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Die Spur des Berglöwen


Ein Herz für Tiere - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 13.12.2019

Durch die kanadischen Rocky Mountains streifen noch immer Luchse, Pumas und Wolfsrudel. Im Winter stoßen Skifahrer manchmal auf ihre Spuren im Schnee


Artikelbild für den Artikel "Die Spur des Berglöwen" aus der Ausgabe 1/2020 von Ein Herz für Tiere. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Ein Herz für Tiere, Ausgabe 1/2020

AUF LEISEN SOHLEN In Alberta leben Pumas – doch die Menschen hier haben keine Angst vor ihnen


BERGPANORAMA Der Cone Mountain (deutsch „Kegelberg“) ragt über dem Bryant Creek empor


IM HERZEN KANADAS Der Banff-nationalpark liegt in der Provinz Alberta, nordwestlich von Calgary


Wie weit sind die Wölfe? Laura Rance reckt die Antenne ihres Empfangsgeräts noch höher, aber es ertönt kein Signalton. Es ist früh am Morgen in den kanadischen Rocky Mountains und im ...

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... Banff- Nationalpark herrscht eine fast unheimliche Stille. Nur einige hundert Meter von hier sucht eine Gruppe Wapiti-Hirsche unter der Schneedecke nach Fressbarem. Hinter ihnen ragt das majestätische Felsmassiv des Mount Rundle auf. „Die Wölfe können nicht weit sein“, sagt die Parkrangerin. Erst vor wenigen Tagen wurde das Rudel hier in der Gegend gesehen. Rance kann mit ihrem Ortungsgerät die Wölfe aus einiger Entfernung aufspüren. Eines der Tiere trägt ein Funkhalsband. Jetzt im Winter kommen die Beutegreifer dem kleinen Städtchen Banff manchmal ganz nah. „Wir müssen die Hirsche immer wieder selbst aus dem Zentrum treiben“, sagt Rance. „Sie wähnen sich in der Nähe des Menschen in Sicherheit.“

Verschneiter Zauberwald

Doch der Eindruck trügt. Durch den Banff-Nationalpark streifen noch immer Wölfe, Luchse und Pumas. Wer auf den Langlaufpisten des Schutzgebiets den Winterwald erkundet, stößt bisweilen auf ihre Fährten im Neuschnee. Je weiter man auf Skiern ins Innere des UNESCO-Welterbes im Westen der Provinz Alberta vorstößt, umso dichter rückt der verschneite Zauberwald an die Piste und hat einen bald ganz verschluckt. Nur Bärenspuren sucht man vergeblich. Die Grizzlys und Schwarzbären halten in der kalten Jahreszeit Winterruhe. Der Banff-Nationalpark ist der älteste und meistbesuchte Nationalpark Kanadas. Mehr als vier Millionen Touristen kamen im letzten Jahr her. Der ungeheure Besucherstrom stellt Naturschützer und die Parkverwaltung vor gewaltige Herausforderungen. Im Hochsommer drängen sich auf den Busparkplätzen und Aussichtspunkten Reisegruppen aus aller Welt. Selbst auf entlegeneren Wanderwegen herrscht dann Hochbetrieb. Im Winter bevölkern in- und ausländische Gäste die Abfahrtspisten der Skigebiete, die zu den beliebtesten Kanadas gehören. „Mit der Anzahl der Besucher steigt auch das mögliche Konfliktpotenzial mit Wildtieren“, sagt Saundi Norris. Die Biologin ist im Nationalpark zuständig für das Zusammenleben von Mensch und Tier. Meist klappt das reibungslos. Doch gerade im Winter, wenn Eis und Schnee die tierischen Bergbewohner auf der Suche nach Nahrung ins Tal und in die Nähe menschlicher Siedlungen zwingen, kommt es manchmal zu unheimlichen Begegnungen. Ein Vorfall wie 2001, als ein Puma eine Langläuferin tötete, gilt jedoch als absoluter Ausnahmefall. „Wir haben hier Jahr für Jahr Hunderte positive Begegnungen mit Wildtieren“, sagt Norris, „aber diejenigen, die es in die Schlagzeilen schaffen, sind leider immer nur die negativen.“ Dass Menschen ins Visier der Berglöwen geraten, ist äußerst selten. In den letzten hundert Jahren gab es nach offiziellen Angaben nur 25 tödliche Puma-Angriffe in ganz Nordamerika. Rund um Banff führen Wildkorridore oft in der Nähe von Supermärkten, Schulen und Kindergärten vorbei. Panisch wird hier beim Auftauchen von Wölfen und Pumas aber niemand. Ihre Fährten werden im Winter von Norris’ Mitarbeitern gezählt und ausgewertet. „Manchmal sind wir auch auf Skiern im Hinterland des Nationalparks unterwegs und zeichnen dort die Wildspuren auf“, berichtet die Biologin. „Ich liebe es, da draußen in der Wildnis zu sein!“ Anders als auf den Abfahrtspisten der drei Skigebiete, die im Park liegen, herrscht auf den Langlaufloipen kaum Andrang. Noch weniger Wintersportler zieht es in den Yoho-Nationalpark jenseits der Grenze zu British Columbia.


Hunderte positive Treffen zwischen Mensch und Tier


WASSERVOGEL Die farbenfroh schillernden Büffelkopfenten leben ausschließlich in Nordamerika


LANGSCHLÄFER Grizzlys zeigen sich nur in der warmen Jahreszeit – sie halten gerade Winterruhe


Gefiederte Wintergäste

Das wilde Bergpanorama von Kananaskis Country, dem Parksystem im Südwesten Albertas, war bereits Kulisse für großes Kino. Hier wurden Teile von „Brokeback Mountain“ und „The Revenant“ gedreht. Naturliebhaber haben in Kananaskis die Winterwunderwelt der Rocky Mountains ganz für sich allein. Wer es abenteuerlich mag, kann sich hier eine eigene Route von Hütte zu Hütte zusammenstellen, die die Kanadier „Backcountry Huts“ nennen. Einige der Unterkünfte sind im Winter nur auf Skiern zu erreichen. Auf dem Bryant Creek Trail im Spray Valley umgibt den einsamen Langläufer eine schneeflockenumsäuselte Stille. Etwa anderthalb Stunden südlich von Banff trifft man – wenn überhaupt – auf nur wenige gleichgesinnte Skifahrer, denen Natur allein für den perfekten Winterausflug genügt. Am Pistenrand warnen Schilder vor Bären: Im Sommer sollten sich Wanderer hier in Acht nehmen. Der winterliche Besucher kann die Hinweise jedoch getrost ignorieren. Bestenfalls wird ihm hier ein Kojote oder ein Elch begegnen. An diesem Wintermorgen ist es aber ganz still im Bergwald. Von Weitem ist nur das leise Glucksen von Tannenhühnern zu vernehmen – sonst nur das Flüstern des Schnees, der von überladenen Zweigen fällt, und das Knirschen der Skier. Fast lautlos plätschert der dunkle Bryant Creek, vorbei an filigranen Eis- und Schneeinseln, dem alles überragenden Cone Mountain entgegen. Der hochherrschaftliche Berg sieht von hier wie eine Pyramide aus, an der ein riesiger Grizzly seine mächtigen Pranken gewetzt hat. Eine einsame Büffelkopfente zieht im noch eisfreien Bach ihre Kreise. Aus den Baumwipfeln am Ufer grüßt sie ein Schwarm Seidenschwänze. Wie das Entlein sind die hübschen Singvögel mit der spitzen Federhaube Gäste aus dem hohen Norden. Im Frühjahr kehren sie zum Brüten in die Taiga zurück. Die Loipe führt immer weiter in die Waldeinsamkeit zum feierlich stillen Watridge Lake. Sein im Sommer türkisblaues Wasser hat sich längst in eine blendend weiße Schneefläche verwandelt. Noch eindrucksvoller ist der langgestreckte Marvel Lake mit dem matterhorngleichen Mount Assiniboine als Wächter.

TIERISCHER AUSFLUG Wer nicht Skifahren kann oder mag, kann in Kanada auch mit dem Hundeschlitten fahren


PFLANZENFRESSER Dickhornschafe sind friedfertige Bewohner der Rocky Mountains


Spektakuläre Beobachtungen

Irgendwann verliert sich die Skispur im Neuschnee und der Entdecker muss sich seinen eigenen Weg durch die Wildnis bahnen. Wer von der Weltabgeschiedenheit nicht genug haben kann, mietet sich eine Nacht in der Schutzhütte von Bryant Creek ein oder schlägt sich über den Wonder-Pass nach British Columbia durch. Weniger Abenteuerlustige nehmen mit der urgemütlichen Mount Engadine Lodge vorlieb. Hier kann man sich nach einer anstregenden Skitour nicht nur am Kaminfeuer aufwärmen, sondern wird auch fürstlich bekocht. Von der Terrasse blickt man auf ein Gebirgstal mit einer Kette an Dreitausendern als Rückgrat. „Fast jede Nacht haben wir hier Elche zu Besuch“, verrät Lodge-Mitarbeiter Nick Kostiuk. „Im Herbst konnten wir sogar ein Rudel Wölfe beobachten, das mit einem Grizzly um seine Beute kämpfte.“ Angst vor den Räubern vor seiner Tür hat der 25-Jährige nicht. „Ich habe vor einem ausgewachsenen Elch sehr viel mehr Respekt.“ Wenn bei Nacht Wolfsgeheul von den umliegenden Berghängen tönt, kriecht ein Schauer unter die wohlig warme Bettdecke. Ist das Knacken, das da gerade draußen zu vernehmen war, etwa ein Elchbulle oder gar ein Puma? Morgen in aller Frühe werden es die Spuren im Schnee verraten. Dann steht ein neues Skiabenteuer an. Wie tröstlich, dass wenigstens alle Grizzlys momentan schlafen.


Wolfsgeheul ertönt von den umliegenden Berghängen


Fotos: Destination Canada (3), Getty Images, Ram Malis, Shutterstock