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DIE UNSICHTBARE GEFAHR


Healthy Life - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 08.09.2021

MENTAL LOAD:

Artikelbild für den Artikel "DIE UNSICHTBARE GEFAHR" aus der Ausgabe 4/2021 von Healthy Life. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Healthy Life, Ausgabe 4/2021

Gerade Mütter leiden unter Mental Load, kümmern sich um viele kleine Dinge, die niemand registriert

Unsere Expertin

Psychologin Felicitas Heyne

Die 53-jährige Diplom-Psychologin ist Beziehungsexpertin – und kennt das Thema Mental Load aus ihrer täglichen Arbeit als Familientherapeutin.

D as bisschen Haushalt macht sich von allein – sagt mein Mann!“ Das sang Johanna von Koczian bereits vor mehr als 40 Jahren – und auch heute gibt es noch viele Aufgaben, die als selbstverständlich gelten und deshalb oft nicht gesehen und schon gar nicht gewürdigt werden. Experten sprechen in diesen Fällen von Mental Load, auf Deutsch etwa psychische Belastung. Psychologin Felicitas Heyne sagt, wie wir Mental Load erkennen und uns davon befreien können …

HEALTHY LIFE: Wie funktioniert Mental Load?

FELICITAS HEYNE: Wir alle schreiben uns ja – im Kopf oder tatsächlich – im Alltag oft To-do-Listen mit unseren zu erledigenden Aufgaben. Zum Beispiel: „Geburtstagsgeschenk Schwiegermutter besorgen!“ Hinter fast ...

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... jedem dieser „To-dos“ verbirgt sich sehr oft noch eine ganze Reihe unsichtbarer und in der Regel auch uns nicht bewusster anderer Aufgaben, die mit der „Metaorganisation“ zu tun haben. In unserem Beispiel wären das Dinge wie: Wann hat Schwiegermutter Geburtstag? Bis wann muss das Geschenk besorgt sein, damit es rechtzeitig bei ihr ankommt? Was haben wir ihr in den vergangenen Jahren geschenkt – und so weiter … Mental Load bildet die unsichtbare Last der Verantwortung ab, die mit der erfolgreichen Realisierung des sichtbaren To-dos zwingend verbunden ist – also das vernetzte Wissen, die Entscheidungen, die Planungen.

Mental Load wäre ein „typisches“ Frauenproblem, heißt es …

Klar wird das vor allem, wenn wir an den „Care“-Bereich denken: Speziell wenn es um Familie und Freizeit geht, bleibt die Verantwortung für die Gesamtorganisation in den allermeisten Fällen immer noch an den Frauen hängen. Nicht unbedingt die Umsetzung der konkreten To-dos – Männer erledigen auf Anweisung durchaus brav das eine oder andere. Aber bis es zu besagter Anweisung kommen kann, muss die Frau eben schon vorab eine Menge Mental Load abgearbeitet haben.

Warum fällt es Frauen so schwer, dem Mental Load zu entkommen?

Weil speziell im Care-Bereich extrem viel Mental Load anfällt – allein deshalb, weil da viele Menschen involviert sind, für die man „mitdenken“ muss, wie kleine Kinder oder Pflegebedürftige, die noch nicht oder nicht mehr in der Lage sind, bestimmte Aufgaben zu übernehmen. Und das ist in der Regel ein emotional hoch aufgeladener Bereich für die meisten Frauen, der auch stark mit dem eigenen Selbstwertgefühl und dem „Wohlfühl-Faktor“ verbunden ist. Wir wollen unbedingt, dass es da gut läuft, das ist uns Frauen enorm wichtig. Selbst voll berufstätige Frauen sind da oft nicht bereit, auch nur kleine Abstriche zu machen. Gerade wenn es emotional wird, neigen wir gern zum „overcommitment“.

Weshalb ist Mental Load so gefährlich?

Alles, was nicht sicht-und quantifizierbar ist, wird in unserer Gesellschaft nicht ernst genommen. Und vor allem: nicht honoriert – schon gar nicht finanziell! Bei Mental Load ist das umso dramatischer, als er uns in der Regel auch selbst gar nicht wirklich bewusst ist. Und dieses Nicht-Bewusstsein führt dann in eine ungute Situation: Der Betroffene fühlt sich überlastet, kann aber gar nicht genau benennen, woher diese Überlastung kommt – auf dem Zettel steht ja „eigentlich gar nicht so viel“. Dabei ist das wie ein Computerprogramm, das wahnsinnig viel Speicherplatz verschlingt und deswegen viel Energie bindet. Aber eben hinter den Kulissen, von niemandem wahrgenommen. Und was man nicht wahrnimmt, dagegen kann man sich auch nicht wehren, beziehungsweise das kann man nicht verändern. Das ist wie eine Sickerblutung an Energie, von der einem nicht bewusst ist, dass sie überhaupt stattfindet.

TEST

Wie ist Ihr Mental Load?

Sind die Aufgaben gerecht verteilt oder tragen Sie den Hauptteil der Verantwortung? Mit diesem Selbsttest können Sie es herausfinden. Ergänzen Sie gern weitere Aufgaben!

TIPP: Machen Sie und Ihr Partner oder Ihre Partnerin den Test getrennt voneinander und vergleichen Sie die Angaben im Anschluss.

SO GEHT’S: In der ersten Spalte befinden sich alle Aufgaben, die täglich anfallen, in der zweiten alle, die wöchentlich zu erledigen sind, in der dritten die monatlichen und in der vierten die jährlichen. Machen Sie bei Ihren Aufgaben ein Häkchen. Beispiele für Aufgaben:

□ Wäsche waschen & aufhängen

□ Betten machen

□ Betten beziehen

□Staubsaugen

□ Fenster putzen

□ Bad putzen

□ Altglas wegbringen

□ Steuererklärung machen

□ Einkaufsliste machen

□ Wocheneinkauf

□ Garten/Balkon reinigen

□ Sperrmüll entsorgen

□ Aufräumen

□ Kinder bringen & abholen

□ Sportkleidung packen

□ Schulsachen kaufen

□ Elternabende

□ Hausaufgaben betreuen

□ Haustiere versorgen

□ Kinder baden

□ Arzttermine für Kinder

□ Geburtstagsgrüße an Freunde

□ Kindergeburtstage planen & organisieren

□ Urlaubsplanung

AUSWERTUNG: Zählen Sie pro Spalte Ihre Häkchen zusammen und nehmen Sie die täglichen mal 4, die wöchentlichen mal 3, die monatlichen mal 2, die jährlichen mal 1. Das Ergebnis vergleichen Sie dann mit dem Ihres Partners oder Ihrer Partnerin. Wer mehr Punkte hat, leistet mehr Care-Arbeit – und hat mehr Mental Load.

Manche sagen, Frauen wären selbst schuld, weil sie zu hohe Ansprüche haben …

Naja, bis zu einem gewissen Grad sind unsere Harmoniesucht und unser hoher Anspruch daran, wie gut es im Care- Bereich laufen muss, schon der Grund. Aber dass der Ball in diesen Bereichen überhaupt immer noch so sehr in unserem Feld liegt, hat ja auch handfeste strukturelle und gesellschaftliche Gründe. Die verkrusteten Rollenmodelle lösen sich eben nicht von einer Generation zur anderen auf, und die zugehörigen nötigen Voraussetzungen für eine Veränderung sind noch nicht mal annähernd erreicht. Außerdem ist das wie beim Beamtenmikado: Wer sich zuerst bewegt, verliert. Männer haben es ja gut in ihrer Rolle, lassen sich versorgen und sitzen die Sache aus. Für sie besteht kein Veränderungs-, sondern eher ein Erhaltungsinteresse des Status quo.

Hat Mental Load auch Saison?

Auf jeden Fall immer rund um „Familienereignisse“ aller Art, wie zum Beispiel Weihnachten. Das Fest der Liebe ist ja mit seinen Erwartungen und Hoffnungen jedes Jahr wieder ein Höhepunkt für psychische Belastungen. Aber auch ein Geburtstag ist oft Mental Load pur – allein die Organisation, die heutzutage an einem durchschnittlichen Kindergeburtstag hängt, ist ja atemberaubend!

Wie kann man einen Overload verhindern?

Der erste Schritt ist eine Inventur, in der man sich den Mental Load, mit dem man täglich kämpft, überhaupt sichtbar macht. Dazu schreibt man sich mal alle Alltagsaufgaben auf eine Liste, und zwar auch die ganz banalen und vermeintlich „schnell erledigten“ wie Blumengießen im Treppenhaus. In einem zweiten Schritt schreibt man bei jeder dieser Aufgaben dann dazu, wie oft die Aufgabe anfällt (manche täglich, andere jährlich) und wie viel Zeit sie beansprucht. Und dann – ganz wichtig! – schreibt man in zwei Spalten hinter jeder dieser Aufgaben: 1) wer denkt dran? und 2) wer erledigt es? Anhand dieser Liste kann man sich dann mit dem Partner (oder anderen Familienmitgliedern) hinsetzen und überlegen: Wie ist die Last verteilt? Wer muss entlastet werden, wer sollte mehr übernehmen? Und zu einer neuen Planung finden, in der die Gesamtlast – also nicht nur die Aufgabe an sich, sondern auch die Verantwortung, die mit ihr verbunden ist – möglichst fair aufgeteilt wird.

Mental Load – ein Comic sorgte für Aufmerksamkeit

Seit den frühen 1970er-Jahren wird Mental Load als Begriff für geistige Belastungserscheinungen verwendet. Richtig bekannt wurde Mental Load jedoch durch die Zeichnerin Emma: „Ich fange damit an, den Tisch abzuräumen. Unterwegs sehe ich das schmutzige Handtuch und nehme es zum Wäschekorb mit. Der ist voll, also setze ich eine Wäsche an, auf der Maschine liegt der Gemüse-Einkauf, der in den Kühl schrank muss. Beim Einräumen fällt mir auf, dass der Senf alle ist und auf die Einkaufsliste muss und so weiter und so fort … zwei Stunden später ist dann auch der Tisch abgeräumt.“ So beschrieb Emma 2017 in einem Comic für die britische Tageszeitung „The Guardian“ den Begriff Mental Load. Der Comic wurde im Internet ein Hit – und Mental Load weltweit bekannt.

» Wer abgibt, muss aushalten lernen, wenn es eine Weile lang im Care-Bereich nicht rund läuft

Gibt es weitere Tipps, wie Betroffene den Mental Load verringern können?

Der wichtigste Tipp überhaupt ist: Frau muss aushalten lernen, wenn es eine Weile lang im Care-Bereich nicht rund läuft. Also zum Beispiel das enttäuschte Gesicht der Schwiegermutter, weil ihr Sohn natürlich entweder den Geburtstag komplett vergisst, oder wenn, dann kein oder nicht das passende Geschenk dabeihat. Es steht und fällt alles mit der Delegation der Verantwortung, aber eben OHNE sich dabei schlecht zu fühlen. Nur dann kann zweierlei passieren: Erstens entsteht ein „Verantwortungsvakuum“. Das entwickelt dann eine Sogwirkung, will heißen: Irgendjemand anderes wird sich wohl irgendwann um das kümmern, worum ich mich jetzt nicht mehr kümmere. Oder aber eben: niemand wird sich kümmern – aber davon stürzt die Welt auch nicht ein! Was uns zum zweiten Punkt bringt, der auch nur auf diese Weise eintreten kann: In ganz vielen Fällen werden wir nämlich merken, dass die Folgen gar nicht so schlimm sind, wie wir gedacht haben.

Und das reicht?

Nicht ganz. Man sollte unbedingt auch Hartnäckigkeit und Durchhaltevermögen bei der „Verantwortungsumschichtung“ beweisen. Nicht immer wieder in dieselbe Falle tappen, so à la: „Bis ich ihm zum zwanzigsten Mal erklärt habe, wo das Bodenwischmittel steht, weil er sich dumm stellt, hab ich’s doch dreimal selber gewischt!“ So klappt das nie. Stattdessen: Zum einundzwanzigsten Mal sagen: „Im kleinen Badezimmerschrank unten rechts, Schatz!“ Und dann aus dem Zimmer gehen. Irgendwann wird’s ihm selber zu blöd werden, versprochen!