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Die Stunde des Löwen


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G Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 14.04.2022

3. KAPITEL LÖWENHERZ

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Bildquelle: G Geschichte, Ausgabe 5/2022

»Die Schlacht von Arsuf«. Richard Löwenherz stürmt auf seinem Schimmel vor. Hinter dem englischen Monarchen reitet Guido von Lusignan

Die schönen Tage in Akkon sind nun zu Ende: Die Männer müssen die gerade eroberte Hafenstadt verlassen, die mit ihrem schweren orientalischen Wein und den käuflichen Frauen so viel Vergnügungen bot, dass so mancher Kreuzfahrer das hehre Ziel Jerusalem aus den Augen verloren hat. Wie zur Buße dürfen nur ausgesucht alte Waschweiber den Tross begleiten, während alle ansehnlichen Frauen auf Befehl des englischen Königs in Akkon verbleiben müssen. Längst ist im Heer bekannt, dass der englische König die Gesellschaft von Frauen nicht besonders schätzt, und so fallen auch einige sehr grobe Witze über sein Privatleben.

Richards Strategie: Eine Flotte sichert den Nachschub

Richard ist mutig, aber nicht tollkühn. Trotz seines Sieges von Akkon weiß er, dass Saladin alles andere als geschlagen ist. Während er über gerade einmal 15 000 Mann befiehlt, kann Saladin mindestens über die ...

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... dreifache Truppenstärke verfügen. Daher soll sein Heer auf der alten römischen Küstenstraße Richtung Süden bis nach Jaffa marschieren, um dann erst ins Landesinnere nach Jerusalem abzuschwenken. So kann eine Versorgungsflotte die Kreuzritter begleiten und im

Falle einer Niederlage einen schnellen Rückzug in die ummauerte Sicherheit Akkons ermöglichen.

Über zwei Kilometer zieht sich die Marschkolonne der Kreuzfahrer hin. An ihrer Spitze weht der »Beauseant«, das schwarz-weiße Banner der Templer. Es ist seit Jahrzehnten das gefährliche Privileg dieses Ordens, die Heere des Heiligen Landes anzuführen, denn seine Disziplin und Verwegenheit suchen ihresgleichen. Im Zentrum reiten die Gefolgsleute Richards, Aquitanier, Nordfranzosen und Anglonormannen. Die Nachhut bilden der zweite legendäre Ritterorden der Christenheit, die Johanniter, sowie die weltlichen Ritter des Königreichs Jerusalem unter Führung Jakobs von Avesnes.

Es mag das Heilige Land sein, doch zumindest die Sonne ist des Teufels. Besonders die Kämpfer aus England und der Normandie leiden unter der männermordenden Hitze. Viele Soldaten sind so erschöpft, dass sie nicht mehr weitergehen können und auf die Schiffe gebracht werden müssen, manche fällt der Hitzschlag wie eine Axt Gottes. Nur eine gelegentliche Brise von der See schenkt etwas Linderung. Aber die glühenden Kettenhemden abzulegen wäre tödlicher Leichtsinn: Seit Tagen belauern Saladins Männer das Heer, warten in größter Anspannung auf den Befehl, die Stärke des Feindes auszutesten. Und der wird gegeben. Zuerst greift leichte Kavallerie die Kreuzritter an. Pfeile regnen auf die Christen nieder. Doch Kettenhemden und wattierte Jacken bieten Schutz. Erstaunt beobachten die Krieger Saladins, dass manche Ritter mit zehn Pfeilen gespickt ungerührt weiterkämpfen. Also schickt Saladin seine schwer gepanzerte Ghulam-Kavallerie gegen die Christen.

An ihrer Spitze ein neuer Goliath, Ayaz al-Tawil (»Ayaz der Gewaltige«), um dessen mächtige Lanze sich ganze Legenden ranken. Seine Männer beten ihn an, halten ihn für unbesiegbar. Doch dies wird die letzte Schlacht des Hünen sein.

Ein David unter den Kreuzfahrern zeigt sich unbeeindruckt, nimmt den Kampf an und streckt Ayaz mit einem gezielten Streich seines Schwertes nieder. Im Triumph hält er die Lanze hoch, brüllt im Siegesrausch. Für die islamischen Glaubenskämpfer ein Gottesurteil, und so wird der Befehl zum Rückzug gegeben. In Jahrzehnten des Krieges hat es Saladin gelernt, zu warten, bis seine Chancen eindeutig auf Sieg stehen. Zum Glück konnte er bei diesem Scharmützel wenigstens Gefangene machen, auf die nun eine sehr schmerzhafte Befragung wartet.

Die letzten Tage waren ruhig. Die Flotte hat die Männer mit Nachschub versorgt. Das Essen gibt neue Kraft und der Wein frischen Mut. Nun haben die Kreuzfahrer bei einem ausgetrockneten Flussbett, dem Wadi al Qasab, ihr Lager aufgeschlagen.

Vor einigen Stunden waren zwei Beduinen auf Reitkamelen zum Heer der Christen gestoßen. Sie versuchen nun den englischen König davon zu überzeugen, dass die Gefahr eines Angriffs gebannt sei, da Sultan Saladin längst seine Truppen abgezogen habe.

Normannische Gastfreundschaft und verschlagene Botschafter

Doch Richard erkennt die Finte Saladins, die ihn in Sicherheit wiegen soll, damit er seine strenge Heeresformation beim Vormarsch auflöst. Zum Dank für die »wertvolle« Information übergibt er die zwei Beduinen seinem Scharfrichter, der ihnen gern demonstriert, wie normannische Gastfreundschaft für Verräter aussieht. Richard ist sich sicher, dass Saladin nicht weit ist, und schickt einen Parlamentär zum Heer des Feindes, bittet um Unterredung. Und der Herrscher Ägyptens geht zum Schein darauf ein. Er will die Kreuzfahrer in Ruhe wiegen, damit er seine Truppen neu organisieren kann.

Zwischen dem Wadi al Qasab und dem nächsten Etappenziel der Christen, der kleinen Hafenstadt Arsuf, ist das Gelände ideal für einen Angriff: Bewaldete Hügel geben Deckung für den Aufmarsch; sollte es zum Gegenangriff der Christen kommen, wäre das unangenehme Terrain ideal, um sie zu stoppen.

Noch vor dem Morgengrauen dieses 7. Septembers bricht Richards Armee die Zelte ab. Im Licht der aufgehenden Sonne nehmen die bewaldeten Hügel im Westen immer schärfere Konturen an. Und bei diesen Hügeln entdecken die Kreuzfahrer feindliche Krieger. Erst ein paar vereinzelte Reiter, dann Hunderte, schließlich Tausende. Saladin positioniert seine Schlachtreihen. Wie bei Hattin soll Panik der Verbündete sein. Der Befehl: Die Nachhut angreifen, die christlichen Linien aufbrechen und dann vernichten. Die erste Welle bilden türkische Reiter, gefolgt von Furcht einflößenden schwarzhäutigen Kriegern aus dem tiefsten Süden Ägyptens. Begleitet wird der Angriff vom bösartigen Stakkato der Militärpauken und Kriegshörner. Die Verluste an Männern halten sich in Grenzen, doch immer mehr der kostbaren Pferde werden von Pfeilen getroffen. Der Großmeister der Johanniter schickt einen Boten zu Richard. Er will die Erlaubnis zum Ge- genangriff. Doch der König muss warten, bis sich seine gesamte Reiterei für einen geballten Gegenschlag formiert hat. Als die Antwort den Großmeister erreicht, wendet er sein Pferd, um Richard persönlich um den Angriffsbefehl zu bitten. Doch noch bevor er den König erreicht, treten seine Ordensmänner schon den Gegenangriff an.

Aber ihr Vorstoß hat nicht genügend Kraft. Die Nachhut ist in Gefahr, aufgerieben zu werden, und damit wäre das ganze Heer gefährdet. Nun ist Richard in Zugzwang. Und der König handelt schnell. So beherzt stürmt er mit den Rittern aus Aquitanien zu Hilfe, dass beinahe Teile der eigenen Infanterie niedergeritten werden.

Wie ein Hammerschlag trifft sein Angriff die Moslems. Jetzt ist die Panik die Verbündete der Christen. Wer kann, rettet sich in den nahe gelegenen Wald, der Rest fällt unter den Schwertern der Christen. In ihrem Blutrausch wollen die Ritter ihre Feinde in den Wald verfolgen, doch Richard stoppt sie. Er fürchtet einen Hinterhalt und befiehlt seinen Rittern, sich hinter dem Schutzmantel der Armbrustschützen neu zu gruppieren.

»Viele gute Schwerter habe ich gesehen und viele scharfe Lanzen«

Der Dichter Ambroise über Arsuf

Saladins Heer steht am Rande der Auflösung, doch dank seiner Autorität gelingt es dem Herrscher, wieder Ordnung in seine Reihen zu bringen. Noch immer sind seine Truppen in der Überzahl, noch immer hat das christliche Heer nicht die Sicherheit Arsufs erreicht. Also befiehlt er einen zweiten Angriff mit der Elite seiner Männer, angeführt von seinem Bruder al-Adil. Al-Adil ist ein mutiger Krieger, doch er ist Richard nicht gewachsen. Englands König ist auf dem Schlachtfeld zu Hause. An der Spitze seiner Ritter stürzt er sich ins Kampfgetümmel, sucht den Kampf und reißt seine Männer mit. Sie sind siegreich, doch sie zahlen einen Preis: Jakob von Avesnes fällt.

Nah und trotzdem unerreichbar: Die Heilige Stadt Jerusalem

Mittlerweile ist es der christlichen Infanterie gelungen, eine Oase südlich von Arsuf zu erreichen. Die arabische Garnison der Hafenstadt will verhindern, dass sich der christliche Feind hier festsetzen kann. Als Richard den Angriff bemerkt, versammelt er die Besten seiner Ritter und greift zum dritten Mal an. Ohne nennenswerten Widerstand werden die Garnisonstruppen vertrieben. Sultan Saladin ist geschlagen, und Jerusalem scheint zum Greifen nah …

Augenzeuge dieses Triumphs ist der Dichter Ambroise. In seinem Epos wird der König später übermenschliche Züge annehmen: »Er metzelte dieses abscheuliche Volk nieder, als würde er mit der Sichel die Ernte einholen, sodass man im Umkreis von einer halben Meile wegen all der Leichen der Türken, die er getötet hatte, den Boden nicht mehr sehen konnte.«

Doch der größte aller Triumphe wird dem englischen König versagt bleiben. Nach gescheiterten Verhandlungen mit Saladin bricht Löwenherz am 15. November nach Jerusalem auf. Schwerer Regen behindert den Vormarsch und gibt Saladin die Gelegenheit, Verstärkung heranzuziehen. Selbst wenn es Richard gelingen würde, die Mauern zu bezwingen, würden ihm die Kräfte fehlen, Jerusalem zu halten. Bevor seine Männer die Heilige Stadt erblicken, gibt er den Befehl zur Umkehr: »Wer Jerusalem nicht einnehmen kann, der soll es nicht schauen.«

LESETIPP

Wilfried Westphal: »Richard Löwenherz und Saladin. Der dritte Kreuzzug«. Thorbecke 2006, € 18,–