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Die Tragödie um »Marguerite«


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 28.01.2020

Deutschsprachige Erstaufführung am Staatstheater Saarbrücken


Artikelbild für den Artikel "Die Tragödie um »Marguerite«" aus der Ausgabe 1/2020 von blickpunkt musical. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: blickpunkt musical, Ausgabe 1/2020

Die Partygesellschaft (Ensemble) feiert ausgelassen Marguerites (Katja Reichert, Mitte) 40. Geburtstag


Paris 1942 - Die Deutschen haben Paris besetzt und Soldaten und Generäle haben die Oberhand in der gesamten Stadt. Eine triste Zeit, doch einer Französin geht es sehr gut in diesen harten Zeiten, Marguerite. Sie ist eine Frau der High Society und sie hat sich einen General geangelt, Otto. Die ehemalige Sängerin schwimmt im Geld, hat fast keine Sorgen. So wie an ihrem 40. Geburtstag. Sie feiert ihn, wie sie es mag, überschwänglich, mit viel ...

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... Musik und Alkohol. Marguerite kennt es nicht anders. Sie kommt aus dieser Welt und will es auch nicht missen. Doch es gibt eine Seite an ihr, auf die sie nicht stolz ist: Sie hat sich während ihrer Zeit als Sängerin prostituieren müssen, meistens, um Auftritte zu bekommen. Auf der oben erwähnten Geburtstagsfeier lernt sie den Pianisten Armand kennen, der mit seinem Quartett auf ihrer Party für die Musik sorgt. Die Feier wird von einem Bombenalarm unterbrochen. Während alle in den Schutzraum flüchten, bleiben die beiden oben, denn sie fürchtet sich vor dem wenigen Platz und der Dunkelheit des Schutzraumes. Armand beruhigt sie, indem er auf dem Klavier ein Lied spielt, das Lied, mit dem sie einst so berühmt gewesen ist. Marguerite und Armand kommen sich näher. Eine Affäre beginnt.

Otto erfährt von ihrer Affäre und lässt Annette, die Schwester von Armand, verhaften und foltern. Zwei Fliegen mit einer Klappe, denn Annette ist mit einem Juden, Lucien, liiert. Bevor Otto auch Armand verhaften lassen kann, geht Marguerite einen Handel mit Otto ein, um die drei zu retten. Sie willigt ein, sich mit Otto als liebendes Paar zu zeigen, bei ihm zu bleiben und jeglichen Kontakt zu Armand abzubrechen. Doch Armand merkt, dass der Abschiedsbrief seiner Geliebten nicht echt gewesen sein kann, und beschließt, mit Lucien und Pierrot, dem vierten Musiker im Bunde, den General umzubringen. Dies gelingt ihnen auf einer Silvesterparty. Nach dem Tod ihres Mannes verliert Marguerite ihr Ansehen in der Gesellschaft, wird öffentlich wegen ihrer früheren Prostitution verprügelt und ihr wird der Kopf kahl geschoren. Armand findet sie halbtot auf dem Boden liegend. Sie stirbt noch in seinen Armen.

Was nach Stoff aus einem sehr guten Roman klingt, ist das Musical »Marguerite«. Hier waren die Macherder Erfolgsmusicals »Les Misérables« und »Miss Saigon zusammen mit einem Oscar- und Tony-Gewinneram Werk: Alain Boublil und Claude-Michel Schönberg sind gemeinsam mit Jonathan Kent für das Buch zuständig, die Gesangstexte stammen von Herbert Kretzmer und die Musik komponierte Michel Legrand (»Die Regenschirme von Cherbourg«, »Yentl«).

Die Handlung basiert auf dem Roman »La Dame aux Camélias« (»Die Kameliendame«) von Alexandre Dumas der Jüngere, welcher 1848 in Paris erschien und im mittleren 19. Jahrhundert spielt. Dort ist Marguerite eine Kurtisane, wie eine Prostituierte für den Adel oder die hochbürgerlichen Kreise genannt wurde. Das Einzige, was man ihr schenken darf, sind Kamelien. Armand, ein Mann aus den besten Kreisen der Pariser Gesellschaft, lernt sie kennen und lieben, kann aber mit ihrer Lebensweise nicht umgehen. Sie versucht, für ihn ihr Leben zu ändern, um mit ihm ein neues Leben anzufangen. Als Armands Vater von der Liaison erfährt, fürchtet er um das Ansehen und die Zukunft seines Sohnes und beschwört Marguerite,sich von ihm zu trennen, sie willigt ein. Ohne von den Hintergründen zu wissen, ist Armand tief verletzt. Jahre später erst, als er erfährt, dass sie lungenkrank im Sterben liegt, erfährt er die Gründe ihres Handelns und kann ihr vergeben.

Das Buch war so erfolgreich, dass Dumas es zu einem Theaterstück umschrieb. Nachdem man aus moralischen Erwägungen die Premiere in Paris sehr oft verschob, wurde das Stück mit Sarah Bernhardt uraufgeführt und brachte ihr damit weltweite Erfolge und die Rolle ihres Lebens.

Auch die Oper »La Traviata« hat diese Geschichte zur Vorlage, der bekannte Film »Moulin Rouge«, dessen Musical-Fassung zurzeit am Broadway spielt, ist ebenfalls daran angelehnt.

Die Grundgeschichte bleibt zwar in jeder Bearbeitung gleich, doch Personenkonstellationen und Namen wurden ausgetauscht. In »Marguerite« wurde zusätzlich das Schreckensregime der Deutschen mit ins Spiel gebracht und das Ganze mit der Musik von MichelLegrand zu einem epochalen Musical.

Leider ist die Inszenierung am Staatstheater Saarbrücken nicht sehr epochal. Die Kostüme von Tanja Liebermann und auch die Requisiten von Alexandra Burgstaller sind zeitlich korrekt dargestellt, aber am Bühnenbild wurde gespart. Hier sind nur drei riesengroße, runde, schwarze fahrbare Wände aufgehängt. Ein schwarzer Flügel in der Mitte der drehbaren Bühne bildet das Zentrum - des gesamten Stückes. In nur ganz wenigen Szenen wird er von der Bühne genommen. So dient er mal als Tisch, mal als Bett oder Podest, und manchmal spielt auch jemand darauf. Das Arbeitszimmer des Generals Otto ist lediglich ein alter Bürostuhl, der nicht gerade den hohen Stand des Generals bezeugt. Das karge Zimmer des Musikers Armand enthält ein altes Klavier. Im Gegensatz dazu steht die große Darstellung des Silvesterabends und der Ermordung des Generals. Hierzu wird die Bühne nach oben gefahren und zum Vorschein kommt eine Bühne unter der Bühne, auf der die Partygesellschaft schon am Feiern ist. Einer der wenigen Wow-Momente.

Auf der Bühne stehen extra engagierte Darsteller zusammen mit dem hauseigenen Opernchor. Der Opernchor ist, wie gewohnt bei Musicalproduktionen von Staatstheatern, viel zu steif. Die Choreographien von Pascale-Sabine Chevroton, der auch für die Inszenierung verantwortlich ist, sind so angelegt, dass auch der Chor »tanzen« kann. Einige Handbewegungen demonstrieren das, was gesungen wird, sodass man nicht immer hinhören muss. Trotzdem ist der Chor stimmgewaltig und in dieser Hinsicht sehr passend zum Stück und zu der düsteren Zeit, in dem es spielt.

Auch die Musik wird wunderbar vom Saarländischen Staatsorchester unter der Leitung von Stefan Neubert gespielt. Ein wuchtiger, satter Sound mit vielen Bässen - aber nicht zu vielen, sondern dadurch sehr rund klingend - strahlt dem Publikum entgegen. Das Sounddesign von Hendrik Maaß überzeugt, ist fast perfekt, da auch die Hauptdarsteller gut über das Orchester zu hören sind. In den Nebenrollen sind einige Worte nicht zu verstehen, hier ist es sehr leise eingestellt.

Zurück zur Inszenierung, die nicht wirklich überzeugen kann. Gefühle kommen nicht so recht auf, zwar gibt es viele Szenen, in denen man sehr mitfühlt, aber diese werden immer wieder gebrochen, durch zu wenig Fokus und Gesten, die nicht zu seinem Charakter passen. So fängt man oft an zu schmunzeln, wenn General Otto, dargestellt von Stefan Röttig, auf der Bühne steht. Seine Darstellung ist meist viel zu oberflächlich, für einen deutschen General wirkt er etwas weich, im Umgang mit Marguerite zu lasch - irgendwie ist alles zu gestellt. Handbewegungen sind auf Musikein-sätze getimt, die überhaupt nicht zu dem Ausdruck der Figur passen. In seiner Solo-Nummer muss man sich das Lachen verkneifen. Hier versucht er dermaßen übertrieben, Wut zum Ausdruck zu bringen, dass es komisch wird. Stimmlich hingegen kann er voll und ganz überzeugen. Seine sonore Bariton-Stimme passt zur Figur.

Annette (Sybille Lambrich, Mitte) und die Band (Ensemble) machen Stimmung in der tristen Zeit


Marguerite (Katja Reichert) wird von ihrem Mann General Otto (Stefan Röttig) unterdrückt


Die deutschen Besatzer (Ensemble)sind überall


Marguerite (Katja Reichert, Mitte) zwischen ihrer großen Liebe Armand (Julian Culemann, r.) und ihrem privilegierten Leben mit Ehemann Otto (Stefan Röttig. l.)


Armand (Julian Culemann) und Marguerite (Katja Reichert) sind endlich ein Paar, doch nur als Affäre


Otto (Stefan Röttig) rastet aus, als er die Liebesbriefe seiner Frau an Armand findet. (Ein schönes Bild, live wirkt das Ganze zu gestellt)


Otto (Stefan Röttig) diktiert Marguerite (Katja Reichert) den Abschiedsbrief an Armand


Auch Katja Reichert fehlt es als Marguerite teilweise an Fokus. Die aufgesetzte Art, Wut oder Ver-zweiflung darzustellen, hindert das Publikum daran, Mitgefühl mit ihr zu haben. Man wird selbst ganz hektisch und kann nicht mehr auf die Szene achten. Gesanglich ist sie fast perfekt, etwas zu klassisch, ihr fehlt etwas der Musicalsound. Sie wechselt sehr früh in die Kopfstimme, wodurch manche Stellen in ihren Liedern an Nachdruck und Stärke verlieren, weil die Passagen noch zu tief für eine kräftige Kopfstimme sind. Ihr Belt, den sie viel zu wenig einsetzt, ist sehr schön und passender für das, was sie eigentlich sagen oder singen will.

Auch beim Letzten im Dreiergespann der tragischen Liebesgeschichte, Armand, dargestellt von Julian Culemann, zieht sich die Problematik des fehlenden Fokus‘ und des theatralischen Spielens weiter durch.

Eigentlich ist eine deutschsprachige Erstaufführung eine sehr gute Sache für ein Theater, um sich zu behaupten. Auch hat sich das Staatstheater Saarbrücken viel Mühe gegeben, das Publikum schon bei Ankunft in die richtige Stimmung zu versetzen, denn das runde Entrée wurde von außen so mit Licht angestrahlt, dass die blau-weiß-rote französische Flagge zu sehen ist, doch die Stimmung verfliegt im Laufe des Abends.

Und dabei ist es so wichtig, deutschsprachige Erstaufführungen zu inszenieren. Denn nur so wird der Musical-Horizont erweitert und neue Stücke können gezeigt werden. Ein so wichtiges Stück, wie das Musical »Marguerite« eines ist, muss einfach verbreitet werden. Die Musik ist einzigartig, keine üblichen Jukebox-Musicalmelodien zum Mitklatschen, sondern lyrische Melodien, die man nicht unbedingt als Ohrwurm mit nach Hause nimmt, was aber nicht schlimm ist. Der Fokus liegt darauf, die Gefühle der Charaktere musikalisch darzustellen, und das bekommt Michel Legrand perfekt hin - das geht nun mal nicht mit einfachen Melodien.

Die Übersetzung passt bis auf einige kleine platte Sachen, wie Bett reimt sich auf Brett, sehr gut zur Musik und zu dem Gefühl, das in den jeweiligen Liedern transportiert werden soll.

Das Staatstheater Saarbrücken hat sich mit »Marguerite« kein leichtes Stück ausgesucht, es hapert an ein paar Stellen, obwohl das Drumherum passt. Unverständlich, dass dieses Musical noch nicht bekannter ist!


Foto: Martin Kaufhold

Fotos (4): Martin Kaufhold

Fotos (3): Martin Kaufhold