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DIE TRÄUME DER AFFEN


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The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 10.05.2022

BOULEVARD DER HELDEN

Manchmal ist ein Mentor nötig, und wenn er ein guter Mentor ist, kann er Unerhörtes in Gang setzen. Louis Leakey war ein guter Mentor. Er stammte aus England, lebte aber in Kenia, er war Paläoanthropologe. Was tut so einer? Er erforscht unsere Vorfahren, unsere weiten Vorfahren, die Hominiden. Das sind jene, von denen sich der Mensch und der heutige Affe abgespalten haben.

Mr. Leakey ist nicht genug zu loben, er muss ein freier, vorurteilsfreier Mann gewesen sein. Ihm verdanken wir, dass drei große Forscherinnen ungehindert Karriere machen konnten: Jane Goodall, Dian Fossey und Birutė Galdikas. Sie wurden von Leakey ermutigt, sich mit dem Leben und Zusammenleben der Menschenaffen zu beschäftigen.

Jane Goodall hatte nicht studiert, sie hatte eine Schule für Sekretärinnen besucht. Ihr Traum aber sei es immer gewesen, Afrika zu bereisen. Bereits bei ihrem ersten Besuch lernte sie ...

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Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 6/2022

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... Louis Leakey kennen. Der war von ihrer Intelligenz, ihrer Auffassungsgabe, ihrem Ideenreichtum und ihrem Einfühlungsvermögen so fasziniert und überzeugt, dass er sie – wohl wissend, dass sie über keinerlei Kenntnisse auf dem Gebiet der Paläoanthropologie verfügte – schon nach wenigen Wochen in sein Team aufnahm.

MICHAEL KÖHLMEIER

Der Vorarlberger Bestsellerautor gilt als bester Erzähler deutscher Zunge. Zuletzt erschienen: der Roman „Matou“, 960 Seiten, Hanser Verlag.

Es gebe nur eine Möglichkeit für sie zu überleben, aber die käme sicher nicht infrage, also solle sie sich auf den Tod vorbereiten, der Tod übrigens sei ein Affe. Damit habe sich die Schimpansenärztin umgedreht, sei auf alle viere niedergesunken und wollte davonlaufen. Goodall aber habe ihr nachgerufen: Halt! Was für eine Möglichkeit? Bitte! Die Ärztin habe gesagt: Umwandlung. Da sei sie aufgewacht. Und habe laut lachen müssen.

Jedenfalls habe sie den Traum ernst genommen. Sie habe in sich gesucht, sie habe sozusagen ihr Innerstes abgesucht, ob da irgendwo ein kleiner Fetzen Schimpanse stecke, und tatsächlich, sie habe so einen Fetzen gefunden. Den habe sie gehegt und gepflegt, gefüttert und gekost, er sei herangewachsen, und nun sei sie zu knapp einem Drittel eine Schimpansin.

Der amerikanische Cartoonist Gary Larson, der sich in seinem Werk intensiv mit Tieren auseinandergesetzt hat, ließ in den Siebzigerjahren ein T-Shirt drucken, darauf ist eine Zeichnung von einem Schimpansenpaar zu sehen. Das Weibchen pflückt ein blondes Haar aus dem Fell des Männchens und sagt: „Warst du schon wieder bei dem Flittchen Goodall!“ Jane Goodall nahm es mit Humor. Als ihr geraten wurde, dagegen vorzugehen, lachte sie nur. Alles, was nütze, um darauf aufmerksam zu machen, wie wir Menschen mit den Tieren umgehen, begrüße sie, und Humor wirke mitunter besser als Wut.

Jane Goodall ist bis heute eine kräftige Kämpferin für die Rechte der Tiere. Ihre empirischen Forschungen sind vorbildlich.

Im Alter von dreiundfünfzig Jahren wurde Dian Fossey in ihrer Hütte im Karisoke Research Center erschlagen.Ein Kampf war vorausgegangen. Mrs. Fossey war eine starke, unerschrockene Frau, die sich vor nichts und niemandem fürchtete. Sie war bewaffnet, verlor ihren Revolver aber in dem Kampf. Die Mörder schlugen ihr den Schädel ein und ließen sie liegen. Erst glaubte man, es seien Wilderer gewesen. Die Wilderer wurden von Dian Fossey erbarmungslos verfolgt, wobei sie mitunter Methoden anwandte, die von manchen Stellen scharf kritisiert wurden. Ihren Studenten und Assistenten riet sie, sich zu bewaffnen, und wenn sie auf Wilderer träfen, nicht lange zu verhandeln, sondern zu schießen. Gegen die Theorie, dass sie von Wilderern getötet worden sei, spricht, dass diese sie leichter im Wald hätten töten können als in dem bewachten Camp.

Inzwischen gilt es als am wahrscheinlichsten, dass bezahlte Killer von einer der Tourismusorganisationen beauftragt worden waren. Hätte ein Mord im Wald stattgefunden, wäre das für das Geschäft nicht gut gewesen, man wollte die Touristen ja in den Wald locken. Dian Fossey hatte sich mit vielen angelegt. Die Touristen störten und zerstörten das Zusammenleben der Gorillas, davon war sie überzeugt. Ihr Ziel war es, dass der Tourismus in den Wäldern von Ruanda verboten wird. Die Wilderer hasste sie wie den Teufel. Sie hatten ihren Liebling erschossen, ihm die Hände abgehackt und den Kopf abgesägt. Aus den Händen waren Aschenbecher für verrückte Amerikaner gemacht worden, der Kopf wurde ausgestopft und in einer Bibliothek in England an die Wand gehängt. Ihr Liebling war Digit.

Digit war ein Gorillamännchen – gegen diesen Ausdruck hätte sich Mrs. Fossey empört, und empören konnte sie sich wie keine andere. Digit war ein Gorillamann. Zehn Jahre lang hatte Dian Fossey ihn und seine Familie beobachtet, die Hälfte der Zeit hatte sie mit ihnen zusammengelebt. Die Gorillas hatten Vertrauen zu ihr gewonnen, sie gaben ihr ihre Babys, damit sie auf sie aufpasse oder sie in den Schlaf singe.

Dian Fossey wollte die Gorillas nicht nur beobachten, sie wollte Teil ihrer Gesellschaft werden.

Nach dem Tod von Digit zog sich Dian Fossey immer mehr von den Menschen zurück, sie lebte im Wald, bewacht von bewaffneten Studenten. Die Einheimischen nannten sie Nyirmachabelli, das heißt „die Frau, die einsam im Wald lebt“.

Mit noch nicht dreißig Jahren war sie aus Kalifornien nach Afrika gekommen, sie war beseelt von dem Gedanken, die Menschenaffen, insbesondere die Gorillas, zu studieren. Louis Leakey war beeindruckt von der Frau und führte sie ein in sein Fach. In einem Interview sagte sie, als sie den ersten Gorilla gesehen habe, einen mächtigen Silberrücken, habe sie gewusst, sie werde ihr Leben in diesem Wald beenden, sie werde nie wieder zurückkehren in die Zivilisation.

Sie wollte nicht nur die Familienstrukturen und das Kommunikationsverhalten dieser prächtigen Tiere beobachten, sie wollte ein Teil ihrer Gesellschaft werden. Sie beobachtete den Umgang der Geschlechter miteinander, nannte es Liebe und Sorge und Hass, machte keinen Unterschied zwischen den Gefühlen der Menschen und denen der Affen. Sicher, sie unternahm Reisen, hielt Vorträge, warb auf der ganzen Welt für ihre Projekte und dafür, Menschenaffen wie die Schimpansen und die Orang-Utans, vor allem aber die Gorillas, rechtlich und ethisch auf eine ähnlich hohe, wenn nicht gar auf die gleiche Stufe mit dem Menschen zu stellen.

Ihre Heimat aber war der Wald um das Karisoke Research Center. Sie erzählte, sie habe zusammen mit Digit eine Form der Verständigung entwickelt, die weit über den Austausch von Alltäglichkeiten hinausging. Es sei ihnen sogar gelungen, einander von ihren Träumen zu erzählen. In einem seiner Träume habe Digit seinen Tod vorausgesehen, und er habe sie gewarnt, dass auch sie auf der Hut sein solle.

Das Leben von Dian Fossey wurde 1988 unter dem Titel „Gorillas im Nebel“ mit Sigourney Weaver verfilmt.

Wie Jane Goodall und Dian Fossey hatte der große Louis Leakey auch Birutė Galdikas entdeckt und für das Leben der Menschenaffen begeistert. Im Unterschied zu den beiden Kolleginnen forschte sie aber nicht in Afrika, sondern in Asien. Auf Borneo gründete sie mit Hilfe der Leakey Foundation eine Forschungsstation. Dort untersuchte sie das Verhalten der Orang-Utans. In einem Vortrag nannte sie die Vertreter dieser Primatengattung die schönsten Lebewesen, die Gott erschaffen habe. Lachend fügte sie hinzu, die meisten Biologen und Zoologen, das sei bekannt, neigten dazu, Gott als nicht notwendige Zugabe der Evolution zu sehen, den meisten Biologen und Zoologen sei allerdings auch noch nie ein frei lebender Orang-Utan begegnet. Diese Tiere seien für sie ein Gottesbeweis.

Birutė Galdikas hat litauische Wurzeln und wuchs in Kanada auf. In Los Angeles studierte sie Psychologie und Anthropologie. In dem erwähnten Vortrag erzählte sie, sie habe sich für den Menschen hauptsächlich interessiert, um Erkenntnisse zu gewinnen, die ihr beim Studium der Tiere nützlich sein können. Als Kind sei sie immer gelaufen, normal zu gehen, habe sie nicht fertiggebracht. Der häufigste Satz, den ihre Mutter zu ihr gesagt habe, sei gewesen: Geh normal, Kind! Sie habe sich nicht wie die meisten Mädchen in ihrem Alter ein Pferd gewünscht, sie habe sich gewünscht, ein Pferd zu sein. Irgendwann habe ihr Vater zu ihr gesagt: Meine Kleine, das muss ein Ende haben. Wenn du in die Schule kommst und deinen Banknachbarn erzählst, dass du ein Tier sein möchtest, dann lachen sie dich aus und spielen nicht mit dir. In der Nacht vor ihrem ersten Schultag habe sie geträumt, sie sei ein Pferd und sie lebe unter den Tieren. Den Menschen gab es nicht und würde es nie geben. Der Vater aller Tiere, der jeden Morgen, jeden Mittag und jeden Abend die Suppe zubereitete, war ein riesengroßer Affe mit Armen so lang und Fingern so dünn, dass er in jedes Geschäft der Stadt greifen konnte, um die feinen Dinge herauszuklauben, die er über die Suppe streute. Im Traum habe sie sich vor dem großen Affen gefürchtet. Aber als sie aufwachte, habe sie sich nicht mehr gewünscht, ein Pferd zu sein – sondern ein Affe.

Im Traum fürchtete sich Birutė Galdikas vor dem Affen. Als sie aufwachte, wollte sie sein wie er.

Heute lebt Birutė Galdikas wieder in Kanada. Sie ist Professorin für Anthropologie an der Simon Fraser University in Burnaby in der Provinz British Columbia, im Westen des Landes an der pazifischen Küste. Immer wieder aber zieht es sie in den Regenwald von Borneo zu ihren geliebten Orang-Utans.

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