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Die Verhandlung von ethnosexueller Zugehörigkeit in Diskursereignissen zu Konflikten um Migration in Cottbus und Köthen


Migration und Soziale Arbeit - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 01.08.2019

Anti-migrantische1, rassistische und auch sexistische Positionen sind in Medien, Politik und Öffentlichkeit seit dem ‚Sommer der Migration‘ 2015 sowie dem Einzug der AfD in den Bundestag vermehrt zu verzeichnen (Schwiertz/Ratfisch 2016). Dabei sind (neo-) rassistische und (neu-)rechte Positionen nicht nur in Deutschland, sondern auch europaweit und darüber hinaus global auf dem Vormarsch (Wodak 2019). Im Zuge dieser veränderten gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse sorgen neurechte Debatten für eine Erweiterung der Grenzen des öffentlich Sagbaren, die rassistische und sexistische Figurationen der ...
Die Frage, inwieweit migrationsfeindliche und rassistische Positionen nach 2015 Einzug in mediale Texte gefunden haben, ist Gegenstand des vorliegenden Textes. In einer explorativen Vorgehensweise vergleichen wir vier Onlinetexte aus den einschlägigen Medien Bild, Tagesspiegel und Spiegel Online, die zu den Themen Migration und Konflikt in den ostdeutschen Städten Cottbus im Januar 2018 und Köthen im September 2018 publiziert wurden. Angelehnt an Kellers wissenssoziologische Diskursanalyse (2011) arbeiten wir mit diskursiven Ereignissen, worunter wir materiale Aktualisierungen bereits existenter Wissensformationen verstehen, die spezifische Subjektpositionen und Deutungsmuster bereithalten (ebd.).3 In einem ersten Schritt skizzieren wir das Konzept ...

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Anti-migrantische1, rassistische und auch sexistische Positionen sind in Medien, Politik und Öffentlichkeit seit dem ‚Sommer der Migration‘ 2015 sowie dem Einzug der AfD in den Bundestag vermehrt zu verzeichnen (Schwiertz/Ratfisch 2016). Dabei sind (neo-) rassistische und (neu-)rechte Positionen nicht nur in Deutschland, sondern auch europaweit und darüber hinaus global auf dem Vormarsch (Wodak 2019). Im Zuge dieser veränderten gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse sorgen neurechte Debatten für eine Erweiterung der Grenzen des öffentlich Sagbaren, die rassistische und sexistische Figurationen der „Fremden“ aufrufen und wiederholen (Kunz 2018). Taucht ein „Problemdiskurs“2 bezogen auf Einwanderung spätestens seit den 1980er Jahren in der Bundesrepublik Deutschland auf (Jäger/Wamper 2017: 181), so kann seit den Diskussionen zur Kölner Silvesternacht 2015/2016 ein Wendepunkt im Diskurs über den „‚fremden Mann‘ und seine Sexualität“ (Fastabend/Wildfeuer 2018) beobachtet werden. Die sexualpolitisch argumentierenden und teilweise hochemotional aufgeladenen Debatten zu Köln können mit Foucault (1983) als ‚Diskursereignisse‘ verstanden werden, in deren Zuge sich das Sprechen über Migration und Flucht verändert hat. Nach Köln konnten Formen der Migrationsabwehr wie Deportationen oder restriktive Migrationspolitiken mit Hinweis auf die Figuration des gefährlichen muslimischen und migrantischen Mannes begründet werden (Boulila/Carri 2017).
Die Frage, inwieweit migrationsfeindliche und rassistische Positionen nach 2015 Einzug in mediale Texte gefunden haben, ist Gegenstand des vorliegenden Textes. In einer explorativen Vorgehensweise vergleichen wir vier Onlinetexte aus den einschlägigen Medien Bild, Tagesspiegel und Spiegel Online, die zu den Themen Migration und Konflikt in den ostdeutschen Städten Cottbus im Januar 2018 und Köthen im September 2018 publiziert wurden. Angelehnt an Kellers wissenssoziologische Diskursanalyse (2011) arbeiten wir mit diskursiven Ereignissen, worunter wir materiale Aktualisierungen bereits existenter Wissensformationen verstehen, die spezifische Subjektpositionen und Deutungsmuster bereithalten (ebd.).3 In einem ersten Schritt skizzieren wir das KonzeptEthnosexual Frontiers (ebd.) und stellen es in Zusammenhang mit derzeitigen migrationsfeindlichen und sexualpolitisch argumentierenden Dynamiken desOthering [Fremd-Machen] (Spivak 1985) in den öffentlichen Diskursen der Bundesrepublik Deutschland. Hier knüpfen wir an Studien zum Diskursereignis Köln an, die jeweils mit einer intersektionellen Perspektive rekonstruiert haben, wie mit Verweis auf die Figuration des gefährlichen muslimischen Mannes Migration zunehmend als „sexuelles Problem“ (Dietze 2016) konzeptualisiert worden ist und wie rechte und konservative Akteure Ideen von Gender, Sexualität und „Frauenemanzipation“ nutzen, um rassistische und islamfeindliche Ausgrenzungspolitiken zu rechtfertigen (Hark/Villa 2017). Unser Beitrag erörtert im Anschluss an diese Arbei- ten, wie rechte und rassistische Positionen in die medialen Narrative Einzug gehalten haben und mit Verweis auf die Verletzbarkeit vonweißen Frauen verharmlost werden. Dazu analysieren wir in einem zweiten Schritt Texte aus den Massenmedien und beleuchten, wie in den Texten über ethnosexuelle Grenzziehungen eine „sexuell imaginierte Gemeinschaft“ (Nagel 2003) konstruiert wird, die rechte und rassistische Positionen einfasst und in Abgrenzung dazu Migration als fremde Gefahr für die Einwanderungsgesellschaft konstruiert.

Ethnosexual Frontiers und Othering:
Intersektionelle Ansätze zur Analyse von rassifiziertem Sexismus und zur Konstruktion des migrantischen Anderen Dietze konstatiert in ihrer Analyse der Narrative über Köln migrationsfeindliche Formen von „Sexismen, denen sexualisierte Rassismen zugrunde liegen, und die gegenüber Frauen und Männern aus ethnisch, religiös und deshalb meistens auch sozial marginalisierten Gruppen wirksam werden“ (Dietze 2016: 178). In Anlehnung an Nagels (2006) Arbeiten zuEthnosexual Frontiers beobachtet sie Prozesse, bei denen Geschlecht kulturalisiert und rassifizierten und ethnisierten4 Menschen eine ‚rückständige‘ Sexualität zugeschrieben wird. Nagels Konzept kann herangezogen werden, um zu zeigen, wie Zugehörigkeitsordnungen für Phänomene der Migration nicht nur über „natio-ethno-kulturelle Zugehörigkeit“ (Mecheril 2002), sondern ebenso über sexualisierte Grenzziehungen verhandelt werden. Im Zuge der Kolonialisierung formierte sich europäische Identität und koloniale Alterität in einem dialektischen und machtvollen Prozess: Erst über die Ab- und Ausgrenzung des ‚Anderen‘ konnte und kann das ‚Eigene‘ als superior imaginiert und konstruiert werden. Diese Dynamiken, die Spivak (1996) prominent als Prozess desOthering beschrieben hat, verbleiben nicht auf der symbolischen Ebene, sondern verweisen auf globale kapitalistische Macht- und Produktionsverhältnisse. So schreibt Nagel: „Ethnicity and sexuality join together to form a barrier to hold some people in and to keep others out, to define who is pure and who is impure, to shape our views of ourselves and others […]“ (Nagel 2006: 545). In ihrer umfassenden Studie legt Nagel dar, wie Konstruktionen von Ethnizität immer bereits heteronormative Vorstellungen zu Sexualität enthalten. Dabei ist die Idee von nationaler Identität zentral mit der Idee der sozialen Einheit der Familie als Ort gesellschaftlicher Reproduktion verbunden. Die traditionelle Kleinfamilie basiert nicht nur auf heteronormativer Liebe und (unbezahlter) Sorgearbeit, sondern wirkt auch ideologisch bei der Konstruktion von ethnosexueller Zugehörigkeit. In Anlehnung an Anderson spricht Nagel von „sexually imagined communities“ (Nagel 2003: 140 ff.).
Nagels Überlegungen zur Verwobenheit von Ethnizität und Sexualität können für die Analyse der Bedeutung vonEthnosexual Frontiers im deutschsprachigen Raum fruchtbar gemacht werden. So fungieren für die Bundesrepublik Migration und Migrierende im gegenwärtigen (und historischen) öffentlichen Diskurs konstitutiv als Figurationen des ‚Fremden‘, über die wiederum die ‚eigene‘ Zugehörigkeit definiert werden kann (Kunz 2018). Erst mit der Konstruktion des überlegenen ‚Eigenen‘ und des bedrohlichen ‚Fremden‘ werden diese Gruppen für die soziale Realität bedeutsam. Während Gewalt bei der ‚anderen‘ Gruppe als ‚kulturbedingt‘ gilt, wird die Kultur der Mehrheitsgesellschaft als universell und tendenziell gewaltlos dargestellt. Dabei dienen der weibliche Körper und dessen Verletzbarkeit als Marker, um westliche Höherwertigkeit zu demonstrieren (Sauer 2011: 50). Allerdings stehen nicht alle migrantischen Männer (und Frauen) gleichsam im Fokus von Diskursen des Fremdmachens (Scheibelhofer 2018). Wie in den Diskussionen zu Köln, aber auch im nächsten Abschnitt deutlich wird, sind insbesondere muslimische Männer und Jugendliche in den aktuellen Debatten um Migration und Konflikt betroffen.

Demgegenüber werdenweiße Frauen als Trägerinnen und Bewahrerinnen der Nation dargestellt, die vonweißen Männern vor ‚fremden‘ Männern geschützt werden müssen (Dietze 2016; Boulila/Carri 2017).

Die diskursiven Ereignisse in Cottbus und Köthen

Cottbus: Aggressive Flüchtlinge, gewaltbereite Hooligans, verunsicherte Bürgerinnen und Bürger
Anfang 2018 erregte die brandenburgische Stadt Cottbus medial bundesweit Aufmerksamkeit (Lippelt/Schäfer 2019). Die Berichte drehten sich um einen Konflikt zwischen syrischen und deutschen männlichen Jugendlichen, bei dem einweißer Jugendlicher mit einem Messer angegriffen und verletzt wurde. Viele Texte repräsentieren Cottbus als Ort der Auseinandersetzung und des Konfliktes. So beschreibt Bild Cottbus als eine Stadt, „in der Ausländer von Neonazis attackiert werden und normale Bürger von Flüchtlingen“ (Bild. de v. 27.01.2018). Über die Gegenüberstellung von „Ausländern“ und „normalen Bürgern“ 5 sowie von „Neonazis“ und „Flüchtlingen“ werden Migrierte einerseits als fremd in Cottbus und Geflüchtete andererseits gemeinsam mit Neonazis als gewaltausübende Gruppen konstruiert. Wird Migration hier explizit mit Gewalt verknüpft, so gilt Rassismus als Problem, das „Ausländer“ von Neonazis und nicht von „normalen Bürgern“ erleben. Das Narrativ der eskalierenden Aggression zwischen „Ausländern“ und „Neonazis“ wird im Text über Interviews mit deutsch-syrischen und syrischen Bewohnenden der Stadt fortgeführt. Stellvertretend betonen eine Lehrerin, eine Friseurin, ein Familienvater, ein Restaurantbetreiber und sein Mitarbeiter sowie mehrere Jugendliche, dass sie sich schuldig für das Verhalten der gewaltausübenden Jugendlichen fühlen. Exemplarisch sei hier die Aussage der Lehrerin Soraya angeführt: „Ich fühle mich sehr schlecht dafür, was diese Jugendlichen gemacht haben. Es ist eine Schande, das zu hören, weil es den Ruf der anderen Syrer kaputtmacht. Und wir sind nicht so.“ (ebd.) Über diese Erzählungen entsteht der Eindruck, es handele sich bei in Cottbus lebenden (deutschen und nicht-deutschen) Syrerinnen und Syrern um eine homogene Gruppe, die in der Stadt ‚fremd‘ sei und gemeinsam Verantwortung für die Taten des Einzelnen trage. Zugleich berichten die Interviewten von rassistischen Angriffen in Cottbus. Der Jugendliche Mustafa schildert, dass „die rassistische Stimmung in dieser Stadt“ (ebd.) seinen Vater zu einem Umzug nach Bayern als vermeintlich sicherem Ort bewogen habe.
Die Themen Migration und Konflikt kommen in einer Spiegel-Online-Reportage vom 25.01.2018 mit dem Titel „Gewalt in Cottbus. Porträt einer verunsicherten Stadt“ erneut zum Tragen. Das Deutungsmuster des durch Migration verunsicherten Bürgers ist gekoppelt mit dem Verweis auf spezifische Subjektpositionen. Der Einleitungskommentar des Videos lautet: „Aggressive Flüchtlinge, gewaltbereite Hooligans, verunsicherte Bürger“ (ebd.). Wie es um das Kräfteverhältnis in Cottbus bestellt ist, zeigt der Beginn des Videos. In der Anfangsszene ist eine Mobilisierung des rechtspopulistischen Vereins „Zukunft Heimat“ zu sehen. Danach schildern zwei männliche Geflüchtete, wie sie einen rassistischen Angriff gegen ihr Wohnheim überlebt haben. In einer weiteren Szene berichtet der 17-jährige M. über seine eigenen Auseinandersetzungen mit jugendlichen Geflüchteten. Man müsse die Geflüchteten nur ansehen, damit sie sich provoziert fühlten. Jetzt habe er nicht mehr die Ruhe mit seiner Freundin durch die Stadt zu gehen, „[…] ohne dass ihr auf den Arsch geklopft würde“ (ebd.). Die Aussage des Jugendlichen transportiert das Wissen über sexualisierte Gewalt, die von jungen Geflüchteten gegenüberweißen und deutschen Frauen ausgehe. Während derweiße Jugendliche hier als Ruhebewahrer und Frauenschützer auftritt, symbolisieren die jugendlichen Geflüchteten eine Störung der Ruhe und Ord nung in der Stadt. Zugleich werdenweiße Frauen als passiv und wehrlos dargestellt. Obwohl M. sichtbar Symbole des in Cottbus betriebenen rechtsextremen „Label 23“ trägt, bleibt seine rassistische Position im Video unkommentiert. 6 Suggeriert wird, dass er stellvertretend für die von Konflikt und Migration verunsicherten Jugendlichen in Cottbus spreche, derweil werden migrantische Jugendliche als sexuell aggressiv dargestellt.
Die vielen antirassistischen Initiativen, Unterstützungsnetzwerke und Mobilisierungen, die sich für eine inklusive und demokratische Stadtpolitik einsetzen, werden in den Berichten allerdings kaum sichtbar. Insgesamt scheinen in den Texten über Cottbus rechtsextreme und neurechte Positionen in der Stadt hegemonial zu sein. Demgegenüber treten Migrierte in der Subjektposition des Opfers rassistischer Gewalt oder als Verursacher von sexualisierter Gewalt in Erscheinung. Über die Gegenüberstellung von „Ausländern“ und „normalen Bürgern“ sowie „Flüchtlingen“ und „Neonazis“ wird die Differenzierung zwischen Deutschen und Migrierten (re-)produziert und letztere als fremd in der Stadt konstruiert. Zudem bedient das Spiegel-Online- Video ethnosexuelle Deutungsmuster bei der Konstruktion von Zugehörigkeit in der Stadtgesellschaft. Das Thema des Konfliktes zwischen diesen Gruppen wird über die Subjektpositionen des sexuell übergriffigen, heterosexuellen Jugendlichen getragen, vor dem der in der Gegenposition stehende ‚verunsicherte Jugendliche‘weiße Frauen schützen muss.

Köthen in Sachsen-Anhalt: Familien demonstrieren Seite an Seite mit Neonazis
Das Deutungsmuster von gewaltbereiten migrantischen Jugendlichen, die eine Bedrohung für die Stadtgesellschaft darstellen, zieht sich auch durch das diskursive Ereignis Köthen im September 2018. Nachdem ein 22-jähriger Mann, Bruder eines stadtbekannten Rechtsradikalen, nach einer gewaltsamen Auseinandersetzung mit migrantischen Männern an einem Herzinfarkt stirbt, titelt der Tagesspiegel: „Köthen in Sachsen-Anhalt: Familien demonstrieren Seite an Seite mit Neonazis“ (Tagesspiegel v. 11.09.2018). Über die Gegenüberstellung von Familien und Neonazis werden die Grenzen zwischen gerechtfertigter Besorgnis und unangemessener Gewalt verhandelt. Dabei fungiert der Verweis auf die individuelle Gewalttat eines männlichen Geflüchteten als Motiv zur Solidarisierung zwischen rechtsextremen Positionen und der Mehrheitsgesellschaft. Der Text suggeriert hier eine Bedrohung, die von der als gefährlich konstruierten sozialen Gruppe der Migrierten ausgehe und gegen die es die Stadtgesellschaft, die hier über die soziale Einheit der Familie repräsentiert wird, zu verteidigen gelte.
Der explizite Hinweis auf Sexualität, verbunden mit der Verhandlung natio-ethno-kultureller Zugehörigkeit, kommt in einem weiteren Text des Onlinemediums zum Tragen. So titelt der Tagesspiegel nur einen Tag später: „Köthen in Sachsen-Anhalt. Eine Tat verändert eine Stadt“ (ebd. v. 12.09.2018). Der Untertitel lautet: „Die Kleinstadt Köthen ist zur Chiffre geworden. Wie zuvor Chemnitz, Kandel, Freiburg. Seit Markus B. hier starb, erfasst die Wut auch seine Freunde“ (ebd.) und stellt die Ereignisse in Köthen in eine Reihe von körperlicher (Chemnitz, August 2018) und sexualisierter Gewalt (Kandel, Dezember 2017, und Freiburg, Oktober 2016), die im öffentlichen Diskurs mit Migration assoziiert wurde. Darüber, dass der Text Köthen „zur Chiffre“ erklärt, wird die individuelle Tat zum zentralen Deutungsmuster, bei dem Migrierte kollektiv für Gewalt verantwortlich gemacht werden.
Aus Perspektive von J., einer 17-jährigen Freundin des Verstorbenen, sowie S., „einem väterlichen Freund“ der Jugendlichen (im Text: Mädchen), beschreibt der Text die Situation in Köthen. S. wird als rechter Mitläufer vorgestellt, der sich an zwei rechten Demonstrationen beteiligt habe, Hitlergrüße zwar falsch finde, aber auch unbedingt „diese Wut“ (ebd.) loswerden wolle:

„[S.] kurz geschorene Haare und ein Gesicht, dem jegliche Kantigkeit abhandengekommen scheint, begreift sich als Bodyguard, als Aufpasser für diese Kinder. […] Beschütze sie, wenn sie bedrängt werden, vor allem [J.], deren Mutter lege Wert darauf. Als ihr einmal Jungs nachstellten zum Beispiel und ungewollt Rosen schenkten. ‚Natürlich Migranten.‘ […]“ (ebd.).
Die ethnisierende Differenzierung zwischen den sozialen Gruppen der neurechten, „wütenden“ aufgebrachten Bürgerinnen und Bürger, die stellvertretend für die Gesellschaft der Stadt stehen, sowie fremden und bedrohlich wirkenden männlichen Migrierten, wird über den Verweis auf Emotionen verfestigt, die die Gewalttat innerhalb derweißen Mehrheitsgesellschaft ausgelöst habe. Der Verweis auf die Rose als Symbol für Liebe und Begehren, die Migrantenweißen Mädchen quasi aufdrängen, suggeriert ferner eine sexualisierte Intention, wobei weibliche Jugendliche abermals als passiv und schützenswert auftreten. Dem bedrohlichen Migranten wird der väterliche Freund gegenübergestellt, der weibliche Jugendliche protegiert.
Die von Einzelpersonen ausgegangenen Gewalthandlungen werden mit den Themen Migration und Gewalt verknüpft. Wie in der Berichterstattung zu Cottbus wird zwischen der ‚fremden‘ sozialen Gruppe der Migrierten sowie der in der Stadt zugehörigen Gruppe, die neben Subjektpositionen mit Bezug auf Familie (wie „Mutter“ oder „väterlicher Freund“), auch gewaltbereite neurechte und rechtsextreme Positionen einschließt, differenziert. Auch hier werden männliche Migranten insbesondere über die Subjektposition des sexuell übergriffigen Ausländers, derweiße, als passiv beschriebene Frauen bedroht, sichtbar und darüber als ‚Andere‘ in der Stadt konstruiert. Werden die Dynamiken des Fremd- Machens hier explizit über die Verweise auf Ethnizität hergeleitet, so kommen sexualpolitische Argumentationsmuster implizit über den Verweis auf Symbole zu Liebe und Begehren zum Tragen.

Die sexuell imaginierte Gemeinschaft als Kontrastfolie zur Verhandlung von migrantischer (Nicht-)Zugehörigkeit
Im explorativen Vergleich der Diskursereignisse von Cottbus und Köthen zu den Themen Migration und Konflikt haben wir gezeigt, wie über ethnosexuelle Grenzziehungen Migrierte als ‚fremd‘ und „verunsicherte Bürger und Bürgerinnen“ und „Familien“ gemeinsam mit rechten Akteuren als zugehörig zurSexually Imagined Community (Nagel 2003: 140) der Stadtgesellschaften konstruiert werden. Mit dieser intersektionellen Perspektive kann beleuchtet werden, wie die Texte entlang der dichotomen Formel „Ausländergewalt vs. verunsicherte deutsche Bürger und Bürgerinnen“ einerseits ethnisierende und sexualpolitische Deutungsmuster zu den Themen Migration und Konflikt (re-)produzieren und andererseits rassistische Positionen mit dem Verweis auf Emotionen (Wut) oder dem Motiv der Verteidigung und des Schutzes der Körperweißer Frauen rechtfertigen. Migrierte und Geflüchtete werden insbesondere in der Subjektposition des Angreifers und Täters oder als Opfer und Betroffene rassistischer Übergriffe sichtbar, nicht jedoch als ‚normale‘ Bürgerinnen und Bürger der Stadtgesellschaften. Insgesamt scheint es, als hätten migrantische Stimmen in einer vermeintlich ‚deutschen Debatte‘ keinen Platz. Mehr noch: über diese Deutungsmuster werden Geflüchtete und Migrierte als bedrohliche ‚Andere‘ im Kontext der Stadtgesellschaften konstruiert. Sie gelten als Sündenbock für Konflikte in den Städten und müssen sich kollektiv für individuelle Gewalttaten rechtfertigen. Das Deutungsmuster der migrantischen Gefahr wird über die Verweise auf die Subjektposition des aggressiven und sexuell aktiven, jungen Geflüchteten stabilisiert. Demgegenüber werden rassistische Positionen mit dem Verweis auf Emotionen und die Verletzbarkeitweißer Frauen verharmlost und es entsteht der Eindruck, als seien diese Einstellungen hegemonial in den Städten. Nicht nur wird darüber eine Differenzierung zwischen den sozialen Gruppen Migrantinnen/Migranten und Bürgerinnen/Bürger festgeschrieben. Auch werden ‚rassistische Gewalt‘ und ‚Ausländergewalt‘ gegenübergestellt und darüber ‚Ausländer‘ neben Neonazis als gewaltbereite soziale Gruppe konstruiert. Weder kontextualisieren die Texte die Themen Konflikt und Migration in den ostdeutschen Städten innerhalb einer postsozialistischen Transformationsgesellschaft, noch innerhalb der Migrationsgesellschaft. Rassismus wird auf die Positionen von Neonazis als ‚extremistisches Außen‘ der Gesellschaft verlagert und rassistische (Dis-) Kontinuitäten (Bojadzijev 2013) systematisch ausgeblendet. Indem ethnosexuelle Grenzziehungen aufgerufen werden, (re-)produzieren die analysierten Medienbeiträge eine ‚Politik der Angst‘ (Wodak 2019), die mit Migration ein Potential der Bedrohung verknüpft.

Anmerkungen

1 Für hilfreiches Feedback danken wir Chandra-Milena Danielzik, Ramona Hacker und Anna Amelina.
2 Zu rassistischen und migrationsfeindlichen Diskursen in der DDR siehe u. a. Poutrus et al. 2001.
3 Die wissenssoziologische Diskursanalyse fragt danach, welche Handlungs- und Deutungsstrukturen auf der Ebene kollektiver Akteure produziert werden und welche gesellschaftlichen Effekte daraus hervorgehen. Indem Keller (2011) wissenssoziologische Perspektiven mit denen der Diskursforschung kombiniert, betont er das Handeln von Akteuren in der Produktion von Diskursen. Im Rahmen des Artikels haben wir uns auf die Analyse der in den Medienbeiträgen auftretenden Deutungsmuster beschränkt. Dabei handelt es sich um typisierte und typisierende Interpretationsschemata, die ereignisbezogen aktualisiert werden und Sinn stiften (ebd.).
4 Wir verstehen Rassismus als gesellschaftliches Verhältnis, das Menschen fremd macht und sie in hierarchische Beziehungen zueinander setzt (Espahangizi et al. 2016). Dabei haben sich die aktuellen Formen eines kulturalistischen Rassismus von biologistischen Argumentationsmustern gelöst und beziehen sich stärker auf die Rede über Ethnie, Kultur und Religion (Bojadzijev 2013).
5 In diesem Beitrag folgt die Sprachwahl den Gepflogenheiten der Medien, die nur in der Gegenüberstellung von Frau und Mann gendersensibel schreiben.
6 Nach einer Intervention durch Briefe von Lesenden fügte die Spiegel-Online-Redaktion einen Hinweis auf die politische Einstellung des Interviewten hinzu.

Literatur

Bojadzijev, Manuela (2013): Wer von Rassismus nicht sprechen möchte. Überlegungen zum gegenwärtigen Rassismus und seiner Analyse. In: Schmincke, Imke/Siri, Jasmin (Hrsg.): NSU Terror. Ermittlungen am rechten Abgrund. Ereignis, Kontexte, Diskurse. Bielefeld, S. 145–154.
Boulila, Stefanie C./Carri, Christiane (2017): On Cologne: Gender, migration and unacknowledged racisms in Germany. In: European Journal of Women’s Studies 24(3), S. 286–293.
Dietze, Gabriele (2016): Ethnosexismus. Sex- Mob-Narrative um die Kölner Sylvesternacht. Movements. In: movements. Journal for Critical Migration and Border Regime Studies 2(1), S. 11–186.
Espahangizi, Kijan/Hess, Sabine/Karakayali, Juliane/ Kasparek, Bernd/Pagano, Simona/Rodatz, Mathias/Tsianos, Vassilis S. (2016): Rassismus in der postmigrantischen Gesellschaft. Zur Einleitung. In: movements. Journal for Critical Migration and Border Regime Studies 2(1), S. 9–23.
Fastabend, Elena/Wildfeuer, Armin G. (2018): „Der ,fremde Mann‘ und seine Sexualität“. Die Kölner Silvesternacht 2015/16 als Wendepunkt im medialen Diskurs über männliche Flüchtlinge – Ergebnisse eines Studienprojekts. In: Migration und Soziale Arbeit 40(4), S. 345–349.
Foucault, Michel (1983): Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1. Frankfurt a.M.
Jäger, Margarete/Wamper, Regina (Hrsg.) (2017): Von der Willkommenskultur zur Notstandsstimmung. Der Fluchtdiskurs in deutschen Medien 2015 und 2016. Duisburg. Quelle: www.diss-duisburg.de/wp-content/uploads/2017/02/DISS-2017-Von-der-Willkommenskultur-zur-Notstandsstimmung.pdf (Abruf: 19.06.2018).

Hark, Sabine/Villa, Paula-Irene (2017): Unterscheiden und herrschen. Ein Essay zu den ambivalenten Verflechtungen von Rassismus, Sexismus und Feminismus in der Gegenwart. Bielefeld.
Keller, Reiner (2011): Wissenssoziologische Diskursanalyse. Grundlegung eines Forschungsprogramms. Wiesbaden.
Kunz, Thomas (2018): Bilder von Fremden revisited – Migration in den Medien im Kontext des Erstarkens (neo)rassistischer und (neu)rechter Positionen. In: Migration und Soziale Arbeit 40(4), S. 292–300.
Lippelt, Judith/Schäfer, Jana (2019): Die neuen Cottbuser*innen – oder doch Geflüchtete? MIKOWA Infobrief, No. 1.
Mecheril, Paul (2002) Natio-kulturelle Mitgliedschaft – ein Begriff und die Methode seiner Generierung. In: Tertium comparationis 8(2), S. 104–115.
Nagel, Joane (2003): Race, ethnicity and sexuality. Intimate intersections, forbidden frontiers. Oxford.
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Poutrus, Patrice G./Behrends, Jan C./Kuck, Dennis (2001): Fremd-Sein in der staatssozialistischen Diktatur. Zu historischen Ursachen von Fremdenfeindlichkeit und rassistischer Gewalt in den neuen Bundesländern. In: Arndt, Susan (Hrsg.): Afrikabilder. Studien zu Rassismus in Deutschland. Münster, S. 184–204.
Sauer, Birgit (2011): Migration, Geschlecht, Gewalt. Überlegungen zu einem intersektionellen Gewaltbegriff. In: Gender 3(2), S. 44–60.
Scheibelhofer, Paul (2018): Der fremd-gemachte Mann. Konstruktionen von Männlichkeit in der Migrationsgesellschaft. Wiesbaden.
Schwiertz, Helge/Ratfisch, Philip (2016): Antimigrantische Politik und der „Sommer der Migration“. Rassistische Mobilisierungen, das deutsch-europäische Grenzregime und die Perspektive eines gegenhegemonialen Projekts. Quelle: www.rosalux.de/publikation/id/8653/antimigrantische-politik-und-der-sommer-der-migration/(Abruf: 09.02.2019).
Spivak, Gayatri C. (1996 [1985]): Subaltern studies. Deconstructing historiography. In: Landry, Donna/ MacLean, Gerald (Hrsg.): The Spivak reader. London, S. 203–236.
Wodak, Ruth (2019): Entering the ‘post-shame era’ – the rise of illiberal democracy, populism and neo-authoritarianism in Europe. In: Global Discourse: An interdisciplinary journal of current affairs 9(1), S. 195–213.

Quellen

Bild.de vom 27.01.2018, „Es tut uns leid, was in Cottbus passiert ist.“ Quelle: www.bild.de/regional/berlin/cottbus/bild-sprichtmit-fluechtlingen-54613016.bild.html (Abruf: 09.01.2019).
Spiegel Online vom 29.01.2018, „Gewalt in Cottbus. Porträt einer verunsicherten Stadt.“ Quelle: www.spiegel.de/video/cottbus-aggressivefluechtlinge-gewaltbereite-nazis-video-99013114.html (Abruf: 09.01.2019).
Tagesspiegel vom 11.09.2018, „Familien demonstrieren Seite an Seite mit Neonazis.“ Quelle: www.tagesspiegel.de/politik/koethen-insachsen-anhalt-familien-demonstrierten-seite-an-seite-mit-neonazis/23038712.html (Abruf: 09.01.2019).
Tagesspiegel vom 12.09.2018, „Eine Tat verändert eine Stadt.“ Quelle: www.tagesspiegel.de/themen/reportage/koethen-in-sachsen-anhalt-eine-tat-veraendert-eine-stadt/23055164.html (Abruf: 09.01.2019).

Dr. Miriam friz Trzeciak, miriam.trzeciak@b-tu.deJana Schäfer M.A., jana.schaefer@b-tu.de