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DIE SCHULFARM INSEL SCHARFENBERG


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Pädagogik - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 04.04.2022

M it Blick auf diesen Beitrag bat ich zwei Schülerinnen aus dem Jahrgang 11 der Schulfarm Insel Scharfenberg, die nicht in dem angegliederten Internat wohnen, einmal ihren typischen Schultag zu beschreiben; das tun sie etwa so:

»Wie immer stehe ich um 6 Uhr auf. Ich mache mich für die Schule fertig, schnappe mir meinen Kaffee und begebe mich auf den Weg zur Schule. Zunächst fahre ich mit dem Schulbus, von dort muss ich noch ein paar Hundert Meter bis zur Fähre laufen. Die bringt mich dann bei Wind und Wetter auf die Insel.

Drüben angekommen, gehe ich zum alten Schulhaus, denn mein erster Block ist Deutsch. Vor dem Raum wartet mein Kurs auf unseren Tutor, der uns den Raum aufschließt. Er ist meist gut gelaunt und überhaupt: Im Kurs herrscht allgemein eine gute Stimmung, alle arbeiten motiviert an den Aufgaben. Nach der Stunde frühstücken wir gemeinschaftlich in der Mensa. Diese verfügt über einen ...

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Bildquelle: Pädagogik, Ausgabe 4/2022

? Die Schulfarm Scharfenberg ist nur mit der Fähre zu erreichen. Sie liegt auf der größten Insel im Tegeler See, und alles auf ihr gehört zur Schule.
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... schönen Ausblick auf den See, und im Sommer kann man sogar draußen essen.

Den Mittelpunkt der reformpädagogischen Bemühungen auf Scharfenberg bildete jedoch die gänzlich untypische Unterrichtsorganisation. Generell wurde in Blöcken von 90 Minuten Länge unterrichtet. In der Mittelstufe gab es in den Fächern Deutsch, Geschichte, Erdkunde und Religion den sogenannten »Gesamtunterricht«, der ein Thema (z. B. Afrika) über einen längeren Zeitraum behandelte, manchmal sogar über Monate. In der Oberstufe fand diese Herangehensweise ihre Entsprechung im fächerübergreifenden Kultur-sowie Naturunterricht. Ergänzt wurde dieser Unterricht durch Kurse, die von den Schülern nach Interesse gewählt werden konnten. Somit wurden auf Scharfenberg ein fächerübergreifender projektorientierter Unterricht und ein Kurssystem der gymnasialen Oberstufe entwickelt.

Diese Prinzipien waren selbstverständlich nicht mit den nationalsozialistischen Bildungsvorstellungen in Einklang zu bringen. Aber ab 1946 wurde an Blumes Ideen angeknüpft, die Schülerselbstverwaltung wieder eingeführt, das Kurssystem weiterentwickelt. Zudem konnten nun auch Mädchen die Schule besuchen und im Internat wohnen. Doch das tradierte Konzept vom gemeinsamen Leben und Arbeiten fand nicht mehr die Unterstützung wie zu Blumes Zeiten. Immer weniger Lehrer:innen waren bereit, im Internat Dienst zu tun, immer weniger Schüler:innen hielten die Arbeit in den Innungen für sinnvoll. Die Folge war die Verkürzung der praktischen Arbeit auf den Mittwochnachmittag und die Einstellung von Sozialpädagogen für die Internatsbetreuung. Aber einmal noch wurde die Schulfarm innovativ: Der Schulleiter der 1970er-Jahre – Rudi Müller, ein Spezialist auf dem Gebiet des Schultheaters – hatte einen hervorragenden Anteil an der Entwicklung des Curriculums für das Fach Darstellendes Spiel und dessen Verankerung im Kurssystem der gymnasialen Oberstufe Berlins.

DIE SCHULFARM HEUTE

Heute ist die Schulfarm Insel Scharfenberg ein Ganztagsgymnasium mit angeschlossenem Internat, in dem aktuell etwa 60 der insgesamt etwa 450 Schüler und Schülerinnen wohnen. Wie in Berlin mit der sechsjährigen Grundschule üblich, umfasst es die Mittel-(Jahrgänge 7 bis 10) und die Oberstufe (Jahrgänge 11 und 12). Unterrichtet wird nach den Vorgaben der Kultusministerkonferenz, und die Partizipation der Schüler:innen erfolgt nunmehr in der im Berliner Schulgesetz vorgegebenen Weise der repräsentativ ausgerichteten Gremienarbeit und nicht mehr in der basisdemokratischen Abendaussprache.

Besonderheiten unserer Mittelstufe sind das gebundene Ganztagssystem, also die verlässliche Betreuung auf der Insel von 8:10 bis 15:50 Uhr, Projekte, Profile und Wahlpflichtunterricht. In der 7. und 8. Klasse gibt es die Profilfächer Wassersport, Kunst, Musik und Biologie. Diese werden pro Woche in 120 Minuten unterrichtet. In der 9. und 10. Jahrgangsstufe können die Schüler:innen zwei Wahlpflichtfächer belegen, unter anderem Spanisch als dritte Fremdsprache. Der Unterricht findet generell in Blöcken zu 60 beziehungsweise 75 Minuten statt, um den

Schultag möglichst wenig zu zerfasern. Mittags gibt es eine einstündige Pause, die außer zur Nahrungsaufnahme auch zu außerschulischen Aktivitäten genutzt werden kann. So bietet das von dem Internatsträger betriebene Freizeithaus vielfältige Möglichkeiten wie Tischtennis oder Kicker. Manche Jugendliche kümmern sich um die Tiere der Insel, vor allem Pferde und Kaninchen, oder betätigen sich in der Aquaristik-Gruppe. Wieder andere haben die Möglichkeit, Beachvolleyball oder Fußball zu spielen.

Hervorzuheben ist aber vor allem die Auswahl an Projekten (AGs), welche von der 7. bis zur 10. Klasse stattfinden. Abhängig vom Rahmen der personellen und organisatorischen Möglichkeiten konnten in den vergangenen Jahren diverse Angebote realisiert werden, unter anderem Aquaristik, Bildhauerei, Bogenschießen, Chor, Filmdreh, Freizeithaus-Gestaltung, Gartenbau, Geocaching, Imkern, Kochen (auch mit Lebensmitteln von der Insel), Landwirtschaft, Reiten, Wassersport.

»Eine interessante und spaßige Abwechslung ist die sogenannte LiaF-Phase. Diese Abkürzung steht für Lernen in anderer Form. In dieser Woche denken sich Schüler:innen und Lehrkräfte zusammen eine interaktive Form des Unterrichts aus. Dort haben sie, wie auch in vielen anderen Bereichen, viele Mitbestimmungsmöglichkeiten« (ein Schüler). Die Themen für diese LiaF-Phase können jahrgangs-und fächerübergreifend sein. In Vorbereitung auf die 100-Jahrfeier der Schulfarm in diesem Jahr wurden in diesem Rahmen eine solche Projektwoche unter das Motto »Scharfenberg früher – heute – morgen« gestellt und einzelne Workshops von Lehrer-Oberstufenschüler:innen-Teams angeboten.

»Für uns in der Oberstufe gibt es zwar keine Projekte oder Profile mehr. Dafür können wir aus vielen Sportangeboten wählen. Diese fangen um 16 Uhr an und dauern bis 17:30 Uhr, in diesem Jahr unter anderem Volleyball, Fußball, Fitness, Segeln, Rudern. Diese vielen Angebote bewirken, dass man sich sogar noch auf das Ende des Schultages freut« (eine Schülerin).

Ein den Unterricht ergänzendes Angebot sind die dreistündigen Zusatzkurse in der Oberstufe. Momentan werden angeboten: Chor, Schulband, Debating (auf Englisch), Schneesport und Surfen. Die beiden letztgenannten finden während einer einwöchigen Exkursion in die Alpen beziehungsweise an die Ostsee statt.

SCHWIERIGKEITEN

Gemessen an anderen Berliner Gymnasien ist die Schulfarm Insel Scharfenberg eine kleine Schule. Nachteilig macht sich das insbesondere in der Oberstufe bemerkbar. Bei zurzeit 115 Oberstufenschüler:innen ist es nicht möglich, ein breit gefächertes Leistungskursangebot zu machen. Wem unser Kursangebot zusagt, bleibt, wer sich spezialisieren möchte, wechselt an ein Oberstufenzentrum. Das ist zum Glück jedoch eine Minderheit: Die überwiegende Mehrheit der Schüler:innen, die bei uns ihren mittleren Schulabschluss erworben haben, bleibt auf Scharfenberg. Daran hat nicht zuletzt die ruhige und entspannte Atmosphäre auf der Insel ihren Anteil. Es gibt sogar jährlich Neuzugänge in die 11. Jahrgangsstufe, mehrheitlich neue Internatsbewohner:innen.

Aus Lehrer:innensicht ist unsere Schule ein angenehmer Arbeitsplatz, wenn man die Nähe zu den Schüler:innen – und auch Kolleg:innen –, die sich bei der Begrenztheit des Raumes und der geringen Zahl der Schulangehörigen zwangsläufig ergibt, zu schätzen weiß. Man kennt sich eben.

Andererseits ist unser kleines, derzeit 40-köpfiges Kollegium unterbesetzt. Dieses Problem, das sich an fast allen Berliner Schulen bemerkbar macht, ist für die Schulfarm eine ernsthafte Gefahr, weil die für unser Schulprofil so wichtigen Projekte, insbesondere Gärtnerei und Landwirtschaft sowie Wassersport und musische Angebote, die aus den Ressourcen der Insel Nutzen ziehen, oft nicht mehr durchgeführt werden können, denn: Es häufen sich die Tage, an denen entschieden werden muss, welcher Unterricht gegeben wird und welcher ausfallen kann. Dabei fällt die Entscheidung in der Regel zugunsten des abitur-beziehungsweise versetzungsrelevanten Fachunterrichts, und z. B. das Projekt »Tiermedizin« fällt aus, weil der Kollege in Chemie gebraucht wird. Deswegen musste auch das in 20 Jahren bewährte und bei unseren Schüler:innen überaus beliebte Projekt »Schulfarm Insel Scharfenberg Model United Nations« – hoffentlich nur vorübergehend – eingestellt werden. Allgemeiner ausgedrückt: Unsere Bemühungen, wenigstens den aktuellen Teil unseres reformpädagogischen Vermächtnisses zu halten, geschweige denn es sukzessive wieder auszuweiten (siehe unten), sind unter den aktuellen personellen Bedingungen erheblich eingeschränkt.

Eine weitere Herausforderung besteht in der Zusammenarbeit zwischen der Schule und dem Internat. Bis in die 1970er-Jahre hinein bildeten beide eine Einheit: Die Schüler:innen waren zugleich die Internatsbewohner:innen, sie wurden dort von den Lehrer:innen betreut. Heute stellen die Schüler:innen, die im Internat wohnen – die sogenannten »Internen« –, einen kleineren Teil der Schülerschaft, und die Betreuung liegt ganz in den Händen von Erzieher:innen eines freien Trägers. Das erschwert die Kommunikation, nicht zuletzt, weil die Lehrer:innen und die Erzieher:innen zu unterschiedlichen Zeiten arbeiten. Um dennoch einen pädagogischen Austausch zu gewährleisten, wurden Klassenteams gebildet, bestehend aus den Klassenlehrer:innen und ihren Stellvertreter:innen einer Jahrgangsstufe sowie den für die entsprechenden Jugendlichen zuständigen Internatserzieher:innen. Zudem nehmen an allen Konferenzen Internatsmitarbeiter:innen teil. Ein sehr persönliches Bindeglied zwischen dem Internat und der Schule ist unser Schulsozialarbeiter, der an allen Klassenteamsitzungen teilnimmt. Leider finden nur wenige Lehrer:innen den Weg ins Internat zu den dort lebenden Jugendlichen.

Außerdem hat die idyllische Insellage auch Schattenseiten: Immer, wenn es Probleme mit den Fähren oder dem Fährpersonal gibt, ist die Durchführung des regulären Unterrichts bedroht, denn es können nicht knapp 400 Schüler:innen und 40 Lehrer:innen binnen kurzer Zeit per Ruderboot die Insel erreichen. Eine solche, zugegebenermaßen seltene Situation lässt jedoch die Inselgemeinschaft erstarken und gemeinsame Lösungen finden – wie die Einteilung von Ruderdiensten. Und die Verbindung ans Festland per Internet ist immer noch mangelhaft. In jedem Klassenraum müssten dringend schnelle Internetverbindungen bereitgestellt werden.

Unsere Schule liegt auf einer Insel, zu der außer den Lehrer:innen, den Schüler:innen und dem Schulgebäude auch Tiere, Wiesen und Weiden, eine Stallscheune und ein Garten gehören. Zudem wohnt ein Teil der Jugendlichen hier. Die Schülerschaft und das Kollegium sind ziemlich klein, was das Zusammensein auf der Insel sehr persönlich und überschaubar werden lässt. Anonymität gibt es hier nicht. Die Großstadt ist weit weg, man befindet sich inmitten der Natur und fühlt sich sicher.

Einige fortschrittliche Errungenschaften, die hier erdacht wurden, gehören mittlerweile zum Grundbestand vieler Schulen: Projektunterricht, fächerübergreifendes Lernen, Partizipation, Darstellendes Spiel als Schulfach. Anderes, zum Beispiel die Handarbeit und das Ideal vom gemeinsamen Wohnen, Lernen und Arbeiten, hat seinen ursprünglich hohen Stellenwert eingebüßt.

Die Rückbesinnung auf ihre reformpädagogischen Errungenschaften gibt der Schulentwicklung zusätzliche Impulse zur Fortführung und Anpassung des Bewährten an heutige Bedürfnisse und Umstände.

WAS IST HEUTE NOCH UNGEWÖHNLICH AN DER SCHULFARM?

Die Schulfarm Insel Scharfenberg ist sich dieses Erbes bewusst und darauf bedacht, es im Rahmen der heutigen rechtlichen, materiellen und personellen Möglichkeiten zu pflegen. Mehr noch: Die Rückbesinnung auf ihre reformpädagogischen Errungenschaften anlässlich ihres 100-jährigen Bestehens in diesem Jahr gibt der in letzter Zeit intensivierten Schulentwicklung zusätzliche Impulse zur Fortführung und Anpassung des Bewährten an heutige Bedürfnisse und Umstände.

TILO WEDEMEYER lebte und arbeitete von 1991 bis 2021 auf der Schulfarm Insel Scharfenberg als Lehrer für Englisch, Geschichte und Politikwissenschaft; er war auf eigenen Wunsch auch als Betreuer im Internat eingesetzt.

↗ tilo.wedemeyer@gmx.de