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Die Stärke der Empfindsamen


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Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 07.10.2022

GENE UND ERZIEHUNG

Im September 1995 berichtete der kalifornische Kinderarzt und Psychologe Thomas Boyce über einen überraschenden Befund. Zusammen mit neun Kolleginnen hatte er untersucht, wie Stress und Atemwegsinfekte zusammenhängen. Im Zentrum der Arbeit stand die These, dass stressempfindliche Menschen in einem belastenden Umfeld leichter erkranken.

Als Versuchspersonen dienten dem Forschungsteam 137 Vorschulkinder in vier verschiedenen Kindertagesstätten. Um festzustellen, welche der Kleinen besonders stressanfällig waren, hatte man alle einer Reihe von Tests unterzogen. So sollten sie beispielsweise ein Konstrukt aus Holzklötzchen nachbauen, das sie nur kurz gesehen hatten, oder sich eine lange Abfolge von Ziffern merken. Manche Kinder blieben eher gelassen, bei anderen stiegen vor Aufregung Blutdruck und Puls stark an. In den folgenden sechs Monaten registrierte eine Krankenschwester ...

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Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 11/2022

UNSER AUTOR Frank Luerweg ist Biologe und arbeitet als Wissenschaftsjournalist in Lüneburg.
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... penibel, welche der jungen Probanden einen Husten oder Schnupfen bekamen.

Wichtig dabei: Die vier Kitas unterschieden sich extrem in ihrer Qualität. In manchen waren die Räume schlecht ausgestattet, die Zahl der Betreuungspersonen zu niedrig, und diese wechselten zudem oft. Insgesamt waren die Kinder dort mutmaßlich mehr Stress ausgesetzt als in den besseren Tagesstätten. Tatsächlich wurden in den schäbigeren Einrichtungen die von vornherein eher dünnhäutigen Mädchen und Jungen signifikant öfter krank als alle anderen. Die Resultate bestätigten also die These. Unerwartet dagegen: In den schönen Kitas mit fürsorglichen Bedingungen hatten ausgerechnet die »Sensibelchen« am seltensten eine Erkältung!

Schon länger hatte man angenommen, dass es individuelle Merkmale gibt, welche die Stressanfälligkeit erhöhen. Belastungen führen bei den Betroffenen zu einer starken biologischen Stressantwort mit diversen physiologischen Veränderungen, die auf Dauer verschiedene körperliche sowie psychische Erkrankungen fördern sollen. So kommt laut dem weithin akzeptierten »Vulnerabilitäts-Stress-Modell« meist beides zusammen, wenn etwa eine Depression oder eine Angsterkrankung ausbricht: eine genetische oder biografisch erworbene Verletzlichkeit sowie Stress durch belastende Ereignisse. Dass Dünnhäutige unter günstigen Umständen dagegen gesünder als andere sind, sieht das Verletzlichkeits-Paradigma nicht vor. Sollte die gefürchtete Stressanfälligkeit womöglich nicht nur ein Problem sein, sondern auch gute Seiten haben? In den folgenden Jahren kamen einige Beobachtungen hinzu, die in dieselbe Richtung wiesen. Eine starke Reaktion auf Stress schien nicht zwangsläufig mit mehr physischen oder psychischen Problemen einherzugehen, manchmal war sogar eher das Gegenteil der Fall.

Auf einen Blick: Wie dick ist das Fell?

1Manche Menschen scheinen Informationen aus der Umwelt intensiver wahrzunehmen und zu verarbeiten als andere. Die unterschiedliche Sensitivität ist zum Teil genetisch bedingt, zum Teil beruht sie auf frühkindlichen oder gar pränatalen Erfahrungen.

2Hochsensible reagieren empfindlicher auf Belastungen. Andererseits sprechen sie häufig auch stärker auf eine fürsorgliche Erziehung oder auf therapeutische Interventionen an.

3Möglicherweise variiert die Sensitivität je nach Art des Einflusses. Beispielsweise reagieren manche Jugendliche eher auf elterliche Bemühungen, während sich andere vor allem an ihren Freunden orientieren.

Zehn Jahre später, 2005, veröffentlichte Boyce zusammen mit seinem Kollegen Bruce Ellis schließlich eine neue Hypothese. Laut ihr reagieren manche Menschen zwar auf belastende äußere Einflüsse empfindlicher, weshalb sie schneller unter Stressfolgen leiden. Umgekehrt würden sie aber besonders gut auf positive, unterstützende Bedingungen ansprechen und dann besser als alle anderen zurechtkommen. Kurz gesagt: Ob eine hohe Stresssensitivität schade oder nütze, hänge von den Umständen ab. Boyce und Ellis sprachen von einer erhöhten »Sensitivität für den Kontext«.

Zu einem ähnlichen Schluss war zuvor der US-Psychologe Jay Belsky gekommen. Auch er hatte sich gewundert, weshalb die Evolution offenbar recht unterschiedlich sensible Menschen hervorgebracht hat, und bezweifelt, dass eine hohe Sensitivität ausschließlich Nachteile im evolutionären Überlebenskampf hat – oder wie es Belsky recht technisch ausdrückt: »Warum würde die Natur einen Organismus konstruieren, der auf widrige Umwelteinflüsse in einer Form reagiert, die seine Funktion gefährdet?«

Die Zarten sind die Schönsten im Garten

Boyce und Ellis kleideten ihre Idee in zwei eingängige Metaphern, die dem schwedischen Volksmund bereits geläufig waren. Die robusten Löwenzahnkinder gedeihen selbst ohne besondere Aufmerksamkeit oder Fürsorge, ganz ähnlich wie die namensgebende Pflanze. Menschen vom »Orchideen«-Typ dagegen benötigen viel Hege und Pflege, um seelisch nicht zu verkümmern. Bei guter Fürsorge erblühen sie aber in großer Pracht. Eigenschaften, die dünnhäutig machen, könnten demnach nicht nur ein Handikap darstellen, sondern gleichzeitig ein Pfund, mit dem sich wuchern lässt – vorausgesetzt, die Umstände stimmen. Der Theorie zufolge profitiert eine Population davon, wenn es eine Mischung beider Typen gibt: die Sensitiven, die sich in sicheren Zeiten trefflich entwickeln und zudem lebensbedrohliche Situationen dank ihres Gefahrenbewusstseins eher überstehen. Und die Dickfelligeren, die zwar manches Risiko womöglich gar nicht wahrnehmen, sich aber dafür nicht unnötig Gedanken machen. Tatsächlich sprechen Menschen, die sehr empfindlich auf widrige Erfahrungen reagieren, oft ausgesprochen gut auf therapeutische Interventionen an. »Sie sind offener für positiven Input«, erklärt Marian Bakermans-Kranenburg, die an den Universitäten Leiden und Amsterdam zu Erziehung und kindlicher Entwicklung forscht. In einem Experiment untersuchte die Psychologin, wie eine genetisch bedingte psychische Anfälligkeit und Erziehungseinflüsse miteinander wechselwirken. Dabei konzentrierte sie sich auf ein Gen, das die Bauanleitung einer Andockstelle für den Neurotransmitter Dopamin enthält, den DRD4-Rezeptor. Bei rund jedem Fünften ist die Gensequenz in bestimmter Weise verändert. Die Betroffenen besitzen im Gehirn dadurch eine Rezeptorvariante (unter dem Kürzel 7R bekannt), an die der Botenstoff schlechter bindet.

Dopamin spielt im Gehirn eine zentrale Rolle. In etlichen Studien war aufgefallen, dass die 7R-Variante mit einer erhöhten Anfälligkeit für Verhaltensstörungen einhergeht. Statistisch gesehen sind Menschen mit dem 7R-Subtyp schon als Kleinkinder tendenziell impulsiver, hyperaktiv, auffallend bockig oder gar aggressiv. Allerdings gilt Letzteres laut Bakermans-Kranenburg nur, wenn sie wenig feinfühlig erzogen werden. So sind manche Mütter oder Väter beispielsweise nicht dazu in der Lage, die kindlichen Signale korrekt zu interpretieren, und reagieren schnell genervt, barsch sowie lieblos.

Die Entwicklungspsychologin begleitete eine Reihe auffälliger Ein- bis Dreijähriger und ihre Familien über mehrere Jahre hinweg. Ein Teil der Mütter erhielt dabei eine sechsmonatige Schulung, in der sie lernten, einfühlsamer mit dem Nachwuchs umzugehen. Das Benehmen ihrer Sprösslinge verbesserte sich in den kommenden 24 Monaten, und zwar dann besonders stark, wenn die Kinder über die 7R-Variante verfügten. Fazit: Dieselbe Veranlagung, die das schwierige Verhalten begünstigt hatte, sorgte augenscheinlich dafür, dass die Kleinen gut auf den nun positiven mütterlichen Erziehungsstil ansprachen. Dopamin steuert unter anderem die Aufmerksamkeit. »Kinder mit der 7R-Variante leiden etwas öfter unter der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung«, sagt Bakermans-Kranenburg. »Menschen mit ADHS scheinen stärker auf kleinere Änderungen in ihrer Umgebung zu achten und sich von ihnen ablenken zu lassen.« Mit ihren empfindlichen Antennen registrie- ren sie alles, was um sie herum passiert. Vielleicht ist das der Grund, warum schon kleinere Negativerfahrungen sie erstaunlich tief verletzen können. »Umgekehrt kann die gesteigerte Empfindlichkeit aber dafür sorgen, dass sie positive Signale stärker wahrnehmen«, betont die niederländische Wissenschaftlerin: »Haben Kinder eine feine Nase dafür, dass ihre Eltern sie beschützen und wertschätzen, kann ihnen das Stress nehmen.«

Empfänglich für Feedback

Tatsächlich scheinen Jungen und Mädchen mit der 7R-Variante in anderen Situationen ebenfalls im Vorteil zu sein. Die Leidener Kognitionsforscherin Cornelia Kegel etwa untersuchte vor einigen Jahren Vorschulkinder, die mit einem Computerprogramm lernen sollten, Buchstaben voneinander zu unterscheiden. Manche erhielten eine differenzierte Rückmeldung, andere nicht. Wie erwartet, schnitten die Teilnehmer der Feedback-Gruppe beim Abschlusstest besser ab – und am allerbesten die mit dem 7R-Rezeptor. Das stützt die These, dass sie stärker auf Input aus ihrer Umgebung achten. In der Gruppe ohne Feedback landeten 7R-Kinder dagegen auf den letzten Plätzen.

Die Rezeptorvariante 7R macht zwar verletzlich, doch scheint es, als könne sie je nach Kontext nicht nur zum Schlechten wirken, sondern ebenso zum Guten. Bei anderen Erbanlagen ist das möglicherweise ähnlich, etwa bei einer Variante des Serotonin-Transporter-Gens, bei der man seit längerer Zeit eine Verbindung zur Depression vermutet. Auch sie hat nicht nur negative Auswirkungen, wenn man genauer hinsieht.

Der britische Psychologe und Genetiker Robert Keers und sein Team durchkämmten 2016 das komplette Erbgut nach Auffälligkeiten, die mit einer erhöhten Empfindlichkeit gegenüber sozialen Umweltreizen einhergehen könnten. Dazu sah er sich mehr als 1000 eineiige zwölfjährige Zwillingspaare an. Seine Idee: Da die Geschwister identische Erbanlagen besitzen, müssen deutliche Unterschiede zwischen ihnen, etwa was das psychische Wohlergehen betrifft, auf divergierende Erfahrungen in der Familie, in der Schule oder im Freundeskreis zurückzuführen sein. Entweder die Kinder hatten hier extrem Unähnliches erlebt, was eigentlich eher unwahrscheinlich ist, oder aber sie besaßen unterschiedlich empfindliche Antennen dafür.

Tatsächlich stieß Keers auf mehrere tausend Auffälligkeiten im Genom, die statistisch mit besonders großen Unterschieden im emotionalen Befinden innerhalb eines Zwillingspaars korrelierten. Jeder einzelne dieser »Marker« führt vermutlich zu einer leicht erhöhten Sensitivität. Manche tragen stärker dazu bei als andere; vereinfacht gesagt gilt jedoch: Je mehr solche genetischen Marker das Erbgut eines Menschen aufweist, desto empfindlicher reagiert er auf Signale aus seiner Umwelt. Und das wiederum nicht nur zum Nachteil – die Zwillingskinder mit den höchsten Werten sprachen in dieser Studie nämlich am besten auf eine Verhaltenstherapie gegen Ängste an.

Ganz unerwartet ist die Vielzahl der beteiligten Gene nicht: »Persönlichkeitsmerkmale sind in der Regel auch nicht das Resultat eines einzigen Gens, sondern vieler verschiedener Erbanlagen«, betont Michael Pluess von der Queen Mary University in London. »Das scheint bei der Empfindlichkeit gegenüber Umgebungseinflüssen genauso zu sein.« Zusammen mit Galena Roades von der University of Denver und anderen hat er die Sensitivitäts-Marker in einem originellen Zusammenhang getestet: Der Entwicklungspsychologe wollte wissen, ob sie sich auf den Erfolg einer Eheberatung auswirken.

Veränderungsbereitschaft rettet Ehe

An der 2022 publizierten Studie nahmen mehr als 200 verheiratete Männer und Frauen teil. Zum einen gaben sie Speichelproben für einen Gentest ab. Zum anderen absolvierten sie eine mehrtägige Schulung, in der es beispielsweise um Kommunikation in der Ehe, um den Umgang mit negativen Gefühlen und Stress sowie um Spaß und Freundschaft in der Beziehung ging. Versuchspersonen mit laut Genprofil hoher Sensitivität profitierten von der Intervention: Ihre Zufriedenheit mit der Partnerschaft verbesserte sich in den zwei Jahren nach Ende des Programms deutlich. Bei den Unempfindlichen blieb sie dagegen auf demselben Niveau.

Genomweite Analysen wie die von Robert Keers hätten sich bewährt, meint Pluess. Doch er sieht auch ihre Grenzen: »Wenn wir wissen wollen, welche biologischen Systeme für eine höhere Sensitivität verantwortlich sind, müssen wir uns spezifische Gene anschauen, deren Funktion wir kennen.« Ebenso wichtig sind verlässliche Instrumente, mit denen man die Empfindlichkeit von Menschen gegenüber Umweltreizen messen kann. Pluess und sein Team haben daher verschiedene Fragebögen entwickelt (siehe Weblink). Auf ihnen kann man beispielsweise ankreuzen, ob man leicht von Gerüchen oder hellem Licht überwältigt wird, sich durch Musik tief bewegt fühlt, Filme mit Gewaltdarstellungen vermeidet oder von Leuten genervt ist, die viele Dinge auf einmal von einem wollen.

Pluess zweifelt daran, dass sich die Menschheit lediglich in Löwenzähne und Orchideen einteilen lässt. »In meinen Daten finde ich stets drei verschiedene Gruppen: Rund 30 Prozent sind hochsensibel, genauso viele wenig sensibel; daneben gibt es aber 40 Prozent, die sich in der Mitte befinden. Die Verteilung ähnelt einer Glockenkurve mit drei Spitzen.« Zusammen mit Kollegen und Kolleginnen hat der Psychologe dem Blumenbeet der Persönlichkeiten daher im Jahr 2018 eine weitere Pflanze hinzugefügt – die Tulpe: nicht so empfindlich wie die Orchidee, aber auch nicht so robust wie der Löwenzahn.

Jay Belsky, der das Forschungsfeld zusammen mit Thomas Boyce und Bruce Ellis als Erster bestellt hat, ist mit den ursprünglichen Metaphern ebenfalls nicht sonderlich glücklich. »Ich habe die Einteilung in Orchideen und Löwenzähne nie gemocht«, betont er. »Sie suggeriert, dass es zwei Typen von Menschen gibt. Doch selbst beim Geschlecht gibt es nicht nur männlich oder weiblich, sondern Variabilität.« Er begreift Sensitivität als Kontinuum – was angesichts der großen Zahl beteiligter Gene zudem plausibler ist.

Das Bild ist komplex und bei Weitem noch nicht komplett. So scheint die Stressanfälligkeit zwar zu einem guten Teil auf der Genausstattung zu beruhen, ist aber wohl ebenso stark auf frühkindliche oder sogar pränatale Erfahrungen zurückzuführen. »Beide – genetische und Umweltfaktoren – kalibrieren zusammen in der frühen Entwicklung das Stresssystem«, erklären Boyce und Ellis. Und um es noch komplizierter zu machen: Laut ihrer Hypothese könnten sowohl extrem widrige Bedingungen wie frühkindliche Vernachlässigung als auch außergewöhnlich fürsorgliche Umstände die Stressempfindlichkeit erhöhen. Zudem hatte man beobachtet, dass etwa bei rumänischen Waisenkindern, die unter schlimmen Bedingungen aufwuchsen, die Reaktivität nachließ – sie stumpften sozusagen ab.

Wenn Freunde mehr zählen als Eltern

Belsky vermutet darüber hinaus, dass ein und derselbe Mensch nicht zwangsläufig für alle Arten von Einflüssen gleich empfindlich ist. Tatsächlich gibt es erste Studien, die in diese Richtung deuten. Eine davon stammt von der israelischen Nachwuchswissenschaftlerin Noam Markovitch. Zusammen mit dem Verhaltensgenetiker Ariel Knafo-Noam hat sie kürzlich untersucht, wie sensitiv Jugendliche einerseits auf ihr familiäres Umfeld und andererseits auf ihre Peers reagieren. An der Analyse nahmen mehr als 1300 Zwillinge im Alter von elf Jahren teil.

Es kristallisierten sich drei unterschiedliche Gruppen heraus: Manche wurden vor allem durch die Beziehungsqualität zu ihren Eltern beeinflusst; war diese schlecht, entwickelten sie öfter emotionale Probleme. Andere benötigten für ihren Seelenfrieden dagegen in erster Linie ein gutes Verhältnis zu ihren Freunden und Bekannten. Daneben gab es eine dritte Gruppe, die für beide Faktoren gleichermaßen empfindlich war. Das Team fand zudem Anhaltspunkte dafür, dass die Sensitivität gegenüber elterlichen Einflüssen durch andere Gene gefördert wird als die gegenüber Gleichaltrigen. Die Ergebnisse decken sich mit Belskys Daten aus einer 2022 publizierten Studie, an der mehr als 1000 10- bis 15-Jährige teilnahmen. Ein kleiner Anteil der Kinder zeigte sich von Eltern und Peers ganz unterschiedlich beeinflusst. Den Entwicklungspsychologen Dieter Wolke von der University of Warwick in England überrascht dieser Befund nicht: »Wie sehr wir uns an unseren Eltern orientieren oder an Gleichaltrigen, variiert im Lauf des Lebens«, sagt er. »Es gibt zum Beispiel Phasen, in denen wir uns auf keinen Fall genauso anziehen oder dieselbe Musik hören würden wie Mutter oder Vater.« Dass ein und dieselbe Person generell unterschiedlich empfindlich für verschiedene soziale Einflüsse sein kann, hält er zumindest für möglich.

2021 hat Wolke ein großes Projekt durch den Europäischen Forschungsrat bewilligt bekommen. Darin möchte er unter anderem aufdröseln, wie bedeutsam Eltern, Geschwister, Freundinnen oder Freunde für die gesunde Entwicklung sind. Das Team wird sich vor allem auf Frühgeborene konzentrieren, denn sie gelten als besonders sensitiv gegenüber positiven und negativen Umwelteinflüssen. Man darf also gespannt sein, ob es auch unter den jüngeren Kindern schon solche gibt, die sich weniger als andere von den Eltern und dafür vielleicht mehr von Gleichaltrigen beeinflussen lassen. H

QUELLEN

Boyce, W. T., Ellis, B. J.: Biological sensitivity to context: I. An evolutionary-developmental theory of the origins and functions of stress reactivity. Development and Psychopathology 17, 2005

Keers, R. et al.: A genome-wide test of the differential susceptibility hypothesis reveals a genetic predictor of differential response to psychological treatments for child anxiety disorders. Psychotherapy and Psychomatics 85, 2016

Markovitch, N., Knafo-Noam, A.: Sensitivity, but to which environment? Individual differences in sensitivity to parents and peers show domain-specific patterns and a negative genetic correlation. Developmental Science 24, 2021

Pluess, M. et al.: Genetic sensitivity predicts long-term psychological benefits of a relationship education program for married couples. Journal of Consulting and Clinical Psychology 90, 2022

Sayler, K. et al.: Parenting, peers and psychosocial adjustment: Are the same – or different – children affected by each? Journal of Youth Adolescence 51, 2022

Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/2053224 WEBLINK

Ein Team um den Psychologen Michael Pluess hat Fragebögen zum Selbsttest der Sensitivität entwickelt.