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Die unglückliche Kaiserin


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HÖRZU Wissen - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 20.01.2022

Mythos Sisi

Artikelbild für den Artikel "Die unglückliche Kaiserin" aus der Ausgabe 1/2022 von HÖRZU Wissen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: HÖRZU Wissen, Ausgabe 1/2022

REPRÄSENTATIV Auf Schloss Schönbrunn verbrachte das Kaiserpaar den Sommer, im Winter zog es in die Wiener Hofburg

Der Mörder erwartet sie bereits. Nichts ahnend hastet Kaiserin Elisabeth an einem warmen Septembertag von ihrem Hotel zum Genfer Hafen. Sie muss sich beeilen, die Fähre legt bald ab. Auf dem Weg kommt ihr ein Mann entgegen, packt zu, stößt sie zu Boden – und verschwindet wieder. Die Feile, die er ihr ins Herz rammt, bemerkt sie nicht. Irritiert rappelt die Monarchin sich auf, lässt sich von der Zofe die Kleider säubern und eilt zum Boot. Erst an Deck bricht sie zusammen – und verstirbt wenig später.

EINE ZEITLOSE GESCHICHTE

Der Tod der österreichischen Regentin Elisabeth (1837 – 1898) stürzt Ende des 19. Jahrhunderts die ganze Nation in tiefe Trauer. Noch heute, mehr als 120 Jahre nach dem Attentat, fasziniert ihre Person viele Menschen. „Sie war für ihre Zeit eine sehr moderne Frau, die eine enorme persönliche Entwicklung durchgemacht hat“, sagt Historikerin Martina Winkelhofer, die ihre ...

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... umfangreichen Recherchen in dem Buch „Sisis Weg“ (siehe Tipp S. 63) festgehalten hat, im Gespräch mit HÖRZU WISSEN. „Politisch hatte sie nur wenig Einfluss, die Regierungsgeschäfte unterlagen ihrem Mann. Aber sie stand bereits damals für den weiblichen

Kampf nach Freiheit.“ Dass Elisabeths Leben eine gewisse Aktualität besitzt, lässt derzeit gleich mehrere Produktionsfir men ihre Emanzipations- geschichte aufgreifen: RTL zeigte im Dezember eine Serie über die Regentin, Netflix veröffentlicht im Frühjahr eine eigene Reihe, und für 2022 ist zudem ein Kinofilm geplant.

Bis heute ranken sich zahlreiche Mythen und Legenden um die Monarchin, an deren Entstehung die Medien nicht unbeteiligt waren. Die in den 1950er-Jahren erschienene romantische Trilogie mit Romy Schneider in der Hauptrolle etwa gilt als Klassiker und lockt an Weihnachten Millionen Menschen vor den Fernseher. Die Filme zeichnen das Bild eines lieblichen, leicht naiven Mädchens, das in dem Kaiser seine große Liebe findet. Doch die Wirklichkeit sah anders aus. „Das Problem bei Elisabeth ist, dass sich im Laufe der Jahre viele Annahmen über die eigentlichen Quellen gelagert haben“, sagt Winkelhofer. „Vieles ist für uns so selbstverständlich in der Erzählung, dass man vorsichtig sein muss, ob es der Realität überhaupt entspricht.“

Mit nur 16 Jahren heiratet die bayrische Prinzessin Elisabeth ihren Cousin Franz Joseph I., den amtierenden österreichischen Monarchen. Für den damals 24-jährigen Kaiser ist es Liebe auf den ersten Blick. Sehr zum Missfallen seiner Mutter, die eigentlich in Elisabeths älterer Schwester Helene eine passendere Partie gesehen hätte. „Innerhalb von 24 Stunden entscheidet Franz Joseph sich dafür, lieber Elisabeth zur Gattin haben zu wollen“, sagt Martina Winkelhofer. „Und das zu einer Zeit, in der die Ehe vor allem Teil einer dynastischen Heiratspolitik war. Doch der österreichische Kaiser hat sehr deutlich gemacht, dass er diese Frau will – oder gar keine.“ Die temperamentvolle, jedoch recht schüchterne Elisabeth empfindet für ihren Cousin ebenfalls Sympathie: „Sie fand es schmeichelhaft, dass der begehrteste Jungesselle weltweit sich ausgerechnet für sie entscheidet“, so Monica Kurzel- Runtscheiner, Direktorin des Museums Kaiserliche Wagenburg Wien. Doch die kindliche Verliebtheit des Mädchens verfliegt rasch: „Nach der Hochzeit hat sich gezeigt, wie verschieden die beiden waren: Er der arbeitsame Monarch, sie die ungestüme Schwärmerin.“

"Als Kaiserin führte Elisabeth stets ein Leben unter andauernder Beobachtung.“

Martina Winkelhofer, Historikerin

UNGEZWUNGENE JUGEND

Eine Entwicklung, für die auch die unterschiedliche Kindheit der beiden verantwortlich gewesen sein dürfte, wie ein kurzer Rückblick auf ihre Erziehung zeigt: Während Franz von Geburt an mit viel Drill auf das Leben als Kaiser vorbereitet wird, genießt Elisabeth auf dem heimischen Schloss Possenhofen mehr Freiheiten. Reiten, Zeichnen, Dichten: Sisi, wie ihre sieben Geschwister Elisabeth nennen, gilt als lebensfroher Wildfang. Doch auch ihr Weg ist aufgrund ihrer Herkunft vorgezeichnet: „Als Enkelin des bayrischen Königs und Tochter des Herzogs in Bayern war früh klar, dass sie standesgemäß verheiratet werden würde“, sagt Winkelhofer. „Dementsprechend hat auch Elisabeth ein hartes Bildungsprogramm durchlaufen, um auf mögliche kommende Aufgaben vorbereitet zu sein. Sie war nicht bloß das ungebundene, lebensbejahende Mädchen, wie es in Filmen gerne dargestellt wird.“ Wichtigste Bezugsperson im Leben von Sisi ist ihre Mutter Ludovika. „Sie hat sich intensiv in die Erziehung der Kinder eingebracht – das war zu dieser Zeit eher unüblich“, erklärt Winkelhofer. „Elisabeth und ihre Mutter waren bis zu ihrem Tod eng verbunden.“ Als Sisi Kaiserin wird, steht ihre Mama ihr aus der Ferne mit Rat zur Seite, um den ungewohnten Alltag am Hofe zu bewältigen.

Kaiserlicher Nachwuchs

Vier Kinder bekam Elisabeth im Laufe ihres Lebens, doch nur zu ihrer jüngsten Tochter hatte sie eine enge Bindung

SOPHIE 1855 – 1857

GISELA 1856 – 1932

KRONPRINZ RUDOLF 1858 – 1889

MARIE VALERIE 1868 – 1924

LEBEN IM GOLDENEN KÄFIG

Nach der pompösen Hochzeit am 24. April 1854 zieht die neue Kaiserin von Österreich zu Franz Joseph in die Wiener Hof burg. Während dieser die politischen Geschäfte regelt, versucht seine Mutter Erzherzogin Sophie, aus ihrer Schwiegertochter eine vorzeigbare Monarchin zu machen. Für Sisi beginnt ein leidvolle Zeit. Ihr Benehmen? Zu ungestüm! Ihre Zähne? Zu gelb! Ihre Pferdeliebe? Zu gefährlich! Stück für Stück wird sie in das enge Korsett des Wiener Hofes gepresst. „Als Kaiserin steht sie an der Spitze der Monarchie, ein festgelegter Kreis aus vier, fünf Personen ist nahezu immer in ihrer Nähe“, sagt Winkelhofer. „Jeder Schritt, den sie macht, wird genauestens inspiziert.“ Ein Leben unter permanenter öffentlicher Beobachtung, nicht unähnlich dem Schicksal, das Prinzessinnen wie Diana von Wales (1961 – 1997) oder Herzogin Kate ein Jahrhundert später aushalten müssen.

Dem höfischen Leben zeitweise zu entf liehen ist für Elisabeth zunächst keine Option. Jeder ihrer Ausf lüge wird vorab bis ins Detail geplant. „Eine Kaiserin kann sich nicht spontan dazu entschließen, am nächsten Tag die eigene Mutter in Bayern zu besuchen“, sagt Martina Winkelhofer. „Vorher spielt sich ein großes Zeremoniell ab: Hof beamte setzen sich zusammen, arbeiten einen Reiseplan aus und bestimmen, wer sie begleitet.“ Hinzu kommt: Elisabeth darf sich die Personen nicht aussuchen, mit denen sie sich umgibt. Bürgerliche Freundinnen? Sind der jungen Frau nicht gestattet. „Eine Monarchin musste Menschen aus der hohen Aristokratie empfangen – das war das Kaiserhaus dem Adel schuldig“, erklärt die Expertin. „Ob Elisabeth diese Personen mochte, spielte dabei keine Rolle. Als Kaiserin führte man ein isoliertes Leben in einem boe gqruenzten Umfeld.“ Für das 16-jährige Mädchen ein hartes Los: „Vor allem in jungen Jahren war die Situation dramatisch. Ein Teenager, ausschließlich umgeben von älteren Hofdamen, den Würdenträgern und den Schwiegereltern – sie hatte niemanden, an den sie sich wenden konnte.“

Ein Leben, viele Filme

Ob Sisi oder Sissi: Im Laufe der Jahre entstanden zahlreiche Produktionen über die Kaiserin

1972 übernahm Romy Schneider in dem Drama über den bayrischen König erneut die Rolle der Regentin Elisabeth

Netflix veröffentlicht Ende 2022 eine Serie mit Devrim Lingnau und Philip Froissant in den Hauptrollen

Die RTL-Serie (2021) zeigt die Anfangszeit von Sisi (Dominique Devenport) und Franz (Jannik Schümann)

Romantik pur: Karlheinz Böhm und Romy Schneider locken in den 50er-Jahren als Kaiserpaar Millionen Fans ins Kino. Ein Welterfolg, der bis heute das öffentliche Bild der Monarchin prägt

Ein Jahr nach der Hochzeit bringt Elisabeth das erste von insgesamt vier Kindern (siehe S. 81) zur Welt. Sophie Friederike wird das Mädchen getauft, auf Wunsch von Sisis gleichnamiger Schwiegermutter. Doch statt sich ganz dem Mutterglück widmen zu dürfen, muss Elisabeth die Tochter abgeben. Das Kinderzimmer wird in einen anderen Trakt des Schlosses verlegt. Der Grund: Sisi sei im Grunde selbst noch ein Kind und solle sich auf ihre Aufgaben als Kaiserin konzentrieren – für sie ein Albtraum.

FLUCHT VOM HOF

Isoliert in einem fremden Land, der Mann mit Arbeit beschäftigt, das eigene Kind weggenommen: Sisi fühlt sich in Wien zunehmend unwohl. Das wirkt sich auch auf ihre Gesundheit aus: „Elisabeth hat mit zwei Mustern auf den Alltag am Hof reagiert: Magersucht und die Flucht in Reisen“, sagt Monica Kurzel- Runtscheiner. „Als junge Kaiserin war sie oft kränklich und wurde in mildes Klima geschickt, um ihre Beschwerden zu heilen – vor Ort ging es ihr sofort besser.“ 1860 diagnostizieren die Ärzte bei Elisabeth eine schwere Lungenerkrankung. Sie nutzt die Möglichkeit, dem strengen Hofprotokoll zu entkommen, und erholt sich bei Kuren auf Madeira und Korfu. Als sie nach zweijähriger Abwesenheit nach Wien zurückkehrt, ist sie wie ausgewechselt. Das schüchterne Mädchen ist zu einer selbstbewussten, bildschönen Frau herangereift. Und die weiß, was sie will: Elisabeth stellt Franz Joseph ein Ultimatum. Wenn sie nicht selbst entscheiden kann, wohin sie fährt, mit wem sie sich umgibt und wer die Kinder erzieht, wird sie ihren Mann verlassen.

Im 19. Jahrhundert ein beispielloser Schritt. „Niemand hätte sich jemals getraut, solche Forderungen zu stellen“, sagt Martina Winkelhofer. „Dass der Kaiser darauf eingegangen ist, zeigt, wie er Elisabeth verehrt hat.“ Sie hat große Macht über ihren Ehemann. „Er hat sie so sehr geliebt, dass sie Freiheiten heraus schlagen konnte, die sie als Frau eines regierenden Monarchen sonst niemals bekommen hätte.“

Von nun an verbringt Sisi nur noch so wenig Zeit wie möglich in Wien, sondern hastet jahrzehntelang rastlos durch die Welt. Der andauernde Druck in der Heimat und die öffentliche Aufmerksamkeit lassen die Kaiserin dürr und dünnhäutig werden. Sie verfällt in Depressionen, die sich nach dem Selbstmord ihres einzigen Sohns Rudolf im Jahr 1889 noch verstärken. Während ihr Mann sich zu Hause anderweitig vergnügt, besucht sie Großbritannien, Korfu, Afrika, Asien – und Ungarn, wo sie sich willkommen und zu Hause fühlt.

„Als Österreich in den 1860er-Jahren einen Ausgleich mit Ungarn finden musste, hat Elisabeth sich immer mehr für Land und Leute interessiert, die Sprache gelernt – und die Menschen damit begeistert“, so Winkelhofer. „Politische Entscheidungen traf zwar der Kaiser, aber Elisabeth hat bei der österreichisch-ungarischen Beziehung im Hintergrund als Stimmungsmacherin agiert.“ 1867 werden Elisabeth und Franz Joseph I. zum ungarischen Königspaar gekrönt – Beginn einer lebenslangen Liebesgeschichte zwischen Elisabeth und dem Land.

EIN MYTHOS ENTSTEHT

Wer schön sein will, muss leiden: Um ihr graziles Äußeres zu erhalten, investiert Elisabeth viel Arbeit. Sie turnt, trinkt Saft aus rohem Fleisch, hungert. Bei einer Größe von 1,72 Metern soll sie nie mehr als 50 Kilogramm gewogen haben. Auch von ihr engagierte Schneider und Friseure haben Anteil an der glamourösen Optik: „Ein Auftritt der Kaiserin, egal ob bei einem Hofball oder Empfang, wurde minutiös geplant“, sagt die Historikerin. „Fünf Stunden vorher begannen die Vorbereitungen: Die Haare wurden hochgesteckt, die maßgeschneiderten Kleider angepasst. Ähnlich wie bei Hollywoodstars, wenn sie für Preisverleihungen vorbereitet werden.“

Elisabeth trägt selbst zum Mythos um ihre Person bei: „Ab dem 36. Lebensjahr wollte sie keine Fotos mehr von sich machen lassen“, sagt Winkelhofer. „Auch ihr zunehmender Rückzug aus der Öffentlichkeit hat zur Legendenbildung beigetragen.“ Bei den seltenen Auftritten zeigt sie sich nur aus der Ferne, versteckt ihr Gesicht hinter Fächern und soll sogar Doubles engagiert haben. „Überliefert ist das jedoch nicht“, so Winkelhofer. „Ich habe lediglich eine Tagebuchquelle gefunden, in der beschrieben wird, wie ihre Friseurin gewunken hat, um Schaulustige zu befriedigen.“

BUCHTIPP

Martina Winkelhofer: „Sisis Weg“, Piper Verlag, 352 S., 24 Euro

"Die Kaiserin wusste, wie sie ihren Mann beeinflussen konnte.“

Martina Winkelhofer, Historikerin

1898 wird die 60-jährige Monarchin von einem Anarchisten umgebracht. „Tragisch ist: Im Moment ihres Mordes hat jenes Bewachungssystem versagt, das sie ein Leben lang verabscheut hat“, sagt Martina Winkelhofer. „Aber der spektakuläre Tod hat letztlich auch zur Bildung des Mythos beigetragen.“ Und der lebt bis heute.

MELANIE KOCH