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DIE STEINE DER ERINNERUNG


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National Geographic Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 9/2022 vom 26.08.2022
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Bildquelle: National Geographic Deutschland, Ausgabe 9/2022

In Sanaa, der Hauptstadt des Jemen, bauen Arbeiter das 350 Jahre alte Lehmziegelhaus der Familie Al-Jerafi wieder auf. 2014 nahmen Huthi-Rebellen Sanaa ein; seit 2015 bombardierte eine Koalition unter der Führung von Saudi-Arabien das Land. Vor Kurzem wurde ein Waffenstillstand vereinbart.

IN EINEM STAUBIGEN, ausgetrockneten Wadi stehe ich, den Kopf im Nacken, und lasse das riesige Bauwerk auf mich wirken. Über mir Kinder, ragen präzise behauene Steine 15 Meter hoch in das verblassende Licht des Wüstenhimmels. Sie wurden vor etwa 2500 Jahren so zusammengefügt, Reihe auf Reihe – nahtlos und ohne Mörtel.

Der Staudamm von Marib im heutigen Jemen ist ein Konstruktionswunder der Antike. Seine Ursprünge gehen bis auf das 7. Jahrhundert v. Chr. zurück. Seine Wände aus Lehm und Stein waren einst fast doppelt so lang wie der knapp 380 Meter lange Hoover-Staudamm – der in den 1930er-Jahren in den USA gebaut wurde. Die erhaltenen mächtigen Schleusen waren einst Teil eines ausgeklügelten Bewässerungssystems, das nach saisonalen Regenfällen das Wasser aus dem Hochland in die Wüste steuerte und auf einer Fläche von 9600 Hektar landwirtschaftliche Oasen versorgte. In deren Mitte lag ein blühendes ...

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... Wirtschaftszentrum: Marib, Hauptstadt des antiken arabischen Königreichs Saba, dessen mythische Herrscherin Bilkis als Königin von Saba sowohl in der Bibel als auch im Koran verewigt wurde.

In der Blütezeit der Stadt, die im achten Jahrhundert v. Chr. begann, war der Staudamm der Quell des Reichtums – und der Grund, warum sich der Ort zur florierenden Raststation für durstige Kamele und hungrige Händler entwickelte. Das Königreich im Süden der arabischen Halbinsel profitierte von seiner Lage im Zentrum der sogenannten Weihrauchstraße: Auf der antiken Handelsroute wurden unter anderem Weihrauch und Myrrhe transportiert und gehandelt. Im Karawanenhandel zwischen

Indien und dem Mittelmeer war Saba eine wichtige Etappe. Auf ihrem Weg von Ost nach West verzollte man hier kostbare Güter wie Elfenbein, Perlen, Seidenstoffe und wertvolle Hölzer.

Zeitsprung ins 21. Jahrhundert. Der Reichtum Maribs liegt nun unter dem Sand des gleichnamigen Regierungsbezirks und besteht aus Erdöl- und Gasvorkommen. Das machte die Stadt zu einem wichtigen Ziel in einem Krieg, der seit acht Jahren den Jemen zerreißt. Die Metropole Marib liegt an vorderster Frontlinie und gilt als letzte große Bastion der gestürzten Regierung, die international noch anerkannt ist.

Bei meinem Besuch in Marib schlendere ich im Dämmerlicht zwischen den verbliebenen Mauern des antiken Weltwunders, beeindruckt von der Konstruktion der gewaltigen Erdwälle. Ich bewundere die komplexe Logistik, die nötig war, um vor Tausenden von Jahren eine blühende südarabische Stadt zu versorgen. Und dann höre ich wieder das vertraute Donnern von Artilleriegeschossen aus den nahen Bergen durch das Wadi hallen.

„Haben Sie das gehört?“, flüstert Ammar Derwish, mein jemenitischer Assistent und Dolmetscher. Es ist schon fast dunkel. Die nächste Explosion ist noch ein bisschen lauter, und meine Antwort kommt, bevor er seine Frage wiederholt hat. „Ja, ich habe es gehört.“

DERK RIEG IM JEMEN tobt unmittelbar über den Schätzen der Vergangenheit. Die antiken Königreiche – Saba, Kataban, Hadramaut, Himyar, Ma’in, Ausan – gelten als Ursprung der Zivilisation auf der Arabischen Halbinsel. Große Leistungen, Meisterwerke auf dem Gebiet des Wasserbaus bis zu kunstvollen Inschriften, erzählen die Geschichte eines Handelsvolkes und einer hochentwickelten sesshaften Zivilisation, weit entfernt von Vorstellungen eines ausschließlich nomadisch lebenden Wüstenvolks, die noch im 19. und 20. Jahrhundert kursierten.

Der Krieg begann 2014, als Huthi-Rebellen aus dem Norden mithilfe von Anhängern des früheren Präsidenten Ali Abdullah Salih die Hauptstadt Sanaa einnahmen. Dessen Nachfolger, Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi, wurde unter Hausarrest gestellt. Er floh ins Exil nach Saudi-Arabien, woraufhin das Königreich Luftangriffe gegen die Rebellen flog, gemeinsam mit einer Koalition, die von weiteren Ländern unterstützt wird. Im April 2022 haben die Kriegsparteien einen zweimonatigen Waffenstillstand vereinbart, der im Juni um weitere zwei Monate verlängert wurde. Es besteht die Hoffnung, dass Verhandlungen den Konflikt beenden könnten, doch der Friede ist brüchig.

Beide Seiten nehmen wenig Rücksicht auf die ihnen ausgelieferten 30 Millionen Zivilisten. Die Menschen im Jemen sind ebenso bedroht wie ihr kulturelles Erbe.

Museen wurden dem Erdboden gleichgemacht, Hunderte der typischen, jahrhundertealten Mehrgenerationenhäuser zerstört, Bomben auf Tempel aus vorislamischer Zeit geworfen. Kämpfer rissen religiöse Schreine der Sufis nieder. Angesichts der Zerstörungen verfolgt eine kleine Gruppe engagierter Historiker, Archäologen und Helfer im Jemen eine eigene Mission: Sie versuchen, das antike Erbe des Landes zu retten.

EINSTG RÖSSTE STADT im Süden Arabiens und Kapitale des Königreichs von Saba, verkam Marib über die Jahrtausende zu einer verfallenen Provinzstadt. Im 21. Jahrhundert dominierte das Bild von bewaffneten Stammesangehörigen und Kidnappern, die voller Zorn auf die Zentralregierung waren, da diese die Einkünfte aus dem Erdöl- und Gasverkauf einkassierte und die Einheimischen daran kaum oder gar nicht teilhaben ließ. Auch brachte man Marib in Verbindung mit al-Qaida, nachdem militante Kämpfer der Terrororganisation behauptet hatten, Angriffe auf Ausländer sowie Öl- und Gaspipelines verübt zu haben. Die Stadt, die vor acht Jahren noch einer dust bowl glich, ist allerdings kaum wiederzuerkennen.

Heute sieht man hier Dutzende neue Häuser, eine nagelneue Umgehungsstraße, Hotels und Restaurants, gebaut von Menschen, die vor den Kämpfen geflohen sind. Mitten im Krieg wurde Marib zur Boomtown. Lastwagen, beladen mit Zementsäcken, pendeln durch die Wüste. Die Erdölförderung, die 2014 abrupt zum Stillstand gekommen war, wurde allmählich wieder aufgenommen und stützt jetzt die Wirtschaft.

Die Einwohnerzahl von Stadt und Gouvernement Marib – weniger als eine halbe Million vor dem Krieg – hat sich durch den Zuzug von Flüchtlingen annähernd versiebenfacht. Geschätzte 85 Prozent der Bevölkerung des Gouvernements Marib sind Vertriebene des Krieges. Doch erneut ist die positive Entwicklung bedroht. Anfang 2021 erreichten Huthi-Kämpfer die Berge hinter Maribs antikem Staudamm; Anfang dieses Jahres verstärkten sich die Angriffe. Die Stadt befand sich nun in Reichweite der Raketen der Rebellen. Dutzende schlugen in Gebieten ein, in denen riesige staubige Flüchtlingslager mit mehr als 200000 Bewohnern entstanden waren. Nur die zerstörerische Kraft der Luftangriffe der Koalition hielt die Rebellen in Schach. Während sich die Frontlinien immer wieder verschoben, warteten die Einwohner von Marib auf ihr Schicksal. Mit dem Waffenstillstand gab es in diesem Jahr die bisher längste Atempause von der Gewalt.

Doch der bereits angerichtete Schaden zeigt, dass beide Kriegsparteien keinerlei Skrupel haben, das historische Vermächtnis in ein Schlachtfeld zu verwandeln. Im Mai 2015 traf ein Luftschlag der Koalition eines der drei

Welchen Wert kann man dem Erhalt der Vergangenheit zumessen, wenn Kinder in der Gegenwart verhungern?

Schleusentore des Staudamms von Marib und durchschlug den noch erhaltenen Turm. Übrig blieb ein Schutthaufen. Östlich der heutigen Stadt liegen die sagenumwobenen Tempel Barān und Awām, Thron und Kultstätte der Königin von Saba. Die etwa einen Kilometer voneinander entfernten Bauten waren Sabas Hauptgottheit Almaqah geweiht, zu dem man um Regen und Fruchtbarkeit betete. Welche weiteren Götter die Sabäer verehrten, wie sie beteten, bleibt rätselhaft. Man weiß, dass Handelswaren aus Saba wie Weihrauch und Myrrhe damals von vielen Religionsgemeinschaften verwendet wurden. Die durchreisenden Händler und Pilger huldigten Almaqah, wenn sie ihren langen und gefährlichen Weg durch die Wüsten in den Oasen von Marib unterbrachen.

Vorreiter waren die Sabäer auch auf dem Gebiet der Sprache und Schrift. Einflüsse aus Architektur, bildender Kunst und Ornamentik verbreiteten sich in ganz Südarabien und wurden von reisenden Händlern in ferne Länder getragen. Sabas legendärer Reichtum machte Marib zum Ziel für Eroberungsarmeen. Zwei römische Legionen und Hilfstruppen versuchten um 25 v. Chr., Marib einzunehmen – vergeblich. Doch die Römer hatten um die Zeitenwende auch die lukrative Handelsroute vom Land- auf den Seeweg umgeleitet, und so schwand Sabas Macht. Das benachbarte Königreich Himyar verleibte sich das Land 275 n. Chr. ein. Die königlichen Tempel von Saba zogen später Plünderer an, ab dem 20. Jahrhundert auch ausländische Archäologen. Unter ihnen war der wohl berühmteste – für manche berüchtigtste – der Amerikaner Wendell Phillips, der zwischen 1950 und 1952 mehrere Stätten in Südarabien freilegte.

„Die Zeit fiel in tiefen Schlaf, und die leeren Hüllen alter Zivilisationen versanken im tiefen Sand, in dem sie sich erhielten wie getrocknete Blumen zwischen den Seiten eines Buches“, schrieb Phillips in seinem 1955 veröffentlichten Buch „Kataba und Saba“ über seine erste Reise in den Jemen. „Das Land sah unnahbar und Furcht einflößend aus, aber es war reich an Schätzen der Zeit. Ich hatte mir vorgenommen, durch den Sand und die Jahrhunderte in die ruhmreiche Vergangenheit vorzustoßen (…).“

Und das tat Phillips. Berühmt wurden vor allem seine Ausgrabungen am Awām-Tempel. Er war der Erste, der dort die Schätze des sabäischen Tempelkomplexes freilegte – hoch aufragende Pfeiler und eine gewaltige Einfriedungsmauer. Archäologen des DAI (Deutsches Archäologisches Institut) waren vor allem an der Ausgrabung eines Friedhofs beteiligt, auf dem 20 000 Menschen begraben waren. Funde zeigten, dass der Tempel aus dem frühen​ 1. Jahrtausend v. Chr. stammte. Awām ist mit seinen berühmten Steinpfeilern, den Alabasterund Bronzefiguren und den markanten Inschriften neben Barān eine der bekanntesten historischen Stätten im Jemen.

Spannungen mit den Behörden und lokalen Stammesangehörigen zwangen Phillips schließlich, aus Marib zu flüchten. Widerstrebend nahmen die Briten, die die Hafenstadt Aden im Süden kontrollierten, ihn auf. Der Gouverneur des britischen Protektorats beschrieb ihn später als „gefährlich und skrupellos“.

Europäische und amerikanische Archäologenteams – in Marib praktisch nur Deutsche und Amerikaner – setzten später die Arbeit fort, legten die Fundstätte weiter frei, entdeckten Objekte und Inschriften und machten Marib zu einem der populärsten Ziele auf der einst gut besuchten Touristenroute im Jemen.

Besucher sind heute selten; wer den Sand neugierig mit der Hand beiseite wischt, entdeckt die glatten Steine des Tempelbodens, die im Lauf von Jahrhunderten von Pilgern blank poliert wurden. Zu bewundern sind etwa Steinbockskulpturen, die an Treppenaufgängen Wache stehen, oder kunstvolle Inschriften, die sich im Inneren des Heiligtums in die Höhe winden und aussehen, als hätten Außerirdische sie erschaffen. Selbst im gleißenden Licht des Wüstentages herrscht hier eine mystische Atmosphäre. Die bedeutendsten Objekte des Tempels befinden sich allerdings mittlerweile im kriegsbedingt geschlossenen Nationalmuseum in Sanaa – oder Tausende Kilometer entfernt in Museen und privaten Sammlungen des Westens und am Persischen Golf. Die letzte Expedition zum Awām-Tempel endete, nachdem eine Autobombe von al-Qaida 2007 am Eingang der Stätte zwei Jemeniten und acht spanische Touristen getötet hatte. In den Jahren danach wurde eine Alabastertafel aus dem 3. Jahrhundert aus dem Tempelboden gerissen; sie tauchte zuletzt in einem Pariser Auktionshaus wieder auf.

Die archäologische Vernachlässigung der letzten 15 Jahre war aber zugleich auch ein Segen für die Altertümer: Im Awām-Tempel haben zwei bis drei Meter Sand wichtige Bereiche des heiligen Bezirks wieder begraben. „Besser, alles ist unter der Erde. Der Sand bedeutet Sicherheit“, sagt Sadeq Al-Salwi traurig. Er ist Direktor der staatlichen Antikenbehörde für Denkmäler und Museen (GOAM).

FOLGTM AN DER ALTEN Karawanenroute nach Süden bis ins Gouvernement Schabwa, erreicht man das Gebiet von Sabas einstigem Nachbarn und Rivalen, dem Königreich Kataban. Timna, dessen antike Hauptstadt, liegt etwa 60 Kilometer Luftlinie entfernt von Marib, doch mit dem Auto braucht man in Kriegszeiten mehr als drei Stunden. Ammar Derwish und ich zählen die Totenkopfsymbole, die vor Minenfeldern warnen, während er den Geländewagen durch den Sand manövriert. Kamele tauchen am Straßenrand auf und knabbern an Büschen. Im Laufe des Konflikts geriet dieses Gebiet mehr als einmal unter die Kontrolle der Huthi – dann wieder in die Hände der Koalition. Einheimische vermeiden es, schlecht von der einen oder anderen Seite zu sprechen. Sie wissen nie, wer in einem Monat oder in einer Woche das Gebiet kontrollieren wird.

In Timna wird der Schaden am Kulturerbe des Landes auf schlimmste Weise sichtbar. Der Boden ist übersät mit 2000 Jahre alten Tonscherben. Relikte aus jüngerer Zeit sind hinzugekommen: abgefeuerte Granaten und leere Patronenhülsen von Maschinengewehren. Sie vermüllen Schützengräben in den Ruinen von Timnas Haupttempel. Die Huthi nutzten die Erhebung, auf der Timna einst erbaut wurde, und machten die Stadt zu einem Militärposten, der zwangsläufig die Bomben der Kampfflugzeuge Saudi-Arabiens und der Vereinigten Emirate anzog.

Das Herz des Athtar-Tempels ist aufgerissen, herausgebrochen wurden Steine in Grau-, Blauund Rottönen, die Timna von dem gelben Kalkstein Maribs unterscheiden. Ein zehn Meter breiter und drei Meter tiefer Krater ist alles, was von der Ostseite des antiken Heiligtums übrig blieb. Vor dem klaffenden Loch, das der Luftangriff hinterließ, wirken die beiden kleinen Kinder, die über die von Bomben weggesprengten Felsbrocken hüpfen, wie winzige Figuren.

Unter italienischer Führung haben Archäologen hier seit vielen Jahrzehnten Ausgrabungen organisiert. Der Bau eines neuen Museums wurde angestoßen, doch dann mussten sich die Archäologen wegen der zunehmend schlechteren Sicherheitslage zurückziehen. Jetzt ist das Gebäude schuttübersät; Mauern sind eingestürzt. Vor den jüngsten Unruhen seien noch täglich Touristen nach Timna gekommen, sagt Abdullah Dawam, langjähriger Sicherheitschef der Ausgrabungsstätte, der uns durch die Ruinen führt.

Die ausgebombte Museumshülle in Timna ist eine von drei derartigen Institutionen im Gouvernement, die Khyran Al-Zubaidi betreut, Direktor der Schabwa-Zweigstelle der staatlichen Antikenbehörde GOAM. Es gibt ein weiteres, seit 25 Jahren geschlossenes Museum in Bayhan und eines in Ataq, der Provinzhauptstadt von Schabwa. Die staatliche Subvention für die drei Museen beträgt 16 000 Jemen-Rial (weniger als 20 US-Dollar) pro Monat.

Wie sein Kollege Al-Salwi in Marib arbeitet auch Al-Zubaidi seit über 35 Jahren als Archäologe im Jemen; seit 1986 ist er zudem Leiter von Schabwas Antikenbehörde. Während er Dutzende Ausgrabungen aufzählt, an denen er teilgenommen hat, wird deutlich, wie viel Wissen aus erster Hand er angesammelt hat: Er und Al-Salwi zählen vermutlich zu den weltweit führenden Experten auf dem Gebiet der Königreiche Saba und Kataban. Mit seiner geradezu ansteckenden Begeisterung für Geschichte führt uns Al-Zubaidi durch das Museum von Ataq. Der 32-jährige Sohn des Archäologen berichtet, dass Jemens Kulturerbe weit unten auf der Prioritätenliste der Behörden stehe. Fehlende Elektrizität, die Wasserversorgung sowie Sicherheitsprobleme sind wichtiger. „Aber das hier“, sagt Ahmed, wobei er sich auf das Engagement seines Vaters für das jemenitische Erbe bezieht und die Hand auf die Brust legt, „das liegt ihm am Herzen.“

Eines ist sicher: Der Archäologe macht seine Arbeit nicht wegen des Geldes. Trotz jahrzehntelanger Erfahrung zahlt ihm die Regierung ungefähr 100 Dollar im Monat, nur wenig mehr als einem Soldaten.

Mehr als 70 Prozent der Jemeniten benötigen humanitäre Hilfe; schon vor dem Krieg importierte das Land bis zu 90 Prozent seiner Lebensmittel. Hunger wird im Krieg als Waffe eingesetzt; immer wieder warnen die Vereinten Nationen vor Hungersnöten. Die Importe gingen zurück, die Währung stürzte ab. Der Preis von Grundnahrungsmitteln wie Weizen, Mehl und Reis ist um 250 Prozent gestiegen, während der Wert des Jemen-Rial gegenüber dem Dollar im Laufe des Krieges um beinahe 80 Prozent gefallen ist. Fast die Hälfte des Weizens im Land kam bisher aus Russland und der Ukraine. „Die Menschen verkaufen alles, um den Magen zu füllen und ihre Kinder zu ernähren. Da geht es um Leben und Tod“, sagt Al-Zubaidi. Das erklärt, warum immer mehr Kunstobjekte geplündert und verkauft werden.

Der Museumsdirektor bemüht sich eigenhändig, Objekte zu retten. Er besucht Märkte und fordert antike Stücke zurück. Letztes Jahr setzte er von seinem Gehalt sogar eine Belohnung von umgerechnet 450 US-Dollar aus, um etwa 20 Objekte zurückzubekommen. Die Menschen, die die Artefakte verkaufen, wissen nicht, wie wertvoll sie sind, so Al-Zubaidi. Doch welchen Wert kann man überhaupt der Bewahrung der Vergangenheit für künftige Generationen zumessen, wenn die Kinder in der Gegenwart verhungern? Diese Frage schwebt über allem.

INSCHABWA, HAUPTSTADT des Königreichs Hadramaut, hat Al-Zubaidi seine größte Entdeckung als Archäologe gemacht. Der lokale Stammesführer, Scheich Hassan Rakna, führt uns durch die Ruinen; oben, auf einem breiten Treppenaufgang, bleibt er stehen und beschreibt, wie hier ein atemberaubender geflügelter Löwe gefunden wurde – mit Ochsenhörnern und dem Schwanz einer Schlange. Al-Zubaidi gehörte damals zum Grabungsteam, das den steinernen Greif freilegte, der vermutlich aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. stammt. Neben vielen anderen Kostbarkeiten aus Schabwa wurde auch dieses Objekt aus Gründen der Sicherheit in den Tresorraum der Nationalbank in Aden gebracht, 370 Kilometer Autofahrt Richtung Südwesten.

Auf der uralten Karawanenstraße von Schabwa weiter nach Süden, dort, wo die arabische Halbinsel auf den Golf von Aden trifft, erhebt sich einige Hundert Meter hoch ein erloschener Vulkan. Besteigt man den Gipfel, während ein stürmischer Ostwind durch die Trümmer eines alten Wachturms fegt, kann man sich vorstellen, wie es hier vor zwei Jahrtausenden ausgesehen haben könnte: Im königlichen Hafen von Qana rennen Kaufleute, Träger und Zollwachen hin und her. Schiffe mit wertvoller Fracht und Zielen in Ägypten und Indien werden umgeladen, Lasten von Kamelkarawanen in Lagerhäuser aus schwarzem Stein verfrachtet.

Doch die Tagträume von vergangenen Königreichen verfliegen hier rasch, wenn gepanzerte Konvois und verbeulte Pick-ups mit bewaffneten Kämpfern über die gepflasterten Straßen brettern, wo einst Sabas sagenumwobene Karawanen ihres Wegs zogen.

Auf der langen Wüstenstrecke von Schabwa nach Aden kämpfen Ammar Derwish und ich uns noch einmal durch einen Sandsturm, während aus dem Autoradio einsam eine Oud erklingt. Die Melodie der arabischen Laute verschmilzt mit Versen des berühmtesten modernen Dichters des Jemen. Die Worte des 1999 verstorbenen Abdullah Al-Baraduni klingen für den heutigen Jemen so viel angemessener als die nüchternen Beschreibungen eines Archäologen aus der Kolonialzeit, der die Geschichte des Landes als erstarrt und statisch ansah – wie getrocknete Blumen in einem Buch.

„In den Höhlen seines Todes wird mein Land nicht sterben, nicht genesen. Es schürft in den schweigenden Gräbern und sucht seine wahren Wurzeln“, klagt Al-Baraduni. „Für das Versprechen des Frühlings, das hinter den Augen schlummert. Für den Traum, der kommen wird, um das verborgene Trugbild zu holen.“ j Aus dem Englischen von Dr. Karin Rausch

Iona Craig berichtet seit 2010 aus dem Jemen und erhielt zahlreiche Preise für ihre Reportagen über den aktuellen Konflikt. Moises Saman, Fotograf der Agentur Magnum Photos, arbeitet häufig im Nahen und Mittleren Osten.