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DIE SPITZE DES EISBERGS


Die Deutsche Bühne - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 02.08.2021

KRITIK IM DIALOG

Artikelbild für den Artikel "DIE SPITZE DES EISBERGS" aus der Ausgabe 8/2021 von Die Deutsche Bühne. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Die Uraufführung von ?Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!?: Jan-Peter Kampwirth mit Schwein und Puppe. Oben im Bildschirm: Josefine Israel

DETLEV BAUR Frau Huggett, zunächst eine praktische Frage. Wie schätzen Sie die hygienischen Rahmenbedingungen des Aufführungsbesuchs im Schauspielhaus ein: für die Zuschauer mit Testkontrolle, Nachverfolgungs-App sowie Wegen und Sitzbedingungen im Theater. Und was halten Sie vom Spiel auf der Bühne – aus rein infektiologischer Sicht?

SUSANNE HUGGETT Die hygienischen Rahmenbedingungen für die Zuschauer lassen ein gut durchdachtes Hygienekonzept und eine bestmögliche Infektionsprävention erkennen: Die Theaterkasse rechts vom Eingang bietet ausreichend Raum an zwei Kassen. Mit viel Platz und zügiger Bearbeitung wurden die aktuellen Coronatests beziehungsweise die Impfausweise oder Dokumente nach durchgemachter Infektion auf dem Vorplatz des Theaters bei gutem Wetter und frischer Luft eingesehen. Jeder Zuschauer erhielt anschließend ein blaues Band als Zeichen, diese „Hürde“ genommen ...

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... zu haben. Da kommt ein wenig Urlaubsfeeling auf, was zur guten Stimmung unter den Zuschauern beiträgt. Im Foyer wird entweder die Luca-App aktiviert, oder die Kontaktdaten werden manuell ausgefüllt. Ausreichend Personal unterstützt die Gäste dabei mit freundlichen Erläuterungen. Im Theater sind die nicht zu nutzenden Sitzplätze mit schwarzen Hussen bedeckt, um die Abstände sicherzustellen. Vor und hinter den „freien“ Sitzplätzen ist ausreichend Raum. Die Zuschauer haben ihre medizinische Maske im Theater während der Aufführung konsequent weitergetragen. Was das Spiel auf der Bühne angeht, gibt es bei der Aufführung engere Kontakte, Abstand lässt sich nicht einhalten. Sicherlich steht dahinter ein Hygienekonzept der Bühne mit regelmäßigen Testungen und entsprechenden Maßnahmen.

DETLEV BAUR Wie war Ihr Gesamteindruck der Inszenierung, konnten Sie etwas mit diesem Sprachgewitter anfangen? Und haben Stück beziehungsweise Inszenierung für Sie – über unsere alltäglichen Dauergespräche zur Pandemie und ihre Folgen auf unser Leben hinaus – eine neue Sicht auf unsere gegenwärtige Situation gebracht?

SUSANNE HUGGETT Das Sprachgewitter verdeutlicht, wie die Bevölkerung die diversen, kontroversen und nicht-endenden Informationen über einen Erreger – den Medizin und Wissenschaft Anfang des Jahres 2020 auch noch nicht genau kennen – und die zu treffenden (Hygiene-)Maßnahmen wahrnimmt. Unzweifelhaft liegt eine Bedrohung vor, die unter anderem Angst auslöst. Als Ärztin ist mir klar, dass wir schrittweise neue Erkenntnisse über dieses Virus gewinnen und jeweils die Maßnahmen für unser Verhalten und die Behandlung anpassen müssen. Wenn die diversen Experten und diejenigen, die sich dafür halten, jede neue Information kritisieren, entstehen zumindest Unsicherheiten. Die Auswirkungen der Pandemie dauern trotz aktueller Entspannung an. Der Lockdown mit seinen diversen Ausprägungen hat private und berufliche „Festungen“ untergraben. Wie wird sich unser Leben nach der Pandemie verändern? Privat, sozial, beruflich … Jelineks Stück hat mir deutlich gemacht, dass wir die Menschen noch mehr mitnehmen müssen. Raum geben für Fragen und Nöte. Den kontinuierlichen Dialog suchen. Es reicht nicht, Erkenntnisse bekannt zu geben. Sie müssen diskutiert werden. Wir müssen einander zuhören! Verschwörungstheorien können wir allerdings nicht wegdiskutieren. Hier suchen wir noch nach Lösungsansätzen.

DETLEV BAUR Eine kritische Frage, ist ja, ob der Text angemessen mit Verwirrungen und Verirrungen in der Debatte umgeht. Kolleginnen von mir waren der Meinung, dass Jelinek zu ungefiltert Verschwörungstheorien aufgreift, zitiert, weiterspinnt. Aber genau in dieser Vermengung von Stimmen besteht meiner Meinung nach ihre Meisterschaft. Sie führt ja alle Positionen durch ihre Sprachverhäckselung ad absurdum, entwickelt nicht die richtige Meinung, zeigt vielmehr, wo gerade in unserer Sprache menschliche Verunsicherungen und Untiefen lauern.

SUSANNE HUGGETT Die Verwirrungen und Verirrungen in den Bewertungen, Kommentaren und Verschwörungstheorien werden dem Zuschauer deutlich vor Augen geführt – und wirken in ihrer Übertreibung nachhaltig, auch nach dem Ende der Aufführung.

DETLEV BAUR Das Stück ist, wie Sie auch sagten, ein Abbild vieler unserer Ängste. Konnten Sie denn – ohne vorherige Lektüre des Textes – die Verbindung zur Episode aus der „Odyssee“ nachvollziehen, in der die Gefährten des Helden von der Zauberin Kirke in Schweine verwandelt werden, was Jelinek mit den Feiern in Ischgl in Verbindung bringt? Und bringt Ihrer Meinung nach diese raum- und zeitübergreifende Schweinerei das Stück beziehungsweise die Inszenierung weiter?

SUSANNE HUGGETT Die Einbeziehung der Orgie der Antike mit der Verwandlung in Schweine durch die Zauberin Kirke verstärkt das Bild der Zügellosigkeit im Après-Ski in Ischgl. Bis ich ein Buch mit Fotos aus dem Frühjahr 2020 in Ischgl vor einigen Monaten gesehen habe, konnte ich mir die Partyszene dort nicht vorstellen. Gleichzeitig kritisiert Jelinek unsere heutige Massentierhaltung, die ja auch ein Zeichen der Zügellosigkeit ist, wenn reichlicher (und damit auch ungesunder) Fleischgenuss zu Tiefstpreisen und auf Kosten der Natur stattfindet. Insofern sehe ich hier eine Weiterentwicklung der Gesellschaftskritik in der Antike in die heutige Zeit.

DETLEV BAUR Gedanklich leuchtet mir das auch ein. Ich sehe in der Deutlichkeit des Bildes vom Menschen als Schwein bei der gleichzeitigen Ambivalenz dieses Bildes – da das Schwein sowohl dreckiger Täter als auch Opfer von dreckigen Machenschaften der Mitmenschen ist – eine so klare wie allgemeingültige Botschaft in Jelineks Text. Durch die Verbindung von der Antike bis ins Heute schafft Jelinek zugleich eine gleichsam historische Verankerung dieser These und lässt dabei assoziative Fäden schießen – streng genommen werden hier ja weniger historische Fakten, sondern die gegenwärtige Nachrichtenlage und eine altertümliche Erzählung miteinander kombiniert. Wie aber ging die Inszenierung damit um? Sobald die Schweineöhrchen oder -masken ins Spiel kamen, wurden die schillernden Figuren konturierter, der Hauch einer Geschichte erkennbar. Ein Höhepunkt war für mich, als die beiden Ski-Schweine-Haserln (Angelika Richter und Julia Wieninger) ihre Amazon-Päckchen aufrissen, den Inhalt gierig ergriffen oder schnell beiseitelegten und für sich und die anderen Hüttenmenschen Datenbrillen herausfischten. Insgesamt blieben die tollen Darsteller oft aber etwas blass. Eva Mattes tänzelt zwar vielsagend ambivalent als Zauberin durch die Hütte, aus der zunehmend ein Schlachthaus wird, deutet eine Figur aber allenfalls an, von Ernst Stötzners Odysseus-Gestalt hätte ich gerne mehr gesehen; auch Maximilian Scheidt, tendenziell als Typ faschistoider Bergbub, und Josefine Israel, etwa als Frau für die ernsten Töne, machen ihre Sache tadellos und doch ein wenig unbestimmt.

SUSANNE HUGGETT Ich denke auch, das Eva Mattes ihr Potenzial nicht voll ausgeschöpft hat. Ich frage mich aber, ob sie es auf der Basis der Vorlage von Jelinek gekonnt hätte. Bei dieser Inszenierung kann ich keine Aspekte auf-zählen, die ich vermisst habe. Jelinek zeichnet eine schwere Krise, die verschiedene Ursachen hat. Einerseits gibt es die Bedrohung von außen in Form der Pandemie, andererseits die Krise der Demokratie mit Spaltung der Gesellschaft, zunehmender Polarisierung unter anderem durch Extremisten und nicht zuletzt die Zerstörung der Natur/ Umwelt, die unsere Lebensgrundlage ist. Indem sie uns diese existenziellen Themen auftischt, sind wir gefordert, weiterzudenken und zu handeln.

DETLEV BAUR Mit dieser Deutung bin ich bezogen auf die Textvorlage ganz einverstanden. Ich bin aber überzeugt davon, dass der Dramentext eine andere Entfaltung der Darstellerinnen und Darsteller erlaubt hätte. Jedes Drama und besonders jede „Textfläche“ von Jelinek bietet zahlreiche, ja unendliche Möglichkeiten der szenischen Umsetzung. Und die war mir – gerade angesichts der einschneidenden Krise, die im Stück verhandelt wird – zu routiniert. Ein schönes, sprechendes und zugleich klingendes Bild bot Lars Rudolph (der zuvor meist den durchgeknallten Arzt-Außenseiter gab), als er hinter einer Schweinsmaske mit Lukas Fröhlich ein ergreifendes Trompetenstück spielte. Ist Ihnen auch eine Szene aus den drei Stunden besonders in Erinnerung geblieben?

SUSANNE HUGGETT Da kann ich die Szene mit „Manipulationen“ verschiedener Schauspieler an einer real wirkenden großen Schweinehälfte nennen – sowohl im gesamten Raum als auch auf einem Tisch, der ja auch ein Krankenbett oder eben eine Schlachtbank war.

DETLEV BAUR Möchten Sie als Expertin im Bereich Infektionskrankheiten ein resümierendes Schlusswort zu dieser Coronainszenierung sprechen?

SUSANNE HUGGETT Jelinek hat das Thema Covid-19-Pandemie als aktuellen Anlass für die Überlebensprobleme von Mensch, Tier, Natur/Umwelt gewählt. Als Ärztin insbesondere mit dem Schwerpunkt Infektionskrankheiten weiß ich, dass die Erkenntnis über die großen Risiken durch Infektionen (zum Beispiel durch multiresistente Bakterien) für unser Überleben nicht neu ist. Es gibt Hochrechnungen eines englischen Ökonomen (Lord Jim O’Neill), dass multiresistente Erreger zukünftig vermutlich nicht mehr mit Antibiotika behandelbar sind und deshalb im Jahr 2050 zehn Millionen Menschen weltweit an Infektionskrankheiten sterben werden. Die weltweite Gefährdung durch die Pandemie ist aus meiner Sicht die Spitze des Eisbergs. Darunter lauern weitere Gefahren: Jelinek sieht vermutlich Infektionen lediglich als einen Teil unserer oben bereits aufgeführten Probleme, die vor allem das gesellschaftliche Miteinander betreffen. Sie gibt ihren Zuschauern einen schweren Rucksack mit nach Hause.

UNSERE GESPRÄCHSPARTNERIN

DR. MED. SUSANNE HUGGETT war bis 2020 Leitende Krankenhaushygienikerin der Asklepios Kliniken in Hamburg sowie der Asklepios Kliniken bundesweit. Bis 2019 war sie Mitglied in der Kommission Hygiene der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG, Berlin). Sie ist Mitglied in diversen Fachgesellschaften (DGHM, DGKH, PEG und DGP). Mit der Zunahme resistenter Erreger etablierte sie bereits 2004 das erste Epidemiologische Netzwerk MRSA in Deutschland und setzte dann den Fokus auf die Reduktion der Resistenzentwicklung durch Implementierung von Antibiotic Stewardship in den Asklepios Kliniken bundesweit. Sie leitete organisatorisch und wissenschaftlich die Kongresse für praktische Krankenhaushygiene und Infektionsprävention 2014, 2016 und 2018.