegeszug begann 2020, als das Unternehmen mit Stammsitz in Rheinland-Pfalz die in Belgien ansässige Firma „Global Stem Cell Technology“ des Tierarztes und Springreiters Dr. Jan Spaas übernahm. Spaas war es schon im Rahmen seiner Doktorarbeit gelungen, gesundes Knorpelgewebe im Reagenzglas heranzuzüchten. Im Falle von „Arti-Cell Forte“ werden die Stammzellen im Labor so „programmiert“, dass sie Signale aussenden, die den Gelenkknorpel dazu anregen, mehr Proteine zu erzeugen, die ihn bei seiner Erneuerung unterstützen und ihn widerstandsfähiger machen. Diese Programmierung ist nun auch auf Sehnengewebe möglich, das Stichwort ist „tendogenes Priming“ und das Resultat „RenuTend“.

Gewonnen werden die Stammzellen aus Blut von Spenderpferden. Anschließend werden sie in einer Zellkultur vermehrt und speziell auf ihre Funktion im geschädigten Sehnengewebe vorbereitet. Als Spenderpferde übrigens, so die Zusicherung des Herstellers, „werden gesunde, erwachsene Pferde ausgewählt, deren Stammzellen höchsten Qualitätsansprüchen entsprechen. Sie leben artgerecht unter besten Gesundheits- und Tierschutzstandards“.

Erste Studien liegen vor

An dieser Stelle setzt das neue, aus Stammzellen (siehe links) gewonnene Präparat „RenuTend“ von Boehringer Ingelheim an, das nur einmal ins betroffene Gewebe injiziert werden muss. Erste Studien sprechen für sich: So liegen beispielsweise die Ergebnisse einer Klinischen Feldstudie vor, in deren Rahmen 100 Sportpferde behandelt wurden, 57 Prozent waren Springpferde, 35 Prozent gingen Dressur. Ihr durchschnittliches Alter betrug zwölf Jahre. Als Verletzungen wurden bei 44 Prozent der Pferde Läsionen der Oberflächlichen Beugesehnen diagnostiziert, 56 Prozent litten an Verletzungen des Fesselträgers – wobei dieser zwar im Medizinerlatein ein Muskel ist, der musculus interosseus medius, aber vor allem aus Sehnengewebe besteht – 78 Prozent der Sehnenläsionen betrafen die Vorhand, 22 die Hinterhand. Die eine Gruppe der Pferde wurde mit RenuTend, die andere mit einem Placebo behandelt. Untersucht wurden acht beziehungsweise 16 Wochen nach der Verabreichung vor allem drei Parameter: die Echogenität – eine Methode, mit der mit Hilfe von Ultraschall bestimmte Eigenschaften von Strukturen dargestellt werden können – die Anordnung der Fasern und die Größe der Läsionen. Das Resultat: Die mit dem neuen Präparat behandelten Pferde wiesen eine signifikant – Statistiker lieben dieses Wort, es bedeutet in etwa „zu deutlich, um noch als zufällig gelten zu können“ – bessere Echogenität, eine ebenso bessere Faseranordnung und nicht zuletzt eine signifikant geringere Läsionsgröße auf. Zusammengefasst: Die Heilung verlief deutlich besser. Mit Hilfe einer weiteren Studie wurde nachgewiesen, dass beim Einsatz von Renu-Tend der Anteil an intakten, parallelen Fasern im Gewebe, die für Elastizität sorgen, höher und der an unerwünschten Fasertypen entsprechend niedriger war. Signifikant, versteht sich.

UNSERE EXPERTEN

Dr. Matthias Baumann Fachtierarzt, ehemals Leiter des Rehazentrums für Sportpferde in Reichertsheim, Olympiasieger, vereidigter Gutachter für Pferdesportwesen, FEI-Tierarzt und Team-Veterinär der österreichischen Vielseitigkeitsreiter.

Dr. Annette Wyrwoll Fachtierärztin mit eigener Praxis in Neuhof, ebenfalls Olympiareiterin, international als FEI-Tierärztin im Einsatz und Sprecherin der deutschen Vielseitigkeitsreiter.

Die Sache mit dem Boden

Vielversprechend in der Tat. Doch kein Allheilmittel und – auch wenn die „Rückfallquote“ dank dieser Behandlung deutlich geringer ausfällt – keine Garantie für die Rückkehr in den Sport. Denn Sportpferde sind in erster Linie von Sehnenerkrankungen betroffen.

In manchen Fällen lässt sich auch eine Operation nicht verhindern. Schäden am Fesselträgerursprung des Hinterbeins beispielsweise verheilen oft schlecht, weil dieser durch eine darüberliegende Faszie eingeengt wird. Dann kann es sinnvoll sein, eine sogenannte Fasziotomie vorzunehmen, also die Faszie zu durchtrennen. Vor allem bei langanhaltenden Sehnenentzündungen kann auch das sogenannte Sehnensplitting angezeigt sein. Zur Verbesserung der Durchblutung wird dabei die entsprechende Sehne partiell in Längsrichtung durchtrennt. Und nicht zuletzt hat jeder Reiter schon vom „Ner- venschnitt“ gehört, der dem Pferd die Schmerzen nimmt, aber seine Rückkehr in den Turniersport unmöglich macht.

Doch beileibe nicht jeder Sehnen-Patient landet „auf dem Tisch“, die meisten Tendopathien – so nennen Mediziner primär nicht-entzündliche Sehnenerkrankungen – können konservativ behandelt werden. Zu diesen Tendopathien gehören Schäden an den Oberflächlichen oder Tiefen Beugesehnen, an den Fesselträgern und den Unterstützungsbändern. Fachtierarzt Dr. Matthias Baumann, Gründer und bis zu dessen Schließung Leiter des Rehazentrums für Sportpferde in Reichertsheim, erinnert sich: „Schon während meiner Zeit als Assistenztierarzt machten Verletzungen der Oberflächlichen Beugesehnen das Gros der Sehnenschäden aus, damals lag ihr Anteil wohl bei rund 80 bis 90 Prozent.“ Später, so der Experte, habe sich die Gewichtung verändert. „Von 2010 bis 2012 waren 33,5 Prozent unserer Reha-Patienten im Aquatrainer solche mit Sehnenschäden, wobei die Diagnose ‚Oberflächliche Beugesehne‘ zwar mit insgesamt 17 Prozent noch immer am häufigsten gestellt wurde, dicht gefolgt allerdings von Fesselträger-Schäden, an denen 13,3 Prozent der Patienten litten, 1,6 Prozent Pferde mit Schadens-Lokalisation Unterstützungsband und 1,6 Prozent Patienten mit Schäden an einer Tiefen Beugesehne.“

Dr. Annette Wyrwoll macht die Art der Verletzung vor allem am „Job“ des Pferdes fest: „Bei Renn- und Vielseitigkeitspferden ist meist die oberflächliche Beugesehne betroffen, bei Dressurpferden dagegen häufig der Fesselträger“, erklärt sie und macht dafür unter anderem die Zucht verantwortlich (siehe Interview auf Seite 92).

Aber auch die modernen Reitböden seien nicht eben sehnenschonend, erklären beide Experten übereinstimmend. Sie erlauben kein Wegrutschen, was beispielsweise im Parcours gewünscht ist, Springreiter sprechen in diesem Zusammenhang gerne vom optimalen „Abdruck“. Aber, gibt Annette Wyrwoll zu bedenken, „diese Kraft wirkt auch bei der Landung ein“. Natürlich berge unkontrolliertes Rutschen eine Verletzungsgefahr, „aber ein gewisses Maß Gleiten fängt Wucht ab“. Aus medizinischer Sicht ein durchaus gewünschter Effekt. Das heißt aber nicht, dass Springpferde eher Gefahr laufen, einen Sehnenschaden zu erleiden als beispielsweise Dressurpferde. Auch zu viele Trabverstärkungen und Seitengänge, bei denen das Pferd nicht plan auffußt, sondern die Hufsohle seitlich abrollt, sind Höchstleistungen für den Sehnenapparat, insbesondere den Fesselträger.

Prophylaxe? Abwechslung!

Dass die Bodenbeschaffenheit in Sachen Sehnengesundheit ohnehin eine große Rolle spielt, darin sind sich Tierärzte einig. Um das Risiko von Verletzungen zu minimieren, werden Pferde vielerorts auf vermeintlich optimalen, bestens präparierten Hallen- und Außenplatzböden geritten. Auch und gerade, um Sehnenschäden zu vermeiden. Gut gemeint, aber falsch. Denn, so Baumann, „viele Pferde werden in Zuckerwatte gepackt. Man erreicht damit genau das Gegenteil von dem, was man eigentlich möchte.“ Schon junge Pferde sollten „Fußungsintelligenz“ entwickeln, erklärt Annette Wyrwoll. Auf Böden von wechselnder Beschaffenheit zu reiten, sei deshalb in Sachen Prophylaxe das Mittel der Wahl, sind sich die Experten einig. Also auch bergauf und bergab, auf Waldboden im Gelände oder auch mal auf einem geschotterten Weg. Geschicklichkeit, Beweglichkeit und Koordinationsfähigkeit werden so trainiert – sekundäre motorische Grundfähigkeiten, die das Pferd braucht. „Ansonsten“, so Wyrwoll, „müssen die Pferde jede Anforderung über Muskelkraft meistern. Und Muskeln ermüden nun mal.“ Sehnenschäden können die Folge sein. Die Tierärztin empfiehlt, Pferde während ihrer Ausbildung nicht nur auf verschiedenen Böden zu reiten, sondern auch mal im leichten Sitz oder über ein kleines Hindernis – und zwar unabhängig davon, ob es sich um Dressur- oder Springpferde handelt. „Es gilt, in vernünftigem Maß Reize zu setzen“, erläutert sie. „Denn ein Organismus reagiert nur, wenn ein Reiz gesetzt wird.“

Unter anderem mehr Trittsicherheit verspricht auch das Training mit den landläufig „Wackel-Pads“ genannten Balance-Pads. Auch wenn Annette Wyrwoll lachend abwinkt – „bei mir ist das Wackel-Pad matschiger Boden bergab im Gelände“ – so mancher Reiter schwört darauf. Zumal, wenn passendes Gelände nur schwer zu erreichen ist oder beispielsweise Berufstätigen die dunkle Jahreszeit, vielleicht auch mal das Wetter einen Strich durch den geplanten Ausritt machen. Tiefensensibiliät, Körpergefühl und, wie der Name schon sagt, Balance sollen durch das Stehen auf den instabilen, meist aus Schaumstoff gefertigten Kissen geschult werden.

Unterschiedliche Symptome

Man kann das Risiko für Sehnenschäden also minimieren, gänzlich ausschließen kann man es nicht. Die Ursachen sind ebenso unterschiedlich wie die Ausprägung. Zur Verletzung kann ein starkes Trauma, das sich durch plötzliche Lahmheit äußert, ebenso führen wie Mikroläsionen etwa durch Überbelastung. „Ein Klassiker ist das Pferd, das rund zwei Wochen nach einer Prüfung lahmt und von dem es heißt, es habe sich auf der Koppel einen Sehnenschaden zugezogen“, so Dr. Wyr- woll. „Tatsächlich wurde in solchen Fällen die Sehne oft in der Prüfung verletzt, eventuell lagen auch zuvor bereits Mikroschäden vor, und die Belastung tat ein Übriges. Wenn Fasern reißen, dauert es einige Zeit, bis sich das umliegende Gewebe mit Flüssigkeit füllt. Einen ‚Bogen‘, also eine Schwellung im Bereich der Sehne, sieht man deshalb oft erst nach zehn bis 14 Tagen.“

Aber nicht immer kommt es dazu. Manche Pferde mit geschädigter Sehne haben glasklare Beine, gehen lahm und laufen sich ein. Bei anderen tritt die Lahmheit erst auf, wenn sie schon einige Zeit geritten oder longiert wurden. Und nicht immer liegen mittels Ultraschall deutlich erkennbare Sehnenfaserrisse vor, die randständig, diffus verteilt oder als Loch im Zentrum der Sehne, sogenannte „Core lesion“, auftreten können.

„ Selektion auf WOW-Effekte“

Dr. Annette Wyrwoll ist nicht nur Fachtierärztin, sie ist auch eine renommierte Züchterin und Chefin des Trakehnergestüts Neuhof. Und eine Frau klarer Worte.

ST.GEORG: Man hat den Eindruck, Sehnenschäden nehmen zu. Sind die diagnostischen Möglichkeiten besser geworden oder spielen auch züchterische Effekte eine Rolle?

DR. ANNETTE WYRWOLL: Die diagnostischen Möglichkeiten mögen eine Rolle spielen, aber v. a. hat sich die Zucht in den vergangenen Jahrzehnten massiv verändert. Früher spielte ein Kriterium eine große Rolle: die Langlebigkeit. Pferde waren zumindest auf dem Land auch Lebensgrundlage – man brauchte sie fürs Feld ebenso wie für Fahrten. Die Züchter wussten, wie ein Pferd aussehen muss, das lange hält. Als ich mein erstes Reitabzeichen abgelegt habe, das war Anfang der 1970er, wurde uns noch eingetrichtert, im oberen Bereich des Pferdes, also Schulterbereich und Oberarm, sollen die Partien eher lang sein, die unteren Gliedmaßenbereiche dagegen wegen der Stabilität eher kurz.

Und das ist heute anders?

Ja, heute wird von den wenigsten auf Haltbarkeit geachtet. Möglichst spektakuläre, exaltierte Bewegungen sind das Ziel, schon sehr junge Pferde werden mit passageähnlichen Tritten vorgestellt. Das ist eine Selektion auf WOW-Effekte anstatt auf Haltbarkeit.

Wie macht sich das im Körperbau bemerkbar?

Man spricht jetzt gerne von Langbeinigkeit und meint damit in erster Linie längere Röhren. Natürlich sind dann auch die in diesen Bereichen verlaufenden Sehnen entsprechend länger. Der Schwerpunkt der Pferde hat sich verlagert, er liegt jetzt höher. Manche Pferde sind auch sehr stark ‚bergauf‘ konstruiert, was gewollt zu sein scheint. Früher waren die Pferde fester, der Muskeltonus war höher, sie mussten im Training zunächst ‚weich‘ geritten werden, um Losgelassenheit zu erreichen. Und das bedeutet letztendlich eine rhythmische An- und Entspannung der Muskulatur. Heute sind die Pferde von Hause aus ‚lockerer‘, was nicht mit Losgelassenheit verwechselt werden darf. Sie sind eher überbeweglich. Das geht auf Kosten der Stabilität.

Wie könnten Verantwortliche, also auch Zuchtverbände, Ihrer Meinung nach gegensteuern? Man könnte doch die Weichen schon früh, etwa bei den Körungen, stellen?

Ich bin der Meinung, dass Zuchtverbände in dieser Hinsicht wenig gegensteuern können. Möglicherweise haben Zuchtleiter andere Visionen als Geschäftsführer, wobei das bei manchen Verbänden ja eine Person in Personalunion ist. Und wie heißt es so schön bei Goethe? ‚Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust.‘ Die Verbände wollen schließlich verständlicherweise überleben. Das gelingt nur, wenn sie am Markt konkurrenzfähige, entsprechend begehrte und zu den gewünschten Preisen verkäufliche Pferde anbieten. Aktuell sind Pferde, die sich wenig spektakulär bewegen, auch wenn sie Haltbarkeit versprechen, Ladenhüter. Eine Änderung zugunsten Langlebigkeit und somit Pferdegesundheit wird es nur geben, wenn sich das Verbraucherverhalten ändert. Das heißt, die Verbraucher, also die Pferdekäufer und Reiter, müssen entsprechend aufgeklärt und sensibilisiert werden. Das gilt im Übrigen auch für die Richter. So lange eine superkorrekte, fehlerfreie Vorstellung im Viereck mit einem wenig modern konstruierten und sich ‚normal‘ bewegenden Pferd im besten Fall mit einer grünen Schleife belohnt wird, gibt es auch in dieser Hinsicht Aufklärungs- beziehungsweise Schulungsbedarf.

Der Faktor Zeit

Ist die Diagnose aber erst einmal gestellt, so ist eines klar: „Wir können durch entsprechende Therapiemaßnahmen die Qualität des Reparaturgewebes verbessern. Aber der Faktor Zeit ist durch nichts zu ersetzen“, erklärt Annette Wyrwoll. In der akuten Phase der Erkrankung, die immer mit einer Entzündung einhergeht, wird diese behandelt – durch Kühlen und die Gabe von lokalen und systemischen Entzündungshemmern, so die erfahrene Tierärztin. In dieser Phase ist Boxenruhe angesagt.

Erst in der zweiten Phase, der subakuten Regenerationsphase, in der neue Fasern gebildet werden, kommen andere Therapiemöglichkeiten in Frage. Auch RenuTend beispielsweise wird idealerweise zwar frühzeitig, aber erst nach der ersten akuten Entzündungsphase verabreicht. Nun heißt es zunächst führen, führen, führen – Schrittgehen auf hartem Boden und das zunächst in der Regel zweimal täglich nur rund fünf Minuten. Das strapaziert Pferd und Mensch gleichermaßen, ist aber unerlässlich. „Kontrollierte Bewegung“ sind die Zauberworte während einiger Wochen, wobei die Dauer des Schrittgehens ganz allmählich gesteigert werden kann. Mit einer Zeitspanne von insgesamt drei Monaten allerdings sollte man rechnen. Diese „kontrollierte Bewegung“ ist wichtig, damit die neugebildeten Fasern sich in Zugrichtung anordnen und dauerhafte Verklebungen verhindert werden. Schon in einer 1997 veröffentlichten Studie wiesen Forscher der University of California nach, dass Pferde, die nach einer Sehnenverletzung kontrolliert bewegt wurden, deutlich häufiger (71 Prozent) in den Sport zurückkehrten, als Pferde, die nur auf der Weide waren (25 Prozent).

In dieser zweiten Phase ist ein Rehabilitationsplan entscheidend, der individuell auf den jeweiligen Patienten abgestimmt ist. Je nach Heilungsverlauf, den der Tierarzt überwachen sollte, muss dieser allerdings möglicherweise immer mal wieder angepasst werden. So individuell wie das Pferd kann dieser ausfallen, begleitende Therapiemöglichkeiten gibt es einige. Je nach Diagnose können Foto: Lafrentz verschiedene Medikamente zum Einsatz kommen, „auch physikalische Therapien können unterstützen“, berichtet Annette Wyrwoll. Die Anwendung von Kälte und Wärme beispielsweise, aber auch Behandlungen mit Laser oder pulsierendem Magnetfeld. Auch eine Stoßwellentherapie kann sinnvoll sein, vor allem dann, wenn die Lokalisation des Schadens an der Insertionsstelle ist, also am Übergang zum Knochen. Stoßwellen setzen Gewebshormone frei, die den Knochenstoffwechsel positiv beeinflussen können.

Auch der Einsatz von biotechnologischen Therapien ist möglich. Der von ACP beispielsweise. ACP steht für „autologes conditioniertes Plasma“, das aus dem Blut des Patienten gewonnen wird und am Applikationsort Heilungs- und Regenerationsprozesse unterstützen soll. Sehnenschäden sind eine der Indikationen. Bei diffusen Veränderungen an der Sehne setzen viele Tierärzte auch auf die PRP-Methode, eine weitere Eigenblut-Therapie. PRP bedeutet „Plättchenreiches Plasma“, das Wachstumsfaktoren enthält, die ebenfalls Regenerationsprozesse unterstützen.

Wasser & Co.

Apropos Unterstützung. Zu den unterstützenden Maßnahmen kann auch die kontrollierte Bewegung im Aquatrainer gehören, ebenso wie ein orthopädischer Beschlag, den der Tierarzt idealerweise mit dem Hufschmied abspricht.

Am Ende des Genesungsprozesses steht die chronische Remodellierungsphase, in der übrigens auch der Einsatz von RenuTend keinen Sinn mehr macht, denn die Bildung der Fasern ist nun so weit fortgeschritten, dass die Stammzellen keinen Einfluss mehr nehmen können. Während dieser Phase kann das Training des Pferdes nach und nach intensiviert werden. Aber auch das mit Plan! Und auch, wenn Pferdebesitzer und Reiter es nicht gerne hören: Das Ausheilen von Sehnenverletzungen dauert seine Zeit. Von der Verletzung bis zur vollständigen Wiederbelastbarkeit des Pferdes kann gut und gerne auch mal ein Jahr ins Land ziehen. Aber es gibt Hoffnung.

Dr. Michaela Weber- Herrmann

Studierte Tierärztin, Fachjournalistin und erfolgreiche Züchterin von internationalen Vielseitigkeitspferden.