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DIE SELKETALBAHN IN DEN SIEBZIGERN: Das Reich der Mallets


LOK Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 6/2020 vom 22.05.2020

ZWISCHEN STILLLEGUNG UND WIEDERAUFBAU Fast wäre es mit der ältesten Schmalspurbahn im Harz vorbei gewesen. Doch die DDR hatte nicht genügend Busse und Lastkraftwagen


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Bildquelle: LOK Magazin, Ausgabe 6/2020

2. Mai 1972, Ausfahrt eines gemischten Zuges mit der 99 5902 in Alexisbad in Richtung Straßberg. Weit und breit ist kein Auto zu sehen, und genau das ermöglicht dieser Bahn ihren Fortbestand


Ein langgezogener schriller Pfiff zerreißt die Morgenstille in den Wäldern bei Sternhaus- Haferfeld. Langsam nähert sich ein Zug dem Haltepunkt. Kaum hat 99 5901 mit ihrem Güterzug mit Personenbeförderung den Bahnübergang passiert, öffnet der Lokführer ...

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... wieder den Regler. Die Mallet-Maschine muss Schwung holen, damit sie die 1:30-Steigung hinauf zum Bahnhof Sternhaus- Ramberg schaffen kann.

Dicke Dampf- und Rauchschwaden drängen aus der Esse. Der Gmp 69710 nach Straßberg (Harz) besteht aus zwei vierachsigen Personen- und einem zweiachsigen Packwagen sowie drei zweiachsigen offenen Güterwagen. Damit hat der er die Grenzlast von 65 Tonnen für die 99 5901 erreicht.

Die müht sich mit lauten Auspuffschlägen über den Ramberg – ein alltägliches Schauspiel Ende der 1970er-Jahre auf der als „Selketalbahn“ bekannten Schmalspurbahn Gernrode (Harz) – Alexisbad – Harzgerode/Straßberg (Harz), die nun wieder eine gesicherte Zukunft besaß.

Die Selketalbahn

Die Deutsche Reichsbahn hatte am 1. April 1949 die ehemalige Gernrode-Harzgeroder Eisenbahn- Gesellschaft (GHE) übernommen, die auf eine bewegte Geschichte zurückblicken konnte. Das am 10. Mai 1886 gegründete Unternehmen nahm am 7. August 1887 mit dem Abschnitt Gernrode (Harz) – Mägdesprung die erste 1.000-Millimeter-Schmalspurbahn im Harz in Betrieb. Elf Monate später, am 1. Juli 1888, traf der erste Personenzug in Harzgerode ein. In der Folgezeit verlängerte die GHE ihr Streckennetz sukzessive bis nach Hasselfelde. Mit der Eröffnung der Zweigstrecke Stiege – Eisfelder Talmühle am 15. Juli 1905 bestand eine Verbindung zwischen der GHE und der benachbarten Nordhausen-Wernigeroder Eisenbahn-Gesellschaft (NWE).

Als 1946 die sow jetische Besatzungsmacht die Anlagen der GHE bis auf den Abschnitt Eisfelder Talmühle – Stiege – Hasselfelde und das rund 2,5 Kilometer lange Streckenstück Lindenberg – Anschluss „Fabrik Fluor“ – Herzog-Schacht demontieren lassen wollten, um sie samt Fahrzeugen und maschinellen Anlage als Reparationsleistung in die Sowjetunion verbringen zu lassen, regte sich Widerstand in den Gemeinden im Unterharz.

Nach zahlreichen Eingaben stimmte die Besatzungsmacht im Oktober 1946 dem Wiederaufbau zu, der aufgrund der nur schwer zu beschaffenden Oberbaustoffe nur langsam voran ging. Erst am 8. März 1949 trafen sich die Baukolonnen in der Nähe des Haltepunktes Drahtzug. Am 16. Mai 1949 wurde der Personenverkehr auf der Strecke Gernrode (Harz) – Alexisbad – Lindenberg wieder aufgenommen.

Bei der DR gehörte die ehemalige GHE nun zum Bereich der Reichsbahndirektion Magdeburg. Für die Unterhaltung der Bahnanlagen war zunächst die Bahnmeisterei Ballenstedt West verantwortlich, die aber am 1. April 1954 in der Bahnmeisterei Aschersleben aufging.

Die Rbd Magdeburg trieb zudem den Wiederaufbau der Stichstrecke Alexisbad – Harzgerode voran, auf der ab 1. Juli 1950 wieder planmäßig Züge verkehrten. Auf den Wiederaufbau des Abschnitts zwischen dem Bahnhof Lindenberg – die Station hieß nach einer Gebietsreform 1952 Straßberg (Harz) – und Stiege verzichtete die DR jedoch. Zum einen waren Schienen und Kleineisen Mangelware, zum anderen war das Verkehrsaufkommen hier bereits vor dem Zweiten Weltkrieg äußerst gering gewesen.


Drei alte Nassdampfloks und ein Triebwagen – mehr hatte man nicht beim Neuanfang ab 1950.


Beachtliches Frachtaufkommen

In den 1950er- und 1960er-Jahren war die nun im Volksmund als „Selketalbahn“ bezeichnete Strecke ein unverzichtbarer Bestandteil der Infrastruktur im Unterharz. Im Personenverkehr bestimmten Berufspendler und Schüler das Bild. Erst ab Mitte der 1960er-Jahre gewann die Bahn für den Tourismus an Bedeutung. Wichtigstes Standbein der Schmalspurbahn war jedoch der Güterverkehr. Zu den größten Kunden zählten die Forstwirtschaft, der VEB Druckguss- und Kolbenwerke Harzgerode (DKHW), der spätere VEB Vereinigte Holzwerke Silberhütte, der VEB Pyrotechnik Silberhütte und der Herzogschacht in Straßberg, der zum VEB Fluss- und Schwerspatbetrieb Rottleberode gehörte.

Auf der Selketalbahn wurden in erster Linie Kohle, Flussspat, Holz und Holzerzeugnisse sowie Metallmasseln und Gießereiprodukte transportiert. Doch die Strecke besaß einen entscheidenden Nachteil: Da der Einsatz von Rollwagen aufgrund des eingeschränkten Lichtraumprofils nicht möglich war, mussten alle Güter in Gernrode umgeladen werden.

Die Mallets kommen in das Selketal

Nach dem Wiederaufbau der Bahn hielt das Bw Wernigerode Westerntor für die Zugförderung im Lokbahnhof Gernrode zunächst nur 99 5811 (ex GERNRODE der GHE) sowie die beiden C1’n2t- Maschinen der Baureihe 99.563 vor. Außerdem stand für den Personenverkehr der VT 133 522 (ex T 1 der GHE) zur Verfügung. Doch dieser Fahrzeugpark genügte nur mehr schlecht als recht den betrieblichen Belangen und Anforderungen. Ab Sommer 1956 bildeten die Mallet-Maschinen der Baureihe 99.590 das Rückgrat des Verkehrs auf der Selketalbahn. Planmäßig waren 99 5904, 5905 und 5906 im Einsatz. Erst ab 1960 waren alle sechs Exemplare der Baureihe 99.590 in Gernrode stationiert. Täglich wurden drei bis vier Maschinen benötigt.

99 5905 war ab 1956 auf der Selketalbahn im Einsatz (hier 1971 in Alexisbad). Wenige Wochen später, am 1. Juni 1971, wurde sie aufgrund eines Zylinderschadens abgestellt und 1975 verschrottet


Niemand hat Interesse am Erhalt der Bahn

Zu diesem Zeitpunkt schien das Schicksal der Selketalbahn besiegelt zu sein. Ab Mitte der 1960er- Jahre verzeichnete die Rbd Magdeburg rückläufige Beförderungsleistungen. Der VEB Kraftverkehr Ballenstedt übernahm mehr und mehr Leistungen im Berufsverkehr. Zwar glich der steigende Ausflugsverkehr einen Teil dieser Verluste aus, doch an einem langfristigen Erhalt der Schmalspurbahn zeigten weder der Rat des Bezirkes Halle und der Rat des Kreises Quedlinburg noch die Anliegergemeinden Interesse. Der Rbd Magdeburg kam dies nicht ungelegen, denn die Unterhaltung der Gleisanlagen und der rund 60 Jahre alten Mallet-Maschinen schlugen mit immer höheren Kosten zu Buche.

Ausschnitt der DR-Kursbuchkarte von 1974


Am 30. Juli 1975 rumpelte 99 5906 durch Straßberg (Harz). Die Selke markierte lange die Grenze zwischen Anhalt und Preußen, die Schmalspurbahn verlief auf anhaltinischer Seite


Im Frühjahr 1971 stellte 99 5903 an der Umladung in Gernrode ihren Gmp nach Straßberg (Harz) zusammen. Die Portalkrananlage erleichterte seit 1965 das Umladen der Güter


Die im historischem Grün mit gelben Zierstreifen lackierte 99 5901 (als NWE 11) steht am 8. August 1979 vor einem Personenzug der Selketalbahn im Bahnhof Alexisbad


Außerdem hatte eine Erhebung des Instituts für Verkehrsforschung aus dem Herbst 1965 ergeben, dass die Meterspurbahn im Selketal lediglich einen Kostendeckungsgrad von zwölf Prozent besaß und damit höchst unrentabel war. Der 1966 vorgelegte Generalverkehrsplan für den Bezirk Halle sah folgerichtig die Stilllegung der Bahn bis spätestens 1974 vor.

1970 im Herbst sollte Schluss sein

Unter Hinweis auf den schlechten Zustand des Oberbaus und des Fahrzeugparks trieb die Rbd Magdeburg die Vorbereitungen zum Verkehrsträgerwechsel mit Hochdruck voran. Am 29. September 1969 beschloss die „Kommission Schiene/ Straße“, die aus Mitarbeitern der Direktion, des Rates des Bezirks und des Rates des Kreises bestand, für den 26. September 1970 die Einstellung des Personenverkehrs. Ein Jahr später sollte der Güterverkehr folgen.

Die Bevölkerung erfuhr am 29. Januar 1970 aus der „Freiheit“, dem Organ der SED-Bezirksleitung Halle, von diesem Vorhaben. Unter der Überschrift „Abgeordnete beantworten Leserfragen“ hieß es: „Herr Heinz Henneberg (…) schrieb uns zu dem (…) festgelegten Verkehrsträgerwechsel (…), ob nur der Güterverkehr gemeint sei, denn die Einstellung des Personenverkehrs sieht er als den Raub einer Touristenattraktion.“ Weiter hieß es: „Wir sprachen mit dem Ratsmitglied, Genossen Rüdiger Härtel, Leiter des Referates Verkehr, zu diesem Problem. Bereits vorgenommene ökonomische Untersuchungen führten zu dem Ergebnis, daß die Wirtschaftlichkeit der Transportdurchführung unter den konkreten Bedingungen des Oberharzes ausschließlich bei dem Verkehrsträger Kraftverkehr liegt. (…) Solche Nebenstrecken wie die Harzbahn sind sehr reparaturbedürftig, die Erhaltung der Gleise, des Oberbaues, des Wagenparks und der Loks kosten erhebliche Mittel. (…) In der ersten Etappe wird der Personenverkehr und in der zweiten Etappe auch der Güterverkehr von KOM und LKW des VEB Kraftverkehr Ballenstedt übernommen werden.“

Reduzierung des Betriebs

Angesichts dessen schränkte die Rbd Magdeburg den Güterverkehr spürbar ein. Ab 31. Mai 1970 verkehrten nahezu alle Züge als Gmp. Reine Güterzüge wurden nur noch bei Bedarf morgens und abends eingelegt. Außerdem führte die DR eine nächtliche Betriebsruhe ein. Der Sommerfahrplan 1970 sah werktags auf dem Abschnitt Gernrode (Harz) – Alexisbad nur noch vier Gmp vor (in der Gegenrichtung fünf). Zwischen Alexisbad und Harzgerode pendelten an Werktagen zwei Personenzug- und vier Gmp-Paare. Auf dem Streckenstück nach Straßberg (Harz) waren werktags drei Gmp- und ein Personenzugpaar sowie ein Gmp Straßberg (Harz) – Alexisbad vorgesehen.

Frühjahr 1974: 99 5904 in Mägdesprung. Der zweite Wagen trägt die Testlackierung in zwei unterschiedlichen Grüntönen. Ab 1974 wurden die Reisezugwagen bordeauxrot-elfenbein

Doch bereits im Sommer 1970 waren die Planungen für den Verkehrsträgerwechsel hinfällig. Dem VEB Kraftverkehr standen nicht genügend Omnibusse und Lastkraftwagen zur Verfügung. Außerdem zeigte sich, dass der notwendige Ausbau der Straßen im Unterharz deutlich länger dauern würde.

Der Rat des Bezirkes widerrief daraufhin seine Zustimmung zur Einstellung des Personenverkehrs, was die Rbd Magdeburg vor erhebliche Schwierigkeiten stellte.

1972: Selketalbahn als Denkmal

Die Mallet-Maschinen waren in den Jahren zuvor auf Verschleiß gefahren worden. Ab 1. Juni 1971 standen daher nur noch 99 5904, 5905 und 5906 für die Zugförderung bereit. Als Ersatz verfügte das Bw Wernigerode nun 99 6101 und 6102 ins Selketal. Dort sollte nach einem Kompromissvorschlag der Rbd Magdeburg 1974 der Abschnitt Alexisbad – Straßberg (Harz) stillgelegt werden. Die Stammstrecke Gernrode (Harz) – Harzgerode sollte 1979 folgen.

Doch die zuständigen Gremien auf Bezirksund Kreisebene lehnten dieses Ansinnen ab. Nach längeren Diskussionen gab das Ministerium für Verkehrswesen schließlich nach und erklärte die Selketalbahn am 5. September 1972 zu einem technischen Denkmal mit dem Ziel, die Strecke als Verkehrsmittel, lebendiges Denkmal und touristische Attraktion zu erhalten.

Der Sinneswandel hatte handfeste wirtschaftliche Gründe. Beispielsweise steigerte die Grube Straßberg ihre tägliche Fördermenge bis 1972 von 120 auf etwa 200 Tonnen Flussspat, die nur mit der Bahn abtransportiert werden konnten. Parallel dazu beschloss das MfV den Wiederaufbau des Abschnitts Straßberg (Harz) – Stiege mit dem Ziel, zukünftig die Selketalbahn im Güterverkehr per Rollwagen von Nordhausen Nord aus bedienen zu können. Auch dafür gab es eine einfache Erklärung: Seit Herbst 1971 war die Strecke Gernrode – Harzgerode/Straßberg (Harz) die letzte Schmalspurbahn der DR, auf der Frachten ausschließlich mit schmalspurigen Güterwagen befördert wurden. Ein Jahr später war die Stilllegung der Selketalbahn dann endgültig vom Tisch, nachdem Verkehrsminister Otto Arndt dem Weiterbetrieb am 17. September 1973 zugestimmt hatte.

Investitionen in die Bahn

Nach diesem Kurswechsel begann die zuständige Bahnmeisterei Aschersleben Ende 1973 damit, den Oberbau der Strecke Gernrode (Harz) – Harzgerode/ Straßberg (Harz) instandzusetzen. Dies war dringend notwendig, denn seit 1966 waren nur die wichtigsten Reparaturen ausgeführt worden. Die Gleise stammten größtenteils noch aus der Zeit des Wiederaufbaus zwischen 1947 und 1950. Die jahrelange Vernachlässigung des Oberbaus führte immer wieder zu Entgleisungen, die jedoch meist glimpflich verliefen und von der Mannschaft des seit 1959 in Gernrode als Gerätewagen genutzten VT 133 522 schnell behoben werden konnten. Besonders häufig entgleisten Güterwagen auf dem Anschlussgleis zur Flussspatgrube. Aus diesem Grund sperrte die Rbd Magdeburg zum 26. Mai 1974 den Abschnitt Straßberg (Harz) – Anschluss Flussspatgrube für den Güterverkehr. Fortan wurde der Flussspat mit Lastkraftwagen von der Grube zum Bahnhof gebracht und dort mit Hilfe eines Radladers in die offenen Güterwagen verladen.

Ab 1975 halfen immer wieder die beiden 99.610 aus – 99 6102 am 8. Oktober 1976 in Alexisbad


Buchfahrpläne für Gmp 69717 und 69728 (aus dem Jahr 1979)


Nochmal gut gegangen

Klassische DDR-Probleme: Aufgrund fehlender Arbeitskräfte und von Materialengpässen ging die Instandsetzung der Gleise nur langsam voran – mit fatalen Folgen. Am 4. Oktober 1974 entgleiste ein Zug infolge einer Spurerweiterung am Kilometer 12,3 in der Nähe des Haltepunktes Drahtzug.

Das Personal kam mit dem Schrecken davon. Die wenigen Fahrgäste erlitten Prellungen und Schürfwunden. Der Sachschaden war jedoch beträchtlich. Der kombinierte vierachsige Reisezug-Gepäckwagen 902-301 und der vierachsige Personenwagen 900-452 mussten an Ort und Stelle verschrottet werden.


Als wieder Reisezüge fuhren, hatte man den alten Wagen auch neue Farben spendiert.


Nach diesem Vorfall sperrte die Rbd Magdeburg vorübergehend die Selketalbahn für den Reiseverkehr. Bahnmeistereien aus dem gesamten Direktionsbereich mussten ab Herbst 1974 Material und Arbeitskräfte zur Verfügung stellen, damit der Oberbau instandgesetzt werden konnte. Beschäftigte der Bahnmeistereien Güsten, Salzwedel, Stendal und Wernigerode Westerntor arbeiteten bis zum Frühjahr 1975 rund sieben Kilometer Gleis durch und wechselten dabei etwa 10.000 Schwellen aus. Verschlissene Weichen wurden durch noch brauchbare Weichen der inzwischen stillgelegten Meterspurbahnen Eisfeld – Schönbrunn und Stralsund Stadtwald – Altenpleen – Klausdorf/Hermannshof ersetzt.

Schienenersatzverkehr bis 1. Juni 1975

Während der Arbeiten setzte der VEB Kraftverkehr Ballenstedt im Auftrag der DR Busse im Schienenersatzverkehr ein. Lediglich der Güterverkehr auf der Schiene wurde aufrechterhalten. Erst ab 1. Juni 1975 verkehrten wieder Reisezüge auf der Selketalbahn. Die Fahrgäste staunten: Die Personenwagen waren jetzt nicht mehr dunkelgrün, sondern bordeauxrot- elfenbeinfarben lackiert. Die letzten grünen Reisezugwagen hatten 1976 ausgedient.

Ab 1976 setzte die Bm Aschersleben in Zusammenarbeit mit dem Oberbauwerk Königsborn die Sanierung der Gleisanlagen fort. Die Eisenbahner wurden dabei im Sommer 1976 von Mitgliedern des Deutschen Modelleisenbahn-Verbandes unter- stützt. Studenten der Hochschule für Film- und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg drehten einen Dokumentarfilm über den Arbeitseinsatz der Eisenbahnfreunde.

Ambitioniertes Vorhaben

Parallel dazu wurden ab 1975 die Vorarbeiten für den Wiederaufbau des Abschnitts Straßberg (Harz) – Stiege fortgesetzt. Nach einer Machbarkeitsstudie folgte eine Wirtschaftlichkeitsuntersuchung, die noch einmal die Vorteile eines Lückenschlusses zwischen Selketal- und Harzquer- und Brockenbahn hervorhob. Die wichtigsten Eckpunkte waren der Einsatz von Rollwagen im Güterverkehr, womit das Umladen in Gernrode entfallen konnte, sowie ein leichterer Austausch der Betriebsmittel, was eine Verringerung der in Gern - rode und Wernigerode vorgehaltenen Reserven ermöglichte. Am 15. Januar 1976 stimmte schließlich das Ministerium für Verkehrswesen dem Vorhaben zu, dessen Umsetzung bis 1980 vorgesehen war. Dieser Zeitplan konnte nicht eingehalten werden. Erst 1983 wurde die Verbindung Straßberg (Harz) – Stiege wieder aufgebaut.

Ab 30. Mai 1976 verbesserte die Rbd Magdeburg das Angebot im Reiseverkehr auf der KBS 674. Von den werktags eingesetzten 19 Zügen waren lediglich vier als Personenzug mit Güterbeförderung (Pmg) ausgewiesen. Ein Jahr später, mit dem Fahrplanwechsel am 22. Mai 1977, legte die Rbd Magdeburg weitere Züge ein.

Dieses Angebot erfreute die Eisenbahnfans, die aus aller Welt anreisten, boten sich doch so zahlreiche Möglichkeiten, die letzten in Deutschland im Plandienst eingesetzten Mallet-Maschinen zu fotografieren.

99 5901 stand im Frühjahr 1976 mit einem Güterzug nach Gernrode in Alexisbad. Die Selketalbahn war die letzte Strecke bei der DR, auf der Schmalspurgüterzüge verkehrten

AUS DEN SCHIENEN GESPRUNGEN – DER UNFALL VOM 10.MÄRZ 1977

Die beiden mit Gussmasseln beladenen Güterwagen schoben die 99 5901 talwärts in Richtung Gernrode


Am 10. März 1977 ereignete sich der bis dahin schwerste Unfall in der Geschichte der Selketalbahn. Am frühen Morgen erreichte 99 5901 mit dem Gmp 69721 pünktlich um 4:50 Uhr den Bahnhof Harzgerode. Am Schluss des Zuges befanden sich jeweils zwei vier- und zweiachsige offene Güter - wagen, die mit Aluminium-Masseln für den VEB Druckguss- und Kolbenwerke Harzgerode beladen waren.

Vor der Rückfahrt mussten diese vier Wagen auf dem Ladegleis abgestellt werden. Dort standen bereits leere Güterwagen, die nach Gernrode gebracht werden sollten. Bei den notwendigen Rangierarbeiten unterlief dem Zugführer und dem Lokpersonal ein verhängnisvoller Fehler – sie schlossen die schweren Güterwagen nicht an die Luftleitung an. Damit die Rangierabteilung wieder in das Hauptgleis einfahren konnte, rollte der Lokführer bis in den Gefälleabschnitt vor der Bahnhofseinfahrt. Allerdings konnte er die Rangierabteilung nicht mehr anhalten, so dass die Wagen - gruppe die Maschine talwärts schob.

Nach etwa einem Kilometer entgleisten 99 5901 und die Wagen. Der sumpfige Untergrund erschwerte die Bergung (hier mit 99 6001)


Trotz Bremsens und Gegendampfgebens gewannen die Lok und die Wagen immer mehr an Geschwindigkeit.

Im Gleisbogen vor dem Bahnübergang der heutigen Bundesstraße 242 am Kilometer 1,62 entgleiste die Lok und stürzte die Böschung herunter. Das Personal konnte sich mit einem beherzten Sprung in die Wiese retten. Die 99 5901 wurde dabei schwer beschädigt. Die Bergung der Maschine war aufgrund der sumpfigen Wiese äußerst schwierig. Da Kräne nicht eingesetzt werden konnten, musste die Bahnmeisterei vom Bahnübergang aus ein Hilfsgleis in die Wiese legen.

Erst am 29. April 1978 konnte 99 5901 aufgerichtet und wieder aufgegleist werden. Eine Tatra-Zugmaschine schleppte die Lok über das Hilfsgleis bis zum Bahnübergang, wo die alte Mallet- Lok wieder eingegleist und von 99 6102 nach Alexisbad geschleppt wurde. In der Folge setzte das Reichsbahnausbesserungswerk Görlitz die 99 5901 im Zuge einer Hauptuntersuchung (01.06.– 29.11.1977) wieder instand.


Rudolf Heym

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Will A. Reed/Eisenbahnstiftung

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