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»DIE SPRACHE DER MUSIK ist nicht von dieser Welt«


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drums & percussion - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 09.02.2022

DRUMMER

Artikelbild für den Artikel "»DIE SPRACHE DER MUSIK ist nicht von dieser Welt«" aus der Ausgabe 2/2022 von drums & percussion. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Den gebürtigen Marokkaner, der schon lange in Deutschland lebt, kennt man vor allem als Percussionisten an der Seite von Sting. In der letzten Zeit ist jedoch so einiges mehr passiert – unter anderem Dinge, die er noch nie zuvor gemacht hat…

Rhani, wie hast du die zwei Jahre fast ohne Gigs verbracht?

Es sind natürlich viele schöne Projekte ins Wasser gefallen oder verschoben worden. Natürlich gab’s da am Anfang auch Panik. Das Letzte vor der Pandemie war die Tour mit Dominic Miller [Gitarrist von Sting], die wir allerdings abbrechen mussten. Dann war ich erst mal zu Hause, und die Zeit wollte ich auch bewusst mit der Familie nutzen. Durch diese Situation haben sich aber andere Dinge ergeben, zum Beispiel das Beethoven-Duoprojekt mit der Pianistin Inga Fiolia und Sachen mit Lilo Scrimali [u. a. Keyboarder der Fanta 4]. Dazu kamen Online-Unterricht und -Workshops. Zum Beispiel haben sich ...

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... Unternehmen gemeldet, die für ihre Manager Percussionkurse buchen wollten. So was hatte ich noch nie gemacht. Den Online-Unterricht mit herunterladbaren Videos möchte ich künftig ausbauen, denn dazu hatte ich bislang nie die Zeit. Live-Streams hatte ich bis dato auch noch nie gemacht. Mit Sarah Connor gab’s für die Tour, die hoffentlich im März stattfinden wird, hier und da Proben. Auch Sting wollte für sein neues Album im letzten Sommer ein paar Dinge ausprobieren und brauchte dafür, wie er sagte, »rhythmische Inspirationen«. So was hatten wir auch für das »57th & 9th«-Album schon gemacht – damals in seinem Wohnzimmer [lacht] in seinem »Lake House« in England. Die Zimmer sind alle unsichtbar verkabelt, sodass man jederzeit aufnehmen kann.

MEIN MUSI- KALISCHER STAMM IST IN MAROKKO, ABER DIE ÄSTE DURFTEN SICH ÜBERALL HIN VERZWEIGEN

Sting ist also nach wie vor eine feste Größe in deiner Welt…

Ja, und ich bin dankbar, dass er mich im Blick hat, wenn er an Percussion denkt. Im Oktober haben wir ein Konzert im Panthéon in Paris gespielt, worauf ich sehr stolz bin. Bereits 2016 kam eine gemeinsame Tour mit Peter Gabriel zur Sprache: Wir waren bei Sting im Wohnzimmer – und herein kam Peter Gabriel. Ich saß da und bekam den Mund nicht mehr zu [lacht]. Dann haben wir zusammengespielt, und so war ich auf einmal auf der »Rock, Paper, Scissors«-Tour der beiden, die bislang aber nur in den Staaten stattgefunden hat. Europa-Dates sind in Planung.

Auch mit Prince hast du kurz vor dessen Tod gespielt?

EQUIPMENT

Latin Percussion: Congaset »Classic« (11˝, 11,75˝, 12,5˝), Djembe 12,5˝ »Classic«, Bongos »Classic«, Tamboura, Surdo, Cajate-Bracket, Bells, Blocks, Shakers und Tamburine (verschiedene), Chimes und andere Sounds, Percussiontisch

Remo: Darbuka, Felle für Congas, Bongos, Djembe, Snare und Toms, Spring Drums

Schlagwerk: Cajinto Skinwood, Cajon Fineline Comfort Mokka, Cajon Precise OS EVO Black, Buzz Board XL, Skin Udu L

Becken: Zildjian

18˝ und 20˝ »Constantinople«

10˝ »A Custom«

6˝ »Avedis«-Splash

13˝ »K«-Hihat

Sticks/Rutes/Mallets: Vic Firth

Elektronik: Roland SPD-SX-Sampling-Pad und KT-10-Pedale

Drums: Pearl (Hybrid-Set-up, Hardware, Pedale, Cable-Hihat, Snares und Toms)

Mikros: Sennheiser Kopfhörer: Ultrasone

Ja. Das war der Wahnsinn! Ich war in L. A. zu Aufnahmen und habe ein Instrument im Studio stehen lassen. Eine Freundin, die dort arbeitete, erzählte mir, dass Prince die Trommel genommen und zum Spaß darauf gespielt habe. Diese Freundin meinte zu ihm, dass das zwar gut sei, aber der Besitzer der Trommel es doch etwas besser könne [lacht]. Na ja, so kam eins zum anderen, und ich wurde zu einem seiner Hauskonzerte eingeladen. Prince selbst hat die Tür aufgemacht. Ich war baff! Spät abends fand das Konzert statt – Prince war ja ein Nachtmensch. In seinem ›Keller‹ waren ein Kino und ein großer Partyraum, wie ein Club. Eine tierische Band! Irgendwann rief er mich auf die Bühne, und ich habe mitgejammt. Es war unglaublich, und Prince ist vor Begeisterung fast ausgeflippt. Ich war fertig [lacht] und wusste nicht, was da passiert! Anschließend war ich für eine Produktion in Vietnam und bekam kurz vor Weihnachten eine Mail von ihm, ob ich bei einem seiner Last-Minute-Konzerte mitspielen wolle – das war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe.

DISKOGRAFIE

(aktuelle Auswahl):

Sting: 57th & 9th (2016)

Placido Domingo: Encanto Del Mar (2014)

Sarah Connor: Muttersprache (2015, CD/DVD), Herz Kraft Werke (2019)

Al Di Meola: Elysium (2015), Opus (2017)

Dominic Miller: 5th House (2012), AdHoc (2013)

Eda Zari: Toka Incognita (2011), Entropy (2015), Palimpsest (2021)

Vince Mendoza: Nights on Earth (2011)

Pegasus: Unplugged (2021)

Davon können manche nur träumen…

So was träume ich noch nicht mal – weil’s einfach zu weit weg ist. Ich träume sehr bescheiden, höchstens beim Üben von Sounds und Dingen, die ich besser machen kann [lacht]. Ich halte es da mit Picasso, der mal gesagt hat, dass Kreativität immer da sei – sie müsse dich halt nur bei der Arbeit erwischen [lacht]! Wenn du also kreativ sein willst, setz deinen Popo in den Proberaum und mach’!

Du hast einen sehr weiten Begriff von Percussion mit vielen Einflüssen. Wie baust du dafür deine Hybrid-Set-ups zusammen?

Die sind natürlich auf die Musik zugeschnitten. Percussion ist ja nicht nur ein Instrument, sondern die individuelle Zusammensetzung von solchen, die ihren Sinn erfüllen. Manchmal ist das Set-up ganz klassisch mit ein paar Überraschungen, manchmal etwas üppiger. Cajon, Darbuka, Congas, Djembe, Rahmentrommeln, Blocks und Glocken sind eigentlich immer dabei. Ich fühle mich wie ein Baum: Mein musikalischer Stamm ist in Marokko, aber die Äste durften sich überall hin verzweigen. Es ist einfach zu schade, all diese Inspirationen nicht mitzunehmen. Mein Set-up soll also meine Visitenkarte sein. Dabei bin ich offen und dankbar für alles. Auch mein Spiel selbst muss technisch zwangsläufig unkonventionell sein, denn durch das Set-up bin ich gezwungen, ständig zu wechseln: Wenn ich die Klangfarbe verändern will, muss ich alles verändern – ständig in einer kreativen Unabhängigkeitsschleife.

ICH BIN DANKBAR, DASS STING MICH IM BLICK HAT, WENN ER AN PERCUSSION DENKT

Inwiefern sprechen die großen Acts da mit?

In dieser Liga wird nicht gefragt, was du machst. Das macht die Arbeit allerdings schwerer. Du bist zwar frei, aber innerhalb dieser Freiheit hast du große Verantwortung. So lange nichts gesagt wird, ist alles perfekt. Du musst deine Musik grundsätzlich so vorbereiten, dass alles Sinn hat; allerdings musst du auch immer zwei, drei Alternativen im Ärmel haben. Alles geht von Frontmann oder -frau aus, und deswegen muss ich ihn oder sie immer im Auge haben, und zwar zu hundert Prozent! Am Anfang sind die Proben bei Sting zum Beispiel immer megaleise, damit man alles hören kann. Es geht um Selbstlosigkeit und darum, durch sein Spiel die anderen gut klingen zu lassen. Das ist die Kunst – und das Ganze garnierst du mit einem Lächeln. Das gibt jedem Sicherheit. Das Anstrengende an einem Konzert ist nicht so sehr das Spielen, sondern das Aufrechterhalten dieser Verbindungen. Es geht schließlich um die Gesamtaussage, die Message. Wenn ich überhaupt etwas verstanden habe in meinen bescheidenen Karrierejahren, dann ist es das!

BIOGRAFIE

Rhani Krija wurde 1971 in Essaouira, Marokko, geboren und wuchs dort auf. Mit 20 kam er zum Studium der Elektrotechnik nach Deutschland, wo er seither lebt. Einflüsse seiner Kindheit, zum Beispiel die Gnawa-Kultur, prägen seine Arbeit bis heute. Ende 2002 wurde Krija auf Empfehlung von Manu Katché von Sting engagiert und ging mit ihm auf Welttournee. Seitdem ist er als Percussionist von Sting auf internationalen Tourneen und im Studio dabei. Dazu kamen Auftritte mit Herbie Hancock, Chick Corea, Mary J. Blige, Craig David, Manu Katché, Branford Marsalis, Annie Lennox, Placido Domingo, Sean Paul, Black Eyed Peas, Shaggy, Joe Zawinul, BAP, Xavier Naidoo, Herbert Grönemeyer, Charlie Mariano, Klaus Doldinger, Sarah Connor, Prince, Peter Gabriel u. v. m.

Nicht nur dein kraftvoller Sound, sondern auch deine Spieltechnik ist ziemlich eigen. Woher kommt das?

Na ja, viel Kraft steckt da nicht drin. Darbuka und die Metallkastagnetten waren die ersten Instrumente, die ich in Marokko gespielt habe. Davor hatte ich gar keine, sondern habe auf allem möglichen getrommelt: Olivenöldosen, Tischplatten, Autos auf der Straße usw., die natürlich ziemlich hart waren. Damit habe ich zu Schallplatten und Radio gespielt. Aufklärung in Sachen Spieltechnik gab’s keine. Heute ist das anders, aber viele sind dieser technischen Schiene verfallen und finden nicht zur Musik zurück. Songs stimmig zu begleiten, das hatte für mich immer mehr Sinn als leere Virtuosität. Guter Sound – wie er damals aus dem Radio kam – war und ist für mich alles, und Sound entsteht im Kopf, bevor die Finger damit klarkommen. Mit den Fingern erfüllst du also die Erwartung deiner Ohren, und wenn’s nicht klappt, dann übst du eben weiter! Meine erste Begegnung mit einem echten Instrument – einem, das tatsächlich dazu gedacht ist, dass man drauf spielt – war in der Schule. Da war ich etwa 13 und das war für mich wie eine Geburt!

ES GEHT DARUM, DIE ANDEREN GUT KLINGEN ZU LASSEN – UND DAS GANZE GARNIERST DU MIT EINEM LÄCHELN

Deine Spieltechnik ist also eine Eigenentwicklung?

Ja, das kann ich hundertprozentig so sagen [lacht]. Ich habe immer Wege gefunden, Dinge möglichst natürlich umzusetzen. Ein Grundsatz war und ist, gute Soundqualität mit wenig Energieeinsatz zu erreichen. Das vermittele ich auch im Unterricht und bei Workshops. Natürliche Eleganz kann man am besten von Frauen lernen [lacht] – Männer müssen ja immer gleich eine Mauer bauen! Atmung und Lockerheit sind wesentlich. Jede unnötige Spannung im Körper stört den Energiefluss. Manchmal reicht es auch schon, sich einfach ans Lächeln zu erinnern. Nur so entsteht schlussendlich ein persönlicher Sound – den man allerdings auch akzeptieren muss. Wenn mich heute daran jemand erkennt, bin ich glücklich. Ein besseres Kompliment will ich in diesem Leben nicht!

SOUND ENTSTEHT IM KOPF, BEVOR DIE FINGER DAMIT KLAR-KOMMEN

Du verstehst Musik auch als eine Art von Heilung?

Ja, sicher. Warum gehen denn Menschen immer wieder ins Konzert? In der Gnawa-Musik meiner Geburtsstadt geht es auch um Trance. Ich habe mitgemacht, mir hat’s gutgetan, und ich konnte es nicht erklären. Das kam erst, als ich nach Deutschland kam, denn hier muss man alles bezeichnen. Das war in Marokko anders: Musik ist keine reine Unterhaltung, sondern dient auch der Heilung – sowohl für die Musiker als auch das Publikum. Auf der Musikerseite ist man, wenn man ein Talent hat, auserwählt, muss sich dieser Verantwortung stellen und hart dafür arbeiten. Ich für meinen Teil muss einfach spielen – die Leute heilen. Die Sprache der Musik ist nicht von dieser Erde und wartet nur darauf, durch Musiker und Publikum benutzt zu werden. Welches Projekt es ist, das ist egal! Dass das alles fehlt, merkst du jetzt in der Pandemie ganz deutlich, und dieser Energiefluss lässt sich online kaum nachvollziehen. Livemusik ist ein Heilmittel!

Text: Ingo Baron

NETZ www.rhanikrija.com