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Die Villa in Porto Cervo


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 43/2019 vom 18.10.2019

Fußball Der Aufstieg zur Sportgroßmacht stellt sich für die katarischen Herrscher als schwieriger heraus als erwartet. Ihr wichtigster Funktionär ist wegen Korruption beschuldigt, es gibt neue Vorwürfe.


Eine Runde aus 22 betagten Herren entscheidet an einem Donnerstag im Dezember des Jahres 2010 über die Zukunft. Sie tritt in Zürich zusammen und wählt Katar zum Gastgeber der Fußballweltmeisterschaft 2022, ihre Entscheidung sendet politische, wirtschaftliche und sportliche Schockwellen aus. Außerhalb von Katar gibt es kaum jemanden, der eine der wichtigsten Sportveranstaltungen der Welt in der Wüste ...

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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 43/2019

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... sehen will.

Richtig unangenehm könnte es für Katar werden, wenn sich Ermittler die Ereignisse in den Jahren 2013 und 2014 näher ansehen. In dieser Zeit arbeitet der US-Jurist Michael Garcia an einer Untersuchung zu den Korruptionsvorwürfen um die WM-Vergabe. Beobachter erhoffen sich davon Beweise für Stimmenkauf und eine Neuausschreibung der Weltmeisterschaft. Zumal allen Beteiligten klar ist, dass den Spielern und Fans kein Sommerturnier bei 50 Grad Celsius zuzumuten ist.

Noch steht die Entscheidung, eine WM erstmals auf den Winter zu verlegen, aus. Die britische Premier League besteht auf ihrem wichtigsten Spieltag direkt nach Weihnachten. Und die Geldeintreiber der Fifa macht die Aussicht auf Konkurrenzereignisse wie Wintersport und American Football nervös.

Am 3. Oktober 2013 tritt das Fifa-Finanzkomitee zusammen. Das Protokoll findet sich im Datensatz der Enthüllungsplattform Football Leaks. Ein kamerunischer Funktionär will demnach wissen, ob Katar bereit sei, mögliche Einnahmeverluste durch die Verschiebung in den Winter auszugleichen. Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke antwortet, die Fifa könne zusätzliche »Vorteile« von katarischen Unternehmen erhalten. Der Franzose beruhigt also seine Kollegen: Es werde mehr Geld aus Katar fließen. Es steht offenbar nur noch nicht fest, auf welchem Weg.

Einen Tag vor der Komiteesitzung hat Valcke nach Erkenntnissen der Schweizer Bundesanwaltschaft eine private Mail geschrieben, in der er ankündigt, ein Haus auf Sardinien zu kaufen. Einen Kredit brauche er für die 438 Quadratmeter große Villa nicht, schreibt Valcke: »Ich schließe den Erwerb eines Hauses in Porto Cervo am 8. November mit eigener Finanzierung ohne Kredit ab, durch einen außergewöhnlichen Mittelzufluss, der die Anschaffungskosten deckt, nämlich 5 Mio. €.«

Woher stammen diese »außergewöhn - lichen« Mittel? Valcke erhält als Generalsekretär von 2007 bis 2016 ein Millionengehalt und lässt sich üppige Sonderprämien auszahlen. Doch den Preis für die Villa kann oder will Valcke offenbar nicht selbst zahlen. Den Schweizer Ermittlern liegt ein Dokument vor, das Valcke am 30. Oktober verfasst und offenbar an den Katarer Khelaifi verschickt hat. Darin schreibt der Franzose, dass »Anfang nächster Woche eine Überweisung in Höhe von 5070000 € auf das Notarkonto vorgenommen werden « müsse, dazu 200000 Euro für die Immobilienagentur und 70000 Euro für den Notar. In dem Entwurf für den Kaufvertrag ist Valckes Ehefrau als Käuferin aufgeführt.

Zuschauer bei Leichtathletik-WM am 27. September in Doha: »Nur noch nach Hause«


Offenkundig war geplant, dass Khelaifi dem Ehepaar Valcke eine luxuriöse Villa kauft. Doch kurz vor dem Deal ändern die Beteiligten den Plan –womöglich ist er ihnen zu riskant. Stattdessen leiht Khelaifi dem Bruder seines engen Vertrauten Geld, um die Villa zu erwerben. Valcke mietet sich anschließend in das Haus ein, über eine diskrete, auf den Britischen Jungferninseln gemeldete Firma namens Umbelina. Jahresmiete: 96000 Euro. Der Fifa-Generalsekretär bekommt die Villa also nicht geschenkt, muss sie aber auch nicht kaufen, um in ihr wohnen zu können.

Im Dezember 2013 tritt das Finanz - komitee der Fifa erneut zusammen, um über die WM in Katar zu diskutieren. Valcke verkündet eine frohe Botschaft: Es gebe Verhandlungen mit Khelaifis Medienunternehmen zur Verlängerung des TV-Rechtevertrags für den Nahen Osten: Für die WM 2026 werde das Unternehmen 210 Millionen Dollar zahlen, 270 Millionen für die WM 2030, ein erheblicher Anstieg im Vergleich zum bisherigen Vertrag. Das Komitee ist mit dem Verhandlungs - ergebnis einverstanden und genehmigt die Pläne.

Somit vergibt die Fifa bereits 13 Jahre vor Beginn des Turniers ohne Ausschreibung die Nahost-Fernsehrechte für eine Weltmeisterschaft, deren Gastgeber zu diesem Zeitpunkt nicht einmal feststeht. Eine so frühe Einigung ist äußerst ungewöhnlich. Eine Anwaltskanzlei, die die Fifa bei der Ausarbeitung des Vertrags berät, warnt den Weltverband: Wie will er sichergehen, dass die Übertragungsrechte 2026 nicht viel mehr wert sind?

War es Zufall, dass die Vorgänge um Valckes Villa und der Fernsehrechtevertrag in eine Zeit fallen, in der die Katar-WM auf der Kippe stand? Die zeitliche Abfolge wirft die Frage auf, ob Khelaifi sich den Generalsekretär gefügig machte und parallel die Fifa mit den Millionen aus seinem Medienunternehmen besänftigte.

Valcke bestreitet auf Anfrage, einen unangemessenen Vorteil erhalten zu haben. Die Villa habe er erst selbst kaufen wollen, sich diese aber nicht leisten können. »Es stand nie zur Debatte, dass Herr Al-Khelaifi den Kauf im Namen Dritter finanziert «, lässt Valckes Anwalt ausrichten, »geschweige denn für irgendeine Gegenleistung. « Valcke lässt zudem erklären, dass er an den Verhandlungen des Rechtevertrags nicht beteiligt gewesen sei. Und als er vor dem Finanzkomitee Gelder von katarischen Unternehmen in Aussicht stellte, habe er nicht Medienrechteinhaber wie BeIn gemeint.

Nasser Al-Khelaifi ging bis zum Donnerstag nicht auf eine EIC-Anfrage ein.

Für die Fifa und Katar gilt: Die Show muss weitergehen. Im Dezember 2014 erklärte Fifa-Chef Sepp Blatter, dass das Emirat Ausrichter der WM bleibe. »Wir haben in einer Krise gesteckt«, sagte der damalige Präsident, »aber mit der heutigen Entscheidung ist diese Krise beendet worden.«

Valcke erwischt es trotzdem. 2015 suspendiert die Fifa ihn wegen Verstößen gegen ihren Ethikkodex. Im selben Jahr beendet er die Miete der schmucken Villa auf Sardinien, im Oktober 2017 beschlagnahmt die Polizei das Haus bei einer Razzia.

Mittlerweile werfen die Behörden Valcke Bestechlichkeit, ungetreue Geschäftsbesorgung und Urkundenfälschung vor, aktuell laufen drei Strafverfahren gegen den Franzosen. Die Fifa teilt mit, dass sie die Ermittlungen unterstütze.

Auch gegen Khelaifi wird wegen Korruptionsvorwürfen ermittelt, er gilt in mehreren Verfahren als Beschuldigter. Die Fußball-WM könnte noch peinlich für Katar werden.


MATTHIAS HANGST / GETTY IMAGES