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Die Schuhe meiner Großmutter


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Psychologie Heute - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 08.12.2021

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Bildquelle: Psychologie Heute, Ausgabe 1/2022

Dies gleich vorweg: Ich komme aus einer Familie von Vielrednern, von Tag- und Nachtschwärmern, die auch ihre Träume einander nicht vorenthielten; lauter Träume, von denen ich bis heute nicht weiß, ob sie tatsächlich wahr oder nicht doch bloß erfunden waren; sofern man überhaupt von erfundenen Träumen sprechen kann – denn wo wenn nicht im Traum sind wir der Wahrheit am nächsten?

Wir träumten rund um die Uhr, zu siebt um die Wette, um uns schon morgens am Frühstückstisch gegenseitig mit unseren nächtlichen Erlebnissen zu übertrumpfen; denn wir waren nicht nur sportliche Träumer, sondern auch gute Erzähler. Jeder wollte der Erste sein, wenn es um den traumhaften Fischzug der vergangenen Nacht ging; wohl wissend, dass Träume, sofern man sie nicht durch sofortiges Erzählen befestigt, sich bekanntlich in Sekundenschnelle in nichts auf lösen.

Doch kein Traum kommt mit seiner Erzählung zur Deckung. Er wehrt ...

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... sich, er spricht seine eigene Sprache. Man sieht ihn, man fühlt ihn, man glaubt ihn zu hören, nur abschreiben und lesen kann man ihn nicht. Der Wunsch, ihn trotzdem nachzuerzählen, ist so natürlich wie zweischneidig: Hin- und hergerissen zwischen seiner Preisgabe, von der man sich nicht nur Erleichterung, sondern allem voran Aufmerksamkeit erhofft, und der Wahrung eines Geheimnisses, das man vielleicht besser für sich behielte, schwankten wir andauernd zwischen Verrat und Vertrauen.

Das allerdings begriff ich erst später, denn bei uns zu Hause galten Träume nicht als bekenntnishafte Offenbarungen, sondern schlicht als Geschichten, mit denen man einander immer wieder von vorn zu überraschen versuchte. Träume süß von sauren Gurken!, hieß es beim letzten Kuss am Abend. Und: Was hast du geträumt?, war die erste Frage am Morgen.

Erzähl ihn nicht!

Aber es gab auch Momente der Gegenbewegung, der Selbstverteidigung und des Selbstschutzes, in denen das Zuhören kurzfristig verweigert wurde; vor allem an Sonntagen, wenn mein Vater mit am Frühstückstisch saß, der seine Träume nur selten und mit zurückhaltender Vorsicht in die Waagschale warf und sich im Gegensatz zu meiner Mutter beim Erzählen in der Regel gern bitten ließ: „Nicht beim Frühstück!“, hieß es dann, oder: „Nicht jetzt, lieber später.“ Wohl wissend, dass es beim Erzählen von Träumen kein Später gibt.

Becketts legendäre Landstreicher, die sich beim Warten auf Godot bekanntlich zu Tode langweilen und sich ihre halbtote Zeit mit Geschichten vertreiben, können ein Lied davon singen, wie überdrüssig uns der Zwang zum ständigen Zuhören macht und dass es gelegentlich eines Schonraums bedarf: „Estragon: ‚Ich hatte einen Traum.‘ Wladimir: ‚Erzähl ihn nicht.‘ Estragon: ‚Wem soll ich denn meine privaten Albträume erzählen, wenn nicht dir?‘ Wladimir: ‚Sie sollen privat bleiben. Du weißt gut, dass ich das nicht vertrage.‘“

Nachts flog meine Mutter durch geschlossen Räume auf der Suche nach verlorenen Ausweispapieren

Es ist allerdings eher unwahrscheinlich, dass mein Vater damals schon Beckett las, um, womöglich autorisiert durch eine fremde Lektüre, seine eigene Not auf den Punkt zu bringen. Um Geschichten ansonsten niemals verlegen, spürte er intuitiv genau, dass jede Traumerzählung ein Übergriff ist, eine nicht unheikle Reise in den Kosmos des eigenen oder fremden Unterbewusstseins.

Vermutlich hatte er also gute Gründe, wenn er auf Sonntagsschonung plädierte und sich damit unseren Traumwettbewerben entschieden entzog; was ihm allerdings nur in Teilen gelang, denn gerade an seinem hartnäckigen Schweigen schulten wir unsere Neugier und unser Bedürfnis, ein Geheimnis zu lüften, das es womöglich gar nicht gab.

Vorfreude

Doch sobald man sich einmal aufs Träumen verlegt hat, wird jener drängende Ehrgeiz wach, der uns versucht glauben zu machen, wir hätten eine Hintertür zum wirklichen Leben gefunden, die sich tatsächlich aufschließen ließe und unser Dasein in einem anderen, neuen Licht zeigt; ist es doch mehr als erstaunlich, was sich nachts in unseren Betten und in unserem nur scheinbar schlafenden Bewusstsein abspielt, wenn aus unseren Tagträumen plötzlich Nachtträume werden und wir jene so unheimlichen wie fantastischen Räume betreten, die sich bis zum Morgen unserer Kontrolle entziehen.

Das kann gelegentlich ziemlich bedrohlich sein. In meiner Erinnerung, sofern sie mich nicht täuscht (und sie täuscht mich natürlich andauernd!), war die Vorfreude auf meine Träume niemals allein, sondern grundsätzlich in Begleitung meiner Angst unterwegs, weil meine kindliche Traumwelt zwischen Überraschung, Abenteuer und Alb permanent ins Schwanken geriet. Jede Nacht eine neue Herausforderung. Aber der Reiz überwog, und für den Fall, ich war morgens leer ausgegangen, fühlte ich mich nicht nur enttäuscht, sondern regelrecht betrogen.

Jenen traumlosen Frieden, von dem mein Vater bloß träumte, wusste ich jedenfalls wenig zu schätzen, fast hielt ich mein Träumen für eine persönliche Pf licht; als gälte es, den Beweis zu erbringen, dass ich auch nachts noch lebendig war, wenn ich kostenlos auf jene Reisen ging, die sich im Alltag nicht unternehmen ließen. Nicht der erlebte Tag, sondern die durchträumte Nacht war der so schöne wie schreckliche Trumpf, mit dem ich am nächsten Morgen im Ärmel erwachte, um ihn beim Frühstück ins Spiel zu bringen.

Thema mit Variationen

In dringenden Fällen allerdings auch schon etwas früher. Noch heute staune ich über den Gleichmut, mit dem die Eltern unsere frühen Nächte bewachten. Ruhe kehrte in ihrem Schlaf nicht ein, weil sie fünf dauerhaft schwer träumende Kinder hatten. Immer war etwas los, immer etwas im Gang, immer eins davon auf der Matte; ein ständig dringender traumhafter Vorgang, der im albträumenden Halbschlaf plötzlich nach Beistand verlangte oder kurz vor dem Frühstück, noch vor dem Schulweg nach einer halbwegs tröstlichen Deutung.

Meine Mutter war eine Großmeisterin taktischer Bannung und Deutung und erkannte natürlich sofort, wie ähnlich sich unsere Träume waren. Die Grundmotive waren immer dieselben, lauter Variationen zu einem Thema zwischen Aufbruch und Angst, das ihr selbst vermutlich verdächtig bekannt vorkam. Eine Art familiärer Basso continuo, den sie uns so unbeschwert wie unbedarft in einen Geburtstraum zu übersetzen versuchte, mit dem so schlichten wie deutlichen Kommentar versehen: „Es ist nicht leicht, auf die Welt zu kommen.“

Ob mich das nachts damals trösten konnte, weiß ich nicht mehr. Während ich in unzuverlässigen Kleinwagen auf so langen wie breiten Straßen fuhr, die sich auf bedrohliche Weise ins Nichts hin ausdehnten, um immer wieder vor einer Mauer zu enden, vor der ich nie rechtzeitig zum Halten kam, liefen meine Schwestern über endlose Wiesen, um wenig später in hohen Zäunen hängenzubleiben. Meine Brüder dagegen schwammen im offenen Meer, bis ihnen, in ständiger Angst vor entgegenkommenden Schiffen, erst die Kraft und danach die Luft ausging, denn in unserer Familie neigt man zu Asthma.

Kein Wunder, dass unsere Mutter in ihren eigenen Träumen gleichfalls niemals an Frischluft kam. Nachts, das enthielt sie uns keineswegs vor, f log sie ausschließlich in geschlossenen Räumen auf der Suche nach verlorenen Ausweispapieren, nach einem Pass, der nie jenes Bild enthielt, das sie an der Grenze vorweisen sollte. Während mein Vater durch sibirische Landschaften lief und dabei grundsätzlich die Orientierung verlor.

Die Schuhe unserer Großmutter

So gehen sie bis heute durch meine Träume: er als Soldat, der sich in einen wandernden Schneemann verwandelt, und sie als verzweifelte Fledermaus mit weit ausgespannten Flügeln und immer offenen Ohren, auf der Suche nach dem Ausgang aus einem Bunker, in dem sie nicht an traumhafte, sondern sehr reale Türbalken stieß. Die Träume meiner Eltern sind bis heute von Flucht und Vertreibung grundiert, von ihrem verzweifelten Wunsch, zu entkommen und in neuen Landschaften unterwegs zu sein.

Doch in ihren Deutungen blieb unsere Mutter konkret und geerdet, auch wenn sie weit über jenes alte Volksbuch hinausgingen, das ihre Mutter ihr mit auf den Weg gegeben hatte und dem sie schon damals keinen Glauben mehr schenkte. Schuhe auf der Schwelle zum Beispiel: Ein Liebhaber meldet sich an. Seine Schuhe nicht finden: Unordnung und Unzuverlässigkeit. Zu große Schuhe tragen: Überheblichkeit. Zu kleine Schuhe: Eitelkeit. Zu hohe Schuhe: Vermessenheit.

Zu simpel, zu einfach, sagte sie dann. Abgesehen davon, dass keiner von uns jemals von Schuhen träumte und genauso wenig davon, eines Tages endlich wieder barfuß zu gehen; auch dann nicht, als wir begannen, Doktor Freud zu lesen, den meine Mutter nie ernsthaft zur Kenntnis nahm. Denn sie war eine emanzipierte Träumerin und ließ sich, sofern mich die Erinnerung nicht täuscht (und sie täuscht mich andauernd!), bei ihrer Traumexegese nur ungern ins Handwerk pfuschen. Sicher ist nur: Die Schuhe meiner Großmutter waren ihr längst zu klein geworden und taugten kaum dazu, ihr das Blaubartzimmer ihrer eigenen Träume aufzuschließen.

Josef und seine Brüder

Nur an Sonntagen schwiegen die Träume, dann hatten Wladimir und Estragon frei. Denn an Sonntagen waren unsere Träume weder privat noch originell, sondern einzig an der Bibel geschult. Vor allem an Josef, dem Lieblingssohn Jakobs: mein Favorit aus dem Alten Testament, der bevorzugt von Allmacht und Unterwerfung träumt, weshalb seine eifersüchtigen Brüder ihn auf dem Grund einer Zisterne entsorgen wollen; stattdessen wird er an eine Karawane nach Ägypten verkauft, wo er am Hof des Pharaos als professioneller Traumdeuter steile Karriere macht.

Insgesamt ein traumhaftes Rolemodel. Kein Wunder also, dass meine Eltern nach dem verlorenen Krieg nicht nur träumend, sondern tatsächlich nach oben wollten und unsere Familienträume zu einem harmlosen Gesellschaftsspiel erklärten. Wer sich allzu sehr auf ihre Deutung verlegte, entfernte sich gefährlich vom wirklichen Leben.

Doch Josefs Träume begleiten mich bis heute. Nicht nur weil Eifersucht in jeder Familie ein Thema ist, sondern allem voran weil er nicht nur uns, sondern auch den Pharao die Kunst der einfachen Auslegung lehrt: dass jene sieben abwechselnd fetten und mageren Kühe und jene mal aufrechten, dann wieder geknickten Ähren für nichts als die ewigen Schwankungen zwischen Mangel und Überf luss stehen.

Denn bei Licht besehen sind Josefs Träume natürlich gar keine Träume, sondern die Bebilderung eines Programms. Die Bibel erzählt sie von ihrer Deutbarkeit her; man erkennt die Absicht eines Erzählers, der eine sehr klare Botschaft hat. Übrigens gilt das für lauter klassische Schriftstellerträume, in denen grundsätzlich das Schlimmste geträumt werden muss, noch bevor es tatsächlich (oder womöglich auch gar nicht) geschieht.

Der Traum nimmt unsere Ängste vorweg, ohne sie uns zu ersparen. Stattdessen vervielfacht er sie durch seine ständige Wiederkehr: Immer dieselbe Angst vor dem Brunnen, aus dem man nie wieder auftauchen wird; und immer f lankiert von der eigenen Hybris, von der Hoffnung auf Rettung durch Lob und Applaus und von der Furcht vor dem Untergang durch Verdammung.

Traumprotokolle Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Doch in der naiven Hoffnung, sie besser bannen zu können, habe ich vor ein paar Jahren damit begonnen, meine Träume aus der Mündlichkeit zu befreien und sie, mit allen Risiken und Nebenwirkungen, in eine scheinbar verlässliche schriftliche Form zu bringen: Noch im Bett, also fast noch im Halbschlaf werden sie jeden Morgen notiert.

Übrigens nicht ganz ohne Erfolg und Erkenntnis – denn seit ich erwachsen geworden bin und meine Familie verlassen habe, träume ich nachweislich anders, mit einem eigenen

Wir wollen uns glauben machen, wir hätten im Traum eine Hintertür zum wirklichen Leben gefunden

Der Traum nimmt unsere Ängste vorweg, ohne sie uns zu ersparen

Basso continuo: ohne Wettbewerb, ohne Netz und doppelten Boden. Ich habe meinen Kleinwagen gegen ein größeres Auto getauscht und fahre damit seltener gegen die Wand. Ich bin zur Dirigentin meiner eigenen Träume geworden und ertappe mich sogar manchmal dabei, dass ich versuche, sie choreografisch zu zähmen und nach meinen eigenen Wünschen auf Linie zu bringen, was mir gelegentlich – allerdings nur in Maßen – gelingt.

Schöner klingen sie deshalb allerdings nicht. Denn meistens wollen sie nicht, wie ich gern will, brechen noch vor dem Schlussakkord ab und aus und lassen mich mit leeren Händen zurück. Was ich eben noch glaubte, nicht nur fassen, sondern tatsächlich berühren zu können, löst sich so leicht wie höhnisch in Luft auf.

Mythenbastler mögen das von Schriftstellern fixierte Traumgeschehen für bereichernd oder womöglich sogar für stilbildend halten; trotzdem werde ich die leise Ahnung nicht los, dass meine Träume mich nach wie vor foppen. Abgesehen davon, dass sie mir peinlich sind. Weniger was ihren Inhalt betrifft als meine Unfähigkeit, sie festzuhalten, während ich damit beschäftigt bin, sie in ein Format zu zwingen, aus dem sich erzählerisch Gold schlagen ließe.

Ehrlich geträumt

Guter Wille und der Wunsch nach Verwertbarkeit bringen beim Schreiben bekanntlich nur selten Wahrheit hervor; schon gar nicht, was unsere Träume betrifft, die sich nicht nur meiner Erinnerung (denn sie täuscht mich natürlich andauernd!), sondern vor allem meiner Sprache entziehen und mich dann zu einer ziemlich schlechten Schriftstellerin machen: immer dieselben Ausweichmanöver, immer dasselbe lästige Irgendwie, dieses andauernde Eigentlich und Als ob; nichts als lauter Beweise dafür, dass unsere Träume zwar mit der Welt, aber nicht mit ihrer Deutung zur Deckung kommen.

Kein Wunder, dass mich die Traumerzählungen großer Kolleginnen und Kollegen bis heute nicht so recht überzeugen. Immer wirken sie irgendwie ausgedacht, immer so ehrlich wie schlecht erfunden, immer auf einen Effekt angelegt, immer auf eine Deutung aus, auf einen Verweis, ein Symbol, das mit dem Traum in keiner Verbindung mehr steht, weil der Traum so herrlich wie ehrlich verblasst, bevor er überhaupt erzählt worden ist.

Denn er entzieht sich seiner Verwertung und damit allem voran der Literatur. Er ist im Wortsinn verrückt. Er gehört uns nicht, er strebt von uns los, in eine andere Richtung; er widersteht der Architektur jeder Erzählung. Etwas konkreter: Ein Traum ist kein literarischer Einbauschrank, mit dem sich die Erzählung nach Wunsch möblieren ließe. Träume sind weder bewohnbar noch deutbar.

Ehrlich geträumt, aber nicht zu gebrauchen, hätte meine Mutter gesagt, die bereits beim Broteschmieren am Morgen ahnte, dass jede Traumdeuterei schlechte Früchte trägt. Dass ich trotzdem Schriftstellerin werden wollte, wusste sie damals natürlich noch nicht. Doch auch das nahm sie Jahre später lässig in Kauf; genau wie die ersten Kommentare von Leserinnen und Lesern, nachdem ich meinen ersten Bericht aus dem Blaubartzimmer ziemlich naiv zu Papier gebracht hatte und an die Frischluft der vergleichenden Wirklichkeit hielt.

Traumlogische Therapie

Mein Erstlingswerk Picknick der Friseure (durch und durch ehrlich erfunden), in dem es von lauter trüben Figuren wimmelt, die allesamt ziemlich erfolglos versuchen, über die Schwelle des Albtraums ins wirkliche Leben zu kommen, hat mir bis heute den Ruf eingebracht, aus einer beschädigten Familie zu kommen. Und obenauf den freundlichen Rat, mich gelegentlich in Therapie zu begeben.

In meinem kleinen Archiv der Leserbriefe befinden sich jede Menge Beweise dafür, dass man nicht nur träumt, sondern vor allem liest, was man selber ist. Lauter Depeschen, in denen meine Leserinnen und Leser meine Texte mit ihren eigenen Träumen verwechseln. Daran ändert auch das entlastende Zauberwort – Traumlogik – nichts, das sich auf dem Rücken des Buches befindet und die Leser darauf hinweisen will, die Autorin habe es womöglich nicht so gemeint, sondern bloß literarisch mit ihren Träumen gespielt.

Dass man die Literatur gern mit dem sogenannten wirklichen Leben verwechselt, habe ich nicht erst nach dem Erscheinen von Picknick begriffen. Das allerdings ist nicht die Schuld ihrer Leserinnen und Leser, die sich nach wie vor Trost und Erbauung erhoffen, weil sie die Unordnung des wirklichen Lebens fürchten, seine Schattenhaftigkeit und seine Formlosigkeit, die jeden bedroht, der an Ordnungen glaubt.

Nicht anders als meine Großmutter, deren Schuhträume man inzwischen längst im Volksbuch des Web deuterisch googeln kann. Doch vermutlich war nie jemand klüger als sie; nicht einmal der ägyptische Pharao, der bei Klarlicht besehen auch von ganz allein darauf hätte kommen können, dass sieben dünne, die sieben fette Kühe fressen, das untrügliche Zeichen für eine schlechte Versorgungslage sind.

Fakt ist: Wir sind von der Macht der Symbole umzingelt. Alle zwinkern therapeutisch einander zu. Jeder kennt den Traum seines Nächsten und deutet ihn auf seine eigene Weise. Doch haben Symbole die Erzählung vom wirklichen Leben jemals befördert? Neigen sie nicht eher dazu, unsere Lust am Lesen deutlich zu mindern und unsere eigene Wahrnehmung herabzustufen? Nichts darf sein, wie es ist, alles soll und muss etwas bezeichnen, ein Verweis auf das Höhere, Größere sein.

Liebe Leserinnen und Leser: Schlagt ein beliebiges Buch auf und vergesst eure Träume. Überprüft das Buch an der Wirklichkeit! Und lasst euch nicht von den Träumen eurer Schriftstellerinnen foppen!

Träume sind Schäume

Allerdings ist auch der Rest meines Werkes von Träumen bevölkert, denn wie die meisten Schriftsteller halte auch ich mich nicht an meine eigenen Regeln. Auch ich nehme mir, was ich brauchen kann. Ich treibe Schindluder mit meiner Erinnerung. Ich wildere nicht nur in meinen eigenen Träumen, sondern beute auch die der anderen aus.

Weshalb das letzte und schönste Wort meinem jüngsten und zugleich ältesten Helden gebührt, Hagen von Tronje: „Wer sich an Träume kehrt, hat keine Ehre. Träume sind Schäume, von denen sich nur Kinder und Frauen ernähren. Lasst uns f liegen und ziehen, verehrte Königin, um eure Träume mit Freuden Lügen zu strafen.“

So spricht der grausame Hagen in Hoppes Nacherzählung der Nibelungen, als die Rede auf jenen Falken kommt, der Kriemhild im Halbschlaf um ihren Geliebten bringt. Doch um die Geschichte fortzusetzen: „Das sagte er nur, weil er selber nicht wusste, wie man mit seinen Träumen verkehrt.“

Unsere Unfähigkeit im Verkehr mit den eigenen Träumen liegt offen zutage. Ich könnte ihr ganze Seiten widmen, die ich mit meinen unzuverlässigen Träumen fülle: Lauter eng beschriftete Seiten, in denen nicht nur Fledermäuse und Soldaten vorkommen, sondern in denen ich auch von jener Leere berichte, die sich hinter der verschriftlichten Wand befindet, an die mein unzuverlässiger Kleinwagen stößt.

Ganz zu schweigen von jenen Überseeschiffen, vor denen sich meine Brüder bis heute fürchten; Schiffe, die wir niemals bestiegen haben, um gemeinsam ans Ende der Welt zu kommen, wo sich unsere Nachtträume in unseren letzten Tagtraum verwandeln: in sieben Vielredner, die nach wie vor davon träumen, ihre Träume einander verständlich zu machen.

Doch unsere Traumgemeinschaft hat sich längst aufgelöst. Wir sind, jeder für sich, auf eigene Faust unterwegs, sieben eigene Leben und sieben eigene Fäuste, von denen sich jede auf ihre eigene Art zu schlagen versucht. Nur wenn ich manchmal des Nachts, ohne Befragung des Traumbuchs, in die Erinnerung an die Erinnerung zurückkehren will (und sie täuscht mich natürlich andauernd!), sitzen wir nach wie vor alle im selben Boot, in dem wir bis heute um Frischluft ringen und gemeinsam von sauren Gurken träumen.

Wer den süßen Traum ins saure Leben zurückübersetzt, kommt plötzlich auf eine ganz andere Strecke, auf der er sich schreibend einem Weg anvertraut, den manche für einen traumhaften Irrweg halten, der mit dem wirklichen Leben nur wenig zu tun hat.

Aber wo wenn nicht im Traum sind wir der Wahrheit am nächsten? ■

In unserer Serie Der Essay schrieben bisher:

Clemens J. Setz über seinen Versuch, eine private Geheimspra- che zu entschlüsseln: Mit einem echten Boden, Heft 10/2021

Asal Dardan über das Gefühl des Verlassenseins und wie es die Augen öffnen kann: Vom Festhalten an der Normalität, Heft 7/2021

Terézia Mora über die Kunst der Bewältigung und die Bewältigung mithilfe der Kunst: Von etwas der Staub, Heft 4/2021

Andreas Maier über zweierlei Umgang mit menschengemachten Geräuschen: Vom Schließen und Öffnen der Ohren, Heft 2/2021

Sie können diese Hefte über unsere Website nachbestellen: psychologie-heute.de/einzelhefte

5 Bücher von Felicitas Hoppe

Die Nibelungen Ein deutscher Stummfilm

Eine Wiederkehr der Saga als dieterwedeleskes Freilufttheater, inklusive Darstellern aus dem Publikum. Der Tod ist hier kein Meister aus Deutschland, sondern ein Laie aus Worms im Trainingsanzug. Sehr komisch. Eine Farce? Drama bleibt Drama, und bei Hoppe wird es eh zu Poesie. S. Fischer

Fieber 17

Die Erzählerin ist an Fieber 17 erkrankt, einem hochpersönlichen Leiden, das nicht Körper oder Geist, sondern die Seele befällt. Da hilft nur eine hausärztlich begleitete Fantasiereise in die frühen Lebensjahre. Der Erzählung folgt ein Essay über Kindheit als „Generalschlüssel zum Leben“. Dörlemann

Fährmann, hol über!

Hoppe „pfeift das Johannesevangelium“, aber sie pfeift nicht drauf. In neun Essays über Religion und Literatur umkreist sie Figuren und Requisiten der biblischen Geschichten und schildert, wie sie ihrem ersten Publikum, dem Beichtvater, selbstausgedachte Sünden anvertraute. Herder

Hoppe

Felicitas Hoppe erfindet ihre Lebensgeschichte, die sie von Kanada und Australien und über die Meere in die deutsche Provinz führt. Womöglich, so schrieb sie einmal, sagt dieses „Märchen meines Lebens“ mehr über sie „als das, was daraus geworden ist“. Fischer Tb

Picknick der Friseure

Das ist das erwähnte „ehrlich erfundene“ Erstlingswerk, das Hoppe den Ruf eintrug, „aus einer beschädigten Familie zu kommen“. Bloß weil in einer der grotesken Erzählungen eine Familie ihren Balkon an Leute vermietet, die sich dann von diesem herabstürzen, derweilen man unten Schnäpse an die Schaulustigen verkauft. Fischer Tb