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DIE SELZNICKS DES SLUDGE


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Metal Hammer - epaper ⋅ Ausgabe 11/2021 vom 13.10.2021

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Bildquelle: Metal Hammer, Ausgabe 11/2021

Brann, an welchem Punkt der Produktion habt ihr die Entscheidung getroffen, so viel Material auf einmal zu veröffentlichen? Wir hatten alle 15 Songs eingespielt und wollten das Ganze eigentlich auf 55 Minuten runterkürzen. Also habe ich mir noch mal alles am Stück angehört, konnte mich aber partout nicht entscheiden, welche Songs rausfliegen sollten. Normalerweise haben wir immer einen Überhang an Material. Manche Songs sind sich schließlich zu ähnlich, oder eine bestimmte Dreiergruppe von Stücken passt einfach nicht zum Rest der Bande. Solche Sachen sparen wir uns ansonsten für einen späteren Verwendungszweck auf. Diesmal jedoch nicht. Ich wusste einfach nicht, wo ich die Schere ansetzen sollte.

Es war nicht ein einziger Song dabei, den ich streichen wollte. Also habe ich den anderen den Vorschlag unterbreitet, ein Doppelalbum zu machen. Wir waren uns sofort einig, dass das nicht verrückt, ...

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... sondern eine gute Idee ist. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass die Leute sagen, ihr langweilt mich mit eurer Platte. Und selbst das ist nicht so schlimm. Man kann ja skippen. Ich sehe jedenfalls nichts Schlechtes darin, den Leuten einen großen Batzen Musik zum Hören anzubieten. Sie könnten sie ja mögen. Und diejenigen, die es nicht mögen, mögen es eben nicht. Der Punkt war jedenfalls, dass ich keinen der Songs von den anderen trennen wollte – sie gehören einfach zusammen.

Die richtige Song-Reihenfolge ist bei einem Doppelalbum umso entscheidender. Die Dramaturgie von HUSHED AND GRIM fällt sehr stimmig aus. Wie lange hast du daran geschraubt?

Es war ein Puzzle. Ich wusste allerdings schon, welcher der erste und der letzte Song werden sollte. ‘Pain With An Anchor’ ist ein offensichtlicher Opener, mit seinem Trommelwirbelbeginn und dem großen Riff am Ende, welches gleich zu Beginn klar macht, dass wir nicht hier sind, um rumzueiern. Und der letzte Song hat mit seinem ausklingenden Cello einfach alles von einem großen Finale; das ist wie ein letztes Abschiedswinken nach anderthalb Stunden Hörerlebnis. Aber alles, was dazwischen passiert, war offen und verlangte nach vielen Hörproben und Diskussionen. Ich habe mir dafür sogar extra ein brandneues Hi-Fi-System gekauft! Ich bin 46 Jahre alt und spiele seit zwanzig Jahren bei Mastodon. Aber bislang hatte ich einfach keine astreine Anlage. Jetzt habe ich diese atemberaubenden Lautsprecher. Meine Freundin und ich haben es uns zur Gewohnheit gemacht, uns ständig das Album mit veränderter Song-Reihenfolge anzuhören. Es war definitiv ein längerer Prozess.

„Wir wollten, dass alles klar und knackig klingt.“

BRANN DAILOR

In gewisser Weise ist es wohl auch der Verdienst der Premierenzusammenarbeit mit Produzent David Bottrill (Tool, Muse), dass du dir eine neue Anlage gekauft hast: HUSHED AND GRIM ist klanglich eure bislang fokussierteste und zugleich massivste Platte geworden...

Wir wollten, dass alles klar und knackig klingt. Wir tendieren dazu, zu viel übereinanderzuschichten, all diese Gitarren-und Keyboard- Spuren, diese Geräusche. Bei uns wird es schnell etwas matschig. Insofern war es Davids erste Aufgabe, das etwas zu bereinigen. Ich denke, wir haben dieses Ziel erreicht. Darüber hinaus wollten wir ein Album machen, das wuchtig klingt. Genau dafür ist David bekannt.

Ihr habt Mitte Juli 2021 ein ungewöhnliches Streaming-Konzert aus dem Georgia Aquarium in Atlanta gespielt. Dafür habt ihr euch euren Back-Katalog vorgenommen um zu eruieren, welche Songs im intendierten akustischen Gewand gut funktionieren könnten. Hatte diese Auseinandersetzung auch irgendeinen Einfluss auf gewisse Stücke des neuen Albums?

Nein, die Platte war zu jenem Zeitpunkt bereits komplett im Kasten. Wir haben bei dieser Streamingshow den neuen Song ‘Skeleton Of Splendor’ vorgestellt. Aber im Nachhinein fällt auf, dass viele der neuen Stücke in dieses besondere Setting gut gepasst hätten. Sie haben dafür die richtige Düsternis und Melancholie. Alben entwickeln immer ein Eigenleben. Selbst wenn man sich dagegenstellt und vornimmt, man müsse jetzt schnelle und heftige Songs schreiben, diktieren die Songs die eigentliche Stimmung. Also muss man ehrlich mit sich selbst sein und das akzeptieren. Es gibt aber auch ein paar Abgehstücke auf HUSHED AND GRIM. Vielleicht ist ‘Pushing The Tides’ als Single-Auskopplung etwas irreführend. Dann wiederum ist es ein schönes Horsd’œuvre für das Album. Die Leute denken, sie haben eine Idee davon, wie die gesamte Platte klingt, aber letztendlich tappen sie noch völlig im Dunkeln.

‘Skeleton Of Splendor’ ist eurem im September 2018 verstorbenen langjährigen Manager Nick John gewidmet. Ihm wird auch mit einem Abbild im Artwork gedacht. Weht Nicks Geist noch durch andere Elemente des Albums?

Im Grunde genommen weht er durch das gesamte Album. In den Texten gibt es viele Anspielungen auf ihn. Am Ende von ‘Gigantium’ sind die letzten Textzeilen der Platte „The mountains we made in the distance those will stay with us“. Das ist Nicks Vermächtnis – das Vermächtnis, welches wir mit ihm als Gruppe erschaffen haben und das immer da sein wird.

Ruft man sich CRACK THE SKYE, THE HUNTER oder zu Teilen auch EMPEROR OF SAND ins Gedächtnis, fällt auf, dass Mastodon-Alben oftmals Trauerarbeit leisten oder sich mit familiären Tragödien aus dem direkten Band-Umfeld auseinandersetzen. Hilft der kreative Prozess beim Verarbeiten solcher Unglücke?

Das ist ein bisschen unser Ding, ja. Ich denke, die künstlerische Auseinandersetzung hilft. Wir sind einfach ehrlich mit uns selbst und könnten gar nicht anders, als die Dinge, die uns gerade beschäftigen, in unsere Musik fließen zu lassen. Ich wäre überhaupt nicht dazu imstande, eher einen Song über dieses HP Lovecraft-Buch, welches ich gerade lese, zu machen, als darüber zu schreiben, was mich momentan wirklich bewegt und worum meine Gedanken kreisen. Sei es Nick John oder eine andere Erfahrung, die ich gemacht habe. Als THE HUNTER entstand, machte Bill (Kelliher, Gitarrist – Anm.d.A.) gerade eine Entziehungskur, und ich saß mit Brent (Hinds, anderer Gitarrist – Anm.d.A.) allein im Studio. Er brach zusammen und in Tränen aus (THE HUNTER thematisiert den plötzlichen Herzinfarkttod von Hinds’ Bruder während eines Jagdausflugs – Anm.d.A.). Die einzige Möglichkeit, ihn da wieder rauszuziehen, war, ein paar Riffs zu zocken und etwas aufzunehmen. Er musste damit fertig werden, dass sein Bruder von ihm gegangen war. Was uns wortwörtlich darüber hinweggebracht hat, war, Musik zu spielen.

Was genau hat es mit dem Albumtitel HUSHED AND GRIM auf sich?

Das ist ein Zitat aus dem Film ‘Vom Winde verweht’. Das Buch wurde in Atlanta geschrieben, und die Handlung spielt zum Teil auch hier. Das war der Lieblingsfilm meiner Schwester (Skye Dailor, Branns Schwester, beging mit 14 Jahren Selbstmord – Anm.d.A.), und ich schaue ihn mir regelmäßig alle paar Jahre an. Ich stehe auf diese großen Epen: ‘Doktor Schiwago’, ‘Die Brücke am Kwai’, ‘Lawrence von Arabien’. Letzterer war eine große Inspiration für EMPEROR OF SAND. Jedenfalls heißt es in ‘Vom Winde verweht’, nachdem Atlanta im Bürgerkrieg durch Sherman bis auf seine Grundfesten abgebrannt wurde, dass die Stadt eben zum Schweigen gebracht worden und grimmig sei. Das ist eine Formulierung, die mir stets im Hinterkopf geblieben ist. Nick John hatte kurz vor seinem Tod zu

Hause eine Sterbehospiz gemacht, was ein häusliches Abschiednehmen ist. Eine total harte Sache. Ich wusste jedenfalls schon, dass er schwer litt und hatte ihn ein paar Monate zuvor besucht und einen Tag mit ihm verbracht, was schon unglaublich bitter war. Ihn dann zu Hause noch mal in seinem Krankenbett zu sehen und zu wissen, dass er in ein paar Tagen von uns gehen würde, war fürchterlich. Die einzige Formulierung, welche die Stimmung in dem Haus richtig einzufangen schien, war für mich „hushed and grim“ – zum Schweigen gebracht und grimmig. Das ist der Ursprung des Albumtitels.

„Diesmal wusste ich einfach nicht, wo ich die Schere ansetzen sollte. Es war nicht ein einziger Song dabei, den ich streichen wollte.“

BRANN DAILOR

Zum Glück ist nicht alles auf HUSHED AND GRIM musikalisch so deprimierend wie diese Inspiration. Ihr tobt euch stilistisch gut zwischen Sludge, Prog, Psychedelia und Grunge aus. ‘The Beast’ klingt gar wie eine Fusion von Pink Floyd und Prince...

Das sind beides Namen, die ich mir den ganzen Tag anhören könnte. Ja, jede neue Platte bietet auch immer die Möglichkeit, die Fühler weiter auszustrecken. Innerhalb der Band hören wir so viel unterschiedliche Musik. ‘The Beast’ ist ein Shuffle und Blues mit einem schönen Country-Gitarren- Lick, bevor es proggy wird. Brent hat dann auch noch die passende, seelenvolle und coole Stimme dafür. Für mich war es gar nicht so einfach, diesen Shuffle zu spielen. Sowas spiele ich sonst nicht, weshalb ich es echt üben musste. Die Leute denken immer, es müsse total kompliziert für mich sein, diese schnellen Sachen zu trommeln. Aber das mache ich mit links. Das bin ich gewohnt. Langsamer zu spielen, fällt mir hingegen viel schwerer.

Neben dem neuen Album hast du die Pandemiepause für ein ungewöhnliches Projekt genutzt: Du hast jeden Tag einen Clown gezeichnet und diesen dann an eine Liste von Freunden verschickt. Deine gesammelten Clown-Werke erscheinen nun als Coffee-Table-Buch, ‘Brann Dailor’s 101 Clowns Of The Coronavirus’. Wie kam es dazu?

Ich war, wie alle, dazu verdonnert, zu Hause zu sitzen und konnte eben nicht wie üblich mit den anderen Mucke machen. Ursprünglich hieß es von unserem damaligen Präsidenten, dass es nur zwei Wochen brauche, damit die Kurve abflache. Jedenfalls bin ich großer Clown-Enthusiast, mein Haus ist voller Clowns, und ich habe sogar ein Clown-Zimmer. Als Kind habe ich zudem gerne gezeichnet, dies aber zugunsten des Schlagzeugs und der Band irgendwann vernachlässigt. Als Mastodon in den Pausenmodus gingen, dachte ich mir, es wäre lustig, anders kreativ tätig zu werden: Ich könnte doch 14 Tage lang jeden Tag einen Clown zeichnen. Daraus wurden dann 101. Und die Liste der Leute, denen ich die Bilder geschickt habe, darunter mein Freund Skinner, der das Artwork für ONCE MORE ’ROUND THE SUN gemacht hat, wurde immer länger. Es hat mir 101 Tage lang geholfen, morgens mit einer Mission aufzustehen. In einer Zeit voller Verwirrung, Trauer und Depression – es war ein regelrechter Alptraum, der auch noch immer nicht vollends vorüber ist – hat dies mir und anderen geholfen. Meine Freunde fingen sogar an, meine tagesaktuelle psychische Verfassung anhand der Clown-Bilder zu analysieren. (lacht)

Woher stammt deine Faszination für Clowns?

Mein Großvater war ein Shriner (eine Bruderschaft und gemeinnütziger Orden mit Verbindung zu den Freimaurern – Anm.d.A.). Das ist kein echter Geheimbund oder so etwas, sondern eher ein Männer-Club. Sie tragen Feze und betreiben Kinderkrankenhäuser, veranstalteten aber auch jedes Jahr einen Zirkus. Als ich sechs Jahre alt war, durften meine Schwester und ich hinter die Kulissen und in die Garderoben gucken. Da sah ich, wie die Clowns ihr Make-up auflegten. Die Farben faszinieren mich bis heute. Später fing ich damit an, diese mexikanischen Samtbilder zu sammeln, welche Touristen kurz hinter der Grenze angedreht werden. Das populärste dieser Bilder ist sicher das Elvis-Bildnis, aber viele zeigen eben auch Clowns. Die sind einfach hingehuscht, was sie nur noch unheimlicher macht. Ich mag das. In meinem Clown-Raum ist alles voll davon. Immer, wenn ich Leute dort hineinführe, drehen sie förmlich durch. Genau dieser Aspekt gefällt mir. Ich mag es, damit bei manchen dieses Unbehagen auszulösen.

Im November geht ihr in den Staaten zusammen mit Opeth auf Tour. Worauf freust du dich am meisten?

Wie viele andere auch habe ich inzwischen einen alternativen Lebensstil für mich entwickelt, wenn ihr versteht, was ich meine. Ich lebe mein Leben jetzt anders als vorher und es wird spannend werden zu sehen, wie sich das mit dem alten verträgt. Ich freue mich jedenfalls darauf, wieder in einem Bus zu leben. Und vor allem bin ich echt heiß darauf, ein paar der neuen Sachen zu spielen.

FRANK THIESSIES