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Die Überlebenskünstlerin


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 51/2018 vom 14.12.2018

Großbritannien Die britische Premierministerin Theresa May hat spät ihre Stärken entdeckt – womöglich zu spät. Im Chaos der letzten Wochen aber wuchs sie über sich selbst hinaus.


Artikelbild für den Artikel "Die Überlebenskünstlerin" aus der Ausgabe 51/2018 von Der Spiegel. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 51/2018

EU-Treffen am vergangenen Donnerstag in Brüssel


ANDREW PARSONS / INTERTOPICS / EYEVINE

Premier May und der Brexit*: Je aussichtsloser die Lage, desto ungebeugter die Anführerin


DAN KITWOOD / GETTY IMAGES

Am Morgen des zweiten Advents nähert sich eine hochgewachsene Frau der St. Andrew’s Church in Sonning. Sie läuft vorbei an bemoosten Grabsteinen, unter ihren Füßen knirscht der Kies. Es regnet in diesem Teil Englands, die Frau ...

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... trägt zu ihrem schwarzen Mantel einen schwarzen Schirm. Sie wirkt angefasst, aber entschlossen. Es sieht aus, als wäre sie auf dem Weg zu einer Beerdigung.

Die Andacht in dem trutzigen viktorianischen Gotteshaus an der Themse ist ein heiliges Ritual für Theresa May. Mag in London auch das Chaos toben, hier in ihrer Heimat, anderthalb Autostunden entfernt, kann die Pfarrerstochter einen Moment bei sich sein. Innehalten, beten – an diesem Sonntag scheint das noch wichtiger als sonst. Ohne höheren Beistand könnten ihre Tage als britische Regierungschefin gezählt sein.

Am späten Mittwochabend dieser Woche steht Theresa May vor dem Tannenbaum in Downing Street Nummer 10. In Kopfhöhe baumelt eine große goldene Kugel, die im Kameralicht leuchtet. May spricht davon, dass ihre Aufgabe noch nicht zu Ende sei, davon, eine »erneuerte Mission« erfüllen zu wollen. Sie ist zu diesem Zeitpunkt immer noch Premierministerin Großbritanniens. Und wenn sie selbst darüber erstaunt sein sollte, dann merkt man ihr das nicht an.

Die Tage zwischen dem Morgengebet und der Abendansprache gehören zu dem Dramatischsten, was dieses an Dramen nicht arme Land zuletzt hervorgebracht hat. Binnen kürzester Zeit verdichtete sich in dieser Woche der Streit über Großbritanniens Austritt aus der Europäischen Union zu einem beispiellosen Showdown.

Während der Rest Europas sprachlos zuschaute, zerlegte sich die politische Klasse des Vereinigten Königreichs lustvoll selbst. Am Ende schien auch der letzte Ausweg vom Brexit-Schlachtfeld verbaut. Aber mitten darauf stand noch immer Theresa May und machte weiter. Immer weiter.

Und das Verblüffendste ist: Je aussichtsloser ihre Lage wurde, desto ungebeugter und leidenschaftlicher zeigte sich die einsame Anführerin. Immer häufiger lugte hinter der starren May-Maske auf einmal ein Mensch hervor, der sogar Humor hat. Immer mehr glich sie dem Schwertkämpfer aus dem Monty-Python-Film »Die Ritter der Kokosnuss«, der angesichts eines abgehackten Arms lakonisch anmerkt: »Ist nur ein Kratzer.«

Der Brexit, das ist auch die Geschichte einer erstaunlichen Frau, die sich selbst eine Grube gegraben hat und einfach nicht hineinfallen will.

Eine weitere Kostprobe in der Kunst zu überleben gibt May am Montag dieser Woche, als sie die geplante Parlamentsabstimmung über den Brexit-Deal mit Brüssel kurzerhand absagt. Bis zuletzt haben ihre Whips, die Einpeitscher der konservativen Partei, versucht, Rebellen in den eigenen Reihen auf Linie zu bringen. Offenbar vergebens. Als May erkennt, dass ihr eine krachende Niederlage droht, zieht sie die Notbremse und brüskiert damit das Unterhaus. Seit 70 Jahren hat sich das kein Regierungschef mehr getraut.

Video
Mays Endspiel

oder in der App DER SPIEGEL

Ihr schlägt offener Hass entgegen, als sie am Nachmittag vor die Abgeordneten tritt. Aber May denkt nicht daran, klein beizugeben. Stattdessen hält sie die vermutlich beste Rede ihrer Amtszeit. Sie spricht von sich und ihrer verdammten Pflicht, dem Wunsch des Wahlvolks Genüge zu tun. Sie ist schlagfertig und hellwach.

EU-Treffen im September in Salzburg


LISI NIESNER / REUTERS

vor Downing Street 10 nach dem Misstrauensvotum am vergangenen Mittwoch.


ZUMA PRESS / ACTION PRESS

Sie bezichtigt ihre Gegner, auch in den eigenen Reihen, der Unredlichkeit. »Sagen Sie ehrlich…«, »Sagen Sie offen…«, so beginnen ihre Sätze, dann lässt sie den Blick herausfordernd schweifen.

Es ist fast, als würde sie es genießen, über Stunden allein gegen fast alle zu stehen. Als eine Labour-Abgeordnete ihr vorwirft, die Abstimmung, die dann doch keine war, sei wie ein »vorzeitiger parlamentarischer Samenerguss«, steht May auf und sagt: »Wenn die Dame noch einmal genau hinschaut, bemerkt sie vielleicht, dass ich zu Samenergüssen nicht in der Lage bin.«

Vielleicht unterschätzt sie die Wut, vielleicht will sie es so, vielleicht ist es ihr auch egal – aber mit ihrem Auftritt löst May eine Kaskade von Ereignissen aus, die sie nicht mehr selbst kontrollieren kann.

Am Mittwochmorgen ist klar, dass ihre eigenen Parteifreunde sie mittels eines Misstrauensvotums stürzen wollen. May nimmt es fast schulterzuckend zur Kenntnis: »Ich stehe bereit, um den Job zu beenden «, lässt sie die Nation beinahe gut gelaunt wissen. Offenbar drängt sie sogar darauf, das Votum so schnell wie möglich über die Bühne zu bringen. Sollten ihre Gegner Erfolg haben, hätte Großbritannien über Weihnachten keine Premier - ministerin mehr, würde das Pfund weiter abstürzen, ein Chaos-Brexit rückte näher.

Am Mittwochabend ist es so weit. Um Punkt 21 Uhr verkündet Abstimmungsleiter Graham Brady im prunkvollen Sitzungssaal 14 des Parlaments: »Die Partei hat Vertrauen…« –weiter kommt er nicht, der Rest des Satzes geht im Gejohle von Mays Getreuen unter. 117 Konservative, mehr als ein Drittel der Parlamentsfraktion, haben gegen sie gestimmt. Sie hat den Sieg mit der Zusage erkauft, nicht mehr als Spitzenkandidatin in die nächste Wahl zu ziehen. Aber sie hat überlebt.

Wieder einmal.

Dabei galt spätestens seit der von ihr grandios vergeigten Wahl im Juni 2017 als ausgemacht, dass May eher früher als später weg sein würde. Zu viele hanebüchene Fehler hatte sie sich zuvor und hat sie sich seither geleistet. Während der Brexit-Verhandlungen gab sie zahllose Versprechungen, die sie nicht halten konnte. Sie versäumte es, in ihrer Partei ein Netzwerk aufzubauen, und umgab sich stattdessen mit einem Zirkel überforderter Berater.

Als harte Entscheidungen nötig waren, ließ sie die Dinge laufen. In Europa wurde sie immer wieder gedemütigt, auf Parteitagen verlacht, in der Presse als Roboter verhöhnt. Rund zwei Dutzend Minister und Staatssekretäre sind ihr in ihrer kurzen Amtszeit schon abhandengekommen.

Aber May tat das, was sie immer schon tat: Stur voranpflügen, das kann sie gut. Es gibt eine Episode aus dem Wahlkampf 2015, als sie, damals noch als Innenministerin, in einem Untergeschoss in Ramsgate eine Pressekonferenz gab und plötzlich der Strom ausfiel. Es wurde stockdunkel. Während alle im Raum verdutzt reagierten, ertönte Mays Stimme aus dem Irgendwo: »Nächste Frage.« Ihr damaliger Pressesprecher erinnert sich: »Sie tat einfach, als wäre nichts passiert.«

Mit diesem fast schon autistischen Gebaren, die Welt um sich herum auszublenden, hat es May auch im britischen Brexit-Chaos weiter gebracht, als es viele für möglich hielten. Selbst ihr ärgster innerparteilicher Rivale Boris Johnson kam nicht umhin, ihr zwischenzeitlich »Mut und Widerstandskraft« zu attestieren.

Bekanntgabe des Votumsergebnisses*: May hat nun zwei Drittel der Abgeordneten gegen sich


STEFAN ROUSSEAU / AP

Aus Schottland twitterte dieser Tage die dortige Tory-Chefin Ruth Davidson, May habe »Eier aus Stahl«. Ihre zahllosen Gegner dagegen verzweifeln an der Regierungschefin, die der große alte Mann der Konservativen, Kenneth Clarke, schon vor Jahren als »verdammt schwierig« beschrieb. Sie ist vor allem verdammt schwierig zu stürzen.

Allerdings stimmt auch, was ein Hinterbänkler ihr diese Woche zurief: »Ausdauer allein ist noch kein politisches Programm.« Denn auch wenn May sich fürs Erste im Amt halten konnte, weiß keiner, wie sie nun eigentlich weitermachen will.

Nach dem Misstrauensvotum am Mittwoch ist klar, dass sie im Parlament nur noch über etwa 200 Getreue verfügt. Das bedeutet, dass rund zwei Drittel des Unterhauses gegen sie stehen. Bis Donnerstagabend machte May dennoch keinerlei Anstalten, von ihrem bisherigen Brexit-Plan abzurücken, der einem Teil der Abgeordneten zu weit, einem anderen nicht weit genug geht.

Am Donnerstag begab sich die Premierministerin einmal mehr als Bittstellerin auf den EU-Gipfel nach Brüssel, um in letzter Minute in der umstrittenen Irlandfrage Zugeständnisse zu bekommen. Dutzende Tory-Rebellen haben erklärt, keinem Deal zuzustimmen, der Nordirland und den Rest des Landes womöglich dauerhaft in einer Zollunion mit der EU belassen würde. Sie verlangen eine rechtlich verbindliche Garantie, dass London diese sogenannte Backstop-Lösung einseitig beeenden kann.

Die restlichen 27 EU-Staaten aber sind in dieser Frage unnachgiebig. Dabei ist auch in Brüssel der Respekt vor der unverzagten Britin gewachsen. Galt May dort lange als tragische Figur, wird sie inzwischen als letzte Erwachsene am Londoner Kabinettstisch betrachtet. Als Politikerin, der man zumindest eines nicht absprechen könne: dass sie versuche, der Verantwortung für ihr Land gerecht zu werden.

Viele rechnen May hoch an, dass sie sich jenseits der Brexit-Verhandlungen als verlässliche Europäerin erwiesen hat. So beim Nato-Gipfel im Juli, als US-Präsident Donald Trump die Europäer und allen voran die Deutschen übel beschimpfte, weil sie aus seiner Sicht zu wenig Geld fürs Militär ausgeben. May, die sich so viel von einer neuen Handelsbeziehung mit den USA erhofft, stand da fest an der Seite der europäischen Verbündeten. Ebenso wie nach dem russischen Giftanschlag auf einen ehemaligen Spion in Salisbury.


Sie gleicht dem Monty-Python-Ritter, der über seinen abgehackten Arm sagt: »Ist nur ein Kratzer.«


In Brüssel würde man ihr daher gern helfen, den ausgehandelten Deal irgendwie über die Ziellinie zu bringen. Aber seit May nun noch einmal Nachverhandlungen eingefordert hat, rätselt man dort, was genau sie eigentlich retten könnte. Niemand in der EU will das fast 600 Seiten lange rechtlich verbindliche Austrittsabkommen noch einmal aufschnüren. Als May am Donnerstag erneut bei den anderen Staatsund Regierungschefs vorstellig wurde, gab es lediglich Beschwichtigungen. Der Backstop solle, wenn überhaupt, nur für kurze Zeit angewendet werden, so hieß es, und nur, solange es wirklich nötig ist. Hehre Worte, aber keine einklagbare Garantie. Die aber braucht May, will sie zu Hause doch noch eine Mehrheit der Abgeordneten für sich gewinnen.

Der Regierungschefin bleibt damit nichts anderes übrig, als auf Zeit zu spielen. Sollte sie auf dem Weg dahin nicht doch noch gestürzt werden oder von sich aus zurücktreten, wird sie ihren Deal vermutlich so spät wie möglich im Parlament zur Abstimmung stellen.

Der letztmögliche Termin dafür ist der 21. Januar, danach bleiben nur noch neun Wochen bis zum festgelegten Austrittstermin Ende März. Würde May bis dahin warten, bliebe kaum noch Zeit, um die womöglich katastrophalen Folgen eines No Deal abzufedern.

Wie weit sie den Lauf der Dinge noch selbst bestimmen kann, ist unklar. Die jüngsten Ereignisse haben endgültig gezeigt, wie sehr die Fronten im Parlament verhärtet sind. Konservative bezeichnen sich inzwischen gegenseitig als »Extremisten «. Und die größte Oppositionspartei Labour verfolgt bislang als einzigen Plan, Mays Regierung zu stürzen – auch wenn dann ein Chaos-Brexit droht.

Abgeordnete haben Bündnisse geschmiedet, die vor Parteigrenzen keinen Halt mehr machen. Als stünde das Land wieder ganz am Anfang, streiten sie für alle möglichen Varianten: von einem Verbleib Großbritanniens im Europäischen Wirtschaftsraum bis zu einer eher losen Freihandelsbeziehung nach dem Vorbild Kanadas.

Es könnte Neuwahlen geben, ein zweites Referendum oder eine Minderheitsregierung unter Labour-Führung; einen harten No Deal, einen halbwegs geordneten Deal, Mays Deal oder sogar gar keinen Brexit. Nur: Für keine dieser Optionen gibt es eine Mehrheit. Es gehört zu den Irrwegen des Brexits, dass nach zweieinhalb Jahren all diese Optionen gleichermaßen unwahrscheinlich sind. Aber eine wird es am Ende werden.

Wie Theresa May einen Ausweg finden will, bleibt ihr Geheimnis. Sie hat unter Druck spät – womöglich zu spät – ihre Stärken entdeckt. Aber einen Plan hat sie offenkundig bis heute nicht.

Bis Donnerstagabend schien nur sicher, dass sie auch am dritten Advent als Premierministerin zum Beten in die Kirche gehen wird. Vielleicht hilft es ja.

* Am vergangenen Mittwoch im Parlament.

‣ Lesen Sie auch auf Seite 126 SPIEGEL-Gespräch mit dem britischen Historiker Brendan Simms über den Brexit und seine langfristigen Folgen für Groß - britannien und die Europäische Union