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Die Schule von Chartres


Abenteuer Philosophie - epaper ⋅ Ausgabe 2/2018 vom 29.03.2018

Wie antikes Wissen ein Kathedrale baut


Am Anfang war – Fulbert. Und das Wort und die Zahl. Logos, im antiken wie im christlichen Sinne. Fulbert war um das Jahr 1000 Erzbischof von Chartres. Er war einer der gebildetsten Männer seiner Zeit und der Begründer der „Schule von Chartres“. Schule nicht im Sinne eines Gebäudes aus Stein, sondern eines Ideengebäudes, und das Fundament dieses Gebäudes waren Pythagoras und Platon.

Also müssten wir eigentlich bei ihnen beginnen, aber wie schon Horaz sagte, man solle mit einer Geschichte nicht „ab ovo“ (vom Ei) anfangen. Also doch Fulbert, den ein Schüler in einem ...

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Bildquelle: Abenteuer Philosophie, Ausgabe 2/2018

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... Brief an einen Mitschüler „unseren verehrten Sokrates“ nannte. Die Großen der Welt suchten bei ihm Rat, aber woher hatte er selbst sein Wissen? Wer war er überhaupt? Man vermutet sein Geburtsdatum um 960 herum, aber ob das in der Picardie (Nordfrankreich) oder Italien war, ist unklar. Er könnte in Reims studiert haben.

li: Pythagoras und die Allegorie der Musik; re: Donatus und die Grammatik


In einer Zeit, wo sich das Wissen in den Klöstern und dann in den Kathedralschulen konzentrierte, gab es nicht viele Möglichkeiten. In Reims lehrte – bevor er Erzieher des Kaisers Otto III. und dann als Silvester II. Papst wurde – Gerbert von Aurillac. Er hatte in Spanien studiert, war dort mit dem arabischen Wissen und vor allem mit den arabischen Zahlen in Berührung gekommen. (Die arabischen Zahlen heißen so, weil wir sie von den Arabern übernommen haben; ursprünglich stammen sie aus Indien.)

Die Musik spielt in Chartres eine wichtige Rolle


Die Darstellung der Sieben Freien Künste in der Bogenwölbung oberhalb des rechten Seitenportals


Dieses Wissen hob ihn weit über seine Zeitgenossen hinaus, war aber auch der Grund dafür, dass er als Magier verunglimpft wurde.


Dieser Mann könnte also sein Wissen an Fulbert weitergegeben haben. Vielleicht war Fulbert als Lehrer daher eher ein Traditionalist, obwohl er den Grundstein dafür legte, dass in Chartres auch Medizin gelehrt wurde. Medizin galt noch lange nicht als Wissenschaft und war den Geistlichen auch ein Jahrhundert später eigentlich noch verboten. Darüber hinaus verdanken wir Fulbert die romanische Kathedrale, den unmittelbaren Vorgängerbau der jetzigen gotischen Kathedrale, von der uns das grandiose Westportal erhalten geblieben ist.

Die Sieben Freien Künste

An dem vom Betrachter aus gesehenen rechten Seitenportal ist das Unterrichtsprogramm der Schule von Chartres in seinen Grundzügen dargestellt.


Es sind die Sieben Freien Künste, die den Unterrichtsstoff aller mittelalterlichen Lehranstalten bildeten.


Die Darstellung zeigt jeweils eine weibliche Allegorie mit den Attributen ihrer Wissenschaft, während die dazugehörende männliche Gestalt ein herausragender Vertreter dieser Disziplin ist. Rechts unten im inneren Halbkreis sehen wir Pythagoras (ca. 570– 510 v. Chr.) als Vertreter der Musik. Über ihm schlägt „Frau Musica“ ein Glockenspiel an. Daneben vertritt Donatus, ein spätantiker römischer Grammatiker des 4. Jh.s, seine Disziplin, die Grammatik. Über ihm sitzt seine Allegorie, ein züchtigendes Rutenbündel in Händen und zwei Schüler zu ihren Füßen. Darauf folgen Ptolemäus, ein Mathematiker aus Alexandrien (ca. 90–168 n. Chr.), der die Astronomie und Boethius, der die Arithmetik vertritt. Jetzt sind wir im Scheitelpunkt des spitzbogigen Portals angekommen und verharren ein bisschen bei Boethius, auch weil er der einzige Christ unter den Lehrern an diesem Kathedralportal ist. Aus einem alten römischen Adelsgeschlecht stammend (in den 80er-Jahren des 5. Jh.s geboren), war er unter dem Ostgotenkönig Theoderich dem Großen so etwas wie ein Minister, bevor er in Ungnade fiel und zum Tode verurteilt wurde (ca. 525). In der Haft schrieb er den „Trost der Philosophie“, einen Text, der Eingang in die Weltliteratur fand.

Fulbert: Moderne Statue vor der Kathedrale


Neben seinen wissenschaftlichen mathematischen Arbeiten sind für uns seine Übertragungen von Aristoteles und vor allem von Platon ins Lateinische von Bedeutung, denn damit arbeitete die Schule von Chartres.


Fulbert: Mittelalterliche Buchmalerei


Kehren wir zum Kathedralportal zurück. Dort finden wir noch Euklid (Alexandrien, ca. 3 Jh. v. Chr.) als Vertreter der Geometrie. Damit ist das sog. Quadrivium (basierend auf der „Zahl“ = Musik, Astronomie, Arithmetik und Geometrie) vollständig. Es folgen noch die Rhetorik mit Cicero und die Dialektik mit Aristoteles, der in Chartres – sagen wir mal – nicht besonders geliebt wurde. Seine Allegorie trägt in der einen Hand eine Blüte, in der anderen hält sie einen kleinen bissigen Drachen. Damit ist auch das Trivium abgeschlossen (Rhetorik, Dialektik und Grammatik), basierend auf dem „Wort“. In dieser Darstellung am „Portal der strebenden Seele“ ist der Unterrichtsstoff aber noch lange nicht erschöpft. Zu dieser „studia humanitatis“ müssen wir noch die Medizin und die Ethik hinzuzählen und natürlich auch die Theologie, die man damals „studia divinitatis“ nannte. Fast wundert es uns ein wenig, dass wir Platon nirgends abgebildet finden, denn vor allem sein „Timaios“ (in der Übermittlung des Boethius) wurde in Chartres sehr geschätzt. Die dort niedergelegte Schöpfungsgeschichte wurde als mit der Genesis der Bibel übereinstimmend angesehen.

Gehen wir um die Kathedrale herum und begeben wir uns zum Nordportal. Dessen Bildwerke stammen von ca. 1250, als die große Zeit Chartres und seiner Schule bereits vorüber war, aber der Geist von Chartres drückt sich hier in der Darstellung der Schöpfungsgeschichte noch einmal klar aus. Wir wollen uns nur ein „Bild“ herauspicken, das aber voller Poesie und von ungeheurer Tragweite ist. Neben dem Schöpfer, hier als Christus dargestellt, sehen wir auf gleicher Höhe einen Menschenkopf und einen Teil seiner rechten Seite: der Mensch als Schöpfungsgedanke Gottes! Etwas weiter oben legt der Mensch sein Haupt vertrauensvoll in den Schoß des Schöpfers, der ihn liebevoll „modelliert“. Diese Darstellung der zweimaligen Schöpfung – einmal im Geist und einmal im Fleisch – ist zu Recht berühmt und findet seine Entsprechung in einem Text des Bernardus Silvestris, einem Vertreter der Schule von Chartres, wo es heißt: „Die göttliche, die erste Geburt wird gefeiert im Geiste. Es ist die zweite, die dann folgt in der Verwirklichung.“

Der Mensch als Schöpfungsgedanke Gottes


Dieser Übergang führt uns wieder zu den Lehrern zurück, die vor allem das 12. Jh., die Blütezeit von Chartres, geprägt haben.


Wir kennen Namen, wissen aber nur wenig über die Menschen.


Es heißt, sie wären so in ihrer Lehrtätigkeit aufgegangen, dass sie keine Zeit gehabt hätten, sich um ihren eigenen Ruhm zu kümmern. Glücklicherweise finden wir einige Hinweise bei John of Salisbury. Dieser Engländer studierte in Frankreich, wurde dann Sekretär von Thomas Becket, dessen Ermordung er miterlebt hat, und schließlich Bischof von Chartres. Er erzählt uns von Bernard von Chartres, den er den „vollkommensten Platoniker seiner Zeit“ (er ist 1124 gestorben) nennt. Vor Kurzem ist Bernardos Kommentar zum „Timaios“ in Florenz wiedergefunden worden. Bis dahin kannten wir ihn vor allem durch ein sprachliches Bild, das sich wegen seiner Anschaulichkeit schnell verbreitete: nämlich, dass wir, die Modernen (Bernard sprach von seiner Zeit!) wie Zwerge seien, die auf den Schultern von Riesen sitzen. Nur deswegen sehen wir weiter, nicht etwa, weil unsere Augen schärfer oder wir von größerer Statur wären. Unwillkürlich kommt dem Besucher von Chartres die Südrosette der Kathedrale in den Sinn. In den darunterliegenden Fenstern sitzen die vier Evangelisten jeweils auf den Schultern von vier Propheten des Alten Testamentes.

Der Mensch wird Fleisch


Aristoteles und die Dialektik


Die Lehrer

Greifen wir uns als nächsten Lehrer Gilbert de la Porrée heraus, der in der ersten Hälfte des 12. Jh.s wirkte und als Bischof von Poitiers starb. Aus folgendem Grund sollten wir uns an ihn erinnern: In der Bibliothek von Valenciennes befindet sich eine illuminierte Handschrift, die rechts oben Boethius als jugendlichen Ritter zeigt. Er überreicht Gilbert de la Porrée, der ca. sechs Jahrhunderte nach ihm lebte, seinen Traktat über die Trinität. Gilbert empfängt mit der rechten Hand Boethius‘ Werk und reicht mit der Linken seinen eigenen Kommentar dazu einem unbekannten Schreiber weiter. Besser kann man die „translatio sapientiae“, die Weitergabe von Wissen, gar nicht illustrieren.

Gilbert de la Porrée empfängt ein Manuskript von Boethius und gibt es an einen Schreiber weiter


Zu den Wurzeln des weitverzweigten Baums des Wissens, der in Chartres so schöne Blüten getrieben hat, gehörten auch die griechischen Ärzte Hippokrates und Galen, aber auch der arabische Arzt Rhazes, die durch die Übersetzung von Constantinus Africanus für die Medizinschule von Salerno bekannt wurden.


Nicht nur als Kirchenvater, sondern auch als wichtiges Bindeglied zwischen Antike und Mittelalter dürfen wir Augustinus (354–430) nicht vergessen.

Und dann der letzte und vielleicht größte Lehrer: Thierry von Chartres.


Sein Hauptwerk, das Heptateuch über die Sieben Freien Künste, schlägt einen ungeheuren geistigen Bogen: von den Ägyptern über die Griechen zu den Römern, also von Memphis über Athen nach Rom – und weiter nach Chartres.


Von der Bedeutung Thierrys zeugen zwei Zueignungen von Zeitgenossen. Herman von Kärnten, der in der ersten Hälfte des 12. Jh.s als Übersetzer arabischer wissenschaftlicher Texte arbeitete, widmet seine Übersetzung des „Planisphaerium“ des Claudius Ptolemaeus „Thierry, meinem Meister, in dem sich, wie ich nicht zweifle, die Seele Platons verkörpert hat“. Und der schon erwähnte Bernardus Silvestris (der in Tours lebte, aber wohl in Chartres studiert hatte) hat Thierry sein Hauptwerk „De universitate mundi“ (Von der allumfassenden Einheit der Welt) gewidmet. Darin, wie auch in den Werken des letzten großen Lehrers von Chartres, Alanus ab Insulis, erscheint eine der schönsten Schöpfungen Chartres, die „Göttin Natur“, die in strahlendem Glanz Geist und Materie zu einer Einheit verbindet.

Der große Petrus Abelardus (nicht nur groß, weil er viel geliebt hat, siehe seine tragische Liebesgeschichte mit Héloise), war Schüler von Chartres und der Begründer der Scholastik an der Universität von Paris. Dort war, vermittelt von dem arabischen Spanier Ibn Rushd (lat. Averroes) und übersetzt von der „Übersetzerschule von Toledo“, Aristoteles bekannt geworden und hatte wie eine Bombe eingeschlagen. Die Auswirkungen dieser „Explosion“ spüren wir noch heute. Um Chartres und seine philosophische Schule ist es still geworden, so still wie das geheimnisvolle Lächeln auf den Gesichtern der Statuen des Westportals der Kathedrale oder wie die Harmonie der Sphären, die von Pythagoras zuerst gehört wurde und die ihren Ausdruck in der Engelshierarchie des Südportals gefunden hat.

Literaturhinweis:
• Édouard Jeauneau, L’age d’or des écoles de Chartres. Chartres 2000
• Tilman Evers, Logos und Sophia. Das Königsportal und die Schule von Chartres. Kiel 2011

Die Hierarchie der Engel am Südportal


Die „Göttin Natur“ hat überall in der Kathedrale ihre Zeichen gesetzt