Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 6 Min.

Die stille Wucht der Frau Merkel


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 46/2018 vom 10.11.2018

Ikonografie Ich kann immer zu dem Bild der Kanzlerin fliehen, pilgern, wandern, es nimmt mich sofort in Beschlag.Von Martin Walser


Artikelbild für den Artikel "Die stille Wucht der Frau Merkel" aus der Ausgabe 46/2018 von Der Spiegel. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 46/2018

Ministerin Merkel 1991: Bei ihr werden wir Zeuge, wie Geist und Natur zusammenfinden


Regierungschefin Merkel: In der deutschen Geschichte ein Glücksfall


Am 22. November im Jahr 2015 stand in der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« mit meinem Namen versehen folgender Text: »Als ich in Berlin neulich in einem menschenvollen Saal sagte: ›Angela Merkel ist schön‹, da lachten die Leute. Ich durfte es ihnen erklären. Frau Merkel muss zu 100 Themen sagen, was sie denkt. Und sie sagt es immer so, dass man mit - erlebt, wie die Gedanken in ihr entstehen und dann gesagt werden. Nie sind ihre Sätze fertig, bevor sie gesagt werden. Nie sagt sie wie viele Politiker Phrasen auf, die sie auswendig kann. Deshalb werden ihre Sätze, egal zu welchen Themen, auch immer glaubhaft.

Die meisten Politiker spulen ab, was sie draufhaben. Das kommt auch daher, dass sie mehr sagen müssen, als sie wissen. Bei Frau Merkel werden wir Zeuge, wie ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Der Spiegel. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 46/2018 von 100 Jahre Fortschritt. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
100 Jahre Fortschritt
Titelbild der Ausgabe 46/2018 von Meinung. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Meinung
Titelbild der Ausgabe 46/2018 von Landwirtschaft: Wölfe reißen Rinder. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Landwirtschaft: Wölfe reißen Rinder
Titelbild der Ausgabe 46/2018 von In der Businessclass. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
In der Businessclass
Titelbild der Ausgabe 46/2018 von S’Annegret. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
S’Annegret
Titelbild der Ausgabe 46/2018 von Der Watschnbaum. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Der Watschnbaum
Vorheriger Artikel
Kolonialismus: Sie sehen sich an
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Charmanter Zombie
aus dieser Ausgabe

... Geist und Natur zusammenfinden, und eben deshalb ist sie schön.

Vor kurzem waren im Fernsehen zu sehen Angela Merkel und ihr Vorgänger Gerhard Schröder. Wir haben natürlich den Wahlabend im Kopf, als Schröder, durch seine Niederlage fassungslos, der Gewinnerin ins Gesicht sagte, sie könne das ja gar nicht, Bundeskanzlerin sein. Und jetzt Frau Merkel: Sie leiht diesem Gerhard Schröder ihre freundliche Anwesenheit zum Erscheinen seiner Autobiographie.

Das ist eine Szene, die Vollkommenheit ausstrahlt. Da könnte man eine katastrophenfreie Zukunft für möglich halten. Das war ein Lichtblick in einer mit Visionen nicht gesegneten Gegenwart.

Frau Merkel ist ein Lichtblick. Eine von Routine geschützte Unverbrauchbarkeit. Ich wage zu hoffen, dass ihre Regierungszeit einmal epochal ihren Namen tragen wird. Und ich kann aus Erfahrung sagen: dass es Angela Merkel gibt, ist in der deutschen Geschichte ein Glücksfall. «

Meiner Berliner Improvisation bin ich eigentlich treu geblieben. Instinkt und Erfahrung haben mich zum Verehrer dieser Politikerin gemacht. Zum ersten Mal ist mir Frau Merkel am Wahlabend 2005 deutlich geworden. In der sogenannten Elefantenrunde wollte damals jeder der kompetenten Männer das Wahlergebnis noch besser erklären. Angela Merkel saß ruhig und schweigend dabei und sagte nur etwas, als sie direkt gefragt wurde. Ja, sie, beziehungsweise die CDU, stelle jetzt die stärkste Kraft im Bundestag. Das war das Eindrucksvollste: die Männer in heftiger Debatte, die zukünftige Kanzlerin schaut ruhig zu. Und sah dabei schöner aus als je zuvor.

Politikerin Merkel 1996, 2008: Sie ist ununterbrochen dabei,


ihre Gedanken kennenzulernen, daran lässt sie uns teilhaben


Ich habe sie erst an diesem Wahlabend wirklich erlebt. Ihre stürmische Karriere in der CDU, in der sie seit 1990 Mitglied ist, habe ich erst nachträglich wahrgenommen. »Kohls Mädchen« heißt sie, weil sie förmlich ausgezeichnet war durch die Gunst Helmut Kohls. Mir war lange Zeit Kohl wichtiger als Merkel. Er hat den Kalten Krieg beendet. Man konnte Kohl sehen, wie er im Kaukasus am steilen Ufer eines Flusses steht und zu Gorbatschow hinuntersteigt. Der CDU-Kanzler und der Kommunist. Er hat dann mehr für das Ende der Teilung Deutschlands getan als jeder andere Politiker. Und weil die Teilung Deutschlands mein politisches Thema schlechthin war, war Kohl mein Politiker schlechthin.

Kohl hat nie erklärt, woher die zwei Millionen Mark Spendengeld kamen, die er für die CDU bekommen hat. Er berief sich darauf, dass er sein Ehrenwort gegeben habe, den Spender nicht zu nennen. Mir imponierte er. Aber die CDU musste ihn fallen lassen. Auch Frau Merkel hat sich da gegen ihn, der sich ihr »altes Schlachtross « nannte, gestellt. In, sage ich, legalistischer Befangenheit. Oder: Sie dachte an ihre Karriere.

Dann war sie also Bundeskanzlerin und musste als solche im Herbst 2008 die aus den USA importierte Finanzkrise bestehen. Sparer, Anleger und Banken hatten Papiere gekauft, die plötzlich nichts mehr wert waren. Merkel trat mit ihrem Finanzminister Peer Steinbrück vor die Kameras, und sie gaben eine staatliche Garantie für die Einlagen der deutschen Sparer.

Jetzt die letzte der Merkel-Taten, die ich aufzählen muss. Es war am 31. August 2015. Bundespressekonferenz. Angela Merkel referiert über die zunehmende Anzahl der Flüchtlinge aus aller Herren Länder. Das Innenministerium hatte Prognosen bekannt gegeben, dass in diesem Jahr mit 800 000 Flüchtlingen zu rechnen sei. Angela Merkel sprach von beschleunigten Verfahren und beschrieb konkret die bevorstehende Integrations arbeit. »Deutschland ist ein starkes Land«, sagte sie, »das Motiv, mit dem wir an diese Dinge herangehen, muss sein: Wir haben so vieles geschafft, wir schaffen das.« Das war der Satz aller Merkel-Sätze! »Wir schaffen das!«

Eine wilde Diskussion entbrannte. Der Satz überlebte. Merkel blieb bei ihrem Satz, egal wie viel Kritik ihr entgegenschlug. Sie blieb dabei: »Wir schaffen das! Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mehr mein Land.« Und schließlich: »Ist mir egal, ob ich schuld am Zustrom der Flüchtlinge bin, nun sind sie halt da.«

Ihr menschliches Empfinden siegte über ihr politisches Kalkül. Deutschland war nicht vorbereitet auf diese Flüchtlingsflut. Angela Merkels menschliche Entscheidung wurde in der politischen Realität zum Streitobjekt.

Damit beende ich die Aufzählung der Aktionen, die das Merkel-Bild schufen, das sich allen eingeprägt hat.

Ihr Bild ist ihr Wesen. Und das unterscheidet sie von allen Politikern der Epoche: Wenn sie spricht, lässt sie uns erleben, wie ihre Sätze entstehen, während sie spricht. Das macht sie einmalig, dass sie uns erleben lässt, wie sie zu den Sätzen kommt, die sie sagt.

Tatsächlich hat kein anderer als Kleist genau die Merkel-Methode beschrieben, in seinem Aufsatz: »Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden«. Das ist die Formel für Angela Merkels politische Stilistik. Die Formel auch für ihre Glaubwürdigkeit. Sie weiß nicht schon vorher, was sie nachher sagen wird. Sie lässt uns erleben, wie die Sätze in ihr entstehen. Das wirkt, als prüfe sie selbst, ob sie das, was sie jetzt sagt, wirklich sagen darf, sagen soll, sagen muss.

Ich kann mich nicht sattsehen an ihrer Art, wie sie ihr Bild studiert und deutet und formuliert. Ich bin immer gespannt darauf, was sie im nächsten Augenblick sagen wird. Sie selbst ist voll damit beschäftigt zu erfahren, was sie jetzt – über ihr Bild gebeugt – sagen soll, sagen darf, sagen muss. Und wir nehmen teil an dieser Entstehung einer Aussage zur Politik. Ihrem Gesicht ist so gut wie nie anzumerken, wie sie findet, was sie jetzt wieder zu sagen hat.

Sie ist sozusagen nicht schuldig, dass sie jetzt sagen muss, dass ihr das ewige Seehofer- Gerede über eine Obergrenze für die Flüchtlingszahl auf die Nerven geht. Den unvermeidlichen Kompromiss erlebt und formuliert sie mit der gleichen Gelassenheit, wie sie vorher ihren eigenen Standpunkt erlebte und uns erleben ließ, wie sie ihn erlebte. Die unvergleichliche Glaubwürdigkeit dieser Merkel-Momente kommt daher, dass sie handelt wie ohne Willensanteil. Sie studiert ihr Bild und sagt dann, was sie dadurch erfährt.

In Wirklichkeit handelt, entscheidet sie ununterbrochen. Die drastisch sinkende Zahl der Arbeitslosen zeigt deutlich genug, dass sie erfolgreich ist. Ob Klimawandel oder die gesellschaftliche Modernisierung, das schöne Merkel- Gesicht bleibt so ausdrucksscheu wie immer. Sie ist immer nur Zeugin ihrer Handlungen. Sie ist sozusagen nicht schuld daran, dass sie so erfolgreich ist, und darum ist dieses Merkel-Gesicht so schön: weil es keinen Affekt kennt. Weil es nur mit sich selbst beschäftigt ist. Weil es dazu da ist auszudrücken, was diese Frau gerade denkt oder will. Wir sollen und dürfen erleben, was diese Frau gerade erlebt. Sie ist ununterbrochen dabei, ihre Gedanken kennenzulernen. Daran lässt sie uns teilhaben. Das ist spannend. Wir erleben es mit ihr, und nichts kann schöner sein als die Absichtslosigkeit dieser Vorgänge.

Damit ist über die Schönheit der Frau Merkel genug, wenn auch nicht alles gesagt.

Ich erlebe als Merkel-Zuschauer, dass Politik feierlich sein kann. Meine Erfahrung: Schon Kopfweh macht feierlich, aber das meiste zu dieser Feierlichkeit trägt bei die Flüchtigkeit all dieser Vorgänge – und damit erlebbar die Kürze unseres Lebens. Aber eben darum ist die Sorgfältigkeit, mit der sich Merkel ihrem Bild und damit ihrer Aufgabe widmet, so spannend.

Die Gegenwart ist immer eine Bilderflut. Und eben in dieser Flut steht, besteht, überlebt das Merkel-Bild. Die stille Wucht dieses Bildes ist auch ein Erlösungssignal. Ich kann immer zu diesem Bild fliehen, pilgern, wandern, es nimmt mich sofort in Beschlag, weil es immer ein Bild ist, mit dem etwas geschieht, ein Vorgang, die Entstehung einer Aussage über diesen einen Moment. Immer sind wir sofort Zeuge einer Textgeburt. Und zum Glück fehlen Verzweiflung und Aussichtslosigkeit. Wir erleben Frau Merkels andauernde Text - geburt so gern, weil jeder Augenblick zu einem Erfolg führt, und das macht Frau Merkel zur epochalen Erfolgsfigur. Sie hat gesagt: Wir schaffen das. Sie hat es geschafft. Da dürfte man doch singen! Oder jubeln! Auf jeden Fall den höchstmöglichen Ton anstimmen. Und nichts ist verführerischer als der Erfolg. Deshalb gebe ich zu: Ich bin verführt. Von ihr und von der stillen Wucht ihrer Schönheit.