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Die Stressforscherin


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Psychologie Heute - epaper ⋅ Ausgabe 8/2022 vom 13.07.2022
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Bildquelle: Psychologie Heute, Ausgabe 8/2022

DieTram ruckelt hinauf Richtung Oerlikon. Unten am See gleicht Zürich einer Puppenstube. Doch hier im Norden ist die Stadt komplett 21. Jahrhundert: Spiegelnde Bürotürme, breite Schnellstraßen und Schienenstränge, dazwischen Wohnhäuser und Grün. In zehn Minuten könnte man von hier aus am Flughafen sein. Das Psychologische Institut der Universität Zürich ist in einem vierstöckigen Bau aus den Nullerjahren untergebracht. Gegenüber schwenken zwei Baukräne ihre Ausleger über das Gerippe eines neuen Autohauses. Aufzug, vierter Stock. Aus offenen Türen klackern emsige Computertastaturen.

Das Büro ganz am Ende des Flures gehört ihr: Professorin Ulrike Ehlert. Sie ist die renommierteste Stressforscherin der deutschsprachigen Welt. Doch der Stress ist nicht ihr einziges Arbeitsfeld. Eigentlich bräuchte sie drei Lehrstühle. Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt sie sich auch mit den biochemischen Botenstoffen ...

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... unseres Körpers, etwa – natürlich – dem Stresshormon Kortisol, aber auch dem Bindungshormon Oxytocin, dessen Aufgaben sie in einigen ihrer wichtigsten wissenschaftlichen Arbeiten untersucht hat. Die dritte Profession Ulrike Ehlerts ist vielen weniger bekannt: Ihrem Selbstverständnis nach ist sie stets auch Psychotherapeutin gewesen. Damit hat die zertifizierte Verhaltenstherapeutin ihre beruf liche Karriere begonnen. Sie praktiziert noch heute, leitet an der Universität das Ambulanzzentrum für kognitive Verhaltenstherapie und Verhaltensmedizin. Sie verdonnert, wie man hört, all ihre Doktorandinnen und Doktoranden zu einer therapeutischen Fortbildung.

Erster Eindruck? Ulrike Ehlert ist eine große Frau. Sie spricht mit ruhiger Altstimme, jedes „R“ rollt gelassen durch die unverkennbar fränkische Sprachmelodie – sehr sympathisch!

Auch das Büro ist außergewöhnlich. Nirgendwo steht ein Buch, nirgends ein Aktenordner, kein einziges Blatt Papier ist zu sehen, kein Familienfoto, kein Symbol von Gelehrsamkeit oder vergangener Verdienste. Nur eine pf legeleichte Zimmerpalme, ein leerer Papierkorb, eine leere Vase, eine staubfreie, dunkle Schreibtischplatte. Die Gastgeberin hat Jacke und Fransentasche säuberlich an den Kleiderhaken gehängt. „Das ist bei mir immer so“, sagt Ulrike Ehlert. „Bei mir liegt nix rum. Ich schau drauf und entscheide direkt: Musst du das selber machen? Musst du’s wem in die Hand drücken? Den Rest schmeiß ich weg. Möglichst sofort.“

Aus allem, was Ulrike Ehlert während unserer Begegnung sagt, klingt die Liebe zur Ordnung. Und die Liebe zur Schnelligkeit. Bei ihrem Stellenantritt vor mehr als zwanzig Jahren sei sie in die gemütliche Schweiz gekommen wie ein „gefühlter Wirbelwind“, berichtet ihr ehemaliger Doktorand Urs Nater, der längst selbst Professor ist an der Universität in Wien. Ordnung, Schnelligkeit – und noch ein drittes Leitmotiv wird hörbar im Konzert der ehlertschen Sätze: Fast alles ist bei ihr „aufregend“, „interessant“ oder „spannend“. Keine Frage: Diese Frau wird von einer breiten Neugier getrieben, die auf enge Fachgrenzen pfeift.

Ulrike Ehlert ist in der Fränkischen Schweiz aufgewachsen als jüngstes von drei Kindern. Mama ist zu Hause, Papa bei der Polizei, jeden Sonntag geht’s zur Messe. „Ich musste sehr brav und nett sein.“ Ist sie natürlich nicht. In der Schule habe sie „immer ’ne große Klappe“ gehabt. Trotz aller Aufmüpfigkeit: Wenn sie ein Stoff interessiert, packt sie die Begeisterung – zum Beispiel im Wahlfach Psychologie. „Das fand ich total spannend und hab gedacht: Das könnte man auch mal studieren.“ Außerdem gehört zum Schulprogramm eine DRK-Ausbildung zur Hilfskrankenschwester. „Ich hab danach immer in der Klinik gejobbt und mir dort mein Geld verdient.“ Unser Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden: Ulrike Ehlert ahnt damals nicht, dass der kleine Nebenjob den Rest ihrer Karriere gleich mehrfach prägen wird.

Sie studiert tatsächlich Psychologie – man schickt sie im Nachrückverfahren an die Universität Trier. Nebenbei studiert sie noch Soziologie. Sie ist sich noch nicht ganz sicher, wo das beruf lich hinführen soll. Soll sie sich auf Stadtplanung konzentrieren? Auf Umweltpsychologie? Oder das Studium doch fallenlassen und stattdessen Kirchenbildrestauratorin werden, wie sie es einmal erwogen hatte? Zwei Zufälle lenken ihr Leben in andere Bahnen. Zufall Nummer eins: Ein junger Professor namens Roman Ferstl wird nach Trier berufen, ein Spezialist für die kognitive Verhaltenstherapie. „Und da hab ich gemerkt: Das ist spannend, das interessiert mich.“

Wir lieben die Herausforderung

Zufall Nummer zwei: Sie macht – aus eben jener alten Affinität zu Krankenhäusern – ein Praktikum in der Suchtstation einer Klinik. „Dort hab ich dann meinen Mann kennengelernt“, sagt sie. „Er war leitender Oberarzt und deutlich älter als ich.“ Nach einem Jahr Beziehung heiraten die beiden. Ein weiteres Jahr darauf wird die gemeinsame Tochter geboren. Ulrike Ehlert ist zu diesem Zeitpunkt gerade 24 Jahre alt. Sie macht ihren Abschluss und gründet mit ihrem Mann eine psychotherapeutische Praxis, inklusive Kassensitz. Nebenbei werkelt sie an ihrer Doktorarbeit. „So hätte eigentlich alles weitergehen können“, sagt Ulrike Ehlert.

Doch dann, sie ist noch keine 28, erlebt sie das, was sie heute als ihre „emotionale und persönliche Katastrophe“ bezeichnet: Ihr Mann stirbt von einem Tag auf den nächsten – Herzinfarkt. Sie muss daraufhin die Praxis aufgeben. „Damals gab es noch keinen Kassensitz für nichtärztliche Psychotherapeuten. Ich konnte den Laden also nicht allein weiterführen.“

Wie reagiert man, wenn das Schicksal so plötzlich und so brutal zuschlägt? Ulrike Ehlert schüttelt den Kopf. „Tja“, sagt sie. „Ich hab etwas völlig Schwachsinniges gemacht. Ich hab mir einen Porsche gekauft. Einen 911er. In Silber. Wo ich heute denke: Bist du verrückt? Da bist du allein mit deinem Kind – und dann rast du da auf der Autobahn rum. Aber das war wirklich was Kompensatorisches.“

So hätte alles weitergehen können. Doch da schlug das Schicksal zu

Ihre zweite Strategie im Umgang mit dem Trauma: Nicht lange nachdenken und stattdessen ins Handeln kommen. „Einfach machen“ ist bis heute Ulrike Ehlerts wichtigstes Lebensmotto. Sie bekommt eine Forschungsstelle an der Universität Trier als freie Mitarbeiterin und untersucht dabei das Wohlbefinden von Krebskranken, die künstlich ernährt werden. Die Interviews führen sie zu Kliniken überall in Deutschland: München, Hannover, Hamburg. „Es war der beste Job, den ich je hatte. Das Geld hat gestimmt, ich konnte mit Patientinnen und Patienten reden – und bin dafür in der Welt herumgef logen.“

Und etwas anderes fällt ihr dabei auf: Bei vielen der krebskranken Menschen, die sie befragt, ist die Symptomatik nicht allein eine Frage des Körpers, wie eine einseitig verstandene Schulmedizin manchmal lehrt. Die psychische Seite bleibt unterbelichtet, was womöglich eine Chance liegenlässt, die Belastung zu lindern. Da kommt ihr die Idee, den Kliniken bei solchen Problemen einen Konsiliardienst anzubieten, eine psychologische Hilfestellung und Diagnostik. „In Deutschland gab es das damals noch überhaupt nicht“, sagt Ulrike Ehlert. Und tatsächlich: Zwei Kliniken zeigen Interesse. Die Sache läuft an und wird ein Erfolg. „Verhaltensmedizin“ heißt dieser Teil ihrer Arbeit. Die Wirksamkeit überprüft sie bald mit wissenschaftlichen Methoden – finanziell unterstützt von der Robert-Bosch-Stiftung. „Die haben mir sozusagen meine Habilitation finanziert.“

Zu diesem Zeitpunkt denkt Ulrike Ehlert noch immer wie eine Therapeutin. Den Gedanken an eine Karriere an der Universität habe sie „noch gar nicht richtig ernst genommen“, sagt sie. „Ich hab immer gedacht, dass ich irgendwann ein ambulantes Therapiezentrum aufmache.“ Das ändert sich, als sie eine spektakuläre wissenschaftliche Entdeckung macht.

Deren Vorgeschichte: In Ehlerts Nachbarschaft an der Universität Trier hat eine biopsychologische Forschungsgruppe um Dirk Hellhammer und Clemens Kirschbaum einen Test entwickelt, mit dem man Menschen sehr zuverlässig unter Stress setzen kann. Und zwar so: Man bittet die Freiwilligen, vor einer weißbekittelten Jury einen Bewerbungsvortrag zu halten. Während der Rede verzieht niemand der stoischen Zuhörerschaft eine Miene. Niemand nickt. Niemand lächelt. Keiner gibt einen Laut der Bestätigung von sich. Für unsere sozial empfindliche Seele ist es die reine Folter. Danach werden die Daumenschrauben noch weiter angezogen: Man muss von der Zahl 1022 aus in 13er-Schritten laut nach unten rechnen. Dabei tickt überdies eine Stoppuhr. Und sobald man einen Fehler macht, wird man unterbrochen: „Falsch! Noch mal von vorn!“ Heute ist dieser Trier Social Stress Test eines der weltweit wichtigsten Instrumente, wenn man überprüfen will, wie Menschen unter Druck reagieren.

Kirschbaum misst nun fein säuberlich die Hormonwerte im Speichel jener Freiwilligen, die sich mit dem Test aus Trier haben stressen lassen. Und hier kommt Ulrike Ehlert ins Spiel. Ihre Kontakte bringen die trockene Laborforschung in die Krankenhäuser. Etwa zu Patientinnen, die an rätselhaften Unterbauchbeschwerden leiden. Eine frühe Studie, an der Ulrike Ehlert beteiligt ist, entdeckt dabei eine Sensation: Die Kortisolwerte dieser Frauen sind viel niedriger als in der Normalbevölkerung. Die anderen im Team hätten zunächst an einen Messfehler geglaubt, sagt Ulrike Ehlert. Heute ist der „Hypocortisolismus“ eine etablierte Erklärung, wenn es bei Patientinnen trotz starker Schmerzen keine organischen Befunde gibt.

Und Ehlert findet auch einen Hinweis auf den möglichen Ursprung der Beschwerden: „Man kann bei solchen Frauen überdurchschnittlich häufig traumatische Erfahrungen oder chronischen Stress nachweisen.“ Heute weiß man, dass die Kortisolreaktion des Körpers auf Stress einem komplizierten Muster folgt: Bei akutem Stress wird zunächst viel Kortisol ausgeschüttet, um den Organismus mobilzumachen. Hält der Stress jedoch an, über Wochen und Monate, kippt oft dieser Mechanismus. Nun herrscht ein Mangel an Kortisol: Der Körper setzt dem Stressor nichts mehr entgegen. Kortisol ist nun aber ein Hormon, das auch Entzündungen entgegenwirkt. Wenig Kortisol heißt daher: mehr entzündliche Prozesse im Körper, mehr Schmerz.

Wie man sich vorstellen kann, ist Ulrike Ehlert fasziniert von diesen Entdeckungen. Sie schlägt also eine Forschungslauf bahn ein, verliert dabei die Psychotherapie aber nicht aus dem Blick. Ihre Position in der Schnittmenge aus klinischer Psychologie, Psychobiologie und Stress wird zu ihrem Markenzeichen und hebt ihre Lauf bahn bald auf eine neue Ebene. 1999 erhält sie den Ruf an die renommierte Universität Zürich. Sie zieht mit ihrem Lebensgefährten, Tochter und Sohn in die Schweiz, wo sie noch heute lebt, teils am Zürichsee, teils im Engadin.

Ihre Stressforschung hat sie längst international berühmt gemacht. Da ist zum Beispiel ihre Studie an Bergführern – und zwei Bergführerinnen – in der Schweiz. 80 Prozent von ihnen gaben an, in ihrem Berufsleben schon Traumatisches erlebt zu haben. Klar: Wer sich in die Wand begibt, der kann abstürzen oder von bösem Wetter überrascht werden; bei Untrainierten in der Gruppe kann plötzlich das Herz versagen auf halbem Weg zum Gipfel – ein Horror für diejenigen, die den Trupp führen. Trotzdem, so zeigen Ulrike Ehlerts Daten, tritt eine posttraumatische Belastungsstörung in dieser Berufsgruppe nicht etwa häufiger auf, wie man erwarten sollte. Im Gegenteil: Sie ist dreimal seltener als in der Gesamtbevölkerung!

Der Schlüssel scheint in jener feinen psychischen Gratwanderung zu liegen: Wir lieben die Herausforderung, doch wir fürchten die Überforderung. Was wir als das eine und was als das andere erleben, ist auch eine Frage der individuellen Bewertung, also wie ängstlich oder sorglos wir auf die Welt zugehen. In der Psychologie finden sich, je nach Perspektive, unterschiedliche Fachbegriffe dafür. Ulrike Ehlert spricht zum Beispiel vom „Kohärenzsinn“, dem Glauben, dass die Welt einen Sinn hat und man selbst schon irgendwie mit allem fertig wird. Menschen unterscheiden sich in der Festigkeit dieser Überzeugung, bei der einen ist sie unerschütterlich, bei dem anderen äußerst labil.

Schutzfaktor Freundschaft

Aber auch der Umgang mit dem eigenen Scheitern spielt eine Rolle. Denn manchmal sind Wetter, Wand und Berg einfach stärker als man selbst. Dann geht es darum, das erlebte Schicksal neu zu bewerten. Reappraisal heißt das im Fachenglisch. Man macht sich keine Illusionen über die Grausamkeit der Berge – und liebt sie dennoch weiter. Auch hier liegt der Schlüssel nicht in dem, was uns widerfährt, nicht im Stressereignis selbst. Sondern darin, wie wir unser Schicksal deuten, in dem Narrativ, das wir uns selbst über unser Leben erzählen.

Subjektiv ist dasselbe Glas eben für die einen halb voll, für die anderen halb leer, sagt Ulrike Ehlert. Wie mächtig dieser Bewertungsunterschied sein kann, zeigt eine andere Studie, an der sie beteiligt war: Man wählte junge Menschen als Freiwillige, die kurz vor einem Praktikum in einem Krankenhaus standen, und bat sie, sich in der Fantasie 24 vieldeutige Szenarien vorzustellen. Etwa: „Du hast ein Vorstellungsgespräch. Danach kannst du in den Gesichtern der anderen ablesen, wie’s gelaufen ist.“ Oder: „Es ist Silvester. Du denkst an das Jahr, das vor dir liegt.“ Oder: „Du zeltest im Wald. Es ist kalt, also zündest du ein Feuer an. Die Flammen brennen bald höher als gedacht.“ Manche Menschen denken bei solchen Szenen an etwas Schlimmes, andere eher an Angenehmes. Später entdeckte Ulrike Ehlerts Team: Fast die Hälfte der jungen Menschen hatte Probleme mit dem Klinikalltag und entwickelte eine zumindest milde Form von depressiver Verstimmung. Und es stellte sich heraus: Betroffen waren vor allem jene Teilnehmenden, die im Test die ambivalenten, vieldeutigen Szenarien als etwas Unangenehmes erlebt hatten. „Was uns stresst und was nicht, das entscheidet sich ganz überwiegend im Kopf “, sagt Ulrike Ehlert.

Doch auch ihre Arbeiten über die Hormone haben einen neuen Blick auf unseren Stress eröffnet. So konnte eines von Ulrike Ehlerts Forschungsteams zeigen, dass uns das Bindungshormon Oxytocin dabei helfen kann, besser mit belastenden Situationen fertigzuwerden: Es verstärkt die Wirkung sozialer Unterstützung, also von Freundinnen und Freunden, die uns in der Not zur Seite stehen. Der Nachweis für diese These gelang, indem man einigen Männern Oxytocin als Nasenspray verabreichte und sie dann unter Begleitung guter Freunde den besagten Stresstest aus Trier absolvieren ließ. Oxytocin macht uns empfänglicher für den Schutzfaktor namens Freundschaft.

Warum an der Studie nur Männer teilgenommen haben? Ulrike Ehlert seufzt. „Weil sie im Gegensatz zu Frauen keinen Monatszyklus haben. Dieselbe Studie an Frauen wäre viel aufwendiger und teurer gewesen.“

„Und dann machen Sie mal“

In anderen Untersuchungen hat Ulrike Ehlert dennoch gezielt Frauen in den Mittelpunkt gestellt. Dabei wurde unter anderem deutlich, wie Stress sich auf eine Schwangerschaft auswirken kann: Bei kurzfristigen Belastungen gelingt es dem Organismus der werdenden Mutter, den Stress vom ungeborenen Baby fernzuhalten – es kommt zu keinem Anstieg von Kortisol im Fruchtwasser. Dies geschieht erst bei Dauerstress und erhöht dann leider auch die Wahrscheinlichkeit einer Frühgeburt.

Andere Untersuchungen ergaben bemerkenswerte Unterschiede im biologischen Stressverhalten der Geschlechter: „Wenn sie einen Trier Social Stress Test machen, dann steigen die Kortisolwerte bei den Männern stärker an als bei den Frauen“, erläutert Ulrike Ehlert. „Das kann man therapeutisch nutzen und den Frauen sagen: Ihr seid biologisch besser dran als die Männer. Ist seid im Grunde besser vor Stress geschützt.“ Subjektiv jedoch erleben Frauen den Stress stärker als Männer. Das habe auch mit unseren Erwartungen an uns selbst zu tun, glaubt Ehlert. „Männer sind häufiger davon überzeugt, dass sie die Sache schon irgendwie hinbekommen. Frauen hingegen zweifeln öfter an sich selbst. Ich würde deshalb auch nie behaupten, dass die Hormone alles erklären. Aber in diesem Fall arbeite ich ganz gerne damit, weil die biologischen Erkenntnisse den Frauen Mut machen können. Mir selbst hilft das jedenfalls sehr.“

In einer anderen bekannten Ehlert-Studie ging es um die Frage, warum der Kortisolspiegel bei manchen Männern im Trier-Stresstest stärker ansteigt als bei anderen. Dabei zeigte sich: Je perfektionistischer die Probanden waren, desto mehr Kortisol schüttete ihr Körper bei Stress aus. Dazu kam bei vielen noch das unangenehme Gefühl, der Situation nicht gewachsen zu sein. So wird aus der Sehnsucht nach Makellosigkeit und der Furcht vor dem Scheitern jener Cocktail, der Männern weiche Knie bereitet: Beide Faktoren erklären, wenn sie gemeinsam auftreten, fast die Hälfte der gemessenen Kortisolunterschiede.

Die Erstautorin dieser Perfektionismusstudie war Ulrike Ehlerts damalige Mitarbeiterin Petra Wirtz, die heute als Professorin in Konstanz forscht und lehrt. „Ulrike Ehlert hat einen immer machen lassen, sie hatte Vertrauen in uns und kontrollierte nicht“, sagt Wirtz. Ehlerts Führungsstil geht einher mit einer offenbar glücklichen Hand bei der Personalauswahl. „Viele von uns wurden mittlerweile selbst auf Professuren berufen“, sagt Petra Wirtz. Ihre Zeit in Zürich bezeichnet sie im Rückblick als „Glücksfall“. Genau dieselbe Formulierung verwendet ihr Kollege Urs Nater: „Von Ulrike Ehlert kam immer die Ansage: Hier gibt es ein Phänomen, das in der Stressforschung wichtig sein könnte. Sie kriegen von mir eine Stelle und entsprechende Ressourcen – und dann machen Sie mal!“

Derzeit arbeitet Ulrike Ehlert an einem neuen Forschungsprojekt. Es geht um Reproduktionsmedizin, um Familien, die sich bislang vergeblich ein Kind wünschten und nun ihre Hoffnung in eine künstliche Befruchtung setzen: eine aufregende, aber oft auch belastende Situation. Ulrike Ehlert will herausfinden, welche Rolle der Stress bei alldem spielt.

Das Forschungsprojekt wird noch einige Jahre dauern. Ulrike Ehlert klingt wie immer energiegeladen, wenn sie davon erzählt. „Aber manchmal denke ich: Danach ist auch langsam mal gut.“ Ulrike Ehlert ist 62. Allein im Jahr 2021 stand ihr Name auf unglaublichen 38 wissenschaftlichen Publikationen. Bis zu ihrer Rente darf man von Ulrike Ehlert also noch viele neue Erkenntnisse erwarten – über den Stress und wie wir ihn zähmen können. ■

DAS PORTRÄT

In unserer Serie erschienen zuletzt:

Steven Hayes – Der Mann, der sich der Angst stellte. Heft 5/2022 Angela Friederici – Die Frau an der Schnittstelle. Heft 2/2022

James Pennebaker – Der Schriftgelehrte. Heft 11/2021

Susan Fiske – Die Forscherin, die Stereotype entschlüsselt. Heft 8/2021

Wolfgang Schmidbauer – Der hilfreiche Helfer. Heft 5/2021

Gerd Gigerenzer – Der Meister der klaren Entscheidung. Heft 1/2021 Frans de Waal – Der Beobachter. Heft 11/2020

Kate Sweeny – Die Sorgenbändigerin. Heft 8/2020

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