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Die Teufelsschüler


Spiegel Biografie - epaper ⋅ Ausgabe 4/2017 vom 05.09.2017

Ihre Konzerte entzückten die Fans und verstörten das Establishment. Oft ging in den Sechzigerjahren Mobiliar zu Bruch, wenn die Rolling Stones auf der Bühne ihre für jene Zeit unerhört provozierende Show zeigten.


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Bildquelle: Spiegel Biografie, Ausgabe 4/2017

BEGEISTERT
Stones-Auftritt im Londoner Wembley Empire Pool 1964


Tick im Hirn

AUS DER SPIEGEL 37/1965

ENTFESSELT
Fans bei einem Stones-Konzert in der Berliner Waldbühne 1965


Wenn Hass, Jubel, Flüche und allgemeine Rebellion in Großbritanniens Häuser einziehen“, vertraute „Bravo“ seinen Teenager-Lesern an, „dann sind die, Rolling Stones‘ da.“

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... jetzt auch in deutschen Stuben aufrühren: Von „Bravo“ unterstützt, hat der Nürnberger Konzertmanager Karl Buchmann die „Steine“ erweicht. Nach langem Zaudern kommen die langhaarigen Sänger nächste Woche in die Bundesrepublik.

Das Londoner Beat-Quintett – in Text und Ton weitaus aggressiver als sein Vorbild, die Liverpooler Beatles – kommt nicht ohne Deutschlandplan. Verspricht Ober-Stein Mick Jagger: „Wir werden die deutschen Mädchen schon zum Kreischen bringen.“ Gekreischt soll in Münster, Essen, München, Berlin und Hamburg werden. Für den rollenden Einsatz in der Bundesrepublik hat die Schall-plattenfirma Decca den Slogan erfunden: „Die Rolling Stones, beaten‘ am meisten.“ Und „Bravo“ garantiert den Veranstaltern außer vollen Kassen einen weiteren Gewinn: „Wo die fünf Burschen ihre Show abziehen, da flüchten die Holz-würmer aus den Bühnenaufbauten.“

Durchaus besorgt um die Holz-würmer in seinem Saalgestühl zeigte sich Hamburgs Planten-un-Blomen-Direktor Albert Lubisch, dessen Ernst-Merck-Halle vor sieben Jahren von Bill-Haley-Fans demoliert worden war. Erst als ihm die Polizei Saalschutz zusicherte, sagte er Yeah und stellte den Rolling Stones die Halle zum Konzert bereit.

Auch in den anderen deutschen Städten, in denen der Stein-Schlag niedergeht, warten Polizei, Rotes Kreuz und Zivilsaalschutz. „Ekstase, Ohnmachts-anfälle und Krawall“, so erkannte „Bild am Sonntag“ schon vor einem Jahr, „das sind offenbar die, künstlerischen‘ Ziele dieser Boys“.

Ein Ziel haben die Rolling Stones erreicht: Sie haben die Beatles überrollt. Die noblen und nobilitierten Liverpooler Kellerkinder sind den Fans bereits zu flau. Englands Teenager kürten deshalb die rüderen Rollenden Steine zur Spitzen-Gesangsgruppe und zum besten Instrumentalensemble dieses Jahres. Und es ist – nach den Beatles – auch das bestverdienende Europas: Die Jahreseinnahmen werden auf über drei Millionen Mark geschätzt.

Einer der fünf hat sein Vermögen bereits gewinnbringend angelegt: Ensemblemitglied Brian Jones, in der Vor-Stein-Zeit Lastwagenfahrer, hat sich in drei Firmen als Direktor eingekauft. „Bravo“ vermutet: „Unter seinen langen Haaren tickt eine Menge Hirn.“

Den Vorwurf, dass der intelligenteste Stein auch der ungewaschenste der „hässlichsten Beatgruppe der Welt“ sei, kann Jones entkräften: „Ich wasche sogar mein Haar und bin frei von Ungeziefer.“

Wieder schrill

AUS DER SPIEGEL 4/1969

SÄNGER
Mick Jagger bei der Probe für einen TV-Auftritt 1968


Wegen eines Klosett-Fotos hatten sie gegen ihre Schallplattenfirma prozessiert, jetzt gaben sie nach. Sie verzichteten auf das vorgesehene Kloaken-Cover, die Hülle ihrer neuen Langspielplatte ist nun nach dem Vorbild des Beatles-Albums leer und weiß. Doch im Gegensatz zu den Beatles klingen die Töne und Texte der Rolling Stones schriller denn je.

Vom Sitar-Gezirp und den Stereo-Spielereien ihrer letzten Platte („Their Satanic Majesties Request“) ist jedenfalls nichts mehr zu hören. Die Rockrhythmen stampfen, und die Stimmen röhren wieder, die Blues-Refrains sind simpel wie einst. Und auch die Verse künden nicht mehr von Science-Fiction-Fantasien und Drogenträumen, sondern von Vorstadt-Slums und Arme-Leute-Milieu.

Ihr Sexidol ist nun eine Fabrikarbeiterin („Ich warte auf sie, und ihre Knie sind viel zu fett“), und pathetisch preisen sie das Proletariat: „Ein Hoch auf die Leute, die hart arbeiten! Ein Hoch auf die unteren Klassen!“

Zu Revolutionären sind die fünf Beatsänger dennoch nicht geworden. „Denn was kann ein armer Kerl schon anderes machen“, resigniert Rolling-Stones-Chef Mick Jagger, 24, im „Straßenkämpfer“-Song, „als in einer Rock ’n’Roll-Band zu singen?“ Das freilich kann Jagger vorzüglich.

Schierer Lärm

AUS DER SPIEGEL 5/1966

Das Münchner Gastspiel der Rolling Stones vom September 1965 war kein Puppenspiel. Es war keine gesangliche Aufführung, und „insbesondere handelte es sich nicht um Konzerte oder sonstige musikalische Aufführungen“.

So stellte jetzt – unter dem Aktenzeichen II/5-8623/56 – die Regierung von Oberbayern fest. Sie bestätigte damit einen Bescheid der Landeshauptstadt München, die der Nürnberger Gastspieldirektion Buchmann für das Beatkonzert nachträglich 14158 Mark Vergnügungssteuer abnehmen will.

Was die Wackelsteine damals im Circus Krone darboten, war laut Regierungsdirektor Frohn ein „nach Art. 2 VgnStG steuerpflichtiges Vergnügen“. Artikel 2 lässt die Wahl zwischen „Zirkusvorstellung“, „Sport“, „Faschings- und Tanzveranstaltung“ und „Schaustellung zur Unterhaltung…“

Die Behörde klassifiziert den Beat-auftritt als Schaustellung. Denn das „show artige Gebaren“ und die „artis-tischen Beigaben“ der Londoner Heul-bojen wirkten laut Frohn „stärker“ als die „musikalischen Darbietungen“.

Damit fachte die Regierung von Oberbayern einen Streit auf andere Weise wieder an, den Bayern im April 1965 mit einer liberalen Neufassung seines Vergnügungssteuergesetzes gerade hatte bei-legen wollen: Da die alte Fassung nur Musikveranstaltungen von „künstlerisch hohem Wert“ nicht besteuerte, gab es ständig Auseinandersetzungen um ebendiesen Wert. Das neue Gesetz nimmt daher „Konzerte und sonstige musikalische und gesangliche Aufführungen“ von der Steuer aus.

Doch nun befanden die Oberbayern, die „Anziehungskraft“ eines Konzerts beruhe „im Wesentlichen auf musikalischen Darbietungen von gewisser (gehobener) Qualität“. Und für die Wackelstein-Darbietungen ließen sie diese Definition nicht gelten: „Durch zahlreiche elektrische Tongeräte wird die Musik in einem Maße verstärkt, das sie des Charakters der Musik im üblichen Sinne weitgehend entkleidet und schier als Lärm erscheinen lässt.“

Gastspielorganisator Buchmann, der ohnehin durch eine Rechnung des Ber-liner Senats für die Demolierung der Waldbühne durch Stones-Anhänger um 300000 Mark ärmer zu werden droht, ließ Klage beim Verwaltungsgericht erheben. Für ihn und seinen Anwalt machen die Steine doch Musik.

BEATLES
Plattencover von „Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band“ 1967

ROLLING STONES
Plattencover von „Their Satanic Majesties Request“ 1967

BEATLES
Plattencover von „Magical Mystery Tour“ 1967

ZIRKUS
TV-Show mit Pete Townsend, John Lennon und Yoko Ono, Keith Richards, Charlie Watts, Mick Jagger, Brian Jones, Bill Wyman und Eric Clapton 1968

Stones-Konzert im Münchner Circus Krone 1970

Goo Goo Joob

AUS DER SPIEGEL 2/1968

Vor einem halben Jahr feierten die Beatles ihre Beerdigung und Wiedergeburt: Auf der LP-Hülle zu „Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band“ präsentierten sie sich in kunterbunten Zirkusuniformen vor ihrem eigenen Grab, umgeben von vier Beatles aus Wachs und den Gesichtern „der Leute, die wir mögen“ – von Lewis Carroll, Marilyn Monroe, Karl Marx, Edgar Allan Poe, Mae West, Sonny Liston und rund 50 weiteren Groß- und Kleingenies.

Das Leichenbegängnis galt den vier Mopp-Köpfen der alten Yeah-Yeah-Ära, die nun endgültig dahingeschieden waren, um mit neuem Look und Sound aufzuerstehen.

Sie standen unvermittelt vor neuem Publikum. Denn ihr „Sgt. Pepper“, dieses Meisterwerk der Popmusik voll von sanftem Beat, geisterhaften Sphärentönen, Raga-Weisen, Harfen-, Orgel-, Streicherklängen, elektronischen Echos und Tonbandtricks, voll witziger, empfindsamer Alltagsballaden und Nonsens-Songs, ging den bisher so Beatle-fernen Eierköpfen weit besser ins Ohr als den hysterischen Teen- und Twen-Massen, den Fans vergangener Jahre.

So stiegen die glorreichen Vier aus Liverpool, durch indische Weisheit, etwa die „transzendentale Meditation“ ihres Jogi-Freunds Maharishi Mahesh, geläutert, vollends empor in die Hohe Schule der Unterhaltungskunst. Seit Maharishi nehmen sie nicht einmal mehr Marihuana.

Doch sie stiegen nicht allein empor. Die noch immer Drogen naschenden Rolling Stones, Beatles-Rivalen seit je, folgten ihnen auf gleichem Wege nach:

Ihr jüngstes Plattenwerk, „Their Sa-tanic Majesties Request“ (Ihrer Satanischen Majestäten Begehr), ist mit einem plastischen Flimmerbild der fünf Artisten im Märchengewand noch luxuriöser umhüllt (Herstellungskosten: 100000 Mark) als „Sgt. Pepper“, ihr neuer Stil nicht minder einfallsreich und nach Avantgarde-Maß technisiert.

Er offenbart ein gespenstisches Popuniversum zwischen Ganges und Galaxis, durch das Strawinski, Bach und Stockhausen geistern, in dem es elektronisch zwitschert, blubbert und schwirrt, in dem bei Rock-Rhythmen und Tabla-Getrommel Lachen und Schnarchen widerhallt und die satanischen Majestäten die LSD-fromme Hymne anstimmen: „Warum singen wir nicht alle zusammen / und warten, bis die Bilder kommen.“ Ein Rolling-Stones-Song hat den Titel „2000 Lichtjahre von zu Hause“, ein anderer verkündet: „Mein Name ist nur eine Nummer, ein Stückchen von einem Plastikstreifen.“

Solche Pop-Art – immerhin die fantasiereichste, die es jemals gab – klingt revolutionär in der Unterhaltungsbranche, dennoch schädigt sie das Geschäft keineswegs. Die Rolling Stones, die aus früheren Platten etwa 200 Millionen Mark einnahmen, haben schon 600000 „Satanische Majestäten“ abgesetzt. „Sgt. Pepper“ rotiert millionenfach in aller Welt.

Inzwischen haben die Beatles ein weiteres Album auf den Markt gebracht, das den Rolling Stones Konkurrenz machen soll. Sein Titel: „Magical Mystery Tour“. Sein schönster Hit: „Ich bin das Walross.“ Und das kindliche, märchenhafte, surrealistische Walross singt: „Goo Goo Goo Joob Goo Goo Goo Joob Goo Googoooooooooojob“.

In einem Monat haben zwei Millionen Käufer diese Botschaft nach Hause getragen. Es ist nicht die letzte.

Beatle George Harrison, zumindest zwölffacher Millionär wie alle Beatles, versichert: Wir haben „noch gar nicht richtig begonnen. Wir haben gerade erst entdeckt, was wir als Musiker vermögen. Die Zukunft geht weit über unsere Einbildungskraft hinaus“.

Lass es bluten

AUS DER SPIEGEL 51/1969

„TEUFELSSCHÜLER“
Im New Yorker Madison Square Garden 1969


COVER
„Let it Bleed“ 1969


In fünf Jahren“, meinte der Gitarrist Keith Richards 1964 bei der ersten USA-Tournee der Rolling Stones, „sitze ich bloß noch in meinem Landhaus, habe vier Rolls-Royce in der Garage und spucke auf jeden.“

„In fünf Jahren“, ergänzte Bandchef Mick Jagger, „fahren wir höchstens noch im Rollstuhl auf die Bühne.“

Jetzt gaben die fünf Londoner Popmusiker wieder Konzerte in Amerika, aber sie rockten nicht im Rollstuhl, sie waren wilder als jemals zuvor. In 20 Shows brüllte Mick Jagger seine „Satisfaction“-Gesänge und forderte die tobenden Teenager auf: „Let’s spend the night together“ („Wir wollen die Nacht miteinander verbringen“). 350000 Beatfans hörten der noch immer vitalsten Rock’n’Roll-Gruppe der Welt zu, sprangen auf die Stühle und rissen sich die Kleider vom Leib.

Zum Finale der Tournee, einem Freiluftkonzert auf der Altamont-Auto-rennbahn 80 Kilometer östlich von San Francisco, kamen dann noch einmal 300000 Besucher, und viele von ihnen tanzten nackt zu den heißen Stones-Rhythmen.

Für diese Monster-Veranstaltung hatte die Band 19 Ärzte und 6 Psychiater engagiert. Sie behandelten LSD-Tripper, brachten vier Babys zur Welt und schrieben für einen Ertrunkenen, einen Er \-stochenen und zwei Überfahrene Totenscheine aus. Das Verkehrschaos war so groß, dass die Band per Hubschrauber aufs Podium gebracht werden musste.

Die Rolling Stones musizierten in Altamont ohne Gage – sie konnten sich’s leisten. Denn bei der Tournee, die insgesamt 7,32 Millionen Mark einbrachte, haben die Musikanten 4,1 Millionen verdient. Schon 24 Tage vor den drei Konzerten im New Yorker Madison Square Garden waren die verfügbaren Karten in elf Stunden ausverkauft.

„Die Rolling-Stones-Tournee“, berichtete der „Melody Maker“, „brach alle Rekorde“ – und das nicht nur finanziell: Noch auf keiner Konzertreise haben die „Teufelsschüler“, diese „elektrisch verstärkte Straßen-Gang“ („Saturday Review“), so gut gespielt.

Im Madison Square Garden ging der Dirigent und Komponist Leonard Bernstein sogar auf die Bühne und kroch hinter einen Verstärker, um ja nichts von den brillanten Gitarren-Improvisationen zu überhören.

Seit die Rolling Stones Anfang Juli dieses Jahres im Londoner Hyde Park vor 250000 Zuhörern kostenlos ein Requiem für ihr totes Bandmitglied Brian Jones aufführten und dabei 2000 Schmetterlinge fliegen ließen, hat die Gruppe ein neues Repertoire eingeübt und auch auf Platte aufgenommen.

Schon vor dem Erscheinen der Langspielplatte „Let it Bleed“ („Lass es bluten“), die in diesem Monat auch in Deutschland veröffentlicht worden ist, lagen für drei Millionen Mark Bestellungen für diese überraschend neuartige Platte vor.

Sie bietet neun neue Stücke, die – zum Teil noch mit Brian Jones – im Zeit-raum eines halben Jahres aufgenommen wurden und so differenziert und extravagant sind wie nur weniges in der neuesten Popmusik: Die Rolling Stones lassen Autohupen, Hillbilly-Fideln, Harlem-Saxofone und Blues-Mundharmonikas erklingen, schreien wie in der Neger-kirche und intonieren Folksong-Balladen im Stil von Bob Dylan. Zu Vibrafon-tönen und Tamburingerassel gospelt Mick Jagger: „Ich bin ein Affenmensch.“ Und im besten Stück der Platte (Titel: „Du kannst nicht immer kriegen, was du willst“) jubiliert der Londoner Bach-Chor mit.

Diese Aufnahme hat Mick Jagger in einem Studio in Los Angeles aus 16 verschiedenen – teils in England, teils in Amerika bespielten – Tonspuren gemischt. Und während der Tournee hat er auch die nächste Rolling-Stones-Langspielplatte produziert.

„Sie wird“, sagt Jagger, „noch besser, noch amerikanischer. In Amerika ist alles pure Energie.“

Toll beißen

AUS DER SPIEGEL 44/1968

UMSTRITTEN
Albumcover von „Beggars’ Banquet“ 1968


Mit unserer Popmusik“, wissen die Rolling Stones, „schlagen wir der Gesellschaft ins Gesicht.“

Den Stein-Schlag hat nun auch die Londoner Decca, Plattenfirma der Beatgruppe, verspürt.

Doch nicht die harten Beischlaf-Lieder, Haschisch-Hymnen und Rocker-Balladen der Rolling Stones verletzten die Plattenmacher – sie sind vom Umschlagentwurf für die neue Rolling-Stones-Platte „Beggars’ Banquet“ getroffen: Das Coverbild, das Band-Leader Mick Jagger, 25, der Firma eingereicht hat, zeigt eine verschmutzte Toilette: An der Abortwand sind ordinäre Slang-Marginalien wie „Music from Big Brown“ (etwa: „Musik beim Kacken“) und despektierliche Sprüche („Lyndon liebt Mao“) zu lesen.

Von der Abtritt-Poesie angeekelt und davon überzeugt, dass das Popkunstwerk in der Öffentlichkeit Empörung hervorrufen würde, beschloss die Decca-Direktion, die Platte mit einem anderen Hüllenbild zu veröffentlichen.

Doch damit waren die Rolling Stones nicht einverstanden. Die Beatmusiker gingen vor Gericht. „Wenn wir ihnen heute erlauben, dass sie über die Verpackung bestimmen“, sagt Mick Jagger, „dann werden sie uns morgen vorschreiben, was wir singen dürfen.“ Und das wäre für die Pop-Rebellen das Ende.

Denn auch im „Bettler-Bankett“, mit dem die Rolling Stones nach den elek-tronischen Exkursen der Platte „Their Satanic Majesties Request“ wieder zum Rock ’n’Roll zurückkehren, sind die fünf Beatmusiker keineswegs zimper-lich.

Mit heiserer Bluesstimme rühmt Jagger auf der Klosett-Platte beispielsweise die Liebeskünste eines 15-jährigen Mädchens. „Ich wette, deine Mami weiß gar nicht, dass du so toll beißen kannst“ („Stray Cat“).

Mit einem anderen Lied werben die Musikanten, die „böse Buben wurden, als die Beatles die guten Jungen herauskehrten“ („Time“), um „Sympathie für den Teufel“ (Songtitel) und nennen „jeden Polizisten einen Verbrecher“. Schließlich rufen sie ihre Hocker-Gefolgschaft („Street Fighting Man“) sogar zur Schlägerei auf: „Der Sommer kommt, und es wird Zeit, in den Straßen zu kämpfen.“

Die Kampf-Platte, die außerdem tiefsinnige Balladen („No Expectations“), simple Liebeslieder („Factory Gin“) und biblische Allegorien („Prodigal Son“) enthält, ist zudem ein „großartiges Album ohne Übertreibungen, ein bemerkenswerter Fortschritt in Text und Musik“ – so das US-Blatt „Rolling Stone“.

Um diese Qualität zu erreichen, brauchte die Band ein halbes Jahr Probe-und Aufnahmezeit. Das Tonband-produkt sagte den Musikern dennoch nicht zu: Ein Ingenieur hatte die verschiedenen Bandspuren falsch gemischt. Jagger ließ darauf die Mixprozedur in Los Angeles wiederholen.

Nur der Streit um die Hülle verzögert nun noch die Auslieferung der Platte. Doch da sind die Steine nicht zu erweichen. Sie wollen nun einmal „der Gesellschaft ins Gesicht schlagen“ – mag es auch eine Plattengesellschaft sein.